Wer bin ich und wenn ja, was noch? Wie jüdisch ist christlich? Wie christlich ist jüdisch?

Moderne Menschen, meint der Historiker aus Berkeley Yuri Slezkine in seinem Weltbestseller The Jewish Century, seien urban, flexibel, gebildet und kultiviert geworden. Kurz: Sie seien »jüdisch« geworden.

Moderne christliche Menschen sind in Deutschland schuldbewusst (Holocaust und das Schweigen bzw. die Mittäterschaft der Millionen von Christen), sozial, nicht sonderlich spirituell und meistens philosemitisch geworden. Sie sind keine »Juden«, sie brauchen das Judentum aber für eine Selbstlegitimierung – und für eine Legitimierung des (post)christlichen Europas. Die Christen in Deutschland wissen vergleichsweise viel über das Judentum. Das Christliche ist heute keinesfalls jüdisch. Sehr oft ist es aber auch nicht christlich. Sowohl jüdische als auch christliche religiöse Inhalte sind aktuell nicht von großem Interesse.

Das Jüdische ist in Deutschland – oh Paradox! – stark christlich geprägt, vor allem durch die staatskirchenrechtliche Organisationsstruktur der Gemeinschaft. Doch das Interesse am Christentum hält sich im jüdischen Milieu eher in überschaubaren Grenzen. Das betrifft auch die Mehrheitsgesellschaft. Der christliche Antijudaismus und der moderne Antisemitismus haben zahlreiche religiöse und kulturelle Einflüsse des antiken, mittelalterlichen und modernen Christentums auf das Judentum und die gegenseitige Bereicherung der Religionen gesellschaftlich irrelevant gemacht. Das hat weniger mit der Geschichte zu tun – das hat vor allem mit der Erinnerung sowie mit den Konventionen der heutigen Gesellschaft zu tun.

Die »Geschwister«, so werden Juden und Christen heute nicht selten genannt, leben ein Leben einer sich kaum registrierenden Nachbarschaft. In den seltenen Fällen, besonders wenn die politischen Randalierer mit ihrem antiislamischen »jüdisch-christlichen Abendland« die gesellschaftliche »WG-Küche« laut betreten, wird gemeinsam dagegen argumentiert. Ansonsten wird viel Symbolpolitik betrieben. Ein freundliches Desinteresse überwiegt

Wir müssen reden. Auch über gegenseitige Beeinflussungen und die zahlreichen Widersprüche.

Dafür ist der Kirchentag gut.

Dmitrij Belkin

Dr. Dmitrij Belkin (geb. 1971 in der UdSSR), Historiker, Ausstellungsmacher, Publizist, Referent bei ELES und Vorstandsmitglied der AG Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag. Dezember 1993: Auswanderung nach Deutschland als jüdischer ›Kontingentflüchtling‹. Studierte Geschichte und Philosophie in Dnepropetrovsk (Ukraine) und Tübingen, wo er auch promovierte. Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in Tübingen (Institutum Judaicum) und Frankfurt (MPI für Rechtsgeschichte). Forschungsaufenthalt in den USA, Stipendien an der NYU und Harvard University. Kurator im Jüdischen Museum Frankfurt, breit diskutierte Ausstellungen »Ausgerechnet Deutschland! Jüdisch-russische Einwanderung in die Bundesrepublik« (2010), »Bild dir dein Volk! Axel Springer und die Juden« (2012-13). Monographie mit den zahlreichen jüdisch-christlichen Bezügen: »Gäste, die bleiben: Vladimir Solov’ev, die Juden und die Deutschen« (Hamburg, 2008). Akademische Artikel sowie Veröffentlichungen in der gesamtdeutschen Tagespresse und öffentliche Auftritte. 2016 erschien im Campus Verlag sein deutschlandweit diskutiertes Buch »Germanija. Wie ich in Deutschland jüdisch und erwachsen wurde«. Im Juni 2017 erscheint der von ihm mitherausgegebene Band »Neues Judentum – altes Erinnern? Zeiträume des Gedenkens« (Hentrich & Hentrich).

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