Brüderlichkeit. Neuer Dialog ist nötig

Das jüdisch-christliche Gespräch war erfolgreich. Nun gilt es, sich weiteren Fragen zuzuwenden

Dmitrij Belkin, © Gerhard Pauly

© Ger­hard Pau­ly

Ist der jüdisch-christ­li­che Dia­log obso­let gewor­den? Eine Selbst­recht­fer­ti­gungs-ver­an­stal­tung katho­li­scher und evan­ge­li­scher Chris­ten mit eini­gen »Ali­bi­ju­den«? Ist die offi­zi­el­le »Brü­der­lich­keit« für eine Woche nur ein sym­bol­po­li­ti­scher Ersatz für eine »Geschwis­ter­lich­keit«, die nie enden soll­te? Und ist das »wah­re« Gespräch für Juden heu­te nicht eher das mit Mus­li­men?

Die­se Fra­gen sind offen zu stel­len, zumal in einer jüdi­schen Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaft, die schlicht anders tickt als die jüdi­sche Gemein­schaft der »Bon­ner Repu­blik«. Eine ande­re Epo­che prägt einen ande­ren Dia­log.

Differenz

Die­ser braucht ein vita­les Inter­es­se auf bei­den Sei­ten. Eine Bereit­schaft, die Dif­fe­renz und auch das Absur­de im Dia­log zuzu­las­sen, muss her. Denn was uns heu­te trennt, ist nicht mehr nur »die Geschich­te«, wie Ernst Lud­wig Ehr­lich, einer der jüdi­schen Pio­nie­re des Dia­logs nach dem Holo­caust, treff­lich for­mu­lier­te.

Heu­te tren­nen uns Ahnungs­lo­sig­keit und Igno­ranz. Man­che Chris­ten lie­ben die für sie abs­trak­ten jüdi­schen Opfer und glau­ben an die heils­ge­schicht­li­che Gegen­wart des Staa­tes Isra­el. Der Phi­lo­se­mi­tis­mus ist heiß und blind. Das rea­le Juden­tum von heu­te inter­es­siert dabei weni­ger. Auch eini­ge jun­ge Juden, deren Eltern in der Sowjet­uni­on der 70er- und 80er-Jah­re im jüdisch-christ­li­chen reli­giö­sen und kul­tu­rel­len Bereich Ant­wor­ten such­ten, wol­len davon nichts mehr hören. Das sei vor­bei und reak­tio­när.

Judenmission

Vie­les wur­de im jahr­zehn­te­lan­gen Dia­log erreicht. Der Ver­zicht auf Juden­mis­si­on durch die EKD ist eine wich­ti­ge Errun­gen­schaft. Die irri­tie­ren­de Kar­frei­tags­für­bit­te durch Bene­dikt XVI. gehört abge­schafft – die Bit­te um eine »Erleuch­tung der Juden« ist ja nicht gera­de eine gute Gesprächs­grund­la­ge. Die Natio­na­lis­ten, die von einem »jüdisch-christ­li­chen Abend­land« reden, tren­nen uns noch mehr. Was sie in Aus­sicht stel­len, ist eine ideo­lo­gi­sche Mau­er. Juden, die auf die­ses »Abend­land« als Schutz gegen den Anti­se­mi­tis­mus von Tei­len der mus­li­mi­schen Com­mu­ni­ty hof­fen, irren.

Wir soll­ten die Akteu­re des frü­he­ren jüdisch-christ­li­chen Dia­logs auf bei­den Sei­ten respek­tie­ren und nicht zögern, von ihnen direkt zu ler­nen. Die not­wen­di­gen Ände­run­gen im Gespräch sind sub­stan­zi­ell. Wir benö­ti­gen eine neue poli­ti­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­spra­che sowie eine dezen­te reli­giö­se Alpha­be­ti­sie­rung.

Der Autor ist His­to­ri­ker, Refe­rent bei ELES und sitzt im Vor­stand der AG Juden und Chris­ten beim Deut­schen Evan­ge­li­schen Kir­chen­tag.

 

Zuerst ver­öf­fent­lich in der Jüdi­schen All­ge­mei­nen Wochen­zei­tung.

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Dmitrij Belkin

Dr. Dmitrij Belkin (geb. 1971 in der UdSSR), Historiker, Ausstellungsmacher, Publizist, Referent bei ELES und Vorstandsmitglied der AG Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag. Dezember 1993: Auswanderung nach Deutschland als jüdischer ›Kontingentflüchtling‹. Studierte Geschichte und Philosophie in Dnepropetrovsk (Ukraine) und Tübingen, wo er auch promovierte. Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in Tübingen (Institutum Judaicum) und Frankfurt (MPI für Rechtsgeschichte). Forschungsaufenthalt in den USA, Stipendien an der NYU und Harvard University. Kurator im Jüdischen Museum Frankfurt, breit diskutierte Ausstellungen »Ausgerechnet Deutschland! Jüdisch-russische Einwanderung in die Bundesrepublik« (2010), »Bild dir dein Volk! Axel Springer und die Juden« (2012-13). Monographie mit den zahlreichen jüdisch-christlichen Bezügen: »Gäste, die bleiben: Vladimir Solov’ev, die Juden und die Deutschen« (Hamburg, 2008). Akademische Artikel sowie Veröffentlichungen in der gesamtdeutschen Tagespresse und öffentliche Auftritte. 2016 erschien im Campus Verlag sein deutschlandweit diskutiertes Buch »Germanija. Wie ich in Deutschland jüdisch und erwachsen wurde«. Im Juni 2017 erscheint der von ihm mitherausgegebene Band »Neues Judentum – altes Erinnern? Zeiträume des Gedenkens« (Hentrich & Hentrich).

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