»Nun gehe hin und lerne!« – Lernschritte auf dem Weg zu einer christlichen Theologie in Israels Gegenwart

Vor­trag von Prof. Dr. Klaus Mül­ler, anläss­lich der Ver­lei­hung der Buber-Rosen­zweig-Medail­le an die Kon­fe­renz Lan­des­kirch­li­cher Arbeits­krei­se Chris­ten und Juden (KLAK), im Fest­saal der Johann Wolf­gang Goe­the-Uni­ver­si­tät, Frank­furt am Main

Was dir nicht lieb ist, füge auch kei­nem ande­ren zu. Das ist die gan­ze Tora, alles ande­re ist Aus­le­gung – nun gehe hin und ler­ne!“ So ein­fach und schlicht hät­te es sein kön­nen auch im Ver­hält­nis von Chris­ten und Juden. Ein­fach und schlicht wie in der Gol­de­nen Regel aus dem Mun­de des wei­sen Hil­lel an die Adres­se des Suchen­den und nach Wei­sung Fra­gen­den. Eben­so ele­men­tar wie fun­da­men­tal, ins Tun ein­wei­send, einen Weg eröff­nend. So ein­fach – und in der Geschich­te über Jahr­hun­der­te – zumal in der christ­lich-jüdi­schen – so schwer.

Nun geh hin und ler­ne“ – geh ler­nend einen Weg: für die christ­li­che Kir­che und ihre Theo­lo­gie ein lan­ger Weg her­aus aus Arg­wohn und Miss­gunst gegen die Juden hin zu einer Weg­ge­mein­schaft – hier und heu­te! – mit dem blei­bend erwähl­ten Volk Got­tes. Und das könn­te ja schon der ent­schei­den­de Lern­schritt sein, das Got­tes­volk als Grö­ße der Gegen­wart wahr­zu­neh­men und nicht immer nur in der Ver­gan­gen­heits­form vom Juden­tum zu spre­chen.

Die Basis­ge­schich­te aus dem Tal­mud ist schnell erzählt: „Einst trat ein Goj/ein Mensch aus der Völ­ker­welt vor Scham­mai und sprach zu ihm: Mache mich zum „Proselyten“/bring mich her­an an dei­ne Reli­gi­on unter der Bedin­gung, dass du mich die gan­ze Tora lehrst, wäh­rend ich auf einem Bein ste­he. Da stieß er ihn fort mit der Elle, die er in der Hand hat­te. Dar­auf kam er zu Hil­lel und die­ser mach­te ihn zum „Proselyten“/eröffnete ihm einen Zugang und sprach zu ihm: Was dir ver­hasst ist, das tue auch dei­nem Nächs­ten nicht. Das ist die gan­ze Tora, alles ande­re ist Aus­le­gung. Geh und ler­ne!“ (Baby­lo­ni­scher Tal­mud, Schab­bat 31a).

Der Tal­mud illus­triert mit die­ser Epi­so­de zunächst ein­mal die Sanft­mut und Geduld Hil­lels im Gegen­satz zum Jäh­zorn Scham­mais. Hil­lel – wohl gegen Ende des 1. Jh. vor unse­rer Zeit­rech­nung aus Baby­lo­ni­en nach Eretz Isra­el ein­ge­wan­dert – ihm gebührt denn auch nach Aus­sa­gen des Tal­mud (ebd.) höchs­tes Lob aus dem Mun­de des her­zu­ge­kom­me­nen Frem­den: „O sanft­mü­ti­ger Hil­lel, mögen Seg­nun­gen auf dei­nem Haup­te ruhen, denn du hast mich unter die Fit­ti­che der Got­tes­ge­gen­wart gebracht.“

Besag­te Gol­de­ne Regel fin­det sich in der jüdi­schen Tra­di­ti­on seit dem 2. Jahr­hun­dert vor unse­rer Zeit­rech­nung, und zwar zunächst im hel­le­nis­tisch-jüdi­schen Bereich. Das Buch Tobit for­mu­liert als Wei­sung des Vaters an sei­nen Sohn vor des­sen Auf­bruch in die Frem­de: „Und was du has­sest, das tue kei­nem an!“ Bei Phi­lo fin­det sich die Sen­tenz: „Was jemand selbst zu erlei­den ver­ab­scheut, soll er selbst nicht tun.“

Die ara­mäi­sche Bibel­über­set­zung ver­steht die Gol­de­ne Regel als Äqui­va­lent des Gebo­tes der Nächs­ten­lie­be, ins­be­son­de­re des „wie dich selbst“ bzw. „wie du selbst“: Lev 19,18 heißt dann im Tar­gum rück­über­setzt: „Du sollst dei­nen Nächs­ten lie­ben; denn was dir unlieb­sam ist, sollst du auch dei­nem Nächs­ten nicht tun“ (Tar­gum Pseu­do-Jona­than).

In der Ver­kün­di­gung Jesu – eine hal­be Gene­ra­ti­on nach Hil­lel – begeg­net uns die Gol­de­ne Regel bekannt­lich eben­falls als Inbe­griff der gött­li­chen Wei­sung. In ihr sind „Gesetz und Pro­phe­ten“ zusam­men­ge­fasst (Mt 7,12); sie moti­viert zu Fein­des­lie­be und Gewalt­ver­zicht (Lk 6,31). Nach der Apos­tel­ge­schich­te (15,20.29 in den Hand­schrif­ten der soge­nann­ten west­li­chen Text­form) wird den neu bekehr­ten Chris­ten aus den Völ­kern die Ent­hal­tung von Göt­zen­dienst, Unzucht sowie Blut­ver­gie­ßen auf­er­legt und mit der Befol­gung der Gol­de­nen Regel ver­bun­den. Die wei­te­re früh­christ­li­che Tra­di­ti­on führt die­se Linie fort.

Hil­lels Ant­wort an den Bekeh­rungs­wil­li­gen ist im bes­ten Sin­ne uni­ver­sel­le Weis­heits­re­gel. Den Aus­druck „Gol­de­ne Regel“ hat erst das 19. Jahr­hun­dert geprägt – ihr Gehalt lässt sich indes weit zurück­ver­fol­gen, gera­de auch in außer­bi­bli­sche Kul­tu­ren. Von Hero­dot bis Kon­fu­zi­us, von Tha­les bis Sene­ca, vom Hin­du­is­mus bis zum Islam – Hil­lels Wen­dung scheint gera­de­zu auf ein Erbe der Welt­kul­tur zu ver­wei­sen, fin­det schließ­lich als Wand­mo­sa­ik Ein­gang ins Kon­fe­renz­ge­bäu­de der Ver­ein­ten Natio­nen in New York.

Dass die­ser Satz gera­de in sei­ner uni­ver­sa­len Wei­te jüdisch und christ­lich als Quint­essenz der reli­giö­sen Tra­di­ti­on fun­gie­ren kann, ist von nicht zu über­schät­zen­der Bedeu­tung – und führt mich zu einem ers­ten Lern­schritt in Hil­lels Schu­le:

 

1. Das Judentum teilt mit der Völkerwelt die Summe der Tora. Die Kehrseite dessen: Der Schlüssel zur Tora Israels liegt in einer prä-jüdischen Weisheitsregel, einem Kernsatz der Menschheitsethik.

Hil­lels Ant­wort auf die Fra­ge nach der „gan­zen“ Tora gehört in die Rei­he der Grund­mo­ti­ve, mit denen die rab­bi­ni­sche Tra­di­ti­on den inners­ten Gehalt der gött­li­chen Wei­sung zusam­men­zu­fas­sen sucht. So kann etwa der Deka­log – ins­be­son­de­re sei­ne zwei­te Hälf­te – als Sum­mie­rung der Tora ver­stan­den wer­den (vgl. Mt 19,18f; Röm 13,9f; Jak 2,8-11) oder auch das Dop­pel­ge­bot der Got­tes­lie­be und Nächs­ten­lie­be.

Ein klas­si­sches – und für das rab­bi­ni­sche Juden­tum her­vor­ra­gen­des – Bei­spiel, die Tora auf den Punkt zu brin­gen, ist der Dia­log zwi­schen Rab­bi Aki­va und Ben Azzai. Rab­bi Aki­va – aus der Schu­le Hil­lels – knüpft an das Gebot der Nächs­ten­lie­be in Levi­ti­kus 19,18 den Satz: „Das ist eine gro­ße Regel in der Tora.“ Ben Azzai zitiert dem­ge­gen­über Gene­sis 5,1: „Dies ist das Buch von Adams Geschlecht. Als Gott den Men­schen schuf, mach­te er ihn nach dem Bil­de Got­tes“ – und Ben Azzai fügt hin­zu, dies sei eine „noch grö­ße­re Regel“ (Sifra zu Lev 19,18; Mid­rasch Gene­sis Rab­ba zu Gen 5,1). Ich den­ke, dass bei­de Regeln sich bespre­chen und mit­ein­an­der kor­re­lie­ren: Die Wech­sel­sei­tig­keit, die Gegen­sei­tig­keit mensch­li­cher Zuwen­dung und die Ein­sicht in die Ein­heit des Men­schen­ge­schlechts auf­grund der Got­tes­eben­bild­lich­keit jedes Ein­zel­nen spie­len zusam­men. Geh hin und ler­ne – es könn­te so ein­fach sein – auf jeg­li­cher Büh­ne, der kleins­ten neben­an und auf der gro­ßen Büh­ne der Welt­po­li­tik. Der Nächs­te – Eben­bild Got­tes!

Hil­lels Aus­kunft gegen­über dem nicht­jü­di­schen Men­schen weist auf das blei­bend Kon­sti­tu­ti­ve und Essen­ti­el­le der Tora Isra­els. Die Gol­de­ne Regel ist ihm ein Ver­ste­hens­schlüs­sel zu aller, zur gan­zen vol­len Lebens­wei­sung Got­tes. Kei­ne Rede davon, dass hier der fra­gen­de Mensch aus der Völ­ker­welt mit einem Mini-Ethos für Anfän­ger abge­speist wer­den soll­te! Der Schlüs­sel zum Gan­zen. „Geh und ler­ne!“ Die Regel fin­det ihre Ent­fal­tung in der Tora – und die­se wie­der­um wird an das Wesent­li­che ihrer Sub­stanz erin­nert durch die uni­ver­sel­le Regel.

Es ist nicht die alle Fra­gen lösen­de Welt­for­mel, die Hil­lel dem Bitt­stel­ler hier an die Hand gibt, son­dern eine her­me­neu­ti­sche Unter­schei­dungs­hil­fe für den lan­gen und wei­ten Weg des Erschlie­ßens und Ver­ste­hens der gan­zen Wei­sung. Hil­lel will nicht ein zeit­lo­ses Prin­zip aus der Tora extra­po­lie­ren, son­dern in das Stu­di­um der Schrift ein­füh­ren. In die­sem Sin­ne ist er nicht Ex-eget (Aus-leger), son­dern Pai­d­ago­gos mit­ten hin­ein in die Tora.

Ich gehe die­sen Weg mit und ver­su­che Rechen­schaft dar­über zu geben, was aus Hil­lels Spruch und Hal­tung zu ler­nen ist und kom­me zu einem zwei­ten Lern­schritt:

 

2. Theologie ist Theologie für den Menschen; Religion soll dem Menschen zugewandte Religion sein.

Der Unter­schied zwi­schen den bei­den „Typen“ Hil­lel und Scham­mai ist ja nicht so sehr der Unter­schied zwi­schen „soft“ und „streng“, son­dern die Fra­ge nach dem Fokus unse­rer Reli­gio­si­tät. Hil­lels Opti­on heißt: Men­schen­lie­be ist Kri­te­ri­um für Treue zur Tora. Die Affi­ni­tät zum Huma­num ist Signa­tur der Wei­sung Got­tes.

Mir wur­de das noch­mals deut­lich in einer ver­meint­li­chen Peti­tes­se, dem Streit zwi­schen den bei­den Lehr­auf­fas­sun­gen im Tal­mud um das rech­te Ent­zün­den der Cha­nukka­lich­ter. „Wie ist das Gebot der acht Cha­nukka­lich­ter aus­zu­füh­ren?“ Die Schu­le Scham­mais lehrt, man sol­le am ers­ten Tag acht Lich­ter anzün­den und dann an jedem Tag ein Licht weni­ger, sodass am letz­ten Cha­nukka­tag noch eine Ker­ze brennt. Die Schu­le Hil­lels dage­gen lehrt anders: Am ers­ten Tag zün­de man eine Ker­ze an, und dann jeden Tag eine mehr, bis am letz­ten Tag der vol­le Cha­nukkaleuch­ter brennt (Baby­lo­ni­scher Tal­mud Schab­bat 21b).

Hil­lel, Gott sei Dank! Sach­wal­ter mensch­li­cher Emp­fin­dun­gen und Regun­gen, denen ein men­schen­freund­li­cher Gott empa­thisch nahe kommt. In Zei­ten zuneh­men­der Dun­kel­heit braucht es mehr Licht, nicht weni­ger. Das gilt jah­res­zeit­lich eben­so wie tie­fen­psy­cho­lo­gisch und welt­po­li­tisch – damals und heu­te. Obwohl his­to­risch-poli­ti­cal-kor­rekt, wie ein „Scham­mai“ nun mal denkt, ist das Ölwun­der zu Cha­nukka logi­scher­wei­se umge­kehrt von Gott gewirkt und wird eben auch so erzählt: Am ers­ten Tag das vol­le Licht und dann wäh­rend der fol­gen­den acht Tage immer schwä­cher wer­dend und schließ­lich ver­lö­schend. Doch was Mensch braucht – zu Hil­lels Zei­ten und heu­te auch – ist: „Mehr Licht!“

Das ler­ne ich ger­ne aus der jüdi­schen Tra­di­ti­on, dass Got­tes Gebot auf Leben aus ist, dass Tora nicht luthe­risch-ortho­dox eine lex accus­ans meint, ein ankla­gen­des Gesetz, das mich über­führt als zum Schei­tern – um nicht zu sagen zum Schei­ter­hau­fen – ver­ur­teil­ten Sün­der. Alles schon mal dage­we­sen. Geh und ler­ne Neu­es!

Viel Tora, viel Leben“, auch das lässt die Misch­na Hil­lel sagen (Avot 2,7). Die Tora birgt in sich die fun­da­men­ta­le Opti­on für das geschöpf­li­che Leben. Die Rab­bi­nen nen­nen die­se Grund­op­ti­on für das Leben bekannt­lich: piqquach näfäsch; zu deutsch: Erhal­tung und För­de­rung des Lebens. piqquach näfäsch – ich über­set­ze: das offe­ne Auge für das Leben, Augen­merk für den Men­schen. Es geht um eines der weit­rei­chends­ten Grund­prin­zi­pi­en rab­bi­ni­scher Theo­lo­gie, das abge­lei­tet ist aus Lev 18,5: „Der Mensch, der die Gebo­te tut, soll durch sie leben.“ Die tal­mu­di­sche Aus­le­gung (Yoma 85b) knüpft dar­an den Grund­satz: Die Gebo­te sol­len dem Leben die­nen; ihr Sinn ist, das Leben zu för­dern und nicht den Tod. Das ist Geist von Hil­lels Geist. Die Tora in Hil­lels Les­art kreist um das eine Grund­an­lie­gen: Leben. In jeder Hin­sicht.

Eine köst­li­che Anek­do­te erzählt der Mid­rasch zum Buch Levi­ti­kus (25,25):

Was geschrie­ben steht in Prov 11,17: „gomel naf­scho isch chäs­säd – ein Mann von chäs­säd tut sich selbst wohl“ – das weist auf Hil­lel den Alten. Wenn er von sei­nen Schü­lern sich ver­ab­schie­de­te, beglei­te­te er sie und ging mit ihnen. Ein­mal frag­ten ihn sei­ne Schü­ler: Rab­bi! wohin gehst du? Er ant­wor­te­te: Ein gutes Werk [eine mits­va] zu ver­rich­ten. Sie frag­ten: Wel­ches denn? Er sprach: Ich will ins Bad gehen. Sie frag­ten: Ist denn das ein gutes Werk? Ja, gab er zur Ant­wort, denn wenn schon der, wel­cher über die Stand­bil­der der Köni­ge gesetzt ist, die man im Thea­ter und im Cir­cus auf­zu­stel­len pflegt, dafür bezahlt wird, dass er sie poliert und abspült, und nicht nur das, son­dern auch bei den Gro­ßen der Regie­rung ange­se­hen ist, um wie­viel mehr wir, die wir im Bil­de Got­tes geschaf­fen sind, wie es heißt (Gen 9,6): „Denn im Bil­de Got­tes hat er den Men­schen gemacht“.

Hil­lels „Pfle­ge“ des Got­tes­bil­des ist eine Lebens­hal­tung im Zei­chen der Tora in Ach­tung und Wah­rung der Wür­de des Men­schen als Eben­bild Got­tes. Geh hin und ler­ne!

Wer Hil­lel fragt, erhält den Fin­ger­zeig auf eine Tora, die sich seit den Tagen des Exo­dus der Frei­heit ver­dankt bzw. dem Gott, der sein Gott­sein von allem Anfang an mit Befrei­ung aus der Knecht­schaft ver­bun­den hat. Tora ist Frei­heit. Die Tafeln – laut Ex 31,18 „beschrie­ben von dem Fin­ger Got­tes“ – ein Werk Got­tes waren sie, und die Schrift – Got­tes Schrift, ein­ge­gra­ben (hebr.: cha­ruth) auf den Tafeln (Ex 32,16). Dazu bemerkt Rab­bi Joschua ben Levi im 3. Jahr­hund­dert: „Lies hier nicht cha­ruth (ein­ge­gra­ben), son­dern che­ruth (Frei­heit).“

Hil­lel erin­nert dar­an, dass die Tora aus der Befrei­ung ent­springt und in die Frei­heit führt – eine ein­zi­ge rab­bi­ni­sche Lehr­stun­de hät­te Mar­tin Luther davon abge­hal­ten, sei­nen Ansatz von der Frei­heit eines Chris­ten­men­schen in einer fun­da­men­ta­len Anti­the­tik zum Juden­tum zu ent­wi­ckeln. Wir erin­nern nach 500 Jah­ren mit gro­ßem Recht an Luthers Plä­doy­er für die Frei­heit eines Chris­ten­men­schen – aber um Him­mels wil­len doch nicht in Anti­the­tik zum Juden­tum! Jetzt ist es schon etwas spät, geh hin und ler­ne, Bru­der Mar­ti­nus! Aber es ist noch nicht zu spät zu sagen: Geh und ler­ne, Kir­che der Refor­ma­ti­on im Jubel­jahr 2017 und weit dar­über hin­aus.

Ich kom­me zu einem drit­ten Lern­schritt in Hil­lels Schu­le:

 

3. Religion ist Interpretation.

Für mich ein ent­schei­den­der Lern­schritt auf Geheiß des alten Hil­lel: Die gan­ze Tora in die­ser einen Sen­tenz – „das Übri­ge ist Aus­le­gung“. Wir haben ein Schlüs­sel-Wort emp­fan­gen – alles Übri­ge ist Aus­le­gung.

Es wird für unse­re Zukunft viel davon abhän­gen, ob wir zu die­sem einen Satz bereit sind: Reli­gi­on ist Inter­pre­ta­ti­on. Jede Reli­gi­on ist Aus­le­gung – eines ein­zi­gen Grund­ge­dan­kens, der uns über­ge­ben ist und der lau­tet: Leben ist rezi­prok, Leben ist Gegen­sei­tig­keit, Recht auf Leben zu emp­fan­gen und Recht auf Leben ein­zu­räu­men. Das ist das Herz­stück in Hil­lels Messa­ge – das Übri­ge ist Inter­pre­ta­ti­on, ist Über-Set­zung, ist Trans­fer, ist Reli­gi­on, ist Sozi­al­po­li­tik.

Geh (und) ler­ne! Zil gmor“, ara­mä­isch: „Geh“ und: wört­lich „zieh aus dem Gehör­ten ler­nend die Kon­se­quen­zen“. „gmor“ – die Gema­ra, der gan­ze Tal­mud, die gan­ze Reli­gi­on ist Trans­fer­ler­nen. Du hast den Dia­man­ten in Roh­form. Geh ihn schlei­fen und polie­ren! Er ist dir nicht auf wun­der­sa­me Wei­se fun­kelnd vom Him­mel in den Schoß gefal­len. Ein etwas ande­rer Fokus als in Les­sings Ring­pa­ra­bel! „Geh, inter­pre­tie­re!“ Eine schlech­ter­dings anti-fun­da-men­ta­lis­ti­sche Posi­ti­on, von der Vie­les abhän­gen wird für unse­re Zukunft in einer alles ande­re als reli­gi­ons­lo­sen Zeit.

Die Ant­wort Hil­lels weist auf den Weg des Stu­di­ums der Tora in Frei­heit und Ver­ant­wor­tung. „Sie ist nicht im Him­mel“, zitie­ren die Rab­bi­nen die Bibel, von dort auch nicht ein­fach per direk­tem Kon­nex abzu­ru­fen, son­dern Gegen­stand eines nie enden­den Dis­kur­ses um die Halacha und damit um Kri­te­ri­en und Kon­kre­tio­nen für ver­bind­li­ches Gehen im Hori­zont des Got­tes­bun­des. Halacha – Shari’a heißt das im Ara­bi­schen – aber das Ent­schei­den­de ist: die ent­steht im Dis­kurs, nicht als Dik­tat von oben. „Geh und ler­ne!“ Dies ist der Hori­zont, der sich für den Men­schen eröff­net, der sich durch Hil­lels Regel die Tora hat auf­schlie­ßen las­sen. Der rab­bi­ni­sche Dis­put ist uner­setz­bar der Ort, an dem sich der Sinai immer wie­der ereig­nen kann.

Her­aus­ra­gen­des Exem­pel rab­bi­ni­scher Lern- und Streit­kul­tur ist die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Rab­bi Eli’ezer und Rab­bi Jeho­schua gegen Ende des 1. Jahr­hun­derts, den bei­den größ­ten Gelehr­ten ihrer Gene­ra­ti­on, in einer Detail­fra­ge um die ritu­el­le Rein­heit eines Ofens mit bestimm­ter Bau­art. Eli’ezer erklärt einen sol­chen Ofen für rein, Jeho­schua und mit ihm die übri­gen Rab­bi­nen des Lehr­hau­ses für unrein. Es ent­spinnt sich eine Debat­te mit allen Tie­fen­di­men­sio­nen rab­bi­ni­schen Tor­a­ver­ständ­nis­ses:

Der Tal­mud erzählt so: An jenem Tage mach­te Rab­bi Eli’ezer alle Ein­wen­dun­gen der Welt, man nahm sie aber von ihm nicht an. Hier­auf sprach er: „Wenn die Halacha mei­ner Über­zeu­gung ent­spricht, so mag es die­ser Johan­nes­brot­baum bewei­sen!“ Da rück­te der Johan­nes­brot­baum hun­dert Ellen von sei­nem Orte fort; man­che sagen: vier­hun­dert Ellen. Sie aber erwi­der­ten: „Man bringt kei­nen Beweis von einem Johan­nes­brot­baum.“ Hier­auf sprach er: „Wenn die Halacha mei­ner Über­zeu­gung ent­spricht, so mag es die­ser Was­ser­arm bewei­sen!“ Da trat der Was­ser­arm zurück. Sie aber erwi­der­ten: „Man bringt kei­nen Beweis von einem Was­ser­arm.“ Hier­auf sprach er: „Wenn die Halacha mei­ner Über­zeu­gung ent­spricht, so mögen es die Wän­de des Lehr­hau­ses bewei­sen!“ Da neig­ten sich die Wän­de des Lehr­hau­ses und droh­ten ein­zu­stür­zen. Da schrie sie Rab­bi Jeho­schua an und sprach zu ihnen: „Wenn die Gelehr­ten mit­ein­an­der über die Halacha strei­ten, was geht dies euch an?!“ Sie stürz­ten hier­auf nicht ein, wegen der Ehre Rab­bi Jeho­schuas, rich­te­ten sich aber auch nicht gera­de auf wegen der Ehre Rab­bi Eli’ezers; so ste­hen sie jetzt noch geneigt. Hier­auf sprach er: „Wenn die Halacha mei­ner Über­zeu­gung ent­spricht, so mag es aus dem Him­mel bewie­sen wer­den!“ Da erscholl eine Him­mels­stim­me und sprach: „Was habt ihr gegen Rab­bi Eli’ezer; die Halacha rich­tet sich stets nach ihm.“ Da stand Rab­bi Jeho­schua auf und sprach: „Sie ist nicht im Him­mel“ (Dtn 30,12). Was heißt: „Sie ist nicht im Him­mel“? Rab­bi Jir­me­ja sag­te: „Die Tora ist bereits vom Berg Sinai her ver­lie­hen wor­den; wir ach­ten nicht auf eine Him­mels­stim­me, denn du hast schon am Sinai in der Tora geschrie­ben: ‘nach der Mehr­heit zu ent­schei­den’ (Ex 23,2).“ Rab­bi Nathan traf Elia den Pro­phe­ten und frag­te ihn, was der Hei­li­ge, geprie­sen sei er, in jener Stun­de tat. Die­ser erwi­der­te: „Er lächel­te und sprach: Mei­ne Kin­der haben mich besiegt, mei­ne Kin­der haben mich besiegt.“ (Baby­lo­ni­scher Tal­mud, Baba Met­sia 59b)

Mei­ne Kin­der haben mich besiegt“ spie­gelt die Genug­tu­ung Got­tes über die Mün­dig­keit und die Initia­ti­ve sei­ner Bun­des­part­ner, das gött­li­che Gesetz in eine Wei­sung für das irdi­sche Leben zu über­set­zen. Rab­bi Eli’ezers Rekla­ma­ti­on abso­lu­ter Wahr­heit taugt nicht; sie muss in eine Wahr­heit für den Men­schen und sei­ne Lebens­be­zü­ge trans­po­niert wer­den. Gott lächelt. Sei­ne sich selbst begren­zen­de Lie­be setzt Spiel­räu­me mensch­li­cher Ver­ant­wor­tung frei und Krea­ti­vi­tät im Auf­spü­ren der gül­ti­gen Wei­sung. „Geh und ler­ne!“ Der „Fin­ger­zeig“ in Rich­tung Tora ist dar­um kein rigi­der und ver­krampf­ter, weil er letzt­lich auf den lächeln­den Gott hin­weist, dem nichts so sehr am Her­zen liegt wie das Leben und die Frei­heit und die Ver­ant­wor­tung sei­ner Geschöp­fe.

Es hät­te so ein­fach sein kön­nen im Ver­hält­nis der Chris­ten zu den Juden und ihrer Tora, ein­fach und schlicht nach Hil­lels Gol­de­nem Spruch. Statt­des­sen war Wider­spruch! Isra­el und dem lächeln­den Gott ins Ange­sicht müs­sen wir zwi­schen­durch – um ehr­lich zu sein – 3 Denk­wei­sen kon­sta­tie­ren, wie christ­li­cher­seits die Tora zum Spott wur­de:

  1. Das ers­te Denk­mus­ter ist das anti­the­ti­sche. Statt sich auf den Weg zu machen und zu ler­nen: Lust am Anti­the­ti­schen! „Mit uns doch nicht!“ „Lass mich unver­wor­ren mit Mosen!“, notiert Mar­tin Luther in sei­ner knap­pen Unter­rich­tung, wie sich Chris­ten in Mosen sol­len schi­cken“.
    Anti­the­tik. Eine der Denk­fi­gu­ren, die gera­de in der deut­schen Theo­lo­gie stark gewirkt haben: Wir brau­chen das Alte Tes­ta­ment als Nega­tiv­fo­lie für das Neue, wir brau­chen das Jüdi­sche als dunk­len Hin­ter­grund, vor dem sich das Christ­li­che umso deut­li­cher abhe­ben kann.
    Füh­ren­de Köp­fe gera­de der Theo­lo­gie in Deutsch­land haben sich über­bo­ten mit Büchern und Arti­keln über den „Ver­gel­tungs­glau­ben im Alten Tes­ta­ment“, über den „Lohn­ge­dan­ken im Spät­ju­den­tum“ (sie­he KIT­TEL-Wör­ter­buch zum NT). Das Alt­tes­ta­ment­lich-Jüdi­sche wird also nicht etwa weg­ge­wor­fen, son­dern anti­the­tisch fest­ge­hal­ten. Wir brau­chen das Alte Tes­ta­ment, als ers­ten Teil der Bibel – es ist näm­lich dazu da, „als ewi­ges Bild der im Evan­ge­li­um ver­nein­ten Geset­zes­re­li­gi­on dem christ­li­chen Selbst­ver­ständ­nis von Gott als Sta­chel zu die­nen“ (Ema­nu­el Hirsch).
  2. Der Über­gang zum zwei­ten Denk­mus­ter ist flie­ßend, dem Modell der Über­bie­tung des Alten durch das Neue oder auch der Erfül­lung des Alten durch das Neue. Statt den Weg durch­zu­hal­ten: tri­um­pha­ler Erfül­lungs­en­thu­si­as­mus! Wir sind schon da!
    Rudolf Bult­mann schreibt in sei­nem pro­gram­ma­ti­schen Auf­satz über die Bedeu­tung des Alten Tes­ta­ments für den christ­li­chen Glau­ben fol­gen­des: „Der christ­li­che Glau­be reißt gleich­sam das Alte Tes­ta­ment an sich und behaup­tet, daß das, was hier gesagt wird, einst nur in einem vor­läu­fi­gen und beschränk­ten Sin­ne gesagt und ver­stan­den wer­den konn­te, daß es erst jetzt recht gesagt und gehört wer­den kann.“ In der alt­tes­ta­ment­lich-jüdi­schen Tra­di­ti­on ist dem­nach rudi­men­tär, ver­bor­gen und vor­läu­fig durch­aus schon da, was dann im christ­li­chen Neu­en Tes­ta­ment hel­ler und bes­ser und schö­ner zum Vor­schein, zur Offen­ba­rung, kommt. Das Gebot der Nächs­ten­lie­be zum Bei­spiel ist alt­tes­ta­ment­lich natür­lich bereits prä­sent (Lev 19,18), aber es kommt eben in sei­ner rei­nen und schö­nen Form erst zur Voll­endung im Neu­en Tes­ta­ment; es wird „qua­li­ta­tiv neu“ im Chris­ten­tum.
    Qua­li­ta­tiv-essen­ti­ell Christ­li­ches fin­det auch Not­ger Slen­cz­ka aus­schließ­lich erst im NT und dann ist es nur fol­ge­rich­tig, das AT ins Reich des Vor­christ­li­chen zu ver­frach­ten.
  3. Die drit­te Wei­se, der Tora ins Ange­sicht zu spot­ten ist das eklek­ti­sche, das kon­text­lo­se Umge­hen mit der Tra­di­ti­on Isra­els und sei­ner Tora. Statt den Weg der Tora zu gehen das Ver­wei­len da und dort und die Lust am will­kür­li­chen Her­aus­bre­chen aus dem jüdi­schen Torast­ein­bruch zum Zwe­cke christ­li­cher Wei­ter­ver­wen­dung! Das nen­ne ich eine theo­lo­gisch ver­bräm­te Super­markt­ment­a­li­tät!
    Ich sage nur: „Neu­es Tes­ta­ment und Psal­men.“ Gideon lässt grü­ßen. Da haben wir ger­ne Psalm 23 oder den Deka­log oder die Pro­phe­ten (sei­en es die Sozi­al­kri­ti­ker wie Amos oder die Ver­kün­der der Heils­zeit wie Deu­tero­je­sa­ja). Das Ver­fäng­li­che an die­sem Modell ist nicht so sehr das Auf­neh­men alt­tes­ta­ment­li­cher Stof­fe als sol­ches, son­dern die Art und Wei­se wie es geschieht: eben eklek­tisch, israel­ver­ges­sen, ohne Bezug dar­auf, wohin­ein die­se Tex­te pri­mär gehö­ren – näm­lich ins Glau­bens­le­ben Isra­els.
    Mit einem sol­chen eklek­ti­schen Her­aus­zie­hen ein­her geht ein von außen her­an­ge­tra­ge­nes Bewer­ten und Beur­tei­len der ande­ren Tra­di­ti­on. Der Beur­tei­lungs­maß­stab dabei ist selbst­ver­ständ­lich ein christ­li­cher. Wir Chris­ten geben die Kri­te­ri­en dafür aus, was an der alt­tes­ta­ment­li­chen Tra­di­ti­on für wert­voll zu erach­ten sei und was nicht. Und damit ist auch die­ses drit­te Modell ein tri­um­pha­lis­ti­sches, weil selbst­herr­li­ches Modell.

Geh und ler­ne! Gott sei Dank. Es hat statt­ge­fun­den und voll­zieht sich heu­te mehr und mehr in Lern­schrit­ten. Das Leit­mo­tiv, das hin­ter alle­dem steht ist ein Para­dig­men­wech­sel: weg vom tri­um­pha­lis­ti­schen Zugang zur Tra­di­ti­on Isra­els hin auf ein eman­zi­pa­to­ri­sches Zuge­hen auf das Juden­tum und sei­ne Tora. Das alte Para­dig­ma ist brü­chig gewor­den. Neue Erkennt­nis­se haben sich stark zu Wort gemel­det, neue biblisch gewon­ne­ne Ein­sich­ten in den: Unge­kün­dig­ten Bund zwi­schen Gott und sei­nem Volk Isra­el. Das neue Para­dig­ma muss hei­ßen: „Got­tes Gaben und Beru­fung (an Isra­el) kön­nen ihn nicht gereu­en“ (Röm 11,29).

Die Fal­si­fi­ka­ti­on des alten Para­dig­mas ist: Ausch­witz. Vor die­sem Datum zer­schellt die alte Theo­lo­gie: Das war – spä­tes­tens und ab dann unauf­halt­bar in den 70ern und 80ern – die weg­wei­sen­de Ein­sicht: dass die Kir­che Jesu Chris­ti durch ihre Theo­lo­gie der Sub­sti­tu­ti­on Isra­els die Stra­ße mit­ge­eb­net hat, die nach Ausch­witz führ­te – das ist die Fal­si­fi­ka­ti­on des alten Para­dig­mas.

Es braucht eine neue Wei­se christ­li­chen Tora­zu­gangs, die Ent­schei­dung zu einem völ­lig neu­en theo­lo­gi­schen Habi­tus im Umgang mit nicht­christ­li­cher Tra­di­ti­on. Dabei geht es im Ansatz schlicht dar­um, das Selbst­ver­ständ­nis der ande­ren – eben der alt­tes­ta­ment­lich-jüdi­schen Tra­di­ti­on zur Gel­tung kom­men zu las­sen, sich aus­spre­chen zu las­sen, sie zu Ende reden zu las­sen (wie in einer gepfleg­ten Dis­kus­si­ons­kul­tur). Es geht dar­um, das nicht-christ­li­che Tra­di­ti­ons­gut zu eman­zi­pie­ren von den christ­li­chen Deu­tungs­ka­te­go­ri­en, in die Frei­heit zu ent­las­sen aus dem Zugriff eines christ­li­chen Vor-wis­sens und Bes­ser-Wis­sens.

 

4. „O chavruta o mituta“

Geh und ler­ne: Ich beschrei­be aus­ge­hend vom alten Hil­lel schließ­lich noch einen vier­ten Lern­schritt, dazu brau­che ich Bei­de: Hil­lel und Scham­mai. Es geht um die Ein­sicht, dass du im hala­chi­schen Dis­kurs nur in Part­ner­schaft wei­ter kommst – „o chav­ru­ta o mitu­ta“ – ent­we­der Lern­ge­mein­schaft oder Tod (ta‘anit 23b). Es geht um Weg­ge­mein­schaft unter Unglei­chen. Es geht unter­wegs um ver­söhn­te Ver­schie­den­heit. Auch zwi­schen Juden und Chris­ten – die­sen Schritt möch­te ich wei­ter­ge­hen.

Von den bei­den Häu­sern Hil­lel und Scham­mai heißt es: Sie strit­ten dar­um, wel­chem von bei­den zu fol­gen sei – Wer hat die Halacha auf sei­ner Sei­te? Und dann fällt im Tal­mud (eru­vin 13b) der atem­be­rau­ben­de Satz: „Elu ve-elu div­re Elo­him cha­jim“ – „Die­se und jene sind Wor­te des leben­di­gen Got­tes.“ Die Wahr­heit – liegt nicht in der Mit­te, son­dern: Die Wahr­heit ist plu­ral, wie das Leben plu­ral ist. „Elu ve-elu div­re-Elo­him cha­jim“ – Sol­che Sät­ze brau­chen wir heu­te so drin­gend – gespro­chen nicht aus einer Belie­big­keit her­aus, son­dern aus der Ein­sicht, dass uns die Wahr­heit immer schon vor­aus ist. Die Ethik indes – die Lebens­pra­xis – sucht und braucht die Ent­schei­dung, ringt um Halacha: Ich muss ent­schei­den zwi­schen Krieg und Frie­den, zwi­schen Ver­skla­vung und Befrei­ung, zwi­schen Abschie­ben und Beher­ber­gen.

Und dar­um fährt der Tal­mud fort: Bei­de reden sie Wor­te des leben­di­gen Got­tes, aber: „Die Halacha, d.h. die reli­gi­ös ver­bind­li­che Pra­xis, ent­spricht der Leh­re des Hau­ses Hil­lel“. War­um? Weil Ihr Hil­le­li­ten auch die Wor­te des Hau­ses Scham­mai wei­ter tra­diert, sogar an die ers­te Stel­le setzt, als Mah­nung gegen alle Ein­heits­ideo­lo­gi­en, gegen alle Abso­lu­tis­men, gegen alle Exklu­si­vis­men eines Wahr­heits­fe­ti­schis­mus, der uns die Luft zum Atmen nimmt.

Die ent­schei­den­den Lern­schrit­te wer­den wir nur in Chav­ru­ta tun kön­nen, im part­ner­schaft­li­chen Ler­nen unter Unglei­chen in ver­söhn­ter Ver­schie­den­heit. Auch unter Juden und Chris­ten. Geht und zieht ler­nend die Kon­se­quen­zen!

Die KLAK, in deren Auf­trag ich hier ste­he, tut das schon seit 40 Jah­ren. Hat es erst jüngst ver­dich­tet in den 3 hebräi­schen Wor­ten des Logos: harni­nu gojim amo: „Preist, ihr Völ­ker, sein Volk!“ – oder: „Gebt, ihr Gojim, sei­nem Volk Anlass zum Jubel!“ „Lebt so, dass der oder die Ande­re Grund zum Jubel hat!“ Das ist die KLAK­sche Wen­dung der Gol­de­nen Regel. Geht und lernt – ihr Juden und Chris­ten.

Das wäre ein Stück­chen Him­mel auf Erden, wenn unter­wegs auf die­sem gemein­sa­men Lern­weg einer zum ande­ren sagen könn­te: „Ja, du hast mich unter die Flü­gel der sche­chi­na gebracht.“

Zuerst erschie­nen auf den Sei­ten der KLAK.

 

Download PDF
Klaus Müller

Prof. Dr. Klaus Müller ist Pfarrer in der badischen Landeskirche und Bereichsleiter für Interreligiöses Gespräch im Evangelischen Oberkirchenrat Karlsruhe und Landeskirchlicher Beauftragter für das christlich-jüdische Gespräch. Er studierte Theologie und Judaistik in Tübingen, Bonn, Heidelberg und Jerusalem. Promotion 1991 in Heidelberg; Magister Artium in Judaistik 1996 an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg; 1997 Habilitation und Verleihung der Venia Legendi für das Fach Praktische Theologie in Heidelberg; seit 22.3.2004 außerplanmäßiger Professor an der Universität Heidelberg. Seit 2015 hat Müller außerdem den Vorsitz der Konferenz Landeskirchlicher Arbeitskreise Christen und Juden (KLAK) der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) inne. Die KLAK koordiniert die christlich-jüdische Dialogarbeit zwischen den rund 20 landeskirchlichen Arbeitskreisen beziehungsweise Beauftragten im Bereich der EKD. In Anerkennung ihrer Arbeit erhielt die KLAK 2017 die Buber-Rosenzweig-Medaille.

AG

c/o Ev. Akademie zu Berlin
Charlottenstraße 53/54
10117 Berlin (Mitte)