Antisemitismuskritik in Kirche und Theologie heute

In der bun­des­deut­schen und euro­päi­schen Anti­se­mi­tis­mus­for­schung spie­len Theo­lo­gie und Kir­chen­ge­schich­te kaum eine Rol­le. Sowohl die Wur­zeln des säku­la­ren Anti­se­mi­tis­mus, wie auch Tei­le sei­ner Gegen­wart sind aber christ­lich reli­gi­ös bestimmt. Des­halb kom­men unter Abse­hung die­ser Bestim­mung zen­tra­le Moti­ve, die zum Ver­ste­hen von Anti­se­mi­tis­mus bei­tra­gen könn­ten, nicht in den Blick.

Für die christ­li­che Theo­lo­gie gilt, dass die Bear­bei­tung des Anti­se­mi­tis­mus zen­tral ist für die Auf­ar­bei­tung eige­ner Gewalt­tra­di­tio­nen, für ein Akzep­tie­ren der Ambi­va­len­zen im Glau­ben und für den Ver­zicht auf christ­li­che Iden­ti­täts­bil­dung durch immer wie­der auch gewalt­för­mi­ge Ab- und Aus­gren­zung. Abwehr von Ambi­va­len­zen, Iden­ti­täts­bil­dung durch Aus­gren­zung gera­de im Bereich des Natio­na­len sind auch im säku­la­ren Anti­se­mi­tis­mus viru­lent. Die Anti­se­mi­tis­mus­for­schung müss­te sich zum bes­se­ren Ver­ste­hen theo­lo­gi­schen Fra­gen öff­nen.1 Dann wür­de sicht­bar, dass der säku­la­re Anti­se­mi­tis­mus, fast lie­ße sich sagen,„gnadenlos“ christ­lich grun­diert ist und erst dann wohl adäquat zu bear­bei­ten wäre.

Im 20. Jahr­hun­dert haben Horkheimer/Adorno die­sen Zusam­men­hang wohl am deut­lichs­ten gese­hen und zum Aus­druck gebracht.

»Schwer­lich aber ist die reli­giö­se Feind­schaft, die für zwei­tau­send Jah­re zur Juden­ver­fol­gung antrieb, ganz erlo­schen. Eher bezeugt der Eifer, mit dem der Anti­se­mi­tis­mus sei­ne reli­giö­se Tra­di­ti­on ver­leug­net, daß sie ihm ins­ge­heim nicht weni­ger tief inne­wohnt als dem Glau­bens­ei­fer frü­her ein­mal die pro­fa­ne Idio­syn­kra­sie. Reli­gi­on ward als Kul­tur­gut ein­ge­glie­dert, nicht auf­ge­ho­ben.«2

Die Art und Wei­se, wie sich christ­li­che Juden­feind­schaft in den säku­la­ren ein­ge­schrie­ben hat und ein­schreibt, soll hier nicht Gegen­stand sein. Dazu wird es in Kür­ze die Ver­öf­fent­li­chung einer Tagungs­do­ku­men­ta­ti­on geben, die umdie­ses The­ma kreist.3

An die­ser Stel­le soll es um eine sicher zu kur­ze Dar­stel­lung christ­li­cher Anti­se­mi­tis­men, den For­men der Bear­bei­tung und den Desi­de­ra­ten gehen, sowie bei­spiel­haft um christ­li­che Bil­der, wie sie sich im „säku­la­ren“ Anti­se­mi­tis­mus wie­der­fin­den. Dabei wer­de ich viel­leicht für man­che über­ra­schend den his­to­ri­schen Quel­len und Moti­ven viel Raum geben, weil ich davon über­zeugt bin, dass die­se Bil­der und Moti­ve gegen­warts­re­le­vant und oft über­se­hen sind.

Viel­leicht ist es für eine ver­mut­lich Theo­lo­gie und Chris­ten­tum eher fern ste­hen­de Leser*innenschaft wich­tig kurz die im Chris­ten­tum viru­len­ten The­men der Feind­schaft gegen das Juden­tum zu skiz­zie­ren.

 

Gottesmord

Da ist zunächst der klas­si­sche und tat­säch­lich schon im Neu­en Tes­ta­ment ange­leg­te Vor­wurf des Got­tes­mor­des. Dies setzt ers­tens vor­aus, dass Jesu Tod am Kreuz nicht den Römi­schen Behör­den, son­dern den Juden zuge­schrie­ben, sowie zwei­tens dass Jesus Chris­tus als Sohn Got­tes und damit gott­gleich ver­stan­den wird Bei­des ist biblisch und his­to­risch kaum zu bele­gen und weist auf eine spä­te­re (un-)heilsgeschichtliche Erzäh­lung. Die inne­re christ­li­che Logik des Todes von Jesus Chris­tus als durch sei­ne Auf­er­we­ckung bestä­tig­tes Heils­ge­sche­hen an Juden und den Völ­kern, also allen Men­schen wird mit dem Mord­vor­wurf kon­ter­ka­riert. Zuge­spitzt und theo­lo­gisch etwas unter­kom­plex gesagt: wäre es Mord, dann kein Erlö­sungs­ge­sche­hen, Ist es ein erlö­sungs­ge­sche­hen, dann die Ver­ant­wort­li­chen zumin­dest Werk­zeu­ge Got­tes im Sin­ne des geglaub­ten Erlö­sungs­ge­sche­hens. Der Got­tes­mord­vor­wurf an die Juden kor­re­spon­diert mit der für die spä­te­re Kir­che krän­ken­den Tat­sa­che, dass die meis­ten Juden und Jüdin­nen sich nicht zu dem neu­en Glau­ben an den Mes­si­as Jesus bekann­ten.

 

Verrat

Das angeb­li­che Ver­rats­mo­tiv des Judas ist wie­der­um eine Stei­ge­rung in die­sem der inne­ren Logik des als Teil des gött­li­chen Heils­ge­sche­hen ver­stan­de­nen Todes Jesus wider­strei­ten­den Glau­bens- und Denk­mo­dell. Judas ver­rät Jesus angeb­lich durch einen den römi­schen Sol­da­ten mar­kie­ren­den Kuss. Der Bruch mit der inne­ren Logik des Heils­ge­sche­hens ist bereits erwähnt. Die zwei­te Irri­ta­ti­on ent­steht, wenn wir wis­sen, dass Jesus ja schon eini­ge Berühmt­heit erlangt hat­te, die Sicher­heits­be­hör­den als kaum auf ein kör­per­li­ches Signal zur Mar­kie­rung des zu Ergrei­fen­den ange­wie­sen waren. Dass für die­se Mar­kie­rung auch noch Geld bezahlt wor­den sein soll, ergänzt die Theo­rie der Ver­stri­ckung und sie endet fast not­wen­dig mit der Bestä­ti­gung des Bösen durch sei­nen Selbst­mord. Für die Kir­chen­vä­ter der alten Kir­che wur­de dann Judas zum Sinn­bild für die Juden.

»Was sich im Ein­zel­nen als Geschich­te des Judas dar­stellt, ist gene­rell die Geschich­te der Juden. …Wer sind wohl die Söh­ne von Judas? Die Juden. Die Juden tra­gen näm­lich ihren Namen nicht nach Juda [dem Sohn Jakobs], der ein hei­li­ger Mann war, son­dern nach dem Ver­rä­ter Judas. In der Linie von Juda sind wir [Chris­ten] Juden im Geis­te – in der Linie des Ver­rä­ters Judas aber ste­hen die Juden nach dem Fleisch.«

Juden sind also nach die­ser Les­art nicht nur Nach­fol­ger des Judas und damit eben auch die Got­tes-Ver­rä­ter, son­dern eben fort­an das umfas­send nega­ti­ve Gegen­bild zu den Chris­ten. Alt gegen neu, Fleisch gegen Geist, Gesetz gegen Gna­de, Rache gegen Lie­be und in moder­ne­ren Zei­ten unter ande­rem direkt an die­se Dua­lis­men anschlie­ßend Par­ti­ku­la­ri­tät gegen Uni­ver­sa­li­tät und Gewalt gegen Gewalt­lo­sig­keit.

Sehen wir auf das, was wir his­to­risch über Judas wis­sen kön­nen, wie auch über das gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Umfeld zu Zei­ten Jesu ver­ste­hen wir noch ein­mal mehr, war­um Judas zu die­ser Zerr­fi­gur wird. Judas gehör­te offen­kun­dig einer Grup­pe an, die die Römer aus dem Land trei­ben woll­te. Die­se ange­streb­te Befrei­ung wur­de von man­chen Grup­pen ver­bun­den mit einer umfas­sen­den Hoff­nung auf den Beginn des ver­hei­ße­nen Rei­ches Got­tes4. Judas Hoff­nung auf Jesus den Chris­tus also den Mes­si­as war – das ver­lässt nun den his­to­risch siche­ren Grund, aber erman­gelt nicht der Plau­si­bi­li­tät – die­se und die wirk­li­che Ver­än­de­rung der Welt hin zu Gerech­tig­keit und Frie­den, wie sie in den Schrif­ten der hebräi­schen Bibel, des soge­nann­ten Alten Tes­ta­men­tes, ange­kün­digt wer­den. Amoz Oz hat in sei­nem groß­ar­ti­gen Buch Judas die­se Hoff­nung des Judas aus­ge­legt.

»Ich glaub­te, der Tod kön­ne ihm nichts anha­ben. Ich war über­zeugt, dass sich heu­te in Jeru­sa­lem das größ­te Wun­der von allen ereig­nen wür­de. Das letz­te Wun­der, nach dem es auf der Welt kei­nen Tod mehr geben würde….Das Wun­der, das das himm­li­sche König­reich brin­gen wür­de, so dass es auf der Welt nur noch Lie­be gäbe.«5

Judas also ist der per­so­ni­fi­zier­te Ein­spruch gegen die nicht ein­ge­tre­te­ne und doch ver­spro­che­ne radi­ka­le Welt­ver­än­de­rung: die Ent­thro­nung der Mäch­ti­gen, die Erhö­hung der Nied­ri­gen und je nach Glau­bens­rich­tung die Über­win­dung des Todes. Die­ser Ein­spruch, der eben auch der jüdi­sche Ein­spruch gegen das christ­li­che Mes­si­as­ver­ständ­nis ist, saß wie ein Sta­chel im Fleisch der sich der welt­li­chen Macht anschmie­gen­den Kir­che, und wur­de dem­entspre­chend denun­ziert. Zuge­spitzt lie­ße sich sagen, dass die eige­ne Unsi­cher­heit wegen der aus­ste­hen­den Erfül­lung der Ver­hei­ßun­gen zu einer Selbst­er­hö­hung von Kir­che und zu einer dra­ma­tisch und rea­len, spä­tes­tens ab dem Beginn des zwei­ten Jahr­tau­sends auch zu einer töd­li­chen Aus­gren­zung die­ser dann dem Juden­tum zuge­schrie­be­nen Fra­ge bzw. der Fra­ger geführt hat.

 

Nicht Ablösung sondern Mutter-Tochter oder gar Geschwisterbild – fragliche Ursprünge

Die neue­re For­schung hat nun die Kom­ple­xi­tät noch erhöht.6 Es ist sehr viel unsi­che­rer gewor­den, wie eigent­lich von den jewei­li­gen Par­tei­en der neu­tes­ta­ment­li­chen Geschich­te zu reden sei. Der Satz die ers­ten Chris­ten waren Juden gilt wohl für alle Autor*innen des Neu­en Tes­ta­men­tes. Was heisst das für die Bezie­hun­gen von Juden und Chris­ten, von judenfeind­li­chen Äuße­run­gen im Neu­en Tes­ta­ment? Zunächst ein­mal soviel: Es sind feind­li­che Äuße­run­gen einer jüdi­schen Grup­pe gegen­über einer ande­ren mit jewei­li­gen Aus­schluss­for­de­run­gen und Aus­gren­zungs­ar­gu­men­ten. Die­se inner­jü­di­schen Argu­men­te wer­den in der Hand der dann spä­tes­tens seit dem 4. Jahr­hun­dert sich als nicht­jü­di­sche Chris­ten ver­ste­hen­den Kir­chen, die zur Staats­re­li­gi­on wird, zu Waf­fen gegen das Juden­tum, das sich dem christ­li­chen Glau­ben nicht anschließt.

An die­sen drei Bei­spie­len lässt sich sehen, dass Juden­feind­schaft auf einem Selbst­bild auf­baut, das sich gewalt­för­mig von der Fra­ge nach den unein­ge­lös­ten Antei­len der geglaub­ten Ver­hei­ßun­gen, sowie den durch die durch das Ver­wo­ben­sein von Juden­tum und Chris­ten­tum, zuge­spitzt das Ange­wie­sen­sein des Chris­ten­tums auf das Juden­tum bzw. sei­ne Schrif­ten mit­ge­ge­ben Ambi­va­lenz und Ver­un­si­che­rung löst. Die­se Figur der Pro­jek­ti­on ver­weist ein­mal mehr dar­auf, dass es im Anti­se­mi­tis­mus nicht um irgend­ei­ne rea­le Eigen­schaft oder his­to­ri­sche Beschrei­bung von Juden, son­dern um die Siche­rung und Ent­wick­lung eines christ­li­chen oder dann in Fol­ge bzw. par­al­lel natio­na­len, kul­tu­rel­len Selbst­bil­des geht.

Im Kern ist also die Juden­feind­schaft getra­gen von einem Selbst­bild, das alles Ambi­va­len­te und/oder Nega­ti­ve bis hin zu dem eige­nen per­ma­nent dro­hen­den Fall in den Unglau­ben, weil eben im biblisch radi­ka­len Sin­ne so wenig zu sehen ist von einer posi­ti­ven Ver­än­de­rung der Welt, ande­ren zuweist und es an ihnen auch bekämpft oder im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes exe­ku­tiert.

Drei Hori­zon­te schei­nen mir nach die­ser etwas gund­le­gen­de­ren kur­zen Ein­füh­rung für die Fra­gen nach dem Zusam­men­hang christ­li­cher Glau­bens­über­zeu­gun­gen und christ­li­cher Theo­lo­gie mit anti­se­mi­ti­schen Ein­stel­lun­gen in dem schier unüber­seh­ba­ren Mate­ri­al hilf­reich für ein ansatz­wei­ses Ver­ständ­nis in der Gegen­wart.

 

Ergebnisse kirchlicher Reflexionsprozesse

Schau­en wir auf kirch­li­che Stel­lung­nah­men der jün­ge­ren Geschich­te mit Akzent auf pro­tes­tan­ti­sche. Denn durch die Refor­ma­ti­ons­ge­schich­te und die über­durch­schnitt­lich hohe Kol­la­bo­ra­ti­ons­be­reit­schaft und Ver­stri­ckung mit dem NS Regime ist dem deut­schen Pro­tes­tan­tis­mus Gewalt­af­fi­ni­tät und Juden­feind­schaft mehr als der katho­li­schen Sei­te zur Bear­bei­tung auf­ge­ge­ben. Die zen­tra­len The­men der pro­tes­tan­ti­schen Erklä­run­gen und wohl auch das Movens der sehr offe­nen katho­li­schen Grund­le­gung eines neu­en Ver­ständ­nis­ses im Zwei­ten Vati­ca­num 1964 waren die erschüt­tern­de Mit-Schuld an der Sho­ah, deren Grün­den in der Theo­lo­gie nach­ge­gan­gen wur­de.

Das Neue (Neu­es Tes­ta­ment, Neu­er Bund, neu­es Jeru­sa­lem und Neu­es Isra­el …) wur­de in der Geschich­te der Kir­chen als das Gute ver­stan­den, das Alte (Juden­tum, Altes Tes­ta­ment-also der hebräi­sche Teil der Bibel, der tra­di­tio­nell Altes Tes­ta­ment genannt wird), alle pro­phe­ti­sche Rede zur gelin­gen­den Zukunft und der Kri­tik an Herr­schafts­ver­hält­nis­sen bibli­scher Zei­ten als Kri­tik am Juden­tum und die gelin­gen­de Zukunft als die christ­li­che ver­stan­den. In christ­li­cher Rezep­ti­on wur­de das Alte abge­löst, für untaug­lich und feind­se­lig erklärt, denun­ziert, dis­kri­mi­niert und dann um der Sicht­bar­ma­chung der eige­nen Erlö­sung mar­kiert und letzt­lich fast aus­ge­löscht.

Inzwi­schen haben die meis­ten Lan­des­kir­chen fol­gen­de Ele­men­te in ihren Grund­ord­nun­gen auf­ge­nom­men:

»die Absa­ge an den Anti­se­mi­tis­mus,
das Ein­ge­ständ­nis christ­li­cher Mit­ver­ant­wor­tung und Schuld am Holo­caust,
die Erkennt­nis der unlös­ba­ren Ver­bin­dung des christ­li­chen Glau­bens mit dem Juden­tum, die Aner­ken­nung der blei­ben­den Erwäh­lung Isra­els,
die Beja­hung des Staa­tes Isra­el.«7

Das lie­ße sich auch zusam­men­fas­sen mit dem einen Satz: Juden­feind­schaft und Anti­se­mi­tis­mus sind Unglau­be. Damit löst sich die pro­tes­tan­ti­sche Kir­che von den Grund­la­gen der Juden­feind­schaft in ihrer Theo­lo­gie und gibt die­sen Erkennt­nis­sen gleich­sam Ver­fas­sungs­rang.

Dem las­sen sich noch zwei wich­ti­ge neue Erklä­run­gen der EKD hin­zu­fü­gen, eine von 2015 zum Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um und eine von 2016 zur Abwehr von Juden­mis­si­on.

»Wir stel­len uns in Theo­lo­gie und Kir­che der Her­aus­for­de­rung, zen­tra­le theo­lo­gi­sche Leh­ren der Refor­ma­ti­on neu zu beden­ken und dabei nicht in abwer­ten­de Ste­reo­ty­pe zu Las­ten des Juden­tums zu ver­fal­len. Das betrifft ins­be­son­de­re die Unter­schei­dun­gen „Gesetz und Evan­ge­li­um“, „Ver­hei­ßung und Erfül­lung“, „Glau­be und Wer­ke“ und „alter und neu­er Bund“.

Wir erken­nen, wel­chen Anteil die refor­ma­to­ri­sche Tra­di­ti­on an der schmerz­vol­len Geschich­te der „Ver­geg­nung“ (Mar­tin Buber) von Chris­ten und Juden hat. Das weit­rei­chen­de Ver­sa­gen der Evan­ge­li­schen Kir­che gegen­über dem jüdi­schen Volk erfüllt uns mit Trau­er und Scham. Aus dem Erschre­cken über his­to­ri­sche und theo­lo­gi­sche Irr­we­ge und aus dem Wis­sen um Schuld am Lei­dens­weg jüdi­scher Men­schen erwächst heu­te die beson­de­re Ver­ant­wor­tung, jeder Form von Juden­feind­schaft und -ver­ach­tung zu wider­ste­hen und ihr ent­ge­gen­zu­tre­ten.«8

Hier wird auf grund­le­gen­de Kate­go­ri­en der Refor­ma­ti­on ver­wie­sen, die die Abwer­tung jüdi­schen Glau­bens impli­zie­ren. Damit ist ein in der kirch­li­chen Dis­kus­si­on nicht unum­strit­te­ner Arbeits­auf­trag der Prü­fung gege­ben, theo­lo­gi­sche Kate­go­ri­en, die in der Geschich­te juden­feind­lich wirk­sam wur­den, nicht als akzi­den­ti­el­le oder kon­tex­tu­el­le Fol­ge zu wer­ten, son­dern auf die Theo­lo­gie selbst zu zie­len.

»Wir bekräf­ti­gen: Die Erwäh­lung der Kir­che ist nicht an die Stel­le der Erwäh­lung des Vol­kes Isra­el getre­ten. Gott steht in Treue zu sei­nem Volk. Wenn wir uns als Chris­ten an den Neu­en Bund hal­ten, den Gott in Jesus Chris­tus geschlos­sen hat, hal­ten wir zugleich fest, dass der Bund Got­tes mit sei­nem Volk Isra­el unein­ge­schränkt wei­ter gilt. Das nach 1945 gewach­se­ne Bekennt­nis zur Schuld­ge­schich­te gegen­über den Juden und zur christ­li­chen Mit­ver­ant­wor­tung an der Scho­ah hat zu einem Pro­zess des Umden­kens geführt, der auch Kon­se­quen­zen im Blick auf die Mög­lich­keit eines christ­li­chen Zeug­nis­ses gegen­über Juden hat.
Chris­ten sind durch den Juden Jesus von Naza­reth mit dem Volk Isra­el blei­bend ver­bun­den. Das Ver­hält­nis zu Isra­el gehört für Chris­ten zur eige­nen Glau­bens­ge­schich­te und Iden­ti­tät. Sie beken­nen sich „zu Jesus Chris­tus, dem Juden, der als Mes­si­as Isra­els der Ret­ter der Welt ist“ (EKIR, Syn­odal­be­schluss von 1980).
Wo in Ver­kün­di­gung und Unter­richt, Seel­sor­ge und Dia­ko­nie das Juden­tum ver­zeich­nend oder ver­zerrt dar­ge­stellt wird, sei es bewusst oder unbe­wusst, tre­ten wir dem ent­ge­gen. Wir bekräf­ti­gen unse­ren Wider­spruch und unse­ren Wider­stand gegen alte und neue For­men von Juden­feind­schaft und Anti­se­mi­tis­mus.«9

Welch ein wei­ter Weg hier zurück­ge­legt wur­de, lässt sich aus der Dif­fe­renz zum Wort des in der Regel als links­pro­tes­tan­tisch ver­stan­de­nen Bru­der­rats von 1948 erse­hen, das ein Buß­wort sein soll­te zur eige­nen Ver­stri­ckung in die NS-Ideo­lo­gie:

»Die Erwäh­lung Isra­els ist durch und seit Chris­tus auf die Kir­che aus allen Völ­kern, Juden und Hei­den, über­ge­gan­gen… Isra­el unter dem Gericht ist die unauf­hör­li­che Bestä­ti­gung der Wahr­heit, Wirk­lich­keit des gött­li­chen Wor­tes und die ste­te War­nung Got­tes an sei­ne Gemein­de. Daß Gott nicht mit sich spot­ten läßt, ist die stum­me War­nung den Juden zur Mah­nung, ob sie sich nicht bekeh­ren möch­ten zu dem, bei dem allein auch ihr Heil steht.«10

Für die katho­li­sche Kir­che ist, wie schon erwähnt, eine ähn­lich grund­le­gen­de Umkehr zu kon­sta­tie­ren:

»Die Erklä­rung über das Ver­hält­nis der Kir­che zu den Juden Nos­ta aeta­te Nr. 4 ist das kür­zes­te und mutigs­te Doku­ment des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils . Sie war auch die am meis­ten umstrit­te­ne Erklä­rung, die am Ende aber fast ein­stim­mig ver­ab­schie­det wur­de. In ihr heißt es: Das jüdi­sche Volk darf nicht des Got­tes­mor­des bezich­tigt – es darf nicht als von Gott ver­wor­fen und ver­flucht dar­ge­stellt wer­den – Anti­se­mi­tis­mus ist in jedem Fall ver­werf­lich.«11

Trotz die­ser enorm posi­ti­ven und ange­sichts der lan­gen Geschich­te insti­tu­tio­nell getra­ge­ner christ­li­cher Juden­feind­schaft, der lan­gen anti­se­mi­ti­schen Grund­hal­tung auch nach Albert Scherrs Ein­schät­zung kaum zu über­schät­zen­den Ent­wick­lung kirch­li­cher Posi­tio­nie­run­gen bleibt die Fra­ge berech­tigt und eine Her­aus­for­de­rung an säku­la­re For­schung, wie an christ­li­che Selbst­re­fle­xi­on, For­schung und Leh­re.

»Mit die­sen Fest­stel­lun­gen ist aber zunächst noch nichts dar­über aus­ge­sagt, ob und ggf. wie gleich­wohl eine Tra­die­rung von anti­se­mi­ti­schen Hal­tun­gen und Ste­reo­ty­pen in evan­ge­lisch gepräg­ten Milieus sowie im insti­tu­tio­nel­len All­tag der evan­ge­li­schen Kir­che (sc huli­scher Reli­gi­ons­un­ter­richt, Kon­fir­man­den­grup­pen und evan­ge­li­sche Jugend­ar­beit, Got­tes diens­te und sons­ti­ge Kom­mu­ni­ka­ti­on in den Kir­chen­ge­mein­den) erfolgt. Denn es kann ersich tlich nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass sich die kirch­li­che All­tags­kom­mu­ni­ka­ti­on und di e Ein­stel­lun­gen von Kir­chen­mit­glie­dern unmit­tel­bar an gegen­wär­ti­gen amts­kirch­li­chen und t heo­lo­gi­schen Vor­ga­ben ori­en­tie­ren.«12

Dabei ist eine For­mu­lie­rung in Scherrs Gut­ach­ten zu bestrei­ten. Er for­dert dazu auf, die »genu­in anti­se­mi­ti­schen Inhal­te im neu­en Tes­ta­ment« einer Bear­bei­tung zu unter­zie­hen. Fol­gen wir den neue­ren Erkennt­nis­sen der Juda­is­tik jüdi­scher und christ­li­cher Pro­ve­ni­enz, dann ist deut­lich, dass das Neu­en Tes­ta­ment ein jüdi­sches Buch ist. Kor­rekt und von gro­ßer Bedeu­tung wäre dann eine For­mu­lie­rung, die von anti­se­mi­tisch rezi­pier­ten Stel­len im Neu­en Tes­ta­ment spricht und was sie im his­to­ri­schen Kon­text bedeu­tet haben mögen.13

Inter­es­san­ter scheint es mir, in kirch­li­chen Bil­dungs­kon­tex­ten und auch in der Theo­lo­gie­bil­dung die Fra­ge zu stel­len, wie es denn zu die­ser Not kom­men kann, dass der eige­ne Unglau­be am Juden gese­hen und gestraft wird, das Selbst­bild als Chris­tin oder Christ in der Geschich­te ver­lang­te, dass die Juden als die ande­ren mar­kiert und des Lebens beraubt wur­den?

 

Bleibend offene Fragen

Alle zitier­ten Beschlüs­se der Kir­chen, so grund­le­gend sie die Posi­ti­on zum Juden­tum neu for­mu­lie­ren, legen kei­ne Rechen­schaft dar­über ab, war­um denn in der Kir­chen­ge­schich­te es zu die­ser gewalt­för­mi­gen Nega­tiv­sicht auf das Juden­tum gekom­men ist. Sie kom­men den Mecha­nis­men nicht auf die Spur, die, so lie­ße sich jeden­falls fra­gen, viel­leicht schon in der kom­pli­zier­ten Kon­struk­ti­on von schon und noch nicht ange­legt ist, also von schon jetzt im Glau­ben erfüll­tem Heil und doch noch aus­ste­hen­der Erlö­sung, von schon gesche­he­nem Sieg über den Tod in Jesu Auf­er­we­ckung und dem täg­li­chen Ster­ben. Im guten Fal­le bezieht sich die Welt­sicht christ­li­chen Glau­bens demü­tig auf das Juden­tum als Volk Got­tes, von dem als Hin­zu­kom­men­de zu ler­nen sei, wie es sich in der Geschich­te mit der Wei­sung Got­tes und dem eige­nen immer wie­der­keh­ren­den Abwei­chen vom Weg bewegt hat. Im schlech­ten Fal­le aber wie­der­ho­len die Chris­ten end­los das Opfer, an des­sen Kraft sie nicht glau­ben kön­nen.14 Sie stel­len die Juden zum Erweis der christ­li­chen Wahr­heit bewusst schlech­ter, um sich so in erfahr­bar wenig erlös­ter Wirk­lich­keit ihrer unge­wis­sen Wahr­heit doch zu ver­ge­wis­sern.

Der Kir­chen­va­ter Augus­ti­nus (354-430) for­mu­liert das in De Civi­ta­te Dei (420) so: »Die Juden sind Zeu­gen ihrer Bos­heit und unse­rer Wahr­heit.«15 Erst bei der Wie­der­kehr Jesu Chris­ti wür­den sie sich bekeh­ren; bis dahin sei­en sie für Got­tes Heils­plan not­wen­dig. Dar­um müss­ten christ­li­che Herr­scher sie schüt­zen. Die­se Hal­tung bestimm­te zunächst den Umgang mit jüdi­schen Min­der­hei­ten unter christ­li­cher Herr­schaft: Die Juden wur­den in unter­ge­ord­ne­ter Stel­lung gehal­ten, um an ihnen die Über­le­gen­heit des Chris­ten­tums demons­trie­ren zu kön­nen.

»Wir beach­ten also die Sakra­men­te nicht, die dort vor­ge­schrie­ben sind, weil wir ver­ste­hen, was dort vor­her­ge­sagt ist [von Chris­tus], und weil wir besit­zen, was dort ver­spro­chen ist. […] und wie soll­ten sie auf­recht sein und ihr Herz erhe­ben, über die vor­her­ge­sagt ist: ‚Und ihr Rücken sei stets gebeugt‘ (Ps 69, 24).«16

Sehr ver­dich­tet scheint hier der Zusam­men­hang von Ent­er­bung oder Sub­sti­tu­ti­on, Selbst­recht­fer­ti­gung (wir sind auf­recht) und wahr­lich kör­per­li­cher Unter­drü­ckung (gebeugt) der Juden auf.

War­um also brauch­te und braucht in Tei­len noch immer der christ­li­che Glau­be eine Nega­ti­on, an der er sich als gut erwei­sen kann? War­um ist er oder sind die Chris­ten auf die Abwer­tung des eige­nen Ursprungs- und blei­ben­den Geschwis­ter­glau­bens ange­wie­sen?

Die schie­re Exis­tenz des Juden­tums war den Kir­chen in ihrer Geschich­te – und auch das gilt nicht sel­ten bis heu­te – eine nar­ziss­ti­sche Krän­kung.

Die eige­ne Unsi­cher­heit, der eige­ne Unglau­be, in christ­li­cher Spra­che auch Sün­de genannt, wird der fort­wäh­ren­den Exis­tenz des Juden­tums in gewalt­för­mi­ger Umkeh­rung zuge­wie­sen. Des­halb ist das Juden­tum immer das je phan­ta­sier­te macht­vol­le und fal­sche ande­re.17

 

Säkularisierte Glaubensfiguren

Die­sen Pro­jek­ti­ons- und Dele­ga­ti­ons­me­cha­nis­men auf die Spur zu kom­men und damit auch den his­to­ri­schen und gegen­wär­ti­gen Kon­struk­tio­nen des Selbst- und Welt­bilds, ist blei­bend Desi­de­rat in der Theo­lo­gie und auch in der kirch­li­chen Bil­dungs­ar­beit. Die posi­ti­ven Nähe­run­gen, die die Ev. Reli­gi­ons­päd­ago­gik an die Ande­ren bevor­zugt, lässt die eige­nen Nega­tiv­pro­jek­tio­nen unbe­ar­bei­tet und damit unver­stan­den. Da hel­fen die Erklä­run­gen der Kir­chen ein wenig aber nicht grund­le­gend. Die­se Auf­ga­be liegt blei­bend vor uns.

Dabei ist nicht zu über­se­hen, dass auch noch sehr kon­kre­te The­men­fel­der, die in den Erklä­run­gen ange­spro­chen wer­den, nicht in pro­duk­ti­ver Wei­se in Gemein­den und Kon­fir­man­den- und Reli­gi­ons­un­ter­richt wie das immer wie­der auf­tau­chen­de Bild des jüdi­schen Rache­gotts, das Bild des jüdi­schen Heuch­lers, das im Reden vom Pha­ri­sä­er in den Medi­en blei­bend ein Klas­si­ker ist, das Bild des Juden, der und die sich als Beson­de­res gebär­det Stich­wort Erwäh­lung, die Bil­der vom guten Juden­tum, das sich uni­ver­sell ver­steht und nicht par­ti­ku­lar, Gott bewah­re, gar natio­nal. Letz­te­res führ­te der Pfar­rer Jochen Voll­mer vor, in einer Wei­se, die zu berech­tig­ten gro­ßen Ein­sprü­chen, aber auch zu Soli­da­ri­sie­rungs­ef­fek­ten führ­te.

Auch kaum zu über­se­hen ist, wel­che Rol­le die Kir­chen in der Her­aus­bil­dung und Ein­wur­ze­lung anti­se­mi­ti­scher Ste­reo­ty­pen in die gesell­schaft­li­che Wirk­lich­keit nicht nur der soge­nann­ten west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on gespielt haben. Ihre Ver­ant­wor­tung gilt des­halb auch dem auf­spü­ren der christ­li­chen Bestän­de im säku­la­ren Anti­se­mi­tis­mus.

 

Opferstilisierungen

»Dar­auf spe­ku­liert tat­säch­lich einer der wesent­li­chen Tricks von Anti­se­mi­ten heu­te: sich als Ver­folg­te dar­zu­stel­len; sich zu gebär­den, als wäre durch die öffent­li­che Mei­nung, die Äuße­run­gen des Anti­se­mi­tis­mus heu­te unmög­lich macht, der Anti­se­mit eigent­lich der, gegen den der Sta­chel der Gesell­schaft sich rich­tet, wäh­rend im all­ge­mei­nen die Anti­se­mi­ten doch die sind, die den Sta­chel der Gesell­schaft am grau­sams­ten und am erfolg­reichs­ten hand­ha­ben.«18

Mehr als ein hal­bes Jahr­hun­dert ist Ador­nos Vor­trag alt, doch das von Ador­no erwähn­te heu­te ist noch längst nicht unser ges­tern.

Anti­se­mi­ti­sche Welt­erklä­rungs­mus­ter beschrei­ben sich als den Juden unter­le­gen und sug­ge­rie­ren Angst vor vom Anti­se­mi­ten phan­ta­sier­ten und selbst gewünsch­ten jüdi­schen gehei­men Mäch­ten.

Sowohl die Selbst­sti­li­sie­rung als Opfer der Juden, als auch das par­al­le­le Unter­le­gen­heits­ge­fühl gehen zurück auf christ­li­che Tra­di­ti­on. Da ist ver­mut­lich das oben schon erwähn­te Got­tes­mord­mo­tiv Grund legend, das durch Iden­ti­fi­ka­ti­on der Chris­ten mit ihrem Chris­tus die Juden in der Ver­fol­ger­rol­le phan­ta­siert. Unter Bedin­gun­gen kirch­li­cher Herr­schaft und rea­ler Ver­elen­dung und Ver­fol­gung von Juden wird die­se Zuschrei­bung zwar absurd, aber gleich­wohl durch­ge­hal­ten.

Zu Luthers Zei­ten, als aus den meis­ten deut­schen Län­dern die Juden ver­trei­ben waren, klingt die­se Phan­ta­sie so:

»… Nun sie­he, welch eine fei­ne, dicke, fet­te Lüge das ist, da sie kla­gen, sie sei­en bei uns gefan­gen. Es sind über 1400 Jah­re, daß Jeru­sa­lem zer­stö­ret ist, und wir Chris­ten zu der Zeit schier 300 Jah­re lang von den Juden gemar­tert und ver­fol­get sind in aller Welt (wie dro­ben gesagt), daß wir wohl möch­ten kla­gen, sie hät­ten uns Chris­ten zu der Zeit gefan­gen und getö­tet, wie es die hel­le Wahr­heit ist. Dazu wis­sen wir noch heu­ti­gen Tages nicht, wel­cher Teu­fel sie her in unser Land gebracht hat; wir haben sie zu Jeru­sa­lem nicht geholet.«19

Die­ser Mecha­nis­mus ist wohl­be­kannt in allen Schat­tie­run­gen. Selbst­sti­li­sie­run­gen als Opfer (nicht nur der jüdi­schen Finanz­lob­by) sind Legi­on.

 

Geld

»Da ist zum Bei­spiel die Fra­ge des Gel­des und des Wuchers, was aus dem Mit­tel­al­ter über­kom­men ist, das ist auch ein Motiv, was sich im christ­li­chen Anti­ju­da­is­mus fin­det. Und dann, was immer kommt, eher auch im moder­nen Anti­se­mi­tis­mus, ist auch die Fra­ge des Kin­der­mor­des, also dass Juden zu Pes­sach Kin­der­blut gebrau­chen, um ihre Mat­ze zu backen. Und das fin­det man dann bis heu­te auf Demos, die sich mit dem Paläs­ti­nen­ser­kon­flikt befas­sen, wenn dort „Kin­der­mör­der Isra­el“ geru­fen wird. Dann ist das zumin­dest ein Reso­nanz­raum.«20

Sicher ist es schon fast banal, die­ses The­ma anzu­spie­len. Gleich­wohl soll­te es nicht immer nur am Zins­ver­bot und den dar­aus resul­tie­ren­den anfäng­li­chen Zuwei­sun­gen der Geld­ver­leih­ge­wer­bes an Juden fest gemacht wer­den. Wei­te­re Dimen­sio­nen wären zu ergän­zen, näm­lich ers­tens im Sin­ne der Pro­jek­ti­ons­the­se der eige­ne unein­ge­lös­te Wunsch nach Reich­tum. Zwei­tens lie­ße sich auch hier noch ein­mal über die Judas Figur nach­den­ken, die für einen (nicht statt­ge­hab­ten) Ver­rat bezahlt wird, ver­zwei­felt, nicht sich zur Grup­pe der Jün­ger zurück­be­gibt, son­dern unglück­lich sich das Leben nimmt. Die Nega­tiv­be­set­zung des Gel­des scheint mir hier gleich­sam unheils­ge­schicht­lich also reli­gi­ös ver­an­kert und als sol­che über­se­hen.

Sie spielt auch in einer befrei­ungs­theo­lo­gi­schen Per­spek­ti­ve auf Isra­el eine Rol­le. So zitiert Ulrich Duch­row zustim­mend: »Im west­li­chen Impe­ri­um ist Isra­el also das Extrem der west­li­chen kolo­nia­lis­ti­schen, kapi­ta­lis­ti­schen, impe­ria­len, wis­sen­schaft­lich-tech­ni­schen, gewalt­tä­ti­gen Erobe­rungs­kul­tur der letz­ten 500 Jah­re.«21 Isra­el wird so zum Sinn­bild der Nega­ti­vi­tät nicht nur des Gel­des, son­dern von allem, was damit zusam­men­hän­gend nega­tiv anzu­füh­ren sein könn­te.

Kindermordvorwurf

Wer die­se Inter­pre­ta­ti­on und die Kor­re­spon­denz oder Ver­ab­re­dung mit bibli­schen Bil­dern als zu spe­ku­la­tiv emp­fin­det, sei an das in der moder­nen emo­tio­na­li­sier­ten Israel­kri­tik von Ste­fa­nie Schü­ler-Springo­rum schon erwähn­te Motiv des Kin­der­mor­des zurück­den­ken. Ist es doch nicht leicht ver­ständ­lich, dass fast aus­schließ­lich Isra­el mit dem Kin­der­mord­vor­wurf so expli­zit bedacht wird, in Paro­len und auch in der Bild­spra­che der Medi­en. Aus mei­ner Sicht ist das nicht zu den­ken ohne die Geschich­te des Ritu­al­mord­vor­wur­fes, der besagt, dass die Juden aus dem Blut der geraub­ten Kin­der ihr Pesach­brot backen. Die Ver­knüp­fung mit Pesach als der Zeit, in der Jesus gekreu­zigt wur­de, ist sicher kein Zufall. Stel­len doch die Sab­bat-Hei­li­gung und das Pesach­fest sicht­ba­re pro­mi­nen­te prak­ti­sche Glau­bens­zeug­nis­se des Juden­tums dar, die bele­gen, die aus christ­li­cher Per­spek­ti­ve gleich­sam nega­tiv mit dem Kreu­zes­tod und dem eige­nen Glau­ben kor­re­spon­die­ren. So wäre der Kin­der­mord­vor­wurf – neben der sicher immer noch damit ver­bun­de­nen Pro­jek­ti­on eige­ner Aggres­si­vi­tät gegen Kin­der – der Beleg für den Aus­schluss Isra­els aus der (christ­li­chen) Völ­ker­fa­mi­lie.

Partikularität und Universalität

»Das Ver­mächt­nis des jüdi­schen Vol­kes an die Mensch­heit ist der Glau­be an den einen Gott und die Gott­eben­bild­lich­keit des Men­schen. Gott hat den Men­schen nach sei­nem Bild geschaf­fen. Dar­um ist der Mensch, jeder (!) Mensch, Gott hei­lig. Die­ser Glau­be wird im Schöp­fungs­hym­nus Gen. 1 bezeugt. In den natio­na­lis­ti­schen Tra­di­tio­nen des Dtn. und des deu­te­ro­no­mis­ti­schen Geschichts­werks wird der uni­ver­sa­le Topos der Gott­eben­bild­lich­keit ver­kannt und der Glau­be ver­tre­ten, Gott wür­de um Isra­els wil­len die ande­ren Völ­ker und Men­schen preis­ge­ben. «22

Ver­rä­te­risch ist die Spra­che: Das Ver­mächt­nis des jüdi­schen Vol­kes. Wie das Wort alt­tes­ta­men­ta­risch schleicht sich ein unbe­wuss­ter Beleg dafür ein, dass es mit die­sem Volk vor­bei ist. Immer­hin hat es Gro­ßes hin­ter­las­sen, das im Chris­ten­tum, sich ver­ewigt. Das Chris­ten­tum ist der wah­re Erbe des Juden­tums, weil es ohne jenes deu­te­ro­no­mis­ti­sche Geschichts­werk aus­kom­me und für Uni­ver­sa­li­tät ste­he. Auf­fal­lend neben der Erb­schafts- und damit ten­den­zi­el­len Ent­er­bungs­spra­che ist wie­der­um das Aus­kom­men ohne biblisch theo­lo­gi­sche Logik. Es wäre doch zu fra­gen, war­um eben jene bei­den Dimen­sio­nen, das Par­ti­ku­la­re und das Uni­ver­sa­le in der hebräi­schen und damit auch in der christ­li­chen Bibel vor­kom­men? Statt­des­sen wird kon­sta­tiert, dass die eine Sei­te der Hei­li­gen Schrift das Zen­tra­le ver­kennt. Dass die­se par­ti­ku­la­re Tra­di­ti­on mör­de­risch sein soll, nimmt dann ein altes Feind­mo­tiv wie­der auf. Hier lie­ße sich des Wei­te­ren auf Stim­men ver­wei­sen, die Isra­el vor sich selbst ret­ten wol­len, weil sie wie Jochen Voll­mer Isra­el wahl­wei­se die Bibel bes­ser ver­ste­hen als sie sich selbst, so wie in die­ser Tra­di­ti­on die christ­li­che Inter­pre­ta­ti­on des Alten Tes­ta­men­tes die wah­re Aus­le­gung jenes jüdi­schen Tei­les der Hei­li­gen Schrift dar­stellt.

Wich­tig ist an die­ser Stel­le, aber auch bezo­gen auf fast alle Kon­flik­te im Kon­text anti­jü­di­scher Res­sen­ti­ments wie z.B. der Beschnei­dungs­de­bat­te, zu beto­nen, dass wei­te Tei­le der Kir­chen­lei­tun­gen in Deutsch­land sich gegen anti­jü­di­sche theo­lo­gi­sche Posi­tio­nen stel­len. Wie schon erwähnt, heißt dies nicht viel bzw. nicht unbe­dingt Bestimm­tes für die Posi­tio­nie­rung der kirch­li­chen Basis und sicher nichts für das gesell­schaft­li­che und kirch­li­che Bewusst­sein für die christ­lich reli­giö­se Grun­die­rung anti­se­mi­ti­scher Ste­reo­ty­pen.

Zusam­men­fas­send lässt sich die­ses Aus­ein­an­der­drif­ten sowohl kirch­li­cher Basis und theo­lo­gi­scher Grund­le­gun­gen der Lan­de­kir­chen und der EKD kon­sta­tie­ren und als Auf­ga­be der Zukunft beschrei­ben. Zudem muss hier noch ein­mal auf die kirch­li­che Ver­ant­wor­tung für eben die­se christ­li­che Grun­die­rung des Anti­se­mi­tis­mus und des­sen nach­hal­ti­ge Ver­an­ke­rung im gesell­schaft­li­chen Bewusst­sein und die oft unver­stan­de­ne Pro­jek­ti­ons­fi­gur ver­wie­sen wer­den. Päd­ago­gi­sche und poli­ti­sche sowie theo­lo­gi­sche Auf­ga­be bleibt, die­se in den Blick und in Angriff zu neh­men. Über posi­ti­ve Annä­he­run­gen an den oder die Ande­re wird es nicht gehen, da nicht der oder die Ande­re son­dern das Selbst­bild und des­sen Ret­tung oder Idea­li­sie­rung als Reli­gi­on, als Nati­on, als Mensch Gegen­stand jener Nega­ti­vi­tät und jener Feind­schaft ist. Und nicht zuletzt: Wer nichts von christ­li­cher Juden­feind­schaft ver­steht, ver­steht den Anti­se­mi­tis­mus nicht!

 

Erschie­nen in: Fra­gi­ler Kon­sens. Anti­se­mi­ti­sche Bil­dung in der Migra­ti­ons­ge­sell­schaft, Meron Mendel/Astrid Mes­ser­schmidt (Hg.), Frank­furt 2017, S.171-186.

 

  1. Vgl. dazu auch Klaus Holz, der im moder­nen Anti­se­mi­tis­mus eine von Rekom­bi­na­ti­on von Säku­la­rem und Reli­giö­sem sieht. Luthers Abweg. Die evan­ge­li­sche Kir­che stellt sich dem Juden­hass des Wit­ten­ber­ger Refor­ma­tors. Für die unse­li­ge Geschich­te, wie der Pro­tes­tan­tis­mus völ­kisch wur­de, bleibt sie blind, in: Die ZEIT, 24. Novem­ber 2016, S. 49.
  2.  Max Hork­hei­mer, Theo­dor W. Ador­no, Ele­men­te des Anti­se­mi­tis­mus. Gren­zen der Auf­klä­rung, in: Dies., Dia­lek­tik der Auf­klä­rung. Phi­lo­so­phi­sche Frag­men­te (1944), Frank­furt am Main 1998, 177-217, hier 185.
  3.  Klaus Holz, Chris­ti­an Staf­fa (Hg), „Anti­se­mi­tis­mus als poli­ti­sche Theo­lo­gie“, epd Doku­men­ta­ti­on vor­aus­sicht­lich im April 2017.
  4.  Kaum jemand hat das zeit­li­che und gesell­schaft­li­che Umfeld Jesu so ein­drück­lich geschil­dert wie Lion Feucht­wan­ger im „Jüdi­schen Krieg“, Frank­furt a.M. 1982.
  5.  Amoz Oz, Judas, Ber­lin 2015, S. 295
  6. S. Dani­el Boya­rin, Abgren­zun­gen. Die Auf­spal­tung des Judäo-Chris­ten­tums. Arbei­ten zur neu­tes­ta­ment­li­chen Theo­lo­gie und Zeit­ge­schich­te. Bd. 10; Arbei­ten zur Bibel und ihrer Umwelt. Bd. 1. Berlin/Dortmund 2009, oder Die jüdi­schen Evan­ge­li­en. Die Geschich­te des jüdi­schen Chris­tus. Juden­tum – Chris­ten­tum – Islam. Inter­re­li­giö­se Stu­di­en. Bd. 12, Würz­burg 2015.
  7.  S. Den Rhei­ni­schen Syn­odal­be­schluss zum Ver­hält­nis von Chris­ten und Juden wei­ter­den­ken. Eine Arbeits­hil­fe zum tri­ni­ta­ri­schen Reden von Gott, zum Ver­hält­nis der Völ­ker zu Isra­el, zur theo­lo­gi­schen Bedeu­tung des Staa­tes Isra­el und zur Gestal­tung von Got­tes­diens­ten in Ver­bun­den­heit mit dem Juden­tum, Düs­sel­dorf 2008, S.118.
  8.  https://​www​.ekd​.de/​s​y​n​o​d​e​2​0​1​5​_​b​r​e​m​e​n​/​b​e​s​c​h​l​u​e​s​s​e​/​s​1​5​_​0​4​_​i​v​_​7​_​k​u​n​d​g​e​b​u​n​g​_​m​a​r​t​i​n​_​l​u​t​h​e​r​_​u​n​d​_​d​i​e​_​j​u​d​e​n​.​h​tml.
  9.  Kund­ge­bung „… der Treue hält ewig­lich.“ (Psalm 146,6) – Eine Erklä­rung zu Chris­ten und Juden als Zeu­gen der Treue Got­tes, 09. Novem­ber 2016, http://​www​.ekd​.de/​s​y​n​o​d​e​2​0​1​6​/​b​e​s​c​h​l​u​e​s​s​e​/​s​1​6​_​0​5​_​6​_​k​u​n​d​g​e​b​u​n​g​_​e​r​k​l​a​e​r​u​n​g​_​z​u​_​c​h​r​i​s​t​e​n​_​u​n​d​_​j​u​d​e​n​.​h​tml.
  10.  http://www.theology.de/download/1947%20Darmstaedter%20Wort.doc (02/2006).
  11.  http://weltkirche.katholisch.de/Themen/Interreligi%c3%b6ser-Dialog/Br%c3%bccken-bauen-zwischen-Christen-und- Juden.
  12.  Albert Scherr, Exper­ti­se‚ Ver­brei­tung von Ste­reo­ty­pen über Juden und anti­se­mi­ti­scher Vor­ur­tei­le in der evan­ge­li­schen Kir­che, 2011, http://​www​.bmi​.bund​.de/​S​h​a​r​e​d​D​o​c​s​/​D​o​w​n​l​o​a​d​s​/​D​E​/​T​h​e​m​e​n​/​G​e​s​e​l​l​s​c​h​a​f​t​/​V​e​r​f​a​s​s​u​n​g​/​E​x​p​e​r​t​e​n​k​r​e​i​s​_​A​n​t​i​s​e​m​m​i​tis mus/scherr.pdf? blob=publicationFile, S.4.
  13.  S. a.a.O., S. 15.
  14. S. Das viel­leicht bes­te Bild für die Begrün­dung christ­li­chen Anti­se­mi­tis­mus: »Im Bild des Juden, das die Völ­ki­schen vor der Welt auf­rich­ten, drü­cken sie ihr eige­nes Wesen aus. Ihr Gelüs­te ist aus­schließ­li­cher Besitz, Aneig­nung, Macht ohne Gren­zen, um jeden Preis. Den Juden mit die­ser Schuld bela­den, als Herr­scher ver­höhnt, schla­gen sie ans Kreuz, end­los das Opfer wie­der­ho­lend, an des­sen Kraft sie nicht glau­ben kön­nen.« Max Hork­hei­mer, Theo­dor W. Ador­no: Ele­men­te des Anti­se­mi­tis­mus, in: Max Hork­hei­mer, Theo­dor W. Ador­no: Dia­lek­tik der Auf­klä­rung, S.151-186, Frank­furt a.M. 1971, S.151.
  15.  Ernst Bam­mel: Die Zeu­gen des Chris­ten­tums. In: Her­bert Frohn­ho­fen: Christ­li­cher Anti­ju­da­is­mus und jüdi­scher Anti­pa­ga­nis­mus: Ihre Moti­ve und Hin­ter­grün­de in den ers­ten drei Jahr­hun­der­ten. Theo­lo­gi­scher Ver­lag, Zürich 1990, S. 171.
  16. Karl Hein­rich Rengs­torf, Sieg­fried von Kortz­fleisch (Hrsg.): Kir­che und Syn­ago­ge: Hand­buch zur Geschich­te von Chris­ten und Juden. Dar­stel­lung mit Quel­len, Band 1. 1968, S. 94.
  17.  Vgl. dazu die grund­le­gen­de Arbeit in der Linie des ähn­lich gro­ßen Wur­fes Geschich­te des Anti­se­mi­tis­mus von Leon Polia­kov den Durch­gang durch die Geschich­te des Anti­se­mi­tis­mus von David Niren­berg, Anti­ju­da­ism – The Wes­tern Tra­di­ti­on, New York 2013.
  18.  Zur Bekämp­fung des Anti­se­mi­tis­mus heu­te. In: Das Argu­ment 29, Jg.6 1964.
  19.  Mar­tin Luther, Von den Jüden und ihren Lügen, Wei­ma­rer Aus­ga­be LIII, S. 520.
  20.  Ste­fa­nie Schü­ler Springo­rum, DRa­dio Inter­view http://​www​.deutsch​land​funk​.de/​k​i​r​c​h​e​-​u​n​d​-​a​n​t​i​s​e​m​i​t​i​s​m​u​s​-​a​n​t​i​s​e​m​i​t​i​s​m​u​s​-​a​ls- politische.886.de.html?dram%3Aarticle_id=378021.
  21. Armut und Aus­gren­zung über­win­den: Impul­se aus Theo­lo­gie, Kir­che und Dia­ko­nie: Fest­schrift für Dr. Wolf­gang Gern, Leip­zig 2016.
  22.  Jochen Voll­mer , Der Isra­el-Paläs­ti­na-Kon­flikt und die Befrei­ung der Theo­lo­gie Vom Natio­nal­gott Jah­we zum Herrn der Welt und aller Völ­ker Dt Pfarrer­blat 8/2011,http://​www​.pfar​rer​ver​band​.de/​p​f​a​r​r​e​r​b​l​a​t​t​/​a​r​c​h​i​v​.​p​h​p​?​a​=​s​h​o​w​&​i​d​=​3​030, Abschnitt 5.
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Christian Staffa

Dr. Christian Staffa ist Studienleiter für Demokratische Kultur und Kirche an der Evangelischen Akademie zu Berlin und Mitglied des Vorstandes der AG Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag; langjähriger Geschäftsführer von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. (ASF); Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung AMCHA, Mitglied des Kuratoriums Instituts Kirche und Judentum, Mitglied im SprecherInnerat der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus und Vorstandsmitglied der Martin-Niemöller-Stiftung.

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