Ist das Christentum kein Einzelkind?

Das Christentum gilt lange Zeit als Tochter des Judentums. In christlichem Denken, in Theologie und auch in Machtpolitik nabelt es sich in der Antike von seiner Mutter ab und entwickelte zum Teil einen Hass auf sie, der bis zur Vernichtung führte. Erst nach der Shoa, dem tragischen Höhepunkt jener Israel-Vergessenheit, besinnen sich christliche Theologie und Kirchen auf ihre Wurzeln und so auf Gemeinsamkeiten, geteilte Ziele in der Gegenwart und die Notwendigkeit einer positiven Besinnung auf Jüd*innen.

In der Forschung werden Jesus und auch Paulus als Juden wiederentdeckt: Sie waren weder Christen, noch ›erfanden‹ sie das Christentum. Die urchristliche Bewegung wird ebenso wie die Evangelien wieder als jüdisch verstanden. Forschungen wie jene von Daniel Boyarin oder Peter Schäfer zeigen nicht nur eine größere jüdische Kontinuität der als urchristlich verstandenen Jesus-Bewegung, sondern sie weisen auch darauf hin, dass das Judentum und das sich entwickelnde Christentum eher als Geschwister zu verstehen sind: Das biblische Judentum brachte damit das rabbinische Judentum einerseits und die christliche Bewegung andererseits hervor. Nicht der Juden Jesus von Nazareth und auch nicht der Jude Paulus gründeten ›das Christentum‹, sondern in der Forschung wird davon ausgegangen – und das ist der entscheidende Paradigmenwechsel –, dass erst im 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung von einer Trennung dessen gesprochen werden kann, was wir als Judentum und Christentum kennen. Und die Geschichte ist nicht von einseitigen, sondern von gegenseitigen Beeinflussungen geprägt (wie z.B. in Theologie und auch Liturgie) – weit über die Antike hinaus.

Das Christentum entwickelt dann geradezu frenetischen Hass in Erbstreitigkeiten mit ihrer Schwester, dem Judentum: Sie, das Christentum, sie das wahre Israel, ihr gelten die biblischen Verheißungen, und seine Schwester sei auf dem Irrweg.

Biologische Bilder und Metaphern können problematisch sein, und sie können überstrapaziert werden. Aber deutlich wird: Die Ursprünge des Christentums sind jüdisch; es gibt nicht nur keine nicht-jüdischen Ursprünge des Christentums, sondern die Anfänge des Christentums selbst sind eigentlich nicht einmal christlich.

Auch deswegen führt diese gemeinsame Geschichte zu Asymmetrien – nicht nur in der Historie der christlichen Hegemonialtheologie, sondern auch im gegenseitigen Geschwisterverhältnis: Das Christentum ist von seinen Grundlagen und von seiner Basis her radikal abhängig vom Judentum. Es kann nicht ohne jüdische Traditionen gedacht werden. Und asymmetrisch bleibt auch das Gespräch von Jüd*innen und Christ*innen in der Gegenwart: Die gleichberechtige Normalität, die durch Jüd*innen bsp. im 19. Jahrhundert in der Wissenschaft des Judentums von Christen eingefordert wurde, blieb ein Schrei ins Leere und damit versagt. Der Massenmord an den europäischen Jüd*innen – befeuert auch und gerade durch christlichen Judenhass – führte fast nur gänzlichen Vernichtung.

In den dritten Generationen nach der Shoa hat sich Vieles gewandelt in der christlichen Familie in Bezug auf ihre jüdischen Geschwister. Das Christentum ist kein Einzelkind: Diese Erkenntnis bahnt sich langsam und mühsam ihren Weg der Erkenntnis. Denn Notwendiger denn je sind christliche Theologien, die jüdische Traditionen und jüdische Kritik ernst- und fruchtbar aufnehmen, sowie ein gemeinsames Wirken in der Gesellschaft zusammen mit Jüd*innen – nicht gegen sie, und auch nicht miteinander unter Verweis auf ein als solches nie existierendes sog. ›jüdisch-christliches Abendland‹ gegen Muslim*innen.

Es ist noch viel zu revidieren und aufzuarbeiten in der christlichen Familiengeschichte. Sie kann nicht neu, aber anders geschrieben werden.

Jonas Leipziger

Studium der Evangelischen Theologie und Jüdischen Studien in Neuendettelsau, Heidelberg, Hanover (NH, USA) und Jerusalem; Wiss. Assistent von Prof. Dr. Hanna Liss an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg; Dissertationsprojekt zu Lesepraktiken und Theorien des Lesens im Antiken Judentum; Mitglied im Sonderforschungsbereich 933 Materiale Textkulturen in Heidelberg und Assoziiertes Mitglied des Graduiertenkollegs 1728 Theologie als Wissenschaft in Frankfurt am Main; Alumnus der Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerkes.

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