Gemeinsam in Verschiedenheit: Eine politisch-theologische Perspektive auf das christlich-jüdische Gespräch

Nach dem Stand der christ­lich-jüdi­schen Gesprä­che zu fra­gen heißt an die Aus­gangs­punk­te zu erin­nern, die poli­tisch und theo­lo­gisch zu beden­ken sind: den Ver­such, das euro­päi­sche Juden­tum zu ver­nich­ten, den Bei­trag des theo­lo­gi­schen Anti­ju­da­is­mus zum Juden­hass sowie – posi­tiv – die Exis­tenz des Staa­tes Isra­el.

Zwischen Vergessen und Aufklärung

In Ber­lin 1961 arbei­ten Juden mit Chris­ten erst­mals gleich­be­rech­tigt in einem inter­re­li­giö­sen, öffent­li­chen Dis­kurs auf dem Kir­chen­tag. Er ist asym­me­trisch. Die Min­der­heit der über­le­ben­den Juden reist aus ihrem Exil an und kommt in eine Mehr­heits­ge­sell­schaft, in der lie­ber ver­ges­sen als auf­ge­klärt wird. Es gab weni­ge Wider­stän­di­ge.

Was trieb sie an? Es wird wis­sen­schaft­lich und mit Zeit­zeu­gen gefragt, wie und war­um die Kir­chen mit allen gesell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen sowie die meis­ten Chris­ten und Nicht­chris­ten abseits stan­den, als die jüdi­schen Gemein­den und ihre Got­tes­häu­ser zer­stört wur­den. Die demo­kra­ti­sche Ver­fas­sung der Wei­ma­rer  Repu­blik mit Men­schen­rech­ten, Gerech­tig­keit und Frei­heit fand wenig Ver­tei­di­ger, wäh­rend Anti­se­mi­tis­mus und Natio­na­lis­mus mit Befür­wor­tern und sie ver­stär­ken­den Gleich­gül­ti­gen rech­nen konn­ten.

Nie wieder …

Anfangs stell­te sich päd­ago­gisch und poli­tisch die Fra­ge, ob und was aus den Ver­bre­chen der Ver­gan­gen­heit zu ler­nen ist. Der Satz „Nie wie­der“ sagt heu­ti­gen Gene­ra­tio­nen nach Sho­ah und Krieg wenig bis nichts. Poli­ti­sches und gesell­schaft­li­ches Enga­ge­ment, Ein­üben von Kri­tik und Selbst­kri­tik gehö­ren dazu, gera­de wenn Anti­se­mi­tis­mus, Isla­mo­pho­bie und Anti­zi­ga­nis­mus wach­sen. Es wird gefragt, wie ethi­sche Ver­ant­wor­tung in und von gro­ßen und klei­nen Orga­ni­sa­tio­nen wahr­zu­neh­men ist. Und das in einer Welt, die immer stär­ker ver­netzt ist, deren Wis­sen sich rasant ver­mehrt, wäh­rend das Gewis­sen Ein­zel­ner und von Insti­tu­tio­nen sowie eine Ethik zu Gerech­tig­keit und Ver­ant­wor­tung, Frei­heit und Frie­den leicht ins Hin­ter­tref­fen gera­ten.

Aufarbeitung notwendig

Das all­zu leicht gebrauch­te Wort vom „gemein­sa­men jüdisch-christ­li­chen Erbe“ beschwört etwas, was es hier­zu­lan­de kaum gab. Und es darf nicht als Boll­werk gegen Islam und Säku­la­ris­mus in Stel­lung gebracht wer­den. Zu den Schwie­rig­kei­ten des heu­ti­gen Dia­logs gehört, dass unse­re Gesell­schaft und vie­le ihrer Insti­tu­tio­nen gespal­ten sind. Blo­ckiert die Bil­dung von einem „Pro-Isra­el-Lager“ und einem „Pro-Paläs­ti­na-Lager“ die not­wen­di­ge öffent­li­che Debat­te? Stimmt die Mei­nung, in der his­to­ri­schen, theo­lo­gi­schen und päd­ago­gi­schen Arbeit der letz­ten Jahr­zehn­te sei­en die Fehl­ent­wick­lun­gen in den deutsch-jüdi­schen und christ­lich-jüdi­schen Bezie­hun­gen durch Medi­en, Fakul­tä­ten und gesell­schaft­li­che Grup­pen auf­ge­ar­bei­tet? Jetzt gehe es vor­ran­gig um den Islam!

Noch immer ist eine unhalt­ba­re Geschichts­ideo­lo­gie zur Reli­gi­ons- und Kir­chen­ge­schich­te auf­zu­ar­bei­ten. Nach ihr hat die Kir­che als das „neue“ oder „wah­re“ Isra­el das jüdi­sche Volk als Got­tes Zeu­ge abge­löst, weil das jüdi­sche Volk Jesus als Mes­si­as abge­lehnt habe. Des­halb sei es ent­erbt und die „Toch­ter“ Kir­che an die Stel­le der „Mut­ter“ Isra­el getre­ten. Bei­de jedoch sind Geschwis­ter auf Augen­hö­he, weil sie auf dem Grund der gemein­sa­men, wenn auch unter­schied­lich gele­se­nen Hebräi­schen Bibel leben.

Jesus bleibt Jude

Der Jude Jesus hat­te wie die Urchris­ten­heit kei­ne ande­re Hei­li­ge Schrift. Er ist mit sei­nem Ster­ben und Leben und mit sei­ner Bot­schaft kei­nes­wegs im Gegen­satz zum Juden­tum zu defi­nie­ren. Er ver­ließ sei­ne jüdi­sche Gemein­de nie, rang in ihr und mit ihr um das rech­te Ver­ständ­nis der Bibel. Das „Ich aber sage euch …“ in der Berg­pre­digt ist kei­ne Anti­the­se zum Alten Tes­ta­ment, son­dern sei­ne Aus­le­gung. Wird das ver­ges­sen, wer­den die jüdi­sche Bibel, also auch der größ­te Teil der christ­li­chen Bibel, wie das Juden­tum zu blo­ßen Vor­ge­schich­ten des Chris­tus­ge­sche­hens. Dabei steht für Isra­el wie für die Kir­che die Voll­endung des Got­tes­rei­ches, für die Chris­ten die Wie­der­kehr des Chris­tus aus. Der christ­li­che Glau­be an Jesus als den Mes­si­as unter­schei­det Juden und Chris­ten, schafft aber weder eine christ­li­che Über­le­gen­heit noch ein jüdi­sches Defi­zit.

Mes­sia­nisch hof­fen bei­de. Der Ruf zur Umkehr im All­tag durch Johan­nes den Täu­fer und durch Jesus ange­sichts des nahen Got­tes­rei­ches ist ein biblisch-pro­phe­ti­scher Ruf „heu­te, so ihr sei­ne Stim­me hört“ (Ps 95,7; Hebr 3,7.15). Eine Kern­fra­ge muss beant­wor­tet wer­den: Wie kön­nen Chris­ten sich zu Jesus, dem Mes­si­as, dem Chris­tus mit guten bibli­schen Grün­den beken­nen, ohne den jüdi­schen Glau­ben als defi­zi­tär abzu­wer­ten?

Vielfalt christlicher Konfessionen

Am Anfang der christ­li­chen Leh­r­ent­wick­lung ste­hen vie­le Chris­to­lo­gi­en, nicht eine. Die Viel­falt der christ­li­chen Kon­fes­sio­nen ver­dankt sich nicht den Abspal­tun­gen von einem einst ein­heit­li­chen Urbe­kennt­nis als viel­mehr den unter­schied­li­chen Akzent­set­zun­gen der neu­tes­ta­ment­li­chen Auto­ren sowie den Ein­flüs­sen unter­schied­li­cher sozia­ler, kul­tu­rel­ler oder staat­li­cher Kon­tex­te und Epo­chen. Pau­lus schreibt zwei Gene­ra­tio­nen vor dem Zeit­dia­gnos­ti­ker und Apo­ka­lyp­ti­ker Johan­nes oder dem Ethi­ker Jako­bus. Die Evan­ge­li­en sind nicht jeweils aus einem Guss geschrie­ben, son­dern Mate­ri­al­samm­lun­gen, die auf „Augen­zeu­gen und Die­ner des Wor­tes“ (Luk 1,4) zurück­ge­hen. Wer­den die Wor­te der Bibel als „Dog­men“ fixiert, sind sie gleich­sam „zer­reiß­fes­te Welt­an­schau­un­gen“ (Robert Musil) oder Erlas­se irgend­ei­ner „Haupt­ver­wal­tung ewi­ger Wahr­hei­ten“ (Robert Have­mann), leb­los, aber lebens­ge­fähr­lich.

Im lebendigen Gespräch bleiben

Die Tex­te der Bibel stam­men aus tau­send Jah­ren, ent­fal­ten sich, ent­hal­ten Wider­sprü­che, set­zen in neu­en Situa­tio­nen und ande­ren Zei­ten neue Schwer­punk­te. Kir­che und Isra­el sind in einem leben­di­gen Gespräch mit und über Gott und die Welt unter­wegs. Wie – dar­über geht in der rab­bi­ni­schen Lite­ra­tur wie bei den Kir­chen­vä­tern eine leben­di­ge Dis­kus­si­on. Wege zu Got­tes Wahr­heit ver­fü­gen nicht über sie, aber sie ist als „Stück­werk“ (so Pau­lus 1 Kor 13) zu erken­nen. Erst ein Staats­kir­chen­tum nach Kon­stan­tin ver­langt im Impe­ri­um Roma­num eine ein­heit­li­che Leh­re.

Positive Wende

Am 10.9.2000 spricht in der „New York Times“ ein Auf­ruf vie­ler jüdi­scher Wis­sen­schaft­ler und Rab­bi­ner von einer dra­ma­ti­schen und posi­ti­ven Wen­de in den christ­lich-jüdi­schen Bezie­hun­gen – nach „2000 Jah­ren, in denen das Juden­tum als Vor­läu­fer-Reli­gi­on des Chris­ten­tums“ nur wahr­ge­nom­men wur­de. Viel­leicht beschreibt das eini­ge Schrit­te auf dem Weg, den der rus­si­sche Reli­gi­ons­phi­lo­soph Wla­di­mir Solo­vjov um 1900 in sei­ner „Erzäh­lung vom Anti­christ“ für das Ende der Tage visio­när sieht (nach Micha 4,1-5): Die Völ­ker der Welt zie­hen gemein­sam, aber in Kon­fes­sio­nen unter­schie­den nach Jeru­sa­lem, dem Zen­trum des jüdi­schen Vol­kes. Sie wer­den jeweils ange­führt von einem Patri­ar­chen Johan­nes, einem Papst Petrus und einem Pro­fes­sor Pau­li. Solo­vjov sieht ortho­do­xe Theo­lo­gie und Kir­che reprä­sen­tiert durch „Johan­nes“, das heißt die neu­tes­ta­ment­li­chen Schrif­ten, die sei­nen Namen tra­gen. Petrus, als ers­ter Inha­ber des römi­schen Bischofs­sit­zes, ver­tritt die römi­schen Katho­li­ken. Für die Pro­tes­tan­ten steht der Apos­tel Pau­lus, des­sen Theo­lo­gie die Refor­ma­ti­on und ihre Wir­kungs­ge­schich­te weit­ge­hend prä­gen.

 

Die­ser Bei­trag erschien zuerst im Maga­zin Der Kir­chen­tag (1) 2018, 20–21.

Download PDF

AG

c/o Ev. Akademie zu Berlin
Charlottenstraße 53/54
10117 Berlin (Mitte)