Ansprache für Martina Severin-Kaiser

Am Freitag, dem 8. Juli, saßen Martina und Matthias zum letzten Mal gemeinsam am Frühstückstisch. Wie sie es immer taten, so lasen sie auch an diesem Morgen miteinander die Losung des Tages. Der Vers für den 8. Juli lautete:

„מזמור לאסף אל אלהים ה’ דבר ויקרא-ארץ ממזרח-שמש עד-מבאו „

„(Ein Psalm Asaphs.) Gott, der Ewige, der Mächtige, redet und ruft der Welt zu vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang.“ Psalm 50,1

Zwei Stunden später war Martina schon nicht mehr bei uns.

Ich glaube, dass dieser Vers so sehr zu Martina passt. Sie verstand, dass der Ewige vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang, also vom Osten bis zum Westen, vom Norden bis zum Süden ruft. Gott spricht in vielen Sprachen und auf mancherlei Weise, aber die Bedeutung seiner Worte geht weit darüber hinaus.
Als Martina starb, starb auch etwas in mir. Martina war eine wahre Freundin, eine liebe Partnerin. Wir haben uns erst vor sechs Jahren kennengelernt, aber in diesen sechs Jahren haben wir so vieles miteinander angepackt. Martina in Hamburg zu besuchen oder sie in Jerusalem zu empfangen, war immer eine große Freude, bedeutete aber immer auch Arbeit.

Gemeinsam haben wir Veranstaltungen für Kirchentage vorbereitet, Seminare mit afrikanischen Pastoren, Workshops mit Frauen aus der Kirche, mit einer interreligiösen Frauengruppe, mit amerikanischen Rabbinerstudenten, mit israelischen Rabbinerstudenten… Wir haben gemeinsam Gedichte von Else Lasker-Schüler übersetzt und viel mehr, aber wir sind auch zusammen gesegelt. Wir haben in Jerusalem zusammen Humus gegessen und vieles andere gemeinsam unternommen.

Zum letzten Mal habe ich Martina im März in Jerusalem gesehen, als sie gemeinsam mit Clara und Matthias zur Bar Mitzwa meines Sohnes Noam Michael kamen. Wir hatten geplant, uns im Sommer wieder zu treffen – und nun treffen wir uns hier, aber nicht so, wie wir geplant hatten.

Als ich von Martinas Tod hörte, starb etwas in mir. Ich habe eine Freundin und eine Partnerin verloren, eine ganz persönliche Freundin und eine Freundin des Volkes Israel. Besonders jetzt, in einer Zeit, in der Fundamentalismus, Rassismus und Hass wachsen, brauchen wir Menschen wie Martina. Eine Frau, die Menschen zusammenbrachte, die Gespräche initiierte und die Brücken baute, eine Frau mit unermüdlichem Engagement, mit Ehrlichkeit und Liebe.

Ich glaube, dass ich nicht allein bin, dass es hier heute viele Menschen gibt, die spüren, dass etwas in ihnen gestorben ist mit dem Tod von Martina.

Aber das ist nur eine Seite des Bildes, die zweite Seite, die viel optimistischere, ist die, dass Martina nicht ganz und gar von uns genommen worden ist. Martina bleibt – nicht nur in unserer Erinnerung, sondern auch in dem Willen, den sie uns hinterlassen hat, uns allen.

Damit Martina bei uns bleibt, ist es an uns, weiter zu arbeiten an gesellschaftlicher Gerechtigkeit, interreligiös im Gespräch zu bleiben und die schmerzende und verwundete Gesellschaft, in der wir leben, zu versöhnen und zu verbessern.

Weiterzumachen לתקן עולם במלכות שדי („ die Welt zu heilen in Seinem Königreich“).

Liebe Mutter Severin, lieber Matthias, liebe Christiane, liebe Familie: Möge Gott geben, dass ihr Trost und Tröstungen findet über den Fortgang von Martina, unserer geliebten Martina.

Liebe Lena, lieber Jakob, liebe Clara-Marie, möge Gott geben, dass die gute Erinnerung an eure Mutter euch auch in der Finsternis der Nacht leuchten wird „vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang“.

 

Möge ihr Andenken gesegnet sein!
זכרונה לברכה!

 

Übersetzung: Hanna Lehming, Juli 2016

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