Wenn Jesus ein Jude war, warum gibt es dann christliche Judenfeindschaft?

Wenn Jesus ein Jude war, warum gibt es dann christliche Judenfeindschaft?

Eine kurze Antwort auf diese Frage könnte heißen: Genau deshalb.
Erstens ist im Neuen Testament schon deutlich, dass es im 1. Jahrhundert innerjüdische Konflikte gab, über den Weg gegenüber Rom und nach der Zerstörung des Tempels. Das, was oft als ein christlich jüdischer Konflikt beschrieben wird, ist in Wahrheit ein innerjüdischer. Denn nicht nur Jesus war Jude, sondern auch die ersten Christen waren Juden. Als Christentum und Judentum getrennt Wege gingen, begann im Christentum ein Prozess ein Negativbild vom Judentum zu entwickeln. Geprägt war dieser Prozess, dass das eigene Negative, Abgründige, Unsichere, Glaubensproblem auf die Juden projiziert wurde. Wenn „die Juden“ dunkel waren, strahlte der eigene Glauben.

Da ist zunächst der klassische und tatsächlich schon im Neuen Testament angelegte Vorwurf des Gottesmordes. Dies setzt erstens voraus, dass Jesu Tod am Kreuz nicht den Römischen Behörden, sondern den Juden zugeschrieben, sowie zweitens dass Jesus Christus als Sohn Gottes und damit gottgleich verstanden wird. Beides ist biblisch und historisch kaum zu belegen und weist auf eine spätere (un-)heilsgeschichtliche Erzählung. Die innere christliche Logik des Todes von Jesus Christus als durch seine Auferweckung bestätigtes Heilsgeschehen an Juden und den Völkern, also allen Menschen wird mit dem Mordvorwurf konterkariert. Zugespitzt und theologisch etwas unterkomplex gesagt: Wäre es Mord, dann kein Erlösungsgeschehen, ist es ein Erlösungsgeschehen, dann sind die Verantwortlichen zumindest Werkzeuge Gottes im Sinne des geglaubten Erlösungsgeschehens. Der Gottesmordvorwurf an die Juden korrespondiert mit der für die spätere Kirche kränkenden Tatsache, dass die meisten Juden und Jüdinnen sich nicht zu dem neuen Glauben an den Messias Jesus bekannten. Vielleicht aber dient der Gottesmordvorwurf aber auch dazu die eigenen Mühen im Glauben daran, dass Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch sei, gleichsam ex negativo.

Das angebliche Verratsmotiv des Judas ist wiederum eine Steigerung in diesem der inneren Logik des als Teil des göttlichen Heilsgeschehen verstandenen Todes Jesus widerstreitenden Glaubens- und Denkmodell. Judas verrät Jesus angeblich durch einen den römischen Soldaten markierenden Kuss. Der Bruch mit der inneren Logik des Heilsgeschehens ist bereits erwähnt. Die zweite Irritation entsteht, wenn wir wissen, dass Jesus ja schon einige Berühmtheit erlangt hatte, die Sicherheitsbehörden als kaum auf ein körperliches Signal zur Markierung des zu Ergreifenden angewiesen waren. Dass für diese Markierung auch noch Geld bezahlt worden sein soll, ergänzt die Theorie der Verstrickung und sie endet fast notwendig mit der Bestätigung des Bösen durch seinen Selbstmord.

Für die Kirchenväter der alten Kirche wurde dann Judas zum Sinnbild für die Juden.

Was sich im Einzelnen als Geschichte des Judas darstellt, ist generell die Geschichte der Juden. […]Wer sind wohl die Söhne von Judas? Die Juden. Die Juden tragen nämlich ihren Namen nicht nach Juda [dem Sohn Jakobs], der ein heiliger Mann war, sondern nach dem Verräter Judas. In der Linie von Juda sind wir [Christen] Juden im Geiste – in der Linie des Verräters Judas aber stehen die Juden nach dem Fleisch.«

Juden sind also nach dieser Lesart nicht nur Nachfolger des Judas und damit eben auch die Gottes-Verräter, sondern eben fortan das umfassend negative Gegenbild zu den Christen. Alt gegen neu, Fleisch gegen Geist, Gesetz gegen Gnade, Rache gegen Liebe und in moderneren Zeiten unter anderem direkt an diese Dualismen anschließend Partikularität gegen Universalität und Gewalt gegen Gewaltlosigkeit. Diese Dualismen währen bis heute und sind untergründig eine Verlängerung jenes kirchengeschichtlich gewachsenen Judenhasses.

Christian Staffa

Dr. Christian Staffa ist Studienleiter für Demokratische Kultur und Kirche an der Evangelischen Akademie zu Berlin und Mitglied des Vorstandes der AG Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag; langjähriger Geschäftsführer von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. (ASF); Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung AMCHA, Mitglied des Kuratoriums Instituts Kirche und Judentum, Mitglied im SprecherInnerat der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus und Vorstandsmitglied der Martin-Niemöller-Stiftung.

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