Neue Gesprächsräume gestalten: Ein persönlicher Blick auf den Kirchentag in Berlin

© DEKT

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Ich muss geste­hen, dass ich froh war, als er end­lich vor­bei war, der Ber­li­ner Kir­chen­tag 2017. Fünf voll­ge­pack­te Tage lie­ßen mir nur wenig Raum für Rück­zug, zur Atem­pau­se, zum Nach­den­ken – geschwei­ge denn Schlaf. Mei­ne Kir­chen­tags­mü­dig­keit resul­tier­te wohl­mög­lich auch dar­aus, dass ich unter ganz ande­ren Vor­aus­set­zun­gen ange­reist war: Vie­len Chris­tin­nen und Chris­ten bie­tet der Kir­chen­tag zahl­rei­che Ange­bo­te, um spi­ri­tu­ell auf­zu­tan­ken; er eröff­net unter­schied­li­che Begeg­nungs­ebe­nen und Gesprächs­räu­me, um sich aus­zu­tau­schen und das eige­ne christ­li­che Selbst­ver­ständ­nis arti­ku­lie­ren zu kön­nen.

Aller­dings war ich weder auf der Suche nach dem einen noch nach dem ande­ren. Und viel­leicht fühl­te ich mich des­halb auch oft fremd und befrem­det im oran­ge­far­be­nen Tau­mel, nicht zuletzt weil mei­ne eige­ne reli­giö­se Musi­ka­li­tät dann doch so ziem­lich auf das Juden­tum in all sei­ner Viel­falt beschränkt ist. Aber wenn alles wirk­li­che Leben Begeg­nung ist, wie Mar­tin Buber schreibt, gilt es dann nicht gera­de aus der Behag­lich­keit der eige­nen Kom­fort­zo­ne her­aus­zu­tre­ten und die Begeg­nung bewusst zu suchen?

Begeg­nung ist schließ­lich nicht der Schritt weg von mir, son­dern der auf den Ande­ren zu.

Was mich moti­viert an die­sem Auf­ein­an­der-Zuge­hen und der gemein­sa­men Aus­ein­an­der­set­zung ist ein Nach­den­ken dar­über, wie ein jüdisch-christ­li­ches Gespräch auf Augen­hö­he statt­fin­den und gelin­gen kann; einer Augen­hö­he, die durch mehr getra­gen wird als durch geis­ti­ge Tritt­lei­tern oder Knie­beu­gen. Denn es geht nicht nur um das theo­lo­gi­sche Ver­hält­nis von Juden­tum und Chris­ten­tum, son­dern eben auch dar­um, wie wir uns ange­sichts bestehen­der und nur schwer zu über­win­den­der Asym­me­tri­en im gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Kon­text begeg­nen kön­nen und wol­len. Das ist in der Pra­xis jedoch ein­fa­cher gesagt als getan, gera­de wenn unter­schied­li­che Erwar­tungs­ho­ri­zon­te auf­ein­an­der­tref­fen.

Der Ver­such, sich dem stän­dig als Jude oder Jüdin – als der oder die Ande­re – mar­kiert zu wer­den zu ent­zie­hen, ging in der gemein­sa­men Bibel­ar­beit mit mei­nem Hei­del­ber­ger Kol­le­gen Jonas Leip­zi­ger jeden­falls gründ­lich schief, da ein Groß­teil des Publi­kums die ent­spre­chen­den Mar­kie­run­gen erwar­te­te und gar ein­for­der­te. Aber wer­de ich nicht dadurch auf mein Jüdisch­sein redu­ziert, in mei­ner Iden­ti­tät essen­zia­li­siert? Kann und soll es wirk­lich dar­um gehen, vor­ge­ge­be­ne Rol­le zu reprä­sen­tie­ren und zu ver­tre­ten, anstatt sich als Per­so­nen mit kom­ple­xen Bezugs­sys­te­men in einem gemein­sa­men Refle­xi­ons­pro­zess aus­zu­tau­schen?

Ich glau­be, mir ist erst im Erle­ben des Kir­chen­ta­ges bewusst gewor­den, wie sehr das jüdisch-christ­li­che Gespräch geprägt ist von unter­schied­li­chen Begeh­ren, Wün­schen und Erwar­tungs­hal­tun­gen, die nicht immer ein­fach auf­zu­fan­gen und auf­zu­grei­fen sind. Umso wich­ti­ger erscheint es mir, in der Bewusst­ma­chung die­ser Momen­te neue Gesprächs­räu­me für gemein­sa­me Aus­hand­lungs­pro­zes­se zu gestal­ten. Vor allem da sich bezüg­lich der jüdi­schen Gesprächs­part­ne­rin­nen und Gesprächs­part­ner hier­zu­lan­de etwas Grund­le­gen­des ver­än­dert hat.

Es exis­tiert nun eine jüdi­sche Gemein­schaft in Deutsch­land, die – wenn auch nicht immer unter ein­fa­chen Bedin­gun­gen – ihr Selbst­ver­ständ­nis bewusst und offen lebt, und die sich plu­ral und poly­phon arti­ku­liert. Aber eben auf eine ande­re Art und Wei­se als in den jüdi­schen Zen­tren in Nord­ame­ri­ka und Isra­el. Das kann durch­aus irri­tie­ren: Bei man­chen Chris­tin­nen und Chris­ten, denen ich auf dem Kir­chen­tag begeg­ne­te, spür­te ich die Sehn­sucht nach einer ver­meint­li­chen jüdi­schen Authen­ti­zi­tät, die jedoch auf­grund ihrer per­sön­li­chen Befind­lich­kei­ten, Stand­punk­te und Pro­jek­tio­nen eben­so unre­flek­tiert wie schnell in ste­reo­ty­pe Zuschrei­bun­gen abdrif­te­te.

Aber Begeg­nung soll­te nie­mals von Gewiss­hei­ten über sich und den oder die Ande­re bestimmt sein. Viel­mehr erfor­dert sie den Mut, die eige­nen Unge­wiss­hei­ten aus­zu­hal­ten.

Ziel der Begeg­nung soll­te sein, dass ein jeder oder jede für sich etwas in der Begeg­nung ent­de­cken kann, was er oder sie mit dem Eige­nen in Ver­bin­dung zu brin­gen ver­mag. Das heißt: wenn wir a.) in Aus­ein­an­der­set­zung mit unse­ren eige­nen Grund­la­gen, aber b.) ver­bun­den durch die Aus­ein­an­der­set­zung mit denen der ande­ren c.) die eige­ne Posi­ti­on deut­lich machen kön­nen, was es d.) dem oder der ande­ren ermög­licht etwas für sein oder ihr Ver­ste­hen – über uns, aber auch über sich selbst – zu gewin­nen. Des­halb soll­te es im jüdisch-christ­li­chen Gespräch nicht pri­mär um Haupt­wör­ter gehen, das heißt um Juden­tum oder Chris­ten­tum, son­dern um die Man­nig­fal­tig­keit der dar­an teil­neh­men­den Per­so­nen.

Das jüdisch-christ­li­che Gespräch ist dyna­misch, es ver­än­dert sich stän­dig, und ent­spre­chend müs­sen auch die Fra­gen nach dem, was uns ver­bin­det und was uns trennt, was uns gemein­sam angeht oder aber was wir unab­hän­gig von­ein­an­der ver­han­deln müs­sen, immer neu gestellt wer­den. Aber wir müs­sen auch ver­ste­hen, dass bestimm­te Dis­kur­se, die wir füh­ren, zwar oft­mals ver­bun­den, aber nicht immer iden­tisch für alle Betei­lig­ten sind: Bei­spiels­wei­se ist Anti­se­mi­tis­mus zu defi­nie­ren nicht das Glei­che, wie ihn zu erfah­ren. Auch ist Jüdisch­sein für vie­le Jüdin­nen und Juden nicht gleich­be­deu­tend mit einer reli­giö­sen Selbst­ver­or­tung.

Was ich aus Ber­lin mit­ge­nom­men habe, sind zahl­rei­che Anre­gun­gen, mit neu­en For­ma­ten und The­men zu expe­ri­men­tie­ren, die neben der Viel­schich­tig­keit jüdisch-christ­li­cher Gesprächs­räu­me eben auch die jüdi­sche Viel­falt und Lebens­wirk­lich­keit in Deutsch­land zum Aus­druck brin­gen und zu Wort kom­men las­sen.

Das heißt, es muss nicht immer um theo­lo­gi­sche Fra­ge­stel­lun­gen und Zusam­men­hän­ge gehen. Was uns ver­bin­det, ist auch die Suche nach dem, wer wir sind in der moder­nen Lebens­welt; nach einer Iden­ti­tät, die kei­ne Angst vor Kom­ple­xi­tät haben und sich nicht auf Iden­ti­tä­res redu­zie­ren las­sen muss; die das Gegen­über in sei­ner oder ihrer Anders­ar­tig­keit akzep­tie­ren kann, dar­in auch zugleich Tren­nen­des, Unge­wis­ses und Ungleich­zei­ti­ges aus­zu­hal­ten ver­mag. Noch­mals: Wenn alles wirk­li­che Leben Begeg­nung ist, dann soll­ten wir stän­dig dar­an arbei­ten, neue Gesprächs­räu­me zu den­ken und zu gestal­ten, um uns in der Begeg­nung ent­fal­ten zu kön­nen!

Die­ser Bei­trag erschien zuerst im Maga­zin Der Kir­chen­tag (1) 2018, 20–21.

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Frederek Musall

Dr. Frederek Musall ist Professor für Jüdische Philosophie und Geistesgeschichte an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und Mitglied des Vorstandes der AG Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag.

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