Deutschlands zweite Chance. Ein Zwischenruf zur Integrationsdebatte

Die der­zei­ti­ge Debat­te um die Fra­ge nach einer gelin­gen­den Inte­gra­ti­on der Flücht­lin­ge in unse­re Gesell­schaft erin­nert ein wenig an die Aus­ein­an­der­set­zung um die »ange­mes­se­ne« Kin­der­er­zie­hung. Alle wis­sen, dass päd­ago­gi­sche Kon­zep­te und Inter­ven­tio­nen not­wen­dig sind, aber wel­che Ansät­ze über­zeu­gen und sich schließ­lich durch­set­zen, ist in unse­rer plu­ra­len Gesell­schaft immer strit­tig.

Doron Kiesel, © Marco Limberg

Doron Kie­sel, © Mar­co Lim­berg

Über den Inte­gra­ti­ons­be­griff ist eben­so wenig ein Kon­sens her­stell­bar. Dies hat im Wesent­li­chen mit dem Men­schen- und Gesell­schafts­bild zu tun, das die­sem Begriff zugrun­de liegt. Zunächst ein­mal las­sen sich eini­ge sozio­lo­gi­sche Per­spek­ti­ven benen­nen, die für den Zusam­men­halt einer Gesell­schaft erfor­der­lich sind: Hier­bei han­delt es sich nicht um ideo­lo­gi­sche, son­dern um funk­tio­na­le Teil­be­rei­che die­ses gro­ßen Begriffs »Inte­gra­ti­on«. Unter­schie­den wird zwi­schen der sozia­len, kul­tu­rel­len, öko­no­mi­schen und recht­li­chen Ein­bin­dung in eine Gesell­schaft. Ziel die­ses Pro­zes­ses ist die schritt­wei­se akti­ve Teil­ha­be der Indi­vi­du­en an den unter­schied­li­chen gesell­schaft­li­chen Fel­dern, sodass sie moti­viert wer­den, sich mit der Gemein­schaft und ihren zen­tra­len Wert­ori­en­tie­run­gen zu iden­ti­fi­zie­ren. Der hier beschrie­be­ne Ver­lauf gilt für alle Mit­glie­der der Gesell­schaft, ganz gleich, ob sie mit oder ohne Migra­ti­ons­hin­ter­grund sind.

Dauerhafte Liaison unerwünscht

Zur Erin­ne­rung: Die Angst vor dem Ter­ror sowohl des Assad-Regimes als auch der Mör­der­ban­den des »Isla­mi­schen Staats« oder ande­rer isla­mis­ti­scher Grup­pen trieb sie in Flücht­lings­boo­te, mit denen sie – im bes­ten Fall – in Euro­pa ankom­men und sich auf den Weg machen. Deutsch­land war für die meis­ten von ihnen das Ziel, das gelob­te Land. Sie wis­sen kaum etwas über das Land ihrer Wahl, aber das, was sie wis­sen, reicht ihnen, um sich eine ver­meint­lich gesi­cher­te Zukunft in Mit­tel­eu­ro­pa aus­zu­ma­len.

Deutsch­land öff­ne­te de fac­to sei­ne Gren­zen. Doch mit Ankunft der Flücht­lin­ge begann die eigent­li­che Her­aus­for­de­rung: In der Regel haben die Migran­ten eine grund­le­gend ande­re reli­giö­se, kul­tu­rel­le, sozia­le und poli­tisch Sozia­li­sa­ti­on erfah­ren als die meis­ten Bun­des­bür­ger. Die Her­kunfts­län­der zeich­nen sich dadurch aus, dass deren poli­ti­sches Sys­tem weder demo­kra­tisch noch libe­ral ist, von Rechts­staat­lich­keit kann kei­ne Rede sein.

Durch die Flucht­er­fah­run­gen sind vie­le in ihrer Lebens­pla­nung zutiefst ver­un­si­chert oder gar trau­ma­ti­siert, sodass sie sich zunächst in der Auf­nah­me­ge­sell­schaft kaum ori­en­tie­ren kön­nen. Beruf­lich erlern­te Kom­pe­ten­zen oder indi­vi­du­el­le Fähig­kei­ten, über die sie in ihrer Her­kunfts­ge­sell­schaft ver­fügt haben, wer­den in Deutsch­land eben­so wenig erkannt oder aner­kannt wie ihr ehe­ma­li­ger sozia­ler Sta­tus. Die hier beschrie­be­ne bio­gra­fi­sche Situa­ti­on fin­det ihren Aus­druck in dem Begriff »Kul­tur­schock«.

Und hier beginnt ein Déjà-vu: Sind wir nicht in einem Film, den wir alle schon ein­mal gese­hen haben? Vor 60 Jah­ren begann die Arbeits­mi­gra­ti­on nach Deutsch­land, die das Land gra­vie­rend ver­än­dern soll­te. Soge­nann­te Gast­ar­bei­ter wur­den aus ande­ren Län­dern ange­wor­ben; sie ver­spra­chen durch ihre Arbeit den Wirt­schafts­auf­schwung dadurch zu sta­bi­li­sie­ren, dass sie den Arbeits­kräf­te­man­gel kom­pen­sier­ten. Bei­de Par­tei­en – die Arbeits­mi­gran­ten wie auch die deut­sche Gesell­schaft – gin­gen davon aus, dass die Gast­ar­bei­ter nach geta­ner Arbeit in ihre Hei­mat­län­der zurück­keh­ren wür­den. Eine dau­er­haf­te Liai­son war weder vor­ge­se­hen noch erwünscht. Wie wir wis­sen, ging die Geschich­te aber völ­lig anders aus. Ein Groß­teil der Migran­ten blieb in Deutsch­land, ohne dass sich Deutsch­land als Ein­wan­de­rungs­land ver­stand. So ent­wi­ckel­ten sich »hin­ter dem Rücken« der Auf­nah­me­ge­sell­schaft migran­ti­sche Lebens­for­men, die nicht sel­ten auf Unver­ständ­nis oder Ableh­nung bei der Mehr­heit stie­ßen.

Erst Jahr­zehn­te nach dem Beginn der Zuwan­de­rung erkann­ten die poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen, dass Inte­gra­ti­on gestal­tet, recht­lich abge­si­chert, finan­ziert und sozi­al­päd­ago­gisch unter­stützt wer­den muss. Der Preis für die ver­spä­te­te Ein­sicht ist hoch: Neben und wegen einer hohen Schul­ab­bre­cher­quo­te unter den Jugend­li­chen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund haben sich teil­wei­se par­al­lel­ge­sell­schaft­li­che Struk­tu­ren ent­wi­ckelt, in deren Rah­men eine reli­gi­ös moti­vier­te Radi­ka­li­sie­rung von vor­wie­gend jun­gen mus­li­mi­schen Män­nern zu beob­ach­ten ist.

Konsequente Erziehung zur Demokratie

Ein Groß­teil der »klas­si­schen« Migran­ten hat inzwi­schen Deutsch­land als Lebens­mit­tel­punkt gewählt und plant sei­ne Zukunft in die­sem Land. Deut­sche und Zuwan­de­rer, zum Teil bereits in drit­ter Gene­ra­ti­on, haben sich arran­giert, eine Art sta­bi­ler Ver­nunft­ehe, um die uns man­che Nach­bar­staa­ten benei­den. Kri­sen und Kon­flik­te sind bei die­ser Kon­stel­la­ti­on weder aus­ge­schlos­sen noch über­ra­schend.

Und wie steht es um die Flücht­lin­ge? Der von ihnen geäu­ßer­te Wil­le, in Deutsch­land blei­ben zu wol­len, geht nahe­lie­gen­der­wei­se mit der Bereit­schaft ein­her, sich auf die gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Spiel­re­geln des Auf­nah­me­lan­des ein­zu­las­sen. Gleich­wohl ist die­ses Inte­gra­ti­ons­pro­jekt zum Schei­tern ver­ur­teilt, wenn die not­wen­di­ge Infra­struk­tur sei­tens der Auf­nah­me­ge­sell­schaft nicht zur Ver­fü­gung gestellt wird. Hier­zu zäh­len Woh­nun­gen, Arbeit, Sprach­un­ter­richt und Bil­dungs­an­ge­bo­te. All dies wird nur im Zusam­men­hang mit einer kon­se­quent durch­ge­führ­ten Demo­kra­tie­er­zie­hung fruch­ten, deren Ziel es sein muss, die grund­ge­setz­lich ver­an­ker­ten Rech­te und Pflich­ten ken­nen-, wür­di­gen und befol­gen zu ler­nen.

Im Fal­le der Flücht­lin­ge stellt sich jedoch zunächst ein­mal die Fra­ge, ob ein gesell­schaft­li­cher Kon­sens dar­über besteht, dass sie in Deutsch­land blei­ben sol­len. Unab­hän­gig von die­ser Ein­schät­zung schreibt das Asyl­recht vor, dass Per­so­nen aus Bür­ger­kriegs­län­dern nicht in ihre Hei­mat abge­scho­ben wer­den dür­fen, da ihnen dort Ver­fol­gung oder gar der Tod dro­hen könn­te. Da damit zu rech­nen ist, dass die Befrie­dung der nah­öst­li­chen Bür­ger­krie­ge noch lan­ge auf sich war­ten lässt und die über­wie­gend trau­ma­ti­sier­ten Flücht­lin­ge in abseh­ba­rer Zeit nicht mehr in ihre Her­kunfts­län­der zurück­keh­ren wol­len und kön­nen, stellt sich die Fra­ge nach einem intel­li­gen­ten und zukunfts­ori­en­tier­ten Umgang mit der Situa­ti­on.

Integration ist ein Angebot

Deutsch­land hat es in den ers­ten Jahr­zehn­ten der Zuwan­de­rung nach dem Zwei­ten Welt­krieg ver­säumt, die Tat­sa­che anzu­er­ken­nen, dass der Pro­zess der Immi­gra­ti­on irrever­si­bel ist. Erst 50 Jah­re nach dem Beginn der Anwer­bung von Arbeits­mi­gran­ten ent­schied sich die poli­ti­sche Mehr­heit, die Rea­li­tä­ten juris­tisch zu sank­tio­nie­ren.

In all die­sen Jah­ren migra­ti­ons­po­li­ti­scher Pas­si­vi­tät gab es eine Aus­nah­me: Die Auf­nah­me der rus­sisch­spra­chi­gen jüdi­schen Zuwan­de­rer wur­de durch diver­se Ange­bo­te unter­füt­tert, die eine Inte­gra­ti­on in und eine Iden­ti­fi­ka­ti­on mit der Auf­nah­me­ge­sell­schaft ermög­li­chen soll­ten. Und dies wur­de zu einer wahr­haf­ten Erfolgs­ge­schich­te.

Deutsch­land erhält nun­mehr eine zwei­te Chan­ce, sich bewusst auf die Ein­glie­de­rung und Ein­bin­dung von Hun­dert­tau­sen­der Men­schen aus uns kaum ver­trau­ten sozia­len und kul­tu­rel­len Kon­tex­ten ein­zu­las­sen. Inte­gra­ti­on ist ein Ange­bot, das von Men­schen mit oder ohne Migra­ti­ons­hin­ter­grund ange­nom­men oder abge­lehnt wer­den kann. Wenn die auf­neh­men­de Gesell­schaft die not­wen­di­gen ein­la­den­den Schrit­te unter­nimmt, wird es nur weni­ge unter den Zuwan­de­rern geben, die ein sol­ches Ange­bot nicht wahr­neh­men kön­nen oder wol­len. Der gesell­schaft­li­che Druck inner­halb der Flücht­lings­com­mu­ni­ty wird so groß sein, dass eine selbst gewähl­te Aus­gren­zung ent­spre­chend geahn­det wird. Wer sich den­noch für den Weg des abwei­chen­den oder kri­mi­nel­len Ver­hal­tens ent­schei­det, wird selbst­ver­ständ­lich mit der Här­te des Geset­zes bestraft. Auf die­se bere­chen­ba­re Reak­ti­on unse­res Jus­tiz­ap­pa­ra­tes soll­te natür­lich Ver­lass im Rechts­staat sein.

 

Mit der Schoah und ihren Konsequenzen auseinandersetzen

Das libe­ra­le Inte­gra­ti­ons­kon­zept impli­ziert eben­so wie das Grund­ge­setz, dass jeder Mensch das Recht hat, sich kul­tu­rell und reli­gi­ös zu ent­fal­ten. Die Reli­gi­ons­frei­heit und die Gleich­be­rech­ti­gung unter den Geschlech­tern sind heh­re und erkämpf­te Wer­te in unse­rer Gesell­schaft. Kon­flik­te und Rei­bun­gen sind bei der Durch­set­zung die­ser Über­zeu­gun­gen vor­aus­seh­bar. Hier gilt es zu erklä­ren, zu wer­ben und enga­giert für die eige­nen Posi­tio­nen zu strei­ten. Zugleich müs­sen wir auf­merk­sam sein, um For­men der Unter­drü­ckung, die im Namen reli­giö­ser oder kul­tu­rel­ler Tra­di­tio­nen prak­ti­ziert wer­den, recht­zei­tig zu skan­da­li­sie­ren und gege­be­nen­falls recht­li­che Schrit­te ein­zu­lei­ten.

Inte­gra­ti­on beruht auf der Über­zeu­gung, dass der Weg in die Gesell­schaft sich lohnt. Wir kön­nen den vor­bild­haf­ten und Erfolg ver­spre­chen­den Vor­aus­set­zun­gen unse­res Gesell­schafts­sys­tems trau­en und die­sem zutrau­en, die beschrie­be­ne Her­aus­for­de­rung zu meis­tern, ohne Zwang, aber mit kla­ren, trans­pa­ren­ten Struk­tu­ren, die den Weg vom Rand in die Mit­te der Gesell­schaft eröff­nen.

Soll­ten die zuvor genann­ten Inte­gra­ti­ons­bau­stei­ne aus­blei­ben, wer­den Befürch­tun­gen, die in der jüdi­schen Gemein­schaft im Blick auf mög­li­che anti­se­mi­ti­sche und anti­is­rae­li­sche Ein­stel­lun­gen gehegt wer­den, sehr ernst zu neh­men sein. Frus­trier­te und aus­ge­grenz­te Ange­hö­ri­ge von eth­nisch-reli­giö­sen Min­der­hei­ten reagie­ren häu­fig in Form einer reli­giö­sen Abkap­se­lung und der Suche nach den Ver­ant­wort­li­chen für ihre Situa­ti­on. Die Empi­rie lehrt uns, dass in die­sen Fäl­len Juden oder Israe­lis bevor­zug­te Zie­le dar­stel­len. Eine der Haupt­auf­ga­ben der poli­ti­schen Bil­dung der Flücht­lin­ge wird es sein, ihnen zu ver­mit­teln, dass sie in ein Land gekom­men sind, das ihnen nur dann eine Zukunft ver­spre­chen kann und will, wenn sie sich mit der Scho­ah und ihren Kon­se­quen­zen aus­ein­an­der­set­zen. Dies gehört eben­so zu den Pflich­ten einer reflek­tier­ten poli­ti­schen Kul­tur wie der huma­ne Umgang mit Flücht­lin­gen.

 

Zuerst erschie­nen in: nach­rich­ten der Evan­ge­lisch-Luthe­ri­schen Kir­che in Bay­ern 2 (2016) , 22–24.

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Doron Kiesel

Dr. Doron Kiesel ist Professor em. für Interkulturelle und Internationale Pädagogik und Soziale Arbeit an der Fachhochschule Erfurt und Mitglied des Vorstandes der AG Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag; zahlreiche Veröffentlichungen zu migrationspädagogischen und migrationssoziologischen Fragen; Forschungsschwerpunkt: Untersuchungen zur Integration russischsprachiger Juden in Deutschland seit 1990; seit 2012 Wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland.

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