Lesen Juden und Christen dieselbe Bibel?

1. Wie die gestellte Frage eine sinnvolle sein kann

In der Titelfrage steht ein „Wir“, das im Zentrum „Juden und Christen“ selbstverständlich Juden und Christen meint. Die Frage, ob Juden und Christen dieselbe Bibel lesen, ließe sich schnell mit „Nein“ beantworten. Sie können gar nicht dieselbe Bibel lesen, weil sie nicht dieselbe Bibel haben, sondern unterschiedliche Bibeln. Das ist richtig. Aber es macht die Frage nicht zu einer sinnlos gestellten. Was nämlich zu dieser Frage herausfordert, ist die religionsgeschichtliche Eigentümlichkeit und Einmaligkeit, dass die heiligen Schriften einer Religionsgemeinschaft zugleich Teil der heiligen Schriften einer anderen Religionsgemeinschaft sind. Unbeschadet dessen, dass der Umfang des Alten Testaments in den christlichen Konfessionsfamilien unterschiedlich groß ist und es Abweichungen in der Reihenfolge einzelner Schriften zwischen der jüdischen Bibel und dem Alten Testament gibt, gilt doch: Die jüdische Bibel findet sich ihrem ganzen Umfang nach in der christlichen Bibel wieder. Was bedeutet das für die christliche Lektüre der Bibel? Was bedeutet es für Christinnen und Christen, dass der erste Teil ihrer Bibel zuvor jüdische Bibel war und es auch weiterhin ist? Ist das nur ein formaler Aspekt ohne inhaltliche Bedeutung oder hat er theologisches Gewicht? Evangelisches Christentum weiß sich die Schrift als primäre Norm vorgegeben. Ich bin evangelischer Neutestamentler. So bin ich doppelt darauf verwiesen, mich bei dieser Frage an das Neue Testament zu halten. Es ist dann auch zugleich die Frage nach dem Verhältnis des Neuen Testaments zum Alten – und diese Fragen versuche ich vom Neuen Testament her zu beantworten.

2. Die Schrift als Raum des Evangeliums

Wenn ich das Neue Testament aufmerksam lese, merke ich: Ich werde von diesen Schriften selbst auf das Alte Testament verwiesen, genauer: auf die jüdische Bibel. Es ist die Binsenweisheit zu beachten: Als die Autoren der Schriften, die später zum Neuen Testament zusammengestellt wurden, diese verfassten, gab es noch kein Neues Testament. Sie schrieben auch nicht in dem Bewusstsein, damit an einer neuen oder auch nur zu ergänzenden Bibel zu arbeiten. Was es aber ganz selbstverständlich für sie gab, war die jüdische Bibel, waren die in ihrer Zeit als heilig geltenden Schriften. Dass sie in und mit ihrer Bibel lebten, zeigt sich in ihren eigenen Werken, sodass wir diese gar nicht ohne ihre Bibel verstehen können. Das sei am Beispiel der Evangelien kurz skizziert.

Immer wieder finden sich in ihnen Zitate aus der jüdischen Bibel und Anspielungen auf sie. Man wird geradezu sagen müssen: Die Evangelisten erzählen die Geschichte Jesu mit ihrer Bibel, in besonderer Dichte in den Passionsgeschichten. Es ist vorauszusetzen, dass sie wussten, was sie taten, dass also ihr Erzählen mit der Bibel ein bewusst eingesetztes Mittel literarischer Gestaltung ist, das einer theologischen Intention dient. In diesem Erzählen mit der Bibel wird Gott ins Spiel gebracht. Gegenüber den geschichtlich mit tödlicher Gewalt handelnden Subjekten wird hier behauptet, dass ein ganz anderer das entscheidende Subjekt sei, das seine Finger im Spiel habe und dem mit der Kreuzigung Jesu endenden schlimmen Geschehen eine andere Wendung gebe. Nochmals: Die Evangelisten schreiben die Geschichte Jesu mit ihrer Bibel. Das leistet es, dass sie den in ihrer Bibel bezeugten Gott als in der Geschichte Jesu wirkend bezeugen können. Damit ist zugleich deutlich, dass ihre heilige Schrift, die jüdische Bibel, der Raum des Evangeliums ist, sein Sprach- und Wahrheitsraum.

3. Das Alte Testament als Vor-Gabe: Wer unser Gott ist

Aufgrund des im vorigen Abschnitt Ausgeführten ist der immer wieder begegnende isolierte Gebrauch des Neuen Testaments ein Missbrauch, ein Unding; er entspricht nicht dem Usus der Kirche. Die letzte von Luther zu seinen Lebzeiten herausgegebene deutsche Bibel hat den Titel: „Biblia: Das ist: die gantze Heilige Schrift“. Vom 17. Jahrhundert bis zur Revision von 1912 lautete er präzisiert: „Die ganze heilige Schrift Alten und Neuen Testaments“. Dass die jüdische Bibel erster Teil der christlichen Bibel ist, darüber wurde in der Geschichte der Kirche nie entschieden oder gar abgestimmt. Sie war schlicht und einfach schon da, in jedem Sinn des Wortes: Vor-Gabe. Wer das in Frage stellte, wie schon in der Mitte des 2. Jahrhunderts Markion, wurde aus der Kirche ausgeschlossen. Mit der selbstverständlichen Vor-Gabe der jüdischen Bibel als dem Alten Testament der Kirche war aber von vornherein über die in meinen Augen wichtigste theologische Frage entschieden, wer nämlich für die Kirche Gott ist. Es ist der in dieser Bibel bezeugte Gott. Der ist gewiss als Schöpfer der Gott aller Welt, aber er ist kein Allerweltsgott, sondern Israels Gott, dem es gefallen hat und weiter gefällt, mit diesem Volk seine besondere Bundesgeschichte zu haben. Dafür brauchen Christinnen und Christen das Alte Testament: um zu wissen, wer Gott ist. Um mit Blaise Pascal zu sprechen: „Der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, und nicht der Gott der Philosophen.“ Das unterscheidet ja biblisches Reden von Gott vom philosophischen, dass es zwar selbstverständlich den einen Gott auf die ganze Wirklichkeit bezieht, ihn aber mit bestimmter, dazu noch höchst partikularer Geschichte in unlösbaren Zusammenhang bringt: im Alten Testament, in der jüdischen Bibel, mit der Geschichte des Volkes Israel, im Neuen mit der Geschichte eines Menschen aus Israel, dem Juden Jesus aus Nazaret, der aber nicht losgelöst von seinem Volk, sondern in ihm gelebt hat.

Dass der in der Bibel bezeugte Gott Israels Gott ist und bleibt, ist in der Geschichte der Kirche weithin vergessen und verdrängt worden – vor allem dadurch, dass die Kirche den Begriff „Israel“ für sich selbst usurpierte und sich als das „wahre Israel“ behauptete. In dieser Perspektive wurde das außerhalb der Kirche weiter existierende Judentum zum „falschen“ Israel, das es eigentlich nicht mehr geben dürfte. Das hatte immer wieder mörderische Konsequenzen. Hier hat inzwischen ein Umdenken begonnen. Es ist entdeckt worden, dass auch nach dem Neuen Testament Gottes Geschichte mit seinem Volk Israel mit Jesus nicht beendet ist, sondern weitergeht, dass das Jesus ignorierende Judentum das von Gott geliebte Volk ist und bleibt. So ist es keine Nebensächlichkeit, dass auch im Neuen Testament Gott ausdrücklich als Gott Israels bezeichnet wird.

Von der Erkenntnis her, dass der im Neuen Testament bezeugte Gott kein anderer ist als der in der jüdischen Bibel bezeugte und also Israels Gott, bin ich als Christ und besonders auch als Neutestamentler nicht nur auf das Hören der jüdischen Bibel, sondern auch auf das Hören des jüdischen Zeugnisses verwiesen. Denn Israels Gott gibt es nicht ohne sein Volk Israel, ohne das jüdische Volk. In Jesaja 43,12 heißt es in Gottesrede an Israel: „Und ihr seid meine Zeugen, Spruch des Ewigen, und ich bin Gott.“ Rabbinische Auslegung nimmt das so auf: „Wenn ihr meine Zeugen seid, bin ich Gott; wenn ihr aber nicht meine Zeugen seid, bin ich gleichsam nicht Gott“ (Sifrej Dvarim § 346). Wir Christinnen und Christen machen gewiss – durch die Botschaft von Jesus vermittelt – unsere eigenen Glaubenserfahrungen. Wer aber Gott als Israels Gott ist, das zu beschreiben, ist Sache des jüdischen Zeugnisses – in der jüdischen Bibel und in der weitergehenden jüdischen Tradition. Will ich also festhalten, dass Gott, zu dem ich mit meinen Vorfahren durch Jesus in Beziehung gesetzt und gehalten bin, Israels Gott ist und bleibt – und das festzuhalten, bin ich durch meine kanonischen Grundlagen angehalten –, bleibe ich auf jüdisches Zeugnis angewiesen. Wenn ich also als Neutestamentler auf jüdisches Zeugnis höre, ist das nicht nur eine historisch-religionsgeschichtlich naheliegende Pragmatik, sondern es ist zutiefst theologisch bedingt.

4. Wie das Neue Testament hinzukam

Wenn es also in der auf Jesus als Messias bezogenen Gemeinschaft immer schon eine Bibel gab, nämlich die jüdische, wieso – könnte man fragen – hat man sich damit dann nicht zufrieden gegeben, sondern diese Bibel um das Neue Testament erweitert? Auch hier hat man nicht eines Tages einen Beschluss gefasst: So, jetzt reicht uns die bisherige Bibel nicht mehr; wir brauchen dazu noch etwas Neues. Ich sage es zunächst einmal einfach so: Es hat sich ergeben. Es hat sich ergeben aus der Lesepraxis der Gemeinden.

Was im heutigen Judentum Praxis ist, dass im Laufe eines Jahres Schabbat für Schabbat die ganze Tora gelesen wird und dazu jeweils ein Abschnitt aus den Propheten, die Haftara, beruht auf einer Tradition, die bis in die Antike zurückreicht, sicherlich mit Variationen in der Form. Im Neuen Testament wird diese Tradition etwa in Apg 13,15 bezeugt. Dort heißt es im Blick auf die Synagoge im pisidischen Antiochia an einem Schabbat: „Nach der Lesung aus Tora und Propheten …“ (vgl. weiter Lk 4,17; Apg 13,27; 15,21; 2Kor 3,15).

In den messiasgläubigen Gemeinden wurde Gott selbstverständlich dafür gepriesen, dass er Himmel und Erde geschaffen, dass er Israel aus Ägypten geführt hatte. Aber er wurde auch dafür gepriesen, dass er Jesus von den Toten auferweckt und zum Herrn gemacht hatte. Von daher galten Jesusworte als „Herrenworte“. Sie bekamen denselben Rang wie Schriftworte, weil es doch Gott selbst war, der durch Jesus gehandelt und gesprochen hatte. Und was sich dann nach und nach darauf bezogen an Schriftlichem einfand, wurde in den Gemeinden bei ihren Versammlungen vorgelesen. So wurden Texte der „Schrift“ und Texte dieser Art mit gleichem Gewicht in den Gemeindeversammlungen gelesen. So bezeugt es der Apologet Justin nach der Mitte des 2. Jahrhunderts.

Wahrscheinlich um diese Zeit wurden Schriften, die in den Gemeinden als Lesetexte in Gebrauch waren, zum „Neuen Testament“ zusammengestellt und mit der dann „Altes Testament“ genannten jüdischen Bibel verbunden. Das geschah wohl in Reaktion auf Markion, der die jüdische Bibel und den in ihr bezeugten Gott verwarf. Er schuf daher einen neuen Kanon, bestehend aus dem Lukasevangelium und zehn Paulusbriefen, nachdem er diese Schriften von angeblichen jüdischen Zusätzen „gereinigt“ hatte. Das dem gegenüber entstandene „Neue Testament“ hat sich durchgesetzt. Es konnte das, weil die im Neuen Testament versammelten einzelnen Schriften weithin in den Gemeinden schon als Lesetexte bekannt waren. Auch die Entstehung des Neuen Testaments unterstreicht seinen Zusammenhang mit dem Alten Testament als einen elementaren und unlöslichen.

5. Die Frage nach dem Verhältnis von Altem und Neuem Testament

Luthers bekannte Aussage, im Alten Testament gelte das, „was Christum treibet“, ist nicht nur eine Verengung, sondern führt auch zur Verzeichnung der jüdischen Bibel und des Judentums. Luther ignoriert das am Alten Testament, was er für spezifisch jüdisch hält, wertet das in ihm Gebotene negativ als „Gesetz“ ab, das die Juden zur Werkgerechtigkeit verführe, und nimmt positiv auf, was er als Verheißung in ihm erkennt, die auf Christus hinweise, ja ihn schon enthalte. Luther verabsolutiert diesen dritten Punkt und wendet sich von ihm her strikt dagegen, auch nur im Geringsten auf jüdische Auslegung zu hören. Auf dieser Linie Luthers liegen heutige Versuche, die „das Christusgeschehen“ zum Verstehensschlüssel des Alten Testaments machen oder die Einheit der Bibel vom „Christusgeschehen“ her bestimmt sehen. Sie wiederholen dabei zwar nicht Luthers antijüdische Ausfälle, müssen sich aber fragen lassen, wie sie damit umgehen, dass diese Position eine Eigenaussage der jüdischen Bibel und die Bedeutung jüdischer Auslegung implizit grundsätzlich in Frage stellt. Ich habe versucht darzulegen, warum es für Christinnen und Christen geboten ist, die Eigenaussage der jüdischen Bibel und jüdische Auslegung wahrzunehmen. Von daher ergibt es sich: Die Einheit der christlichen Bibel ist nicht von Jesus her, nicht in christologischer Perspektive zu suchen. Sie ist theologisch vorgegeben, da für die neutestamentlichen Autoren Gott, den sie als in Jesus wirkend bezeugen, kein anderer ist als der, den sie aus ihrer jüdischen Bibel kennen.

Das schließt es nicht aus, die Jesusgeschichte in der jüdischen Bibel wieder zu entdecken. Wie gezeigt, stellen die Evangelisten sie ja gerade von dorther dar, was für sie fundamental ist. Kanonische Texte haben ein Potenzial, das offen ist für eine Vielfalt von Auslegungen. Aber das für die Verhältnisbestimmung von Altem und Neuem Testament dominant gewordene Schema von Verheißung und Erfüllung wird dem neutestamentlichen Tatbestand nicht gerecht. Diese Zuordnung reduziert das Alte Testament auf eine Funktion für das Neue und lässt es in und mit diesem „aufgehoben“ sein. Dagegen sei auf zwei Punkte hingewiesen. Einmal ist hinter die Rede von der „Erfüllung“ ein kräftiges Fragezeichen zu setzen. Was an den großen Verheißungen der jüdischen Bibel ist denn tatsächlich „erfüllt“ worden? In der auf Jesus bezogenen Gemeinschaft, aus der die christliche Kirche hervorging, sind in der Geschichte, die weiterlief, als wäre nichts geschehen, immer nur fragmentarische Erfahrungen des Erhofften gemacht worden. „Erfüllt“ ist, dass zwar nicht die Völker der Welt, aber doch immerhin zahlreiche Menschen aus den Völkern der Welt zum Glauben an den in der Bibel bezeugten Gott Israels als den einen Gott gekommen sind. Damit finden sie sich zusammen mit Israel, mit dem Judentum, in einer Hoffnungsgeschichte vor und nicht in einer Erfüllungsgeschichte.

Sodann ist zu hinterfragen, ob die Übersetzung des in diesen Zusammenhängen gebrauchten griechischen Wortes mit „erfüllen“ die angemessenste ist. Die besonders im Matthäusevangelium öfters begegnende Formulierung: „damit bzw. sodass erfüllt würde, was geschrieben steht“ hat eine genaue sachliche Entsprechung in der bei den Rabbinen mehr als 200-mal begegnenden Wendung: „um aufzurichten/zustande zu bringen/auszuführen, was gesagt worden ist“. Bei dem Wort „erfüllen“ ist die Vorstellung von einem Leerraum da, der gefüllt werden muss; und wenn er voll ist, ist die Sache erledigt. Aber das in den biblischen Texten Gesagte ist nicht „erledigt“. Und auch das mit „erfüllen“ übersetzte griechische Wort kann sich von dieser Vorstellung lösen und die Bedeutung „ausführen“, „verwirklichen“ haben. Weder die rabbinischen noch die neutestamentlichen Stellen, die ein erzähltes Geschehen durch die angeführte Wendung mit der Schrift verbinden, sind im Schema von Verheißung und Erfüllung geschrieben. Ihre Autoren entdecken vielmehr Momente dessen, worüber sie jeweils schreiben, in der Schrift. Indem sie das kenntlich machen, bringen sie das Mitsein Gottes im beschriebenen Geschehen und sein Wirken darin zum Ausdruck.

6. Versuch einer kurzen Antwort auf die Titelfrage

Lesen Juden und Christen dieselbe Bibel? Ich verbinde diese Frage mit einer Aussage Gadamers: „Wir lesen niemals dasselbe Buch. Weil wir uns als Lesende verändern. Weil wir, wenn wir ein Buch ein zweites Mal lesen, uns in einer anderen Situation befinden als beim ersten Mal.“ Ich habe in meinem Studium und auch noch Jahre danach die Bibel und besonders das Alte Testament anders gelesen als heute. Ich lese heute anders, weil ich mich verändert habe. Ich habe mich verändert – jetzt nehme ich eine schöne Formulierung Jürgen Ebachs auf – im Hören „auf das, was Israel gesagt ist und was in Israel gesagt wird“. So antworte ich: Ob wir im Blick auf die identischen Teile von jüdischer Bibel und Altem Testament dieselbe Bibel lesen, hängt davon ab, wie wir sie lesen. Genauer: ob wir Christinnen und Christen es lernen, unsere Bibel im Hören auf jüdisches Zeugnis und also im Bewusstsein der Gegenwart Israels zu lesen.

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