Die Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag

Prof. Dr. Martin Stöhr

Inhalt

I. Von der Not­wen­dig­keit des Ver­ler­nens und des Neu­ler­nens
II. Die Anfän­ge der AG Juden und Chris­ten
III. Der lan­ge Weg
IV. Fol­gen und Früch­te
V. Blei­ben­de The­men­fel­der und Auf­ga­ben

I. Von der Notwendigkeit des Verlernens und des Neulernens

1980 fass­te eine wohl begrün­de­te Unter­su­chung die Arbeit der Arbeits­ge­mein­schaft Juden und Chris­ten beim Deut­schen Evan­ge­li­schen Kir­chen­tag (im Fol­gen­den: AG) in dem Urteil zusam­men: Die christ­li­che Theo­lo­gie und Kir­che sind nach Ausch­witz in einer so grund­le­gend ver­än­der­ten Situa­ti­on, dass sie ihre Arbeit in allen Berei­chen über­den­ken und neu bestim­men müs­sen, nicht nur um dem jüdi­schen Volk gerecht zu wer­den, son­dern eben­so um ihrer eige­nen Sache wil­len.1 Die­se Erkennt­nis stand nicht am Anfang der Arbeit der AG, son­dern erschloss sich in den ers­ten Jah­ren ihrer theo­lo­gi­schen Arbeits­ta­gun­gen in der Ev. Aka­de­mie Arnold­s­hain, (ihrem regel­mä­ßi­gen Tagungs­zen­trum) und wäh­rend ihrer öffent­li­chen Auf­trit­te auf den Deut­schen Evan­ge­li­schen Kir­chen­ta­gen (im Fol­gen­den: DEKT) seit 1961.2 Weder in der AG noch bei den Kir­chen­tags­ver­an­stal­tun­gen ging es kon­flikt­frei zu. Wie soll­te es auch? Zu vie­les an gesell­schaft­li­chen und kirch­li­chen Tra­di­tio­nen stand (und steht) auf dem Prüf­stand.

Der fol­gen­de Bei­trag ver­steht sich nicht als eine Chro­nik der AG, son­dern ver­sucht an den wich­tigs­ten Sta­tio­nen die Not­wen­dig­keit und die zen­tra­len The­men die­ser jetzt über vier­zig­jäh­ri­gen Arbeit zu benen­nen. Es ist eine Debat­te, die es jahr­hun­der­te­lang nicht gab. Das jüdi­sche Volk – gleich­gül­tig, ob in Erez Jis­ra­el oder in der Dia­spo­ra – leb­te nicht im Blick­feld, son­dern im toten Win­kel einer Chris­ten­heit, die sehr wohl sicher über es zu urtei­len wuss­te, aber an Isra­els3 Selbst­ver­ständ­nis eben­so wenig inter­es­siert war wie an des­sen Erfah­run­gen mit der christ­lich gepräg­ten Mehr­heits­ge­sell­schaft.4

Nach dem Völ­ker­mord war die Fra­ge nicht mehr zu ver­drän­gen, wie die christ­li­che Theo­lo­gie und die Kir­chen ein von ihnen weit­ge­hend pro­du­zier­tes und tra­dier­tes, nega­ti­ves Bild der Juden, ihrer Kul­tur, Geschich­te und Reli­gi­on ver­ant­wor­ten woll­ten und könn­ten. Leh­re, Pre­digt und Kate­che­se der Kir­chen (aller Kon­fes­si­ons­fa­mi­li­en) hat­ten ein Dop­pel­tes bewirkt: Ein­mal die Stig­ma­ti­sie­rung des jüdi­schen Vol­kes zum dunk­len Hin­ter­grund des eige­nen Lich­tes und zum ande­ren – dar­aus erwach­send – eine ver­wei­ger­te Hil­fe­leis­tung in den Zei­ten, als es ver­folgt wur­de, oft genug durch eben die­se Kir­chen. Die­se konn­ten Isra­els Lei­den als gött­li­che Stra­fe für die Ableh­nung des Mes­si­as Jesus deu­ten.

Von vorn­her­ein ver­stand sich die Bemü­hung der AG als unent­behr­li­chen Bei­trag zu einer öffent­li­chen Theo­lo­gie. Sie umfasst die Brei­te des bibli­schen Zeug­nis­ses von der Schöp­fung bis zur Voll­endung der Welt, von der Befrei­ung Isra­els aus der Zwangs­ar­beit in
Ägyp­ten, von der Beru­fung Isra­els in den Bund Got­tes, den dazu­ge­hö­ren­den Wei­sun­gen Got­tes, von der pro­phe­ti­schen Gesell­schafts- und Selbst­kri­tik und der mes­sia­ni­schen Hoff­nung.

Die Wir­kung eines sol­chen Den­kens war inner­halb wie außer­halb der Kir­chen spür­bar. Es folg­te einer Art von self-full­fil­ling-pro­phe­cy: Was man den Juden vor­warf, war nicht deren urei­gens­te Rol­le und Selbst­ver­ständ­nis, son­dern eine auf­ge­zwun­ge­ne Rol­le – Zeu­gen unse­rer Wahr­heit und ihrer Bos­heit zu sein, so der Kir­chen­va­ter Augus­ti­nus. Die­ser Satz wur­de in den Jahr­hun­der­ten eines christ­li­chen Staats­kir­chen­tums zur qua­si gesetz­li­chen Grund­la­ge, der Juden (wie christ­li­chen Ket­zern) einen min­de­ren Rechts­sta­tus, ja Ver­fol­gung brach­te.

Von vorn­her­ein ver­stand sich die Bemü­hung der AG als unent­behr­li­chen Bei­trag zu einer öffent­li­chen Theo­lo­gie. Sie umfasst die Brei­te des bibli­schen Zeug­nis­ses von der Schöp­fung bis zur Voll­endung der Welt, von der Befrei­ung Isra­els aus der Zwangs­ar­beit in Ägyp­ten, von der Beru- fung Isra­els in den Bund Got­tes, den dazu­ge­hö­ren­den Wei­sun­gen Got­tes, von der pro­phe­ti­schen Gesell­schafts- und Selbst­kri­tik und der mes­sia­ni­schen Hoff­nung. Die AG dis­ku­tier­te die Ergeb­nis­se ihrer Stu­di­en­ta­gun­gen eben­so inten­siv wie kon­tro­vers. Sie prä­sen­tier­te sie öffent­lich in den gro­ßen Ver­an­stal­tun­gen des DEKT. Zum ers­ten Mal 1961 auf dem Ber­li­ner Kir­chen­tag mit einer uner­war­tet gro­ßen Reso­nanz unter den Besu­chern und in den Medi­en.

Hin­ter allem stand die Ein­sicht, dass Kir­chen und Theo­lo­gie nicht nur jeder­mann Rechen­schaft zu geben haben, über den Grund der Hoff­nung, die in ihr ist (nach 1Petr 3,15), son­dern auch die Tat­sa­che, dass die Ver­fol­gung und schließ­li­che Ver­nich­tung des euro­päi­schen Juden­tums in aller Öffent­lich­keit pro­pa­giert, vor­be­rei­tet und exe­ku­tiert wur­de, und dass in die­sem his­to­risch sin­gu­lä­ren Vor­gang Theo­lo­gie und Kir­che im Wesent­li­chen stumm und pas­siv blie­ben. Dass die ande­ren Wis­sen­schaf­ten und gesell­schaft­li­chen Sys­te­me sich nicht bes­ser ver­hiel­ten, ent­las­tet nie­man­den. Die weni­gen Aus­nah­men der Men­schen, die öffent­lich oder heim­lich pro­tes­tier­ten oder Juden hal­fen, dür­fen nicht ver­ges­sen wer­den.

Die AG ist weder eine Ein­rich­tung von theo­lo­gi­schen Fakul­tä­ten noch von Kir­chen­lei­tun­gen, son­dern eine Initia­ti­ve von Nicht­theo­lo­gen, sog. Lai­en, und Theo­lo­gen, die außer­dem Wert dar­auf legen, wie der Kir­chen­tag auch, dass die Frei­heit und Eigen­stän­dig­keit der AG im Namen zum Aus­druck kommt. Eine Beson­der­heit ist bis heu­te kon­sti­tu­tiv: Es soll­te nach Jahr­hun­der­ten einer gegen­läu­fi­gen Theo­rie­bil­dung und Pra­xis in der Kir­che und in der Theo­lo­gie nicht über die Juden, son­dern mit den Juden gespro­chen wer­den. Das war nicht ein­fach durch­zu­set­zen. Und das in einem Land und in einer Situa­ti­on, die nach der Schoa gekenn­zeich­net ist durch die Ermor­dung oder Ver­trei­bung der jüdi­schen Gemein­den und der voll­stän­di­gen Zer­stö­rung aller ihrer Ein­rich­tun­gen. Die weni­gen Über­le­ben­den, die aus Lagern, Ver­ste­cken oder Exil zurück­ge­kehrt waren, sahen ihre ers­te Auf­ga­be im Auf­bau der ver­nich­te­ten Gemein­den und ele­men­ta­rer Struk­tu­ren, die jüdi­sches Leben in Deutsch­land wie­der mög­lich machen oder – min­des­tens in glei­cher Inten­si­tät – eine Aus­wan­de­rung nach Isra­el und in ande­re Län­der vor­be­rei­ten soll­ten.

Wer konn­te da an einen »Dia­log« von Jüdin­nen und Juden mit Chris­tin­nen und Chris­ten den­ken, die eben jenen Kir­chen ange­hör­ten, die zur Juden­ver­fol­gung, selbst zur Ver­fol­gung ihrer eige­nen, getauf­ten, aus jüdi­schen Fami­li­en stam­men- den Mit­glie­dern, geschwie­gen hat­ten? War Dia­log nicht eine sanf­te­re Form der Mis­si­on, die ihrer­seits die unsanf­te­ren Zwangs­dis­pu­ta­tio­nen des Mit­tel­al­ters abge­löst hat­ten, also eine Bedro­hung des jüdi­schen Lebens als eines jüdi­schen Lebens? Kam die­se Gesprächs­be­reit­schaft nicht zu spät, weil nach der Gesprächs­ver­wei­ge­rung und nach einer Herr­schaft töd­li­cher Gewalt? Hat­ten die Kir­chen für eine Ver­hält­nis­be­stim­mung zum jüdi­schen Volk eine ande­re Kate­go­rie zur Ver­fü­gung als die der Mis­si­on, die allen Völ­kern und Reli­gio­nen der Welt in glei­cher Wei­se das Evan­ge­li­um von Jesus Chris­tus zu brin­gen hat­te – ohne Rück­sicht dar­auf, dass man die eige­ne Bot­schaft vom Gott Isra­els und aller Völ­ker mit­samt sei­ner Ethik und der Hoff­nung auf sein mes­sia­ni­sches Reich vom jüdi­schen Volk und sei­nen Hei­li­gen Schrif­ten gelernt hat­te?

Eine pluri­for­me Rede vom »Abso­lut­heits­an­spruch« des Chris­ten­tums ist die Fol­ge die­ses Den­kens, das ent­ge­gen dem bibli­schen Zeug­nis Isra­el in die Rei­he der »gro­ßen« Welt­re­li­gio­nen ein­eb­net, zu denen das Chris­ten­tum in Äqui­di­stanz wie zu allen ande­ren sich begreift und ver­hält. Die sin­gu­lä­re Bezie­hung, die die Kir­chen (und, wenn auch anders, der Islam) zu ihrer Mut­ter­re­li­gi­on hat, exis­tiert sonst zu kei­ner ande­ren der Welt­re­li­gio­nen.

Früh schon war in der Kir­chen­ge­schich­te eine Ver­hält­nis­be­stim­mung von Kir­che und jüdi­schem Volk ent­stan­den, die die Kir­chen längst an den Platz Isra­els in Got­tes Heils­ge­schich­te gesetzt hat­te. Isra­el war angeb­lich von Gott ver­wor­fen, weil es sei­nen Mes­si­as abge­lehnt, ja gekreu­zigt hat­te. Ver­schie­de­ne Ent­er­bungs­theo­ri­en, in Ver­bin­dung mit Gott zuge­schrie­be­nen Straf­theo­ri­en, führ­ten zu der in den Kir­chen aller Kon­fes­sio­nen domi­nant gewor­de­nen Auf­fas­sung, nach Ostern sei die Kir­che »das wah­re Isra­el« und habe als Isra­el »nach dem Geist« das Isra­el »nach dem Fleisch« ersetzt. Zahl­lo­se Dar­stel­lun­gen in der bil­den­den Kunst pre­di­gen die­se Vor­stel­lung eines über­hol­ten, aus­ge­mus­ter­ten Vol­kes eben­so wie ent­spre­chen­de Tex­te – oft in den Wor­ten der Hebräi­schen Bibel! – in Lie­dern, Gebe­ten und Lit­ur­gi­en. Der damit ver­bun­de­ne Vor­wurf schob Isra­el ein enges, natio­na­les und par­ti­ku­la­ris­ti­sches Ver­ständ­nis des gött­li­chen Han­delns zu, wäh­rend die Kir­che sich selbst Uni­ver­sa­li­tät und Offen­heit beschei­nig­te.

Unwis­sen, Halb­wis­sen und Deu­tungs­ka­te­go­ri­en, die nicht nach dem Selbst­ver­ständ­nis derer frag­ten, deren Leben und Glau­ben, deren Kul­tur und Geschich­te ein­fach einer frem­den Deu­tungs­ho­heit unter­wor­fen wur­den, bestimm­ten ein Bild vom Juden­tum, das mit des­sen Lebens­wirk­lich­kei­ten nichts gemein hat. Der ers­te Ver­stoß gegen das Bil­der­ver­bot besteht dar­in, sich nicht nur ein Bild vom ande­ren zu machen, son­dern die­ses nur mono­chrom und mono­li­thisch aus­zu­ma­len – »die« Juden.

Ein berech­tig­ter Stolz gera­de der pro­tes­tan­ti­schen Theo­lo­gie, die his­to­risch-kri­ti­sche For­schung, wur­de im Blick auf die Viel­falt des nach­bi­bli­schen, jeweils zeit­ge­nös­si­schen Juden­tums kaum ange­wen­det. Man sprach vom Spät­ju­den­tum und mein­te das frü­he Juden­tum der Zeit des Zwei­ten Tem­pels. Man erforsch­te und beschrieb die jüdi­sche Viel­falt zur dama­li­gen Zeit, ver­wand­te aber kei­ne Mühe auf das, was über die Juden, das Gesetz, die »Gesetz­lich­keit«, das Gewicht der Schrift­li­chen und Münd­li­chen Offen­ba­rung, die mes­sia­ni­sche Hoff­nung gesagt und geschrie­ben wur­de, im Gespräch mit den Ver­tre­tern der reich­hal­ti­gen Palet­te jüdi­scher Strö­mun­gen, Schul­mei­nun­gen und Lebens­for­men in der zeit­ge­nös­si­schen Gegen­wart zu über­prü­fen, und gege­be­nen­falls zu fal­si­fi­zie­ren oder zu veri­fi­zie­ren.

Johan­nes und Pau­lus, redu­ziert auf ihre ver­meint­lich »juden­kri­ti­schen« Sät­ze, wur­den zu Kron­zeu­gen gegen ihr Volk, obwohl – das brach­te der Tübin­ger Neu­tes­ta­ment­ler Otto Michel in die AG-Debat­te ein – es sich bei­spiels­wei­se bei der Pole­mik zwi­schen Pau­lus und Petrus, bei­des chris­tus­gläu­bi­ge Juden – um eine auch schon inner­jü­disch prak­ti­zier­te Debat­te (»Grup­pen­po­le­mik«, »Fami­li­en­streit«) han­del­te. Pau­lus, als Expo­nent einer Völ­ker­mis­si­on, ver­trat eine inner­jü­di­sche Posi­ti­on wie Petrus: Der eine ver­langt nicht die Über­nah­me der nur Isra­el gege­be­ne Tora der Beschnei­dung und der Kasch­rut, wenn Hei­den, Gojim, Men­schen aus den Völ­kern als »Got­tes­fürch­ti­ge« zum Juden­tum kamen, der ande­re erwar­te­te das sehr wohl. Der Gala­ter­brief und die Apos­tel­ge­schich­te spie­geln die­se im frü­hen Chris­ten­tum lei­den­schaft­lich geführ­te Aus­ein­an­der­set­zung, als sei­ne ers­ten Gemein­den oft noch jesus­gläu­bi­ge Tei­le der jüdi­schen Gemein­den waren.

Die Benut­zung jüdi­scher Argu­men­te aus einer inner­jü­di­schen Dis­kus­si­on durch Nicht­ju­den ist des­we­gen eine pre­kä­re Ange­le­gen­heit, weil hier Pro­phe­ten, Jesus, Johan­nes, Pau­lus oder Petrus ver­ein­nahmt, ja ent­eig­net wer­den. Wenn Jesus einer­seits gegen die Pha­ri­sä­er pole­mi­siert, dann setzt er eine inner­jü­disch längst geüb­te Kri­tik fort, betreibt sie ande­rer­seits aber aus­drück­lich auf der nicht bestrit­te­nen Basis »Auf dem Stuhl des Mose sit­zen die Schrift­ge­lehr­ten und die Pha­ri­sä­er. Alles nun, was sie euch sagen, das tut und hal­tet; aber nach ihren Wer­ken sollt ihr nicht han­deln (Mt 23,2f). Johan­nes hält auf der einen Sei­te fest Das Heil kommt von den Juden (Joh 4,22), um auf die­ser Basis in den hef­ti­gen Streit ein­zu­grei­fen, der um das wah­re Erbe der Abra­hams­kind­schaft im Gang war, gera­de in Zei­ten, in denen von ihm und sei­nen Nach­fol­gern ein mes­sia­ni­scher Anspruch mit mes­sia­ni­schen Zei­chen gelebt wur­de. Der Jude Jesus nennt grob, wie vie­le Dis­pu­te ver­lie­fen, die jüdi­sche geg­ne­ri­sche Par­tei Teu­fels­kin­der (Joh 8,44), eine Benen­nung, die er auch Petrus an den Kopf wirft. (Satan, Mt 16,23). Petrus erwuchs für sei­ne kirch­li­che Kar­rie­re dar­aus kein Scha­den, den Juden sehr wohl. Für die AG waren die­se Bei­spie­le Anlass für eine kri­ti­sche Skep­sis gegen­über einer ein­fa­chen Benut­zung von Bibel­ver­sen. Sie waren in eini­gen Bei­spie­len zu blo­ßen Beleg­stel­len für Dog­men gewor­den, die eige­ne bibli­sche Bot­schaft nur in einer Rich­tung kana­li­sier­te. Es galt, ihren Sitz in der Geschich­te Isra­els zur Kennt­nis zu neh­men wie ihren zwei­ten »Sitz im Leben«. Und der ist eine juden­feind­li­che Wir­kungs­ge­schich­te.

Es soll­te nach Jahr­hun­der­ten einer gegen­läu­fi­gen Theo­rie­bil­dung und Pra­xis in der Kir­che und in der Theo­lo­gie nicht über die Juden, son­dern mit den Juden gespro­chen wer­den.

Was reli­gi­ös über­lie­fert war, wur­de in ihrem Fall zum feind­li­chen, ja töd­li­chen Eti­kett. Es war zur reli­giö­sen Aus­gren­zung und Dif­fa­mie­rung eben­so brauch­bar wie zur poli­ti­schen. Sich für anti­jü­di­sche Äuße­run­gen einen jüdi­schen Kron­zeu­gen zu instru­men­ta­li­sie­ren, ist eine heu­te noch nicht aus­ge­stor­be­ne Unsit­te. Bei der Aus­ein­an­der­set­zung um die Poli­tik israe­li­scher Regie­run­gen lie­ben Nicht­ju­den die­se Metho­de auch. Juli­us Strei­cher, der Her­aus­ge­ber des Hetz­blat­tes »Der Stür­mer«, ließ ein Kin­der­buch dru­cken, das nur eine Aus­sa­ge des Johan­nes­evan­ge­li­ums, näm­lich 8,44, aus­drück­lich zitier­te.

Zu den durch­ge­hen­den Auf­ga­ben der AG gehört bis heu­te, den Zusam­men­hang zwi­schen christ­li­cher Juden­ver­ach­tung und der aus bio­lo­gi­schem, völ­ki­schem, wirt­schaft­li­chem, frem­den­feind­li­chem und all­täg­li­chem Den­ken bestehen­den Juden­ver­ach­tung zwar in ihren ein­zel­nen Argu­men­ta­tio­nen und spe­zi­fi­schen Gefähr­lich­kei­ten prä­zi­se zu unter­schei­den, aber nicht von­ein­an­der zu tren­nen. Sie schlu­gen und schla­gen immer zusam­men. Das neu­es­te Pro­gramm für 2005 in Han­no­ver nimmt sich expli­zit den isla­mis­ti­schen Juden- und Israel­hass vor. Wie reli­giö­ser Anti­ju­da­is­mus mit säku­lar daher­kom­men­dem Anti­se­mi­tis­mus koaliert, so tun es bei­de mit ande­ren Vor­ur­tei­len ras­sis­ti­scher, ideo­lo­gi­scher oder natio­na­ler Pro­ve­ni­enz. Schar­fe Grenz­zie­hun­gen sind nicht mög­lich. Auch des­we­gen nicht, weil ein reli­gi­ös sich begrün­den­der Anti­ju­da­is­mus den längs­ten Vor­lauf an Juden­ver­ach­tung und juden-feind­li­chen Kli­schees in allen Kul­tu­ren und Län­dern pro­du­zier­te, die einer christ­li­cher oder isla­mi­schen Prä­gung unter­lie­gen.

Hier wur­de ein Boden vor­be­rei­tet, der auch nach dem Weg­fall reli­giö­ser Argu­men­te und Ein­stel­lun­gen gefähr­lich bleibt. Säku­lar, bis ins Sprich­wört­li­che lebt wei­ter, was reli­gi­ös (nur einst?) gelehrt und gelernt wur­de. Das lässt sich an den Bei­spie­len bele­gen, wie »pha­ri­sä­isch« als Schimpf­wort für ver­lo­ge­nes Reden und Han­deln, wie die Rede vom »alt­tes­ta­men­ta­ri­schen Gott der Rache«, vom bru­ta­len Gesetz »Auge um Auge, Zahn um Zahn« zur gän­gi­gen Mün­ze wur­de. Es zeigt sich pure Ahnungs­lo­sig­keit im Blick auf die jüdi­sche Reform­be­we­gung der Pha­ri­sä­er und die kri­ti­sche inner­jü­di­sche Debat­te um sie, im Blick auf das Dop­pel­ge­bot der Lie­be aus dem Alten Tes­ta­ment sowie auf die mit dem Hin­weis auf Augen und Zäh­ne gel­ten­de Ent­schä­di­gungs­re­gel anstel­le von Blut­ra­che. Was sich in christ­li­chen Schul­bü­chern, Cur­ri­cu­la, Pre­dig­ten und Lehr­bü­chern heu­te lang­sam durch­zu­set­zen beginnt, erreicht eine heu­te reli­gi­ös fast unge­bil­de­te Öffent­lich­keit, vor allem die Gestal­ter der öffent­li­chen und ver­öf­fent­lich­ten Mei­nung, kaum noch. Die Kor­rek­tur christ­li­cher »Irr­leh­ren« kommt nicht nur für die Opfer der Schoa zu spät. Sie kam auch nach dem Tra­di­ti­ons­ab­bruch einer chris­tia­ni­sier­ten Gesell­schaft für die sich säku­la­ri­sie­ren­den oder in Reli­gio­si­tä­ten unter­schied­li­cher Cou­leur abdrif­ten­den Zeit­ge­nos­sin­nen und Zeit­ge­nos­sen zu spät.

Die­se Beob­ach­tun­gen zur The­men­viel­falt in der AG führ­ten dazu, dass die the­ma­ti­sche Band­brei­te der Arbeit der AG sehr umfang­reich wer­den muss­te und sich nie nur auf inner­kirch­li­che oder inner­theo­lo­gi­sche Aspek­te und Adres­sa­ten beschrän­ken konn­te, wie auch dazu, dass die­se Arbeit zunächst stär­ker die Öffent­lich­keit er- reich­te als die theo­lo­gi­schen Fakul­tä­ten und die Kir­chen­lei­tun­gen. Die Wir­kung auf die­se war eine indi­rek­te, wenn auch – wie die inzwi­schen zahl­rei­chen Erklä­run­gen der Kir­chen und theo­lo­gi­sche Publi­ka­tio­nen zei­gen – eine nicht ganz wir­kungs­lo­se.

Wich­tig ist aber eine Fest­stel­lung, die nicht ver­harm­lost wer­den darf: Ent­ge­gen dem christ­li­chen Grund aller Erkennt­nis des Glau­bens und der Theo­lo­gie, der mit dem Ver­weis auf »Sola Scrip­tu­ra, allein die Hei­li­ge Schrift« ange­zeigt wird, waren es die his­to­ri­schen Fak­ten von Ausch­witz, der Schoa, die ein lang­sa­mes Umden­ken in der Kir­che und in der Theo­lo­gie in Gang setz­ten. Es kommt einer Denun­zia­ti­on gleich, die­ser Arbeit den Vor­wurf zu machen, sie betrei­be eine Geschichts­theo­lo­gie, die geschicht­li­che Tat­sa­chen als Offen­ba­rungs­quel­len instal­lie­re. Es geht dar­um, eine ehr­li­che und kri­ti­sche Ant­wort auf geschicht­li­che Erfah­run­gen derer zu geben, mit denen Gott als mit sei­nem Volk einen Bund geschlos­sen hat. Ihm ver­dankt die Chris­ten­heit nicht nur die Grund­be­grif­fe ihres Glau­bens, son­dern mit die­sem Volk teilt sie den größ­ten Teil ihrer Bibel, eben­so den Glau­ben an Gott, den Schöp­fer, Erhal­ter und Erlö­ser des Lebens, die mes­sia­ni­sche Hoff­nung und eine bibli­sche Ethik, die Jesus zwar kri­tisch aus­ge­legt und aus­ge­lebt, aber nie ver­wor­fen hat.

Der Umfang des­sen, was zu ver­ler­nen, ist sehr groß. Zur Beur­tei­lung jeder zeit­ge­nös­si­schen Theo­lo­gie hat­te Johann Bap­tist Metz sei­nen Stu­die­ren­den gera­ten, jede theo­lo­gi­sche Arbeit zu prü­fen, ob die Theo­lo­gie, die ihr ken­nen lernt, so ist, dass sie vor und nach Ausch­witz die glei­che sein könn­te; wenn ja, dann seid auf der Hut! 5 Die­ses ver­ant­wor­tungs­vol­le Wäch­ter­amt nahm und nimmt die klei­ne AG wahr.

II. Die Anfänge der AG Juden und Christen

Die Evan­ge­li­schen Kir­chen­ta­ge haben eine dop­pel­te Tra­di­ti­on. Ein­mal sind sie im Namen, nicht in der Sache iden­tisch mit den im 19. Jahr­hun­dert statt­fin­den­den Ver­samm­lun­gen pro­tes­tan­ti­scher Nota­beln. In einer Zeit staat­li­chen Kir­chen­re­gi­ments kamen auf ver­schie­de­nen Ebe­nen des kirch­li­chen Lebens Kir­chen­ta­ge syn­odal­par­la­men­ta­ri­scher Art zusam­men, die sowohl die öffent­li­che Ent­fal­tung des sozia­len und theo­lo­gi­schen Erbes der Refor­ma­ti­on wie die Ein­heit einer klein­staat­lich zer­glie­der­ten pro­tes­tan­ti­schen Kir­che ver­tra­ten. Im demo­kra­ti­schen Revo­lu­ti­ons­jahr 1848 fand der ers­te Deut­sche Evan­ge­li­sche Kir­chen­tag in Wit­ten­berg statt. Er gewann sein blei­ben­des, wenn auch – gegen­über dem »Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest« des­sel­ben Jah­res – begrenz­tes Pro­fil durch Johann Hin­rich Wicherns Auf­ruf zur »Innern Mis­si­on« und zum Ernst­neh­men der sozia­len Fra­ge.

Zum ande­ren gehö­ren zu den »Vor­fah­ren« der neu­zeit­li­chen Kir­chen­ta­ge die im Kir­chen­kampf der Nazi­zeit von der Beken­nen­den Kir­che ver­an­stal­te­ten »Evan­ge­li­schen Wochen«. Hier wur­de, nicht zuletzt durch die Betei­li­gung aus­län­di­scher Refe­ren­ten, gesell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung und mehr oder weni­ger deut­li­cher Wider­spruch zu Maß­nah­men der Par­tei und des Staa­tes öffent­lich ein­ge­übt. Die Fra­ge nach der Dif­fa­mie­rung und Ver­drän­gung der Juden (auch der getauf­ten!) spiel­te auf deren The­men­lis­te lei­der kei­ne Rol­le. Sie schien nicht zur den Auf­ga­ben einer um ihr Recht und ihre Frei­heit kämp­fen­den Kir­che zu gehö­ren. Das Stutt­gar­ter Schuld­be­kennt­nis schweigt dazu wie das »Darm­städ­ter Wort« von 1947, das der Bru­der­rat der Beken­nen­den Kir­che ver­öf­fent­lich­te. Die­ses nann­te zwar ein­deu­tig alle Rah­men­be­din­gun­gen der deut­schen Dik­ta­tur mit ihrer Kern­ideo­lo­gie eines ras­sis­tisch-völ­ki­schen Juden­has­ses: Natio­na­lis­mus, Feind­bild­pro­duk­ti­on, Mili­ta­ris­mus, Demo­kra­tie­ver­ach­tung und Gleich­gül­tig­keit gegen­über der zum Reich Got­tes gehö­ren­den Gerech­tig­keit.

Ein 1948 dann nach­ge­scho­be­nes Wort »Zur Juden­fra­ge« sprach sich gegen Anti­se­mi­tis­mus aus, rede­te aber unge­niert von Isra­el in den alten Kate­go­ri­en eines über­le­ge­nen, mis­sio­na­ri­schen Chris­tus­be­kennt­nis­ses. Isra­els Lei­den sei­en eine Stra­fe für die Ableh­nung Jesu als des Mes­si­as, den allein rich­tig, näm­lich abso­lut und exklu­siv, ver­stan­den zu haben, zum noch nicht hin­ter­frag­ten Lehr- und Pra­xis­haus­halt aller Kir­chen gehör­te.

Seit dem ers­ten Kir­chen­tag der Neu­zeit, 1949 in Han­no­ver, wur­de ver­sucht, die Fra­ge, wie Theo­lo­gie und Kir­che sich zu Isra­el ver­hal­ten, als The­ma auf die Tages­ord­nung der gro­ßen pro­tes­tan­ti­schen Tref­fen zu set­zen. Trei­ben­de Kraft war der wegen der NS-Poli­tik aus dem Staats­dienst aus­ge­schie­de­ne Jurist und Diplo­mat Adolf Freu­den­berg. Er war nach einem theo­lo­gi­schen Stu­di­um Pfar­rer der Beken­nen­den Kir­che gewor­den, muss­te 1939 emi­grie­ren, wur­de vom spä­te­ren Gene­ral­se­kre­tär des im Ent­ste­hen begrif­fe­nen Öku­me­ni­schen Rates der Kir­chen, Wil­lem Vis­ser t‘Hooft, mit der Lei­tung der Flücht­lings­ar­beit in Genf beauf­tragt. Dort kam es zu einer bemer­kens­wer­ten Zusam­men­ar­beit – über den gleich­falls aus Ber­lin ver­trie­be­nen Freund und Juris­ten Ger­hard M. Rie­gner – mit dem eben­falls neu auf­ge­bau­ten Jüdi­schen Welt­kon­gress. Beson­ders wich­tig war ihm und sei­nen Hel­fern die Flucht­hil­fe für Juden aus dem besetz­ten Frank­reich.

Freu­den­berg ver­such­te zunächst im Kon­takt mit dem »Aus­schuss für Dienst an Isra­el«, in dem sowohl frü­he­re juden­mis­sio­na­ri­sche Akti­vis­ten und Theo­re­ti­ker, wie der Müns­te­ra­ner Lei­ter des dor­ti­gen Insti­tu­tum Iudai­cum, Karl Hein­rich Rengs­dorf (aber auch spä­te­re Mit­glie­der der AG wie Robert Rapha­el Geis und Ernst Lud­wig Ehr­lich) zusam­men­ka­men, wie über Hel­fer für ver­folg­te Juden, z.B. den würt­tem­ber­gi­schen Pfar­rer Fritz Majer-Leon­hard, das The­ma in das Pro­gramm des Kir­chen­ta­ges zu brin­gen. Es kam zu nicht mehr als zu »Freun­des­tref­fen« im kleins­ten Kreis der weni­gen Inter­es­sier­ten. Weder der Kir­chen­tag noch der genann­te Aus­schuss waren zu einer öffent­li­chen Behand­lung der Fra­ge zu be- wegen, wel­che Kon­se­quen­zen denn die Kir­chen aus dem Ver­sa­gen gegen­über dem jüdi­schen Volk zu zie­hen hät­ten. Angst vor der sich abzeich­nen­den Not­wen­dig­keit, theo­lo­gi­sche Kon­zep­te, ihre Inhal­te und ihre Spra­che zu revi­die­ren?

Freu­den­berg blieb hart­nä­ckig. Er hat­te durch sei­ne öku­me­ni­sche Tätig­keit in Genf die US- ame­ri­ka­ni­sche und bri­ti­sche Arbeit der »Gesell­schaf­ten für christ­lich-jüdi­sche Zusam­men­ar­beit« ken­nen gelernt und an den Bemü­hun­gen teil­ge­nom­men, im Vor­feld der Grün­dung des Öku­me­ni­schen Rates der Kir­chen 1948 in Ams­ter­dam theo­lo­gisch neue Ansät­ze zu for­mu­lie­ren. Dazu gehö­ren auch die sog. See­lis­ber­ger The­sen des 1947 gegrün­de­ten Inter­na­tio­na­len Rates der Juden und Chris­ten (ICCJ). Nach der Rück­kehr aus dem Exil wur­de er bald evan­ge­li­scher Vor­sit­zen­der der neu gegrün­de­ten Frank­fur­ter Gesell­schaft für Christ­lich-jüdi­sche Zusam­men­ar­beit (CJZ) und der ent­spre­chen­den Dach­or­ga­ni­sa­ti­on, des Deut­schen Koor­di­nie­rungs­ra­tes der Gesell­schaf­ten für Christ­lich-Jüdi­sche Zusam­men­ar­beit (DKR).

Es darf in die­sem Zusam­men­hang nicht über­se­hen wer­den: Auch die per­sön­li­che Erfah­rung eini­ger enga­gier­ter Refor­mer wur­de zu einem exis­ten­zi­ell wie intel­lek­tu­ell mit­be­stim­men­den Fak­tor, sich an einer Such­be­we­gung zu betei­li­gen, die nach einer alter­na­ti­ven, nicht zu Unguns­ten des Juden­tums neu­en Selbst­ver­ständ­nis der Chris­ten­heit. Die Betref­fen­den waren per Gesetz und mit Gewalt als »nich­tarisch« oder »jüdisch ver­sippt« defi­niert, einer eli­mi­na­to­ri­schen Ver­fol­gung aus­ge­setzt und von den Kir­chen allein gelas­sen wor­den wie die jüdi­sche Bevöl­ke­rung. Das gilt z.B. für Frau Else Freu­den­berg, geb. Lief­mann, Diet­rich Gold­schmidt, Hel­mut Goll­wit­zer, Hans-Joa­chim Iwand, Hans-Joa­chim Kraus, Heinz-David Leu­ner, Fritz Majer-Leon­hard und Lili Simon, spä­ter akti­ve Mit­glie­der der AG.

Für eini­ge von ihnen schien klar, dass der wie­der­kom­men­de Chris­tus der ist, den die Chris­ten­heit »schon« kennt, die Juden also eigent­lich nur einen »christ­li­chen Mes­si­as = Chris­tus« erken­nen und aner­ken­nen kön­nen. Die­se christ­li­che Gewiss­heit hat­te sich im Kir­chen­kampf auch dadurch noch befes­tigt, dass im Gefol­ge der Theo­lo­gie Karl Barths, aber auch der anders gedach­ten Chris­to­lo­gi­en Rudolf Bult­manns (Mit­glied der Beken­nen­den Kir­che) und Paul Til­lichs (mit Mar­tin Buber der ers­te 1933 aus der Frank­fur­ter Uni­ver­si­tät ver­trie­be­ne Hoch­schul­leh­rer), sich eine chris­to­zen­tri­sche Denk- und Rede­wei­se durch­ge­setzt hat­te.

Sie fand einen wir­kungs­star­ken Aus­druck in der Bar­mer Theo­lo­gi­schen Erklä­rung von 1934. In ihr trug das eine Wort Got­tes exklu­siv den Namen Jesus Chris­tus, das wir zu hören, dem, wir im Leben und im Ster­ben zu ver­trau­en und zu gehor­chen haben. Neben die­sem einen Wort hat die Kir­che kei­ne ande­ren Ereig­nis­se und Mäch­te, Gestal­ten und Wahr­hei­ten als Got­tes Offen­ba­rung anzu­er­ken­nen. Weder der 30. Janu­ar 1933 noch die Macht der Par­tei und des von ihr über­nom­me­nen Staa­tes, weder ein »Füh­rer« noch eine Ras­sen­leh­re sind für Chris­ten ver­bind­li­che Auto­ri­tä­ten.

Die­ses exklu­si­ve christ­li­che Bekennt­nis bewähr­te sich (wie das lei­der in Bar­men nicht erwähn­te Ers­te Gebot und das Gebot, Gott mehr zu gehor­chen als den Men­schen, Ap.Gesch 5,29) auf der einen Sei­te als nazi­re­sis­ten­te Wider­stands­po­si­ti­on, ver­stärk­te ande­rer­seits im Schwei­gen über die Juden einen »impe­ria­len« und uni­ver­sa­len Anspruch des christ­li­chen Glau­bens. Christ­lich cou­ra­gier­te Dis­si­den­ten sahen ange­sichts der Nazi-Ideo­lo­gie die Auf­ga­be nicht, den Dis­sens zwi­schen Kir­che und jüdi­schem Volk als einen geschwis­ter­li­chen zu ver­ste­hen und dem­entspre­chend geschwis­ter­lich mit ihnen in der Zeit ihrer höchs­ten Gefähr­dung umzu­ge­hen.

Fragt man nach den Neu­an­sät­zen, so ist nicht zu über­se­hen, dass in der Theo­lo­gie Karl Barths der Gedan­ke der blei­ben­den Erwäh­lung Isra­els breit aus­ge­führt war. Barth hat­te 1934 wegen Eides- ver­wei­ge­rung sei­nen Bon­ner Lehr­stuhl ver­lo­ren, zusam­men mit dem Neu­tes­ta­ment­ler Karl Lud­wig Schmidt, dem Gesprächs­part­ner Mar­tin Bubers im ers­ten und letz­ten Lehr­haus­ge­spräch am 14.1.33 vor der deut­schen Macht­über­ga­be an die Nazis.

Eine ande­re Erb­schaft hat­te der 1945 im KZ Flos­sen­bürg ermor­de­te Theo­lo­ge und Wider­stands­kämp­fer Diet­rich Bon­hoef­fer hin­ter­las­sen. Nach dem Boy­kott jüdi­scher Geschäf­te hat­te er in einem Vor­trag »Die Kir­che vor der Juden­fra­ge« ein Ein­grei­fen der Kir­che ver­langt, wenn eine Grup­pe von Men­schen recht­los gemacht oder durch zu viel »Recht« (Son­der­ge­set­ze) stran­gu­liert wer­de. Dann habe die Kir­che den Staat nach der Legi­ti­mi­tät sei­nes Han­delns zu fra­gen, sich nicht nur für die eige­nen Mit­glie­der ein­zu­set­zen und »dem Rad in die Spei­chen zu grei­fen«, d.h. poli­ti­schen Wider­stand zu üben. 1941 hat­te er, schon in der Ille­ga­li­tät, dar­auf hin­ge­wie­sen: Die abend­län­di­sche Geschich­te ist nach Got­tes Wil­len mit dem Volk Isra­el unlös­lich ver­bun­den, nicht nur gene­tisch, son­dern in ech­ter unauf­hör­li­cher Begeg­nung. Der Jude hält die Chris­tus­fra­ge offen… Jesus war Jude.

Schuld zu erken­nen, zu benen­nen und zu beken­nen – ohne ein Schie­len nach der Schuld der ande­ren – war sei­ne For­de­rung. Die Syn­ode der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land hat­te 1950 sowohl ein Schuld­be­kennt­nis aus­ge­spro­chen wie die nicht auf­ge­ho­be­ne Beru­fung Isra­els zum ers­ten Mal in einem kir­chen­amt­li­chen Doku­ment bekannt.6

Es waren schma­le Ansät­ze, die in die beschei­de­nen Neu­an­sät­ze nach 1945 ein­flos­sen. Noch waren sie oft ver­mischt mit tra­di­tio­nel­len Aus­sa­gen, die in exklu­si­ven Theo­lo­gi­en und Kir­chen kei­nen oder kaum Raum lie­ßen für das leben­di­ge Got­tes­volk. Des­sen eige­ne Bemü­hun­gen, den Juden Jesus und sei­ne Bot­schaft aus sei­nem nie auf­ge­ge­be­nen, streit­ba­ren und inno­va­ti­ven Leben in und mit die­sem Got­tes­volk zu ver­ste­hen, wur­den nicht wahr­ge­nom­men. Zu den­ken ist hier bei­spiels­wei­se an die Arbei­ten von Joseph Klaus­ner Jesus von Naza­reth (1922) oder an Leo Baecks nicht ange­nom­me­nes Gesprächs­an­ge­bot von 1938 in sei­nem Buch Das Evan­ge­li­um als Urkun­de der jüdi­schen Glau­bens­ge­schich­te. Auf Gleich­gül­tig­keit traf vor der Schoa die­se inhalt­lich gefüll­te Bereit­schaft, über Gemein­sam­kei­ten und Unter­schie­de zu spre­chen.

Für den DEKT 1959 in Mün­chen, die einst so genann­te »Stadt der Bewe­gung«, mein­te das Kir­chen­tags­prä­si­di­um dem The­ma nicht mehr aus­wei­chen zu kön­nen. Nach den Absa­gen der Freun­de Albert Schweit­zer und Mar­tin Buber, wur­den durch den Kir­chen­tags­prä­si­den­ten Klaus von Bis­marck der Alt­tes­ta­ment­ler Wal­ter Zim­mer­li und der sys­te­ma­ti­sche Theo­lo­ge Hel­mut Goll­wit­zer gebe­ten, das The­ma zu behan­deln.

Zim­mer­li war sich bewusst, dass – neh­men Chris­ten das Alte Tes­ta­ment ernst – sie unbe­que­me Fra­gen von den Juden hören wer­den: Hat die christ­li­che Gemein­de jene Bußbereitschaft,…die aller eit­len Selbst­ge­rech­tig­keit und allem eit­len Kir­chen­stolz absagt? Wei­ter: Ist Chris­tus wirk­lich die Erfül­lung des Wor­tes, das wir vom Alten Tes­ta­ment zu uns reden hören? Dann müss­te, wer in ihm ist,…den Kampf um das leib­haft gestal­te­te Leben, bis hin zum Kampf um die Insti­tu­tio­nen des gerech­ten Loh­nes, der Für­sor­ge für die Schwa­chen, der Ent­mach­tung der Groß­macht Geld« auf­neh­men. Zim­mer­li unter­wirft die christ­li­che Rede von der »Erfül­lung« bibli­scher Ver­hei­ßun­gen dem biblisch-jüdi­schen Kri­te­ri­um. Es geht um eine leib­haf­tig, den mate­ri­el­len Sek­tor des Lebens real und öffent­lich ver­än­dern­de Wirk­lich­keit. Die­ses Kri­te­ri­um weist den »Mes­sia­ni­schen«, d.h. den Chris­ten, den Platz ein­deu­tig bei den Armen an.

In vie­len christ­li­chen Auf­fas­sun­gen und Zir­keln macht man aller­dings sei­ne christ­li­che Iden­ti­tät noch heu­te an einer Posi­ti­on fest, die ihr Pro­fil als Anti­pro­fil zum jüdi­schen ent­fal­tet. Eine authen­ti­sche christ­li­che Posi­ti­on scheint für vie­le unauf­lös­lich mit einer Nega­ti­on des Juden­tums ver­bun­den zu sein.

Hel­mut Goll­wit­zer weist auf die zwei Hil­fen hin, die die Chris­ten­heit in eine neue Rich­tung ihres Den­kens und Glau­bens füh­ren müs­sen: Ein­mal die Erin­ne­rung an das, was von deut­scher Sei­te began­gen wor­den ist…und zum ande­ren die neue Wirk­lich­keit des Staa­tes Isra­el. Ver­nich­tung aus einem christ­li­chen Land und Neu­an­fang im Land der Väter. Die bei­den »Hil­fen« blie­ben inner­halb und außer­halb der bald ent­ste­hen­den AG immer Kern­punk­te kon­tro­ver­ser Debat­ten. So gewiss Goll­wit­zer auch die Fra­ge hör­te, ob an unse­rem Chris­ten­tum etwas dran ist, so gewiss war ihm auch, dass durch ein wahr­haft christ­li­ches, lie­be- vol­les, vor­ur­teil­frei­es Han­deln der Name Jesu Chris­ti für die Juden zu einem Segens­na­men wird,…der durch die Chris­ten zu einem Fluch­na­men gewor­den ist. Er ist auch für die nach Römer 9-11 blei­bend erwähl­ten Juden den Juden zuerst und den Grie­chen (Röm 1,16) die Erfül­lung aller bibli­schen Ver­hei­ßun­gen. Das ist bei Goll­wit­zer die Hoff­nung auch für Isra­el. Eine Vor­stel­lung, die Isra­el und Kir­che nebeneinander/miteinander der Voll­endung der Welt und der Geschich­te ent­ge­gen­ge­hen und sich beim sel­ben Ziel tref­fen lässt, dem Mes­si­as Jesus.

Die­se Vor­stel­lung liegt nahe bei der über­lie­fer­ten christ­li­chen Auf­fas­sung (die nicht die von H. Goll­wit­zer ist), dass die Geschich­te zumin­dest für das jüdi­sche Volk nicht mehr offen ist. Ihm ist ent­schei­dend die Juden­fra­ge eine Chris­ten­fra­ge, nach der The­se von Wla­di­mir Solo­vje­vs gleich­na­mi­gem Buch (1881), fragt also nach der Christ­lich­keit der Chris­ten und Kir­chen, nach der der Chris­tus­nach­fol­ge. Bemer­kens­wert war im Mün­che­ner Auf­takt, dass die rea­le Geschich­te, sowohl die des Völ­ker­mor­des wie die des nach fast zwei­tau­send Jah­ren neu wie­der erstan­de­nen Staa­tes Isra­el, als rele­vant für das Leben und Den­ken der Kir­chen dar­ge­stellt wur­den.

Immer gab es einen jüdi­schen und  einen christ­li­chen Vor­sit­zen­den, um zu ver­deut­li­chen, auf glei­cher Augen­hö­he mit­ein­an­der umzu­ge­hen. Das über­wand kei­nes­wegs die Asym­me­trie.

Gegen­über aller­lei kul­tur­pro­tes­tan­ti­schen oder staats­from­men Anpas­sungs­pro­zes­sen des deut­schen Pro­tes­tan­tis­mus im 19. und 20. Jahr­hun­dert war die Kon­zen­tra­ti­on auf das Chris­tus­be­kennt­nis, sowohl in Auf­nah­me alt­kirch­li­cher wie refor­ma­to­ri­scher Spra­che, eine deut­li­che Pro­fi­lie­rung und ein Iden­ti­täts­ge­winn auf christ­li­cher Sei­te. Zugleich wur­de die Not­wen­dig­keit, über­kom­me­ne chris­to­lo­gi­sche Vor­stel­lun­gen neu zu for­mu­lie­ren und allen anti­jü­di­schen Inhal­ten und Wir­kungs­ge­schich­ten eine Absa­ge zu ertei­len, durch den Chris­to­zen­tris­mus deut­lich erschwert. Jesus der Chris­tus muss­te als Pro­phet, Sohn, Knecht, Lamm, Men­schen­sohn des Got­tes Isra­els begrif­fen wer­den. Er ist aus die­ser Geschich­te des bibli­schen Got­tes nur her­aus­zu­lö­sen, wenn die neu­en (christ­li­chen) Zwei­ge am alten, aber leben­di­gen Ölbaum Isra­el sich aus die­ser leben­di­gen Ver­wur­ze­lung in Isra­el sel­ber abschnit­ten – sie taten es, ent­ge­gen dem wirk­lich neu ent­deck­ten Text aus Röm 9-11. Pau­lus beschreibt in die­sem Ölbaum­gleich­nis das erst end­zeit­lich auf­ge­lös­te Geheim­nis der Geschich­te. Das mehr­heit­lich jüdi­sche Nein zu Jesus, dem Chris­tus, schuf die posi­ti­ve Chan­ce, dass die Völ­ker durch ihn Zugang zum Gott und sei­nem Bund mit Isra­el haben, ohne dass Isra­el sein Erbe in die­sem Pro­zess der Bun­desöff­nung ver­liert. Es war Fried­rich- Wil­helm Mar­quardt, der die­se befrei­en­de Inter­pre­ta­ti­on vor­trug.

Ich wei­se auf die chris­to­lo­gi­sche Akzen­tu­ie­rung unter den christ­li­chen Gesprächs­part­nern des­we­gen hin, weil die­se Posi­ti­on zu einer schar­fen Kon­tro­ver­se 1963/64 in der AG zwi­schen Hel­mut Goll­wit­zer, Gün­ther Har­der und Adolf Freu­den­berg auf der einen und Robert Rapha­el Geis und Ernst Lud­wig Ehr­lich auf der ande­ren Sei­te führ­te. Es gehört zur Stär­ke der AG, dem not­wen­di­gen, schmerz­li­chen Streit nicht aus­ge­wi­chen zu sein, nicht einem Ide­al der Har­mo­nie, des Syn­kre­tis­mus oder des gerings­ten gemein­sa­men Nen­ners ver­pflich­tet zu sein.

In vie­len christ­li­chen Auf­fas­sun­gen und Zir­keln macht man aller­dings sei­ne christ­li­che Iden­ti­tät noch heu­te an einer Posi­ti­on fest, die ihr Pro­fil als Anti­pro­fil zum jüdi­schen ent­fal­tet. Eine authen­ti­sche christ­li­che Posi­ti­on scheint für vie­le unauf­lös­lich mit einer Nega­ti­on des Juden­tums ver­bun­den zu sein. Sie schließt dann logi­scher­wei­se eine defi­zi­tä­re Posi­ti­on für die Juden ein. Die­se denkt expli­zit oder impli­zit: Noch sind die Juden nicht so weit, wie wir Chris­ten (wenn auch gewiss nicht als bea­ti pos­si­den­tes, aber doch als bea­ti) schon zu sein mei­nen. Ein hoff­nungs­lo­ser Zug kenn­zeich­net ein Chris­ten­tum, das voll­mun­dig von einer Erfül­lung spricht, die sie welt­flüch­tig nur in inner­li­chen oder jen­sei­ti­gen Ret­tun­gen ver­wirk­licht sehen will.

Es soll­te sich her­aus­stel­len, dass die Chris­to­lo­gie das The­ma ist, an dem sich vor allem ent­schei­det, ob ein christ­li­ches Bekennt­nis zu Jesus als dem Chris­tus, also dem Mes­si­as, mög­lich ist, das nicht auf Kos­ten des Juden­tums geht. Gelingt das nicht, dann steht ein Kern­ar­gu­ment für Juden­mis­si­on, die Goll­wit­zer, wie die die gesam­te AG, dezi­diert ablehnt, als Hin­der­nis zwi­schen Juden und Chris­ten. Vor allem dank der theo­lo­gi­schen Arbei­ten von Hans-Joa­chim Kraus, Fried­rich- Wil­helm Mar­quardt und Ber­told Klap­pert wur­de die­se »Über­le­gen­heits­chris­to­lo­gie« über­wun­den. Die bei­den Ers­ten waren wie Geis, Eleo­no­re Ster­ling, Goll­wit­zer, der Direk­tor des Max-Planck- Insti­tu­tes für Bil­dungs­for­schung, Diet­rich Gold­schmidt, die Juris­ten Bar­ba­ra Just-Dah­l­mann oder Hel­mut Just, prä­gen­de Vor­sit­zen­de der AG; Mar­quardt schrieb für den deutsch­spra­chi­gen Raum jene ers­te, radi­kal neue Inter­pre­ta­ti­on der christ­li­chen Dog­ma­tik, die nicht juden­feind­lich ist. (Ver­gleich­ba­res tat der ame­ri­ka­ni­sche, angli­ka­ni­sche Theo­lo­ge Paul van Buren). Unter den Exege­ten sind hier Gün­ther Har­der, Peter von der Osten- Sacken und Rolf Rend­torff zu nen­nen, die wie Heinz Kre­mers zu denen gehör­ten, die durch ihre For­schun­gen, Leh­ren und Publi­ka­tio­nen schließ- lich auch die theo­lo­gi­schen Fakul­tä­ten inspi­rier­ten, sich wenigs­tens hier und da den unab­weis­ba­ren Fra­ge­stel­lun­gen zu öff­nen.

Goll­wit­zers und Freu­den­bergs Drän­gen auf eine stän­di­ge VI. Arbeits­grup­pe des DEKT (neben Fami­lie, Poli­tik, Wirt­schaft und Gesell­schaft, Mensch, Öku­me­ne) führ­te end­lich auf dem Ber­li­ner Kir­chen­tag 1961 zum Erfolg. Goll­wit­zer lädt 35 Män­ner und Frau­en ein, dar­un­ter 6 Juden, die in eigen­stän­di­ger Pla­nung und Regie bis heu­te (natür­lich in viel­fach geän­der­ter Zusam­men­set­zung) das Pro­gramm­feld des DEKT »Juden und Chris­ten« gestal­ten. Unter den Ein­ge­la­de­nen waren von jüdi­scher Sei­te Scha­lom Ben Cho­rin, Jeru­sa­lem; Ernst Lud­wig Ehr­lich, Basel; Robert Rapha­el Geis, Düs­sel­dorf; Paul Hol­zer, Lon­don; Eva Gabrie­le Reich­mann, Lon­don; Eleo­no­re Ster­ling, Frankfurt/M; Kurt Wil­helm, Stock­holm – vier aus dem Aus­land, in das sie eine deut­sche Aus­rot­tungs­po­li­tik getrie­ben hat­te, zwei aus dem Exil zurück­ge­kehrt.

Die Asym­me­trie im Ver­hält­nis zwi­schen Chris­ten und Juden betraf nicht nur die Zahl. Es waren auch die Geschich­te, die Ver­kün­di­gung und die Pra­xis der in einer Atti­tü­de von Macht, Mehr­heit und Über­le­gen­heit gegen­über dem Got­tes­volk auf­tre­ten­den Kir­chen. Wür­de sich das abbau­en las­sen? Immer gab es einen jüdi­schen und einen christ­li­chen Vor­sit­zen­den, um zu ver­deut­li­chen, auf glei­cher Augen­hö­he mit­ein­an­der umzu­ge­hen. Das über­wand kei­nes­wegs die Asym­me­trie. In den Anfän­gen der AG war es völ­lig unge­wiss, ob es je wie­der eine deut­sche jüdi­sche Gemein­schaft geben könn­te. Wer konn­te als Jude schon im Land der Zuschau­er und Mör­der leben? Zudem nah­men anti­se­mi­ti­sche Schmie­re­rei­en mas­siv zu. Der Mord am jüdi­schen Volk wur­de in brei­ten Krei­sen des deut­schen Vol­kes und der Kir­chen ver­drängt. Alte Eli­ten aus der Zeit 1933 – 1945 saßen noch oder wie­der in Schlüs­sel­stel­len der Jus­tiz, der Poli­tik, der Medi­en und der Uni­ver­si­tä­ten. Die Mehr­heits­ge­sell­schaft fühl­te sich zuerst als Opfer von »Hit­ler«, des »Krie­ges« oder der »Besat­zer«. Man stürz­te sich in den Wie­der- und Neu­auf­bau, der für die meis­ten mit einem Wirt­schafts­wun­der belohnt wur­de und der auch die nicht selbst errun­ge­ne Demo­kra­tie und Rechts­staat­lich­keit als loh­nend akzep­ta­bel mach­te. In Jeru­sa­lem fand der Pro­zess gegen Eich­mann statt, zu dem das AG-Mit­glied Propst Grüber als Zeu­ge ein­ge­la­den war. Die weni­gen in Deutsch­land leben­den Juden saßen auf »gepack­ten Kof­fern«.

Kon­sti­tu­tiv für die­sen Neu­an­fang der AG ist die akti­ve Betei­li­gung von jüdi­schen Refe­ren­ten in der Kir­chen­tags­ar­beit. End­lich muss­te nicht »über«, son­dern mit Juden gespro­chen wer­den. Jüdi­sche wie christ­li­che Fach­leu­te soll­ten refe­rie­ren und dis­ku­tie­ren. Die­sen ein­hel­lig akzep­tier­ten Vor­schlag hat­te der Ham­bur­ger Alt­tes­ta­ment­ler und das Vor­stands­mit­glied des DKR, Hans- Joa­chim Kraus, gemacht. Der Düs­sel­dor­fer Rab­bi­ner, Robert Rapha­el Geis, Ernst Lud­wig Ehr­lich aus Basel (bei­de amtier­ten auch als Vor­sit­zen­de der AG) sowie Scha­lom Ben Cho­rin gehör­ten von jüdi­scher Sei­te dazu. Die Lei­te­rin der Wie­ner Libra­ry in Lon­don, Eva Reich­mann, frag­te sehr direkt, war­um die Chris­ten die Juden immer nur als Chris­tus­mör­der gese­hen und ver­folgt und nicht als Chris­tus­brin­ger akzep­tiert hät­ten? Ihre Bei­trä­ge lös­ten leb­haf­te und kon­tro­ver­se Dis­kus­sio­nen in der gro­ßen Mes­se­hal­le am Funk­turm aus.

Zum ers­ten Mal wur­de 1961 durch die AG auf dem Kir­chen­tag eine Reso­lu­ti­on ver­ab­schie­det. Sie lös­te stür­mi­sche Dis­kus­sio­nen aus – wie die zuletzt 1999 in Stutt­gart noch ein­mal erfolg­te Ableh­nung jeder Form von Juden­mis­si­on. Dies war nötig gewor­den, da sich gera­de im evan­ge­li­ka­len Feld eine selt­sa­me Mischung aus Israel­lie­be und Juden­mis­si­on breit mach­te.

Jüdi­sche Bibel­ar­bei­ten, immer dia­lo­gisch und auf glei­cher Augen­hö­he ange­legt, kamen erst 1973 – begin­nend mit Edna Bro­cke und Ger­hard Bau­er – seit dem Düs­sel­dor­fer Kir­chen­tag dazu. Sie waren und blei­ben in ihrem Gang back to the roots, der jüdi­schen und der christ­li­chen Bibel, auch ihrer neu­tes­ta­ment­li­chen Tei­le, immer ein Zen­trum der Arbeit der AG bis heu­te. Hier wur­de gelernt, wie unter­schied­lich die­sel­ben Tex­te über­lie­fert wur­den und gele­sen wer­den. Die Her­me­neu­tik, die Kunst des Ver­ste­hens, war auf christ­li­cher Sei­te all­zu oft durch unbe­wuss­te oder dok­tri­nä­re Vor­ga­ben geprägt. Es sind vor allem zwei Sche­ma­ta zu nen­nen, die die Zugän­ge zu bibli­schen Tex­ten ver­bo­gen, wenn nicht ver­schlos­sen: Ein­mal ein zu simp­les Sche­ma von Ver­hei­ßung und Erfül­lung, das über­sieht, dass die jüdi­sche Bibel wie die jüdi­sche Geschich­te »Erfül­lun­gen« gött­li­cher Ver­hei­ßun­gen selbst­ver­ständ­lich kennt und dass das Neue Tes­ta­ment eben­so selbst­ver­ständ­lich uner­füll­te Ver­hei­ßun­gen kennt.

So wenig das Alte Tes­ta­ment nur Vor­läu­fer des Neu­en ist, son­dern sei­ne eige­ne Stim­me hat, so wenig trifft eine ähn­lich schlich­te Auf­tei­lung von »Gesetz« und »Evan­ge­li­um« auf AT und NT den bibli­schen Reich­tum in allen Tei­len der Hei­li­gen Schrif­ten. Die­ses ande­re Sche­ma denkt eben­so ein­di­men­sio­nal, dass das Alte Tes­ta­ment »Gesetz« sei, Glau­be also mensch­li­che Leis­tung sei, dem­ge­gen­über das Neue Tes­ta­ment »geset­zes­freie« Bot­schaft der Gna­de und Lie­be sei – als ob die Erfah­rung gött­li­cher Gna­de und Lie­be dem Volk Got­tes von den Anfän­gen sei­ner Geschich­te an fremd sei, als ob das Neue Tes­ta­ment nicht auch »Gesetz« (nach Pau­lus hei­lig, gerecht und gut, Röm 7,12) als Wei­sung zu einem Gott wohl­ge­fäl­li­gen Leben ent­hal­te. Neben der Erneue­rung chris­to­lo­gi­scher Aus­sa­gen ist die Bear­bei­tung die­ser bei­den tra­di­tio­nel­len Vor­aus­set­zun­gen eines neu­en Ver­ste­hens der Bibel wie ihrer bei­den Fort­set­zungs­ge­schich­ten im leben­di­gen Juden­tum und im leben­di­gen Chris­ten­tum eine bis heu­te bear­bei­te­te und zu bear­bei­ten­de Auf­ga­be.

Der Erfolg der drei­tä­gi­gen Ver­an­stal­tun­gen auf dem Ber­li­ner Kir­chen­tag über­traf alle Erwar­tun­gen. Das Pro­gramm der AG füll­te nicht nur die größ­te Ber­li­ner Mes­se­hal­le (5000 Sitz­plät­ze), es wur­den Über­tra­gun­gen ins Freie und in Nach­bar­hal­len nötig. Es war die am stärks­ten besuch­te Ver­an­stal­tung des Kir­chen­ta­ges. Und sie war eben­so anspruchs­voll wie inno­va­to­risch. Ein Erst­ma­li­ges, das sei­ne Bedeu­tung auch dann nicht ein­büßt, wenn man an das Meer von Blut und Trä­nen denkt, das wir zuvor durch­schrei­ten muss­ten (R. R. Geis). Geis beton­te sehr stark eine Gemein­sam­keit von Juden und Chris­ten, die dar­in besteht, dass das Chris­ten­tum gesell­schaft­lich nicht mehr mehr­heits­fä­hig ist, wohl aber gesell­schafts­kri­tisch wirkt, wenn es sich end­lich als das begreift, was es ist, eine Mino­ri­tät, der mit dem macht- und mam­mon­kri­ti­schen Gott Isra­els lebt und nicht irgend­wel­chen ande­ren Göt­tern und Mäch­ten dient.

Was Geis aus­sprach, war über lan­ge Zeit Kon­sens in der AG: Die eben­so kir­chen­kri­ti­sche wie gesell­schafts­kri­ti­sche Dimen­si­on aller Akti­vi­tä­ten. Es bestand Ein­ver­neh­men dar­über, dass Theo­lo­gie und Kir­chen zu den frü­hen und star­ken Lie­fe­ran­ten anti­jü­di­scher Ver­hal­tens­wei­sen gehör­ten und eben­so dar­über, dass eine fal­sche Poli­tik bzw. feh­len­de poli­tisch-demo­kra­ti­sche Wach­heit zu den Bedin­gun­gen gehör­ten, die die Schoa und die unter­blie­be­ne Soli­da­ri­tät mit den dis­kri­mi­nier­ten und Ver­folg­ten ermög­licht hat­ten.

Zum ers­ten Mal wur­de 1961 durch die AG auf dem Kir­chen­tag eine Reso­lu­ti­on ver­ab­schie­det. Sie lös­te stür­mi­sche Dis­kus­sio­nen aus – wie die zuletzt 1999 in Stutt­gart noch ein­mal erfolg­te Ableh­nung jeder Form von Juden­mis­si­on. Dies war nötig gewor­den, da sich gera­de im evan­ge­li­ka­len Feld eine selt­sa­me Mischung aus Israel­lie­be und Juden­mis­si­on breit mach­te. Sie speis­te sich aus der alten Übung, das Juden­tum im Gegen­satz zum Chris­ten­tum – in aller »Lie­be!« – als die anzu­se­hen, die auf den Mes­si­as noch war­ten, wäh­rend die Chris­ten die Erfül­lung der mes­sia­ni­schen Hoff­nung ken­nen.

Die Reso­lu­ti­on von 1961 eröff­ne­te für alle fol­gen­den Kir­chen­ta­ge und ihre Ver­an­stal­tun­gen eine Par­ti­zi­pa­ti­on der Teil­neh­mer, die erst spä­ter sich gele­gent­lich in Rou­ti­ne oder For­ma­lis­men erschöpf­te. Die Reso­lu­ti­on der christ­li­chen Mit­glie­der der AG unter­streicht die unlös­ba­re Ver­bun­den­heit mit dem jüdi­schen Volk, des­sen Leug­nung die »schuld­haf­te Ver­wick­lung« der evan­ge­li­schen Chris­ten in Deutsch­land in den Mas­sen­mord mit ver­ur­sach­te. Dar­aus folgt heu­te (1961): (1) Es wer­den Eltern und Erzie­her auf­ge­for­dert, gegen­über der jun­gen Gene­ra­ti­on das Schwei­gen zu bre­chen. (2) Es wird vor den unmensch­li­chen Mög­lich­kei­ten moder­ner Gesell­schafts- und Staats­for­men gewarnt und zu dem Risi­ko eige­ner poli­ti­scher Ver­ant­wor­tung ermu­tigt, statt Befeh­len zu gehor­chen. Ehe­ma­li­ge Natio­nal­so­zia­lis­ten soll­ten aus füh­ren­den Ämtern aus­schei­den. (3) Wir soll­ten alles tun, was den unter uns leben­den Juden das Leben sichert, eben­so alles, was dem Auf­bau und dem Frie­den des Staa­tes Isra­el und sei­ner ara­bi­schen Nach­barn dient. Dazu gehö­ren auch Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen an alle »Ras­se­ver­folg­ten«. (4) Alles ist dar­in begrün­det, dass ent­ge­gen der fal­schen, in der Kir­che jahr­hun­der­te­lang ver­brei­te­ten Behaup­tung, Gott habe sein Volk ver­sto­ßen, wir uns neu auf das Apos­tel­wort besin­nen »Gott hat sein Volk nicht ver­sto­ßen, das er zuvor erse­hen hat!« So wer­den die bei­den Haupt­the­men, die blei­ben­de Erwäh­lung Isra­els (behan­delt durch Rab­bi­ner R.R. Geis und den nie­der­län­di­schen, refor­mier­ten Theo­lo­gen Th. Vrie­zen) sowie das schuld­haf­te Ver­sa­gen der Chris­ten­heit (behan­delt durch H.-J. Kraus und K. Kupisch) kon­kre­ti­siert.

Der ers­te Punkt der Reso­lu­ti­on zur Erzie­hung wur­de immer wie­der auf den fol­gen­den Kir­chen­ta­gen auf­ge­grif­fen und auf Schul­bü­cher und Cur­ri­cu­la der schu­li­schen sowie auf die häus­li­che Erzie­hung bezo­gen. Seit dem Ham­bur­ger Kir­chen­tag (1981) gab es das sog. »Lehr­haus für Chris­ten«, das sich beson­ders an Erzie­hungs­be­ru­fe aller Arten wand­te. Hier wur­de die Mög­lich­keit gebo­ten, vor­wie­gend durch jüdi­sche Refe­ren­tin­nen und Refe­ren­ten ver­tief­te Kennt­nis zu ver­mit­teln, Erfah­rungs­aus­tausch und wei­ter­füh­ren­de Dis­kus­sio­nen zu betrei­ben. Hier steht mehr Zeit zur ver­tie­fen­den Dis­kus­si­on zur Ver­fü­gung als in den gro­ßen Hal­len­ver­an­stal­tun­gen. Dies schien der AG auch des­we­gen not­wen­dig zu sein, da immer wie­der neue Besu­cher zu den Groß­ver­an­stal­tun­gen der AG kamen, die ele­men­ta­re Kennt­nis­se und Fra­ge­stel­lun­gen benö­tig­ten neben denen, die schon nicht mehr Anfän­ger im jüdisch-christ­li­chen Gespräch waren. Die Lei­tung des Lehr­hau­ses über­nahm spä­ter der Wein­hei­mer Schul­de­kan Albrecht Lohr­bä­cher. Aber zurück zu den Anfän­gen:

Die Kri­tik wäh­rend und nach dem ers­ten Kir­chen­tag sprach, zum Teil wütend, zum Teil geschockt, vom Aus­ver­kauf der Kir­chen­ge­schich­te, ein ande­rer Vor­wurf hieß Schwär­me­rei. Man sprach von einer Revo­lu­ti­on der gesam­ten christ­li­chen Theo­lo­gie. Ande­re erin­ner­ten dar­an, dass Juden und Chris­ten doch nicht den glei­chen Gott hät­ten. Es wur­de deut­lich, wie neu und wie not­wen­dig eine umfas­sen­de Über­prü­fung nicht nur der Wis­sen­schafts­ge­schich­te sowie der poli­ti­schen und sozia­len Geschich­te Deutsch­lands war, obwohl die­se erst in beschei­de­nen Anfän­gen ihrer Erfor­schung und Bear­bei­tung steck­te. Die theo­lo­gi­sche Selbst­kri­tik der klei­nen AG war hier dem deut­schen Auf­klä­rungs­pro­zess weit vor­aus.

Die Doku­men­ta­ti­on des Ber­li­ner Kir­chen­ta­ges und sei­ner AG-Arbeit spitz­te die neu zu ler­nen­de The­se in ihrem Buch­ti­tel zu: Der unge­kün­dig­te Bund. Kri­ti­ker wie auch jene, die sich von einer unheil­träch­ti­gen Last dog­ma­ti­scher Über­lie­fe­run­gen befreit fühl­ten, ver­lo­ren einen Abso­lut­heits­an­spruch christ­li­cher Theo­lo­gie und Kir­che, der nicht durch eine ent­spre­chen­de Pra­xis gedeckt war und dem ein­zig »Abso­lu­ten«, dem bibli­schen Gott, etwas zu Guns­ten der Kir­chen stahl, was nur ihm zukommt. Die Beru­fung der Chris­ten­heit zu Got­tes Gemein­de unter den Völ­kern war kein Mono­pol­be­sitz, nahm die Kir­che ihre eige­nen Glau­bens­grund­la­ge, das Alte wie das Neue Tes­ta­ment, ernst.

Der jüdi­sche Weg von Gott zu Gott war als eige­ner Wert und Weg aner­kannt. Es war klar, dass die Fort­set­zung der Arbeit zu der Fra­ge füh­ren muss­te, wie ein damit kom­pa­ti­bles Kir­chen­ver­ständ­nis aus­se­hen könn­te.

Die Doku­men­ta­ti­on der Kir­chen­ta­ge von Dort­mund und Köln (1963 und 1965) bün­delt eine vor­läu­fi­ge Erkennt­nis in dem Satz, dass Got­tes Volk gespal­ten sei: Das gespal­te­ne Got­tes­volk. Weder Isra­el noch die Kir­che sind am Ende ihres Weges ange­kom­men. Weder das eine noch die ande­re ist das erwar­te­te Reich Got­tes, die mes­sia­ni­sche Zeit. Bei­de ste­hen im Dienst des­sel­ben Got­tes. Nach dem Ende der Ent­er­bungs­theo­ri­en ging es um den sach­ge­mä­ßen Aus­druck des Tat­be­stan­des, dass Got­tes Wahr­heit »auf zwei­er Zeu­gen Mund« (5.Mose 17,6; Joh 8,17) in der Welt ruht. Die Fol­ge­fra­ge hieß, ob die (neu­tes­ta­ment­li­che) Über­tra­gung des Namens »Volk Got­tes« auf die christ­li­che Gemein­de noch eine brauch­ba­re Rede­wei­se ist, wenn die (legi­ti­me) Aneig­nung die­ser Wür­de mit einer lan­gen Geschich­te der Ent­eig­nung des ers­ten und blei­ben­den Got­tes­vol­kes ver­bun­den ist? Wäre es nicht kla­rer, von Got­tes Volk Isra­el einer­seits und ande­rer­seits von Got­tes Kir­che zu spre­chen, um die bei­den Grö­ßen zu benen­nen, die in sei­nem Dienst ste­hen? Eben­so soll­te ver­mie­den wer­den, Begrif­fe zu benut­zen, die Juden und Chris­ten unter­schied­lich ver­ste­hen. »Volk« ist auch eine eth­ni­sche Grö­ße, in die man gebo­ren oder durch Ein­tritt auf­ge­nom­men wird. Das Chris­ten­volk kon­sti­tu­iert sich durch Glau­ben und Tau­fe von Ein­zel­nen.

III. Der lange Weg

Die Kir­chen­ta­ge 1967 (Han­no­ver) und 1969 (Stutt­gart) stan­den sehr stark im Zei­chen der Frie­dens­fra­ge und zwar im Blick auf den Nahen Osten wie im Blick auf eine Welt­ver­ant­wor­tung von Juden und Chris­ten für Frie­den und Gerech­tig­keit in der Welt.

Auf dem Öku­me­ni­schen Pfingst­tref­fen 1971, einem Vor­läu­fer des Ber­li­ner Öku­me­ni­schen Kir­chen­ta­ges 2003, wur­de die gemein­sa­me Ver­ant­wor­tung durch eine Erklä­rung unter­stri­chen, die von Mit­glie­dern der AG, N.P. Levin­son, W.P. Eckert, F. von Ham­mer­stein und M. Stöhr, ent­wor­fen und unter­zeich­net war, einem jüdi­schen, einem römisch-katho­li­schen und zwei pro­tes­tan­ti­schen Mit­strei­tern. Sie gab u.a. einen Anstoß, einen ent­spre­chen­den Arbeits­kreis für die Katho­li­ken­ta­ge zu grün­den.

Die Auf­ar­bei­tung der theo­lo­gi­schen Ver­ständ­nis­se war ein Lang­zeit­pro­gramm. Zu Ver­schie­de­nes bedeu­te­ten z.B. die in den Got­tes­diens­ten gebrauch­ten iden­ti­schen Wor­te, zu unter­schied­lich wur­den Pro­phe­ten­wor­te gele­sen, zu wenig kann­te die christ­li­che Sei­te die münd­li­che Offen­ba­rung, wie sie in Tal­mud und Mid­rasch vor­lie­gen. Ver­schie­de­nes Gewicht hat­ten die Gebo­te und »Lehr­aus­sa­gen«.

Näher lie­gend war es, prak­ti­sche Zusam­men­ar­beit anzu­stre­ben. Das zeig­te sich z.B. auf dem Kir­chen­tag in Han­no­ver (1967) und Stutt­gart (1969), als die Frie­dens­the­ma­tik sich sehr stark in den Vor­der­grund schob. Das war zum einen durch den Nah­ost­kon­flikt bedingt, der ein ver­schärf­tes Fra­gen der stu­den­ti­schen Gene­ra­ti­on nach dem, was ihre Eltern denn im Krieg, der den mör­de­ri­schen Rah­men und die Bedin­gun­gen geschaf­fen hat­te, in der lan­ge vor­be­rei­te­ten »End­lö­sung« die Ver­nich­tung des jüdi­schen Vol­kes durch­zu­füh­ren. Zum ande­ren war der unge­lös­te Nah­ost­kon­flikt, genau­er die noch immer feh­len­de Aner­ken­nung des Lebens­rech­tes des jüdi­schen Staa­tes durch sei­ne ara­bi­schen Nach­barn der Anlass, sich die­ser Fra­ge auch im Pro­gramm der AG zu stel­len. Hin­zu kam, dass durch eine wach­sen­de Grup­pe ein Blick­wech­sel vor­ge­nom­men wur­de, der die »Juden von heu­te« in den Paläs­ti­nen­sern oder in den »Gast­ar­bei­tern« sah. Eine ver­häng­nis­vol­le Sicht­wei­se, bei der die kon­kre­ten Men­schen und Situa­tio­nen zu Meta­phern für die Zuge­hö­rig­keit zur Sei­te der »Guten« oder der »Bösen« in einer dua­lis­ti­schen Welt­sicht wur­den.

Die Pro­ble­ma­tik sol­cher Nah­ost­po­di­en beglei­te­te die AG bis heu­te, nach­dem 1969 zum ers­ten Mal ein ara­bi­scher Refe­rent auf ein Podi­um der AG gebe­ten wur­de. Der Debat­te aus­zu­wei­chen, wie es immer wie­der vor­ge­schla­gen und dis­ku­tiert wur­de, hät­te die von der AG seit ihren Anfän­gen ver­tre­te­ne Zusam­men­ge­hö­rig­keit (nicht Ver­mi­schung!) theo­lo­gi­scher und poli­ti­scher Pro­ble­me sowie eine Ver­ant­wor­tung für die Fol­gen des deut­schen Juden­mor­des geleug­net.

Die Pro­ble­ma­tik sol­cher Nah­ost­po­di­en beglei­te­te die AG bis heu­te, nach­dem 1969 zum ers­ten Mal ein ara­bi­scher Refe­rent auf ein Podi­um der AG gebe­ten wur­de. Der Debat­te aus­zu­wei­chen, wie es immer wie­der vor­ge­schla­gen und dis­ku­tiert wur­de, hät­te die von der AG seit ihren Anfän­gen ver­tre­te­ne Zusam­men­ge­hö­rig­keit (nicht Ver­mi­schung!) theo­lo­gi­scher und poli­ti­scher Pro­ble­me sowie eine Ver­ant­wor­tung für die Fol­gen des deut­schen Juden­mor­des geleug­net. Die Wahr­neh­mung poli­ti­scher Ver­ant­wor­tung, z.B. im Ein­tre­ten der AG für die Auf­nah­me diplo­ma­ti­scher Bezie­hun­gen mit Isra­el, die end­lich 1965 geschah oder das Ein­tre­ten gegen eine Ver­jäh­rung von NS-Ver­bre­chen, die im Auf­trag der AG Diet­rich Gold­schmidt und Jür­gen Hen­kys in einem viel beach­te­ten Band doku­men­tier­ten,7 war aus einer theo­lo­gisch-ethi­schen Moti­va­ti­on her­aus unbe­strit­ten.

Zum Streit kam es im zwei­ten Golf­krieg 1991, als die Soli­da­ri­tät mit Isra­el in Fra­ge gestellt wur­de und als der Schwur vie­ler Über­le­ben­der der Ver­nich­tungs­la­ger und des Krie­ges »Nie wie­der Ausch­witz, nie wie­der Krieg!« aus­ein­an­der fiel. Gab und gibt es nicht Situa­tio­nen, in denen ein Ver­tei­di­gungs­krieg und Ver­tei­di­gungs­waf­fen bejaht wer­den müs­sen?8 Wie sieht eine unauf­gebba­re Soli­da­ri­tät mit Isra­el aus, wenn Isra­el nicht nur in der Rol­le eines Opfers von Aggres­sio­nen und Ter­ror gese­hen wird, son­dern das legi­ti­me Recht von Selbst­ver­tei­di­gung wahr­nimmt? Wel­che sei­ner Regie­run­gen über­schrei­tet wann die­se von allen aner­kann­te Legi­ti­mi­tät? Was bedeu­tet es für die Glaub­wür­dig­keit und Auf­ga­ben­stel­lung der christ­li­chen AG-Mit­glie­der, dass deut­sche Lie­fe­run­gen das Ver­nich­tungs­ma­te­ri­al (Gas, Rake­ten­tech­nik) gegen Isra­el im Irak oder auch in Liby­en in Stel­lung gebracht hat­ten? Eine kri­ti­sche Situa­ti­on, mit unter­schied­li­chen Ana­ly­sen und Ant­wor­ten, lähm­te die AG.

Das 1971 wur­de in Augs­burg – der Stadt des Augs­bur­ger Reli­gi­ons­frie­dens von 1555 – so for­mu­liert: Christ­li­ches Zeug­nis fin­det Aus­druck in dem gemein­sa­men prak­ti­schen Ein­tre­ten von Juden und Chris­ten für mehr Gerech­tig­keit; mehr Men­schen­wür­de im Kampf gegen Unter­drü­ckung und Aus­beu­tung. Juden­mis­si­on wider­spricht die­sem bibli­schen Auf­trag. Die kon­kre­te Kon­se­quenz einer öku­me­ni­schen Zusam­men­ar­beit zwi­schen Juden und Chris­ten ver­wirk­licht sich auch in kri­ti­scher Soli­da­ri­tät mit dem Staat Isra­el und sei­nen Men­schen sowie dem poli­ti­schen Enga­ge­ment für den Frie­den im Nahen Osten.

Die Schwie­rig­kei­ten einer prak­ti­schen Koope­ra­ti­on, die sich in asym­me­tri­schen Lebens­ver­hält­nis­sen auf ethi­sche Gemein­sam­kei­ten bezo­gen, lagen auf der Hand. Win­zi­ge jüdi­sche Gemein­den, die nicht wuss­ten, ob sie in Deutsch­land eine Zukunft hat­ten. Statt­li­che Volks­kir­chen, noch im Bewusst­sein ihrer (ver­meint­li­chen) Stär­ke und theo­lo­gi­schen cor­rect­ness. Von ihrer Sei­te wur­de der Begriff »Zeug­nis« auch gegen­über dem Juden­tum immer wie­der ein­ge­for­dert. Geis unter­strich, dass Zeug­nis für uns eine höchst blu­ti­ge Ange­le­gen­heit war und ist. Zeug­nis­ab­le­gen heißt für uns näm­lich für Gott ster­ben … Ein­mal hat­te die Kir­che die Chan­ce des Chris­tus­be­kennt­nis­ses gegen­über uns Juden: Im Drit­ten Reich. Die­se Chan­ce ist nicht wahr­ge­nom­men wor­den!

Geis spielt an auf die Bedeu­tung und geschicht­li­che Erfah­rung des kid­dusch haSchem, die Hei­li­gung des Namen Got­tes im Mar­ty­ri­um, etwas, wor­um die Chris­ten im Vater­un­ser beten, aber in ihrer Spi­ri­tua­li­sie­rung und Ver­in­ner­li­chung des Glau­bens des­sen leib­haf­ti­ge und prak­ti­sche Gestalt­wer­dung all­zu häu­fig über­se­hen.

Die AG hat­te zu ler­nen, dass sie einer Illu­si­on auf­ge­ses­sen war, als sie mein­te, dass nach eini­gen Kir­chen­ta­gen die neu­en Erkennt­nis­sen und Bekennt­nis­se sich in Schu­le, Hör­saal und Kir­che her­um­ge­spro­chen hät­ten. Die Dis­kus­sio­nen inner­halb der AG-Ver­an­stal­tun­gen auf dem Kir­chen­tag und außer­halb zeig­ten in sub­ti­len und in rüden Ein­wür­fen (jedem jüdi­schen und christ­li­chen Vor­trag folg­ten Dis­kus­sio­nen), wie zäh theo­lo­gi­sche und säku­la­re Her­ab­wür­di­gun­gen der Juden leb­ten und wie ver­schwis­tert sie oft auf­tre­ten konn­ten. Den teil­neh­men­den Juden wur­den sie oft unge­hemmt vor­ge­tra­gen. Das Glei­che geschah mit Fra­gen wie »Herr Rab­bi­ner, habe ich Sie recht ver­stan­den, Sie haben in Ihrer Bibel auch die Psal­men?« Mit die­ser typi­schen, wenn auch nicht zu ver­all­ge­mei­nern­den Fra­ge wird auf den selbst­ver­ständ­li­chen Gebrauch der Hebräi­schen Bibel hin­ge­wie­sen, der natür­lich legi­tim ist. Aber sehr häu­fig offen­bart er eine Israel­ver­ges­sen­heit, in der die Psal­men (oft nur in einem Ein­band mit dem Neu­en Tes­ta­ment oder got­tes­dienst­lich mit der tri­ni­ta­ri­schen For­mel) christ­lich ver­ein­nahmt wer­den. Hät­ten ich und vie­le ande­re gewusst, sag­te ein alter Mann, der sein Leben lang neben der erst leben­di­gen, dann 1938 nie­der­ge­brann­ten Syn­ago­ge wohn­te, dass die Juden auch die Bibel im Got­tes­dienst lesen und den­sel­ben Segen wie wir spre­chen, dann wäre das alles sicher nicht pas­siert. Unkennt­nis, Halb­wis­sen und Vor­ur­tei­le zu über­win­den, erwies sich als eine Her­ku­les­auf­ga­be. Aber die Arbeit in der AG zei­tig­te Fol­gen und Früch­te.

1975 hielt zum ers­ten Mal auf einem Kir­chen­tag ein Rab­bi­ner, Nathan Peter Levin­son, die Pre­digt in einem christ­li­chen Eröff­nungs­got­tes­dienst des Kir­chen­ta­ges.

Ihm soll­ten wei­te­re Rab­bi­ner fol­gen und zugleich eine lei­den­schaft­li­che Debat­te dar­über, ob, und wenn ja, wie gemein­sa­me christ­lich-jüdi­sche Got­tes­diens­te zu ver­ant­wor­ten sei­en.

Man kann die Arbeit der AG als die Arbeit in einem Labo­ra­to­ri­um kenn­zeich­nen, das in sei­ner Stu­di­en­ar­beit, in sei­nem öffent­li­chen Auf­tre­ten und in sei­ner Aus­strah­lung in Schu­len, Kir­chen und Uni­ver­si­tä­ten wich­ti­ge Anstö­ße in die deut­sche Gesell­schaft und in die Öku­me­ne gab.

Die Mei­nun­gen dazu sind bis zum heu­ti­gen Tag in der AG geteilt, und zwar inner­halb der christ­li­chen wie inner­halb der jüdi­schen Mit­glie­der. Zu wenig schien den einen geklärt zu sein, ob die Wor­te, die im Got­tes­dienst gebraucht wer­den, ob das Got­tes­dienst­ver­ständ­nis geteilt wird? Es ist doch nicht ein­mal zwi­schen Chris­ten ein­heit­lich

Ande­re, mit einem weni­ger sakra­len Ver­ständ­nis der Got­tes­diens­te argu­men­tier­ten (wie im inner­christ­li­chen Streit um gemein­sa­mes Abend­mahl), dass »die Sache« des Got­tes­diens­tes grö­ßer sei als unse­re ver­schie­de­nen Ver­ständ­nis­se und also dem Ruf Got­tes auch in Unsi­cher­heit zu fol­gen sei. Bis heu­te ist auch die­se Debat­te nicht abge­schlos­sen.

Das­sel­be gilt von der Aus­ein­an­der­set­zung um die Fra­ge, ob die AG es nicht ableh­nen müs­se, sich stär­ker im wei­ten The­men­feld des Kir­chen­ta­ges zu enga­gie­ren? Sind wir nicht erst ganz an den Anfän­gen der Erneue­rung jüdisch-christ­li­cher Bezie­hun­gen? Wür­den wir uns nicht über­neh­men? Ande­re ver­wie­sen auf eine gemein­sa­me Grund­über­zeu­gung der AG: Das The­ma »Juden und Chris­ten« ist kein Spe­zi­al­the­ma für Spe­zia­lis­ten. Es gehe nicht um Pro­fes­so­ren­theo­lo­gie für Theo­lo­gie­pro­fes­so­ren, so Diet­rich Gold­schmidt. Gemein­sa­me Schrit­te könn­ten am bes­ten in gemein­sa­mer Pra­xis geprobt wer­den. Aber rei­chen unse­re Kräf­te aus? Inzwi­schen hat sich die Grund­satz­de­bat­te eher prag­ma­tisch wei­ter­ent­wi­ckelt. Vie­le Mit­glie­der der AG sind in vie­len Berei­chen des Kir­chen­ta­ges tätig, z.B. in dem wich­ti­gen Bereich der Bibel­ar­bei­ten, aber nicht nur dort. Es sind bei­spiels­wei­se zu nen­nen Edna Bro­cke, Micha Brum­lik, Mar­le­ne und Frank Crü­se­mann, Albert Fried­lan­der s. A., Gün­ther B. Gin­zel, Ber­told Klap­pert, Rolf Rend­torff oder Klaus Wengst.

Wenn ich auch kei­ne voll­stän­di­ge Chro­nik der AG schrei­ben kann und will, darf ich aber zwei Din­ge nicht ver­ges­sen zu sagen: Ein­mal ein Hin­weis auf den Nürn­ber­ger Kir­chen­tag 1979. Er rief die Erin­ne­rung an die »Reichs­par­tei­ta­ge«, an die Nürn­ber­ger Geset­ze, an jenes so schänd­li­che Gut­ach­ten der Erlan­ger theo­lo­gi­schen Fakul­tät wach, das – im Gegen­satz zum Mar­bur­ger Gut­ach­ten von Rudolf Bult­manns und Hans von Sodens theo­lo­gi­scher Fakul­tät – die Ein­füh­rung des sog. Ari­er­pa­ra­gra­fen in die Kir­che befür­wor­te­te. Glau­ben nach Ausch­witz war das domi­nie­ren­de The­ma. Albert Fried­lan­der und F.-W. Mar­quardt spra­chen dazu.

Fried­lan­der nahm das Bild von der Tau­be auf, die Noah aus­sand­te, um zu erkun­den, ob die Erde wie­der bewohn­bar war nach der von Men­schen ver­ur­sach­ten Kata­stro­phe. Aber Noahs Schiff reis­te wei­ter. Die Furcht ist Pas­sa­gier gewor­den – aber auch die Hoff­nung. Die Hoff­nung und der Glau­be sind nicht bequem, aber bei­de bestehen. Mar­quardt schloss sei­nen Vor­trag mit den Wor­ten: Das Wort des Glau­bens in unse­rer Zeit kann und will nicht mehr pom­pös-dekla­ma­to­risch sein, es ist das ‚viel­leicht‘ eines zag­haf­ten Hof­fens. Doch auch das Wort von Got­tes erbar­men­der Lie­be heißt: viel­leicht … Viel­leicht? … Viel­leicht. In der Mit­te der Kir­chen­tags­stre­cke unse­rer AG war wie so oft die Erin­ne­rung an den Anstoß aus­ge­spro­chen, der am Anfang einer Bemü­hung um die Erneue­rung der Bezie­hun­gen zwi­schen Kir­chen und Isra­el stand: Ausch­witz. Das Geden­ken zog an die­sem Abend auch den Spre­cher der Roma und Sin­ti, Roma­ni Rose auf das Podi­um von Fried­lan­der und Mar­quardt. Er sprach für den Völ­ker­mord an sei­nem Volk, das wie das jüdi­sche Volk total aus­ge­löscht wer­den soll­te. Es hat­te bis dato weder eine Aner­ken­nung der Schuld noch sei­nes Lei­dens noch den Ver­such einer »Ent­schä­di­gung« erfah­ren. Aus die­ser unge­plan­ten Begeg­nung wur­de eine län­ge­re Zusam­men­ar­beit der AG mit dem Zen­tral­rat der Roma und Sin­ti.

Der grund­le­gen­den Fra­ge, wel­che Vor­ur­teils­mus­ter sich mit dem Anti­se­mi­tis­mus ver­bün­den, ging die AG nicht nur im Blick auf Roma und Sin­ti nach. In einer inten­si­ven Arbeit auf dem Nürn­ber­ger Kir­chen­tag wur­de der über­all, beson­ders aber in der Apart­heid­po­li­tik Süd­afri­kas, akti­ve Ras­sis­mus the­ma­ti­siert. Unter dem Titel »Ras­sis­mus: Von den Nürn­ber­ger Geset­zen bis zur Apart­heid« kam nicht nur die Bünd­nis­fä­hig­keit des Anti­se­mi­tis­mus mit jedem Ras­sis­mus zur Spra­che, son­dern auch die Über­nah­me nazis­ti­scher Ras­se­ge­set­ze durch die wei­ße Min­der­heits­re­gie­rung und die Mit­wir­kung alter Nazis an und in den süd­afri­ka­ni­schen Apart­heid­struk­tu­ren. Zu die­ser Auf­klä­rungs­auf­ga­be gehört auch die Fra­ge­stel­lung, wie mit der Tat­sa­che umzu­ge­hen sei, dass deut­sche Rake­ten­bau­er und Waf­fen­händ­ler in Ägyp­ten, im Irak, in Liby­en und in Syri­en an der Ent­wick­lung und am Ver­kauf von deut­schen Waf­fen­sys­te­men gegen den Staat Isra­el (bis hin zu Gift­gas­kom­po­nen­ten) betei­ligt waren. Bei die­sen The­men – wie auch bei der Behand­lung von Frem­den­feind­schaft oder Demo­kra­tie­ver­ach­tung – wur­de nie die Sin­gu­la­ri­tät der Schoa in Fra­ge gestellt, wohl aber die Fra­ge nach den Vor­be­din­gun­gen, den Bünd­nis­part­nern juden­feind­li­cher Hal­tun­gen und ihr Wei­ter­le­ben nach 1945 behan­delt. Das gilt auch von der Ver­knüp­fung natio­na- ler und christ­li­cher Argu­men­te gegen die Juden durch den ent­las­se­nen Hof­pre­di­ger, Sozi­al­re­for­mer und Grün­der der Ber­li­ner Stadt­mis­si­on Adolf Sto­ecker. Eber­hard Beth­ge ana­ly­sier­te 1977 auf dem Kir­chen­tag in Ber­lin, dem Ort von dem Sto­eckers Wir­kung weit ins Bür­ger­tum aus­strahl­te.

Man kann die Arbeit der AG als die Arbeit in einem Labo­ra­to­ri­um kenn­zeich­nen, das in sei­ner Stu­di­en­ar­beit, in sei­nem öffent­li­chen Auf­tre­ten und in sei­ner Aus­strah­lung in Schu­len, Kir­chen und Uni­ver­si­tä­ten wich­ti­ge Anstö­ße in die deut­sche Gesell­schaft und in die Öku­me­ne gab.

IV. Folgen und Früchte

James Par­kes, der als ers­ter His­to­ri­ker und Theo­lo­ge den christ­li­chen Anti­ju­da­is­mus und den säku­la­ren Anti­se­mi­tis­mus erforsch­te – gera­de auch in ihren Zusam­men­hän­gen mit anti­de­mo­kra­ti­schen Ein­stel­lun­gen – berich­tet von einem Spon­sor sei­ner For­schung, der ihn frag­te, wie lan­ge er zur Über­win­dung der juden­feind­li­chen Ein­stel­lun­gen benö­ti­ge. Par­kes ant­wor­te­te ca. 300 Jah­re. Hät­te er 50 Jah­re genannt, hät­te der Spon­sor ihm nichts gege­ben.

Aus der Ein­sicht, einen lan­gen Weg noch vor sich zu haben, ent­stand in der AG der Vor­schlag, die EKD möge eine Stu­di­en­kom­mis­si­on ein­set­zen, die in einer Denk­schrift grund­le­gend die Bezie­hun­gen zwi­schen Juden und Chris­ten bear­bei­ten soll­te. Modell war die poli­tisch und kirch­lich eben­so umstrit­te­ne wie wir­kungs­vol­le Ost­denk­schrift von 1965. 1967 folg­te die EKD die­sem Vor­schlag und setz­te eine sol­che Kom­mis­si­on ein, in die sehr vie­le AG-Mit­glie­der beru­fen wur­den (13 von 23). 1975 leg­te die­se ihre Stu­die Juden und Chris­ten vor, der 1991 und 2000 die Stu­di­en II und III folg­ten.

Die letz­te konn­te auf die inzwi­schen erfolg­ten offi­zi­el­len Erklä­run­gen vie­ler pro­tes­tan­ti­scher Lan­des­kir­chen hin­wei­sen. Deren Kon­sens für kirch­li­che Leh­re und Ver­kün­di­gung fasst die Stu­die von 2000 grob so zusam­men: Die Ent­frem­dung zum Juden­tum über­win­den, den Anti­se­mi­tis­mus bekämp­fen, die christ­li­che Mit­ver­ant­wor­tung am Holo­caust nicht leug­nen, die unlös­ba­re Ver­bin­dung des christ­li­chen Glau­bens mit dem Juden­tum, die blei­ben­de Erwäh­lung Isra­els, die Bedeu­tung des Staa­tes Isra­els. Noch längst nicht sind die­se Ein­sich­ten in alle Fel­der theo­lo­gi­scher und kirch­li­cher Arbeit durch­ge­drun­gen. In einer kri­ti­schen Zusam­men­ar­beit mit dem Öku­me­ni­schen Rat der Kir­chen in Genf, des­sen Sekre­tär der Abtei­lung Kir­che und Jüdi­sches Volk das AG- Mit­glied Franz von Ham­mer­stein eine Zeit lang war und in des­sen Stu­di­en­kom­mis­si­on ver­schie­de­ne AG-Mit­glie­der arbei­te­ten, heißt der welt­weit und öku­me­nisch erziel­te Kon­sens (in der For­mu­lie­rung von 1988): Der Bund Got­tes mit Isra­el besteht wei­ter; Anti­se­mi­tis­mus ist Sün­de; Die leben­di­ge Tra­di­ti­on des Juden­tums ist ein Geschenk Got­tes; Jeg­li­cher Pro­se­ly­tis­mus ist unver­ein­bar mit dem christ­li­chen Glau­ben; Juden und Chris­ten haben die gemein­sa­me Auf­ga­be, sich gemein­sam für Gerech­tig­keit, Ver­söh­nung und Bewah­rung der Schöp­fung ein­zu­set­zen (so Hans Ucko, ÖRK). Eine Stel­lung­nah­me zum Staat Isra­el fehlt hier. Des­sen Aner­ken­nung im Geburts­jahr des ÖRK und des Staa­tes war nie zwei­fel­haft. Eine theo­lo­gi­sche Aus­sa­ge über die essen­zi­el­le Fra­ge­stel­lung »Land-Volk-Staat Isra­el«, die über die For­de­rung nach Frie­den und Gerech­tig­keit hin­aus­ging, war ange­sichts der Mehr­heit der Zwei­drit­tel­welt im ÖRK nicht mög­lich. Wohl aber wur­de und wird das Lebens­recht Isra­els und eines Staa­tes Paläs­ti­na – gemäß der UNO-Reso­lu­ti­on von 1947 – immer wie­der mit Nach­druck ver­tre­ten.

Die ers­te Stu­die ging bewusst von den Gemein­sam­kei­ten zwi­schen Juden und Chris­ten aus. Es war die Gegen­po­si­ti­on zu dem tra­di­tio­nel­len Mus­ter der Aus­gren­zung und des angeb­li­chen Bruchs Got­tes mit Isra­el durch das Erschei­nen Jesu von Naza­ret. Die Tren­nung der Wege und die blei­ben­den Unter­schie­de wur­den eben­so benannt wie der essen­zi­el­le Zusam­men­hang von Volk, Bund und Land. Die Ver­ant­wor­tung für das Lebens­recht Isra­els und für einen Frie­den in Nah­ost gehör­ten eben­so dazu, und das in einer Zeit, in der der Vati­kan den Staat Isra­el nicht aner­kannt hat­te, die Aner­ken­nung geschah erst 1993. Im öku­me­ni­schen Kon­text darf nicht ver­ges­sen wer­den, dass der Vati­kan in sei­ner Erklä­rung von Nos­tra Aeta­te des Jah­res 1965 einen epo­che­ma­chen­den Schritt zur Erneue­rung der Bezie­hun­gen zwi­schen der Römisch-Katho­li­schen Kir­che und dem Jüdi­schen Volk getan hat­te, der wei­ter über Rom hin­aus aus­strahl­te.

Der Luthe­ri­sche Welt­bund rief 1964 nach Lög­um­klos­ter in Däne­mark eine Stu­di­en­ta­gung ein, wo die blei­ben­de Erwäh­lung Isra­els zwar ver­tre­ten wird, aber zugleich die Hoff­nung aus­ge­spro­chen wird, dass ganz Isra­el (nach Röm 11,26) in Jesus von Naza­reth sei­nen Mes­si­as aner­kennt. Dann erst wird das Geheim­nis der Treue Got­tes gegen­über sei­nem Volk klar. Es berührt selt­sam, dass im zwei­ten Teil des Sat­zes Got­tes Geheim­nis beschwo­ren wird, das im ers­ten Teil aber schon in einer christ­li­chen Sicht gelüf­tet erscheint. Der ÖRK ver­öf­fent­lich­te 1967 in Bris­tol eine 1967 begon­ne­ne Stu­die, deren Kern­the­se die blei­ben­de Erwäh­lung Isra­els ist, womit der The­se abge­sagt wird, die Kir­che habe Isra­el im ent­er­ben­den Sin­ne beerbt und abge­löst.

In Zusam­men­ar­beit der AG mit dem DKR und der Evan­ge­li­schen Aka­de­mie Arnold­s­hain ent­stan­den Stu­di­en­ta­gun­gen, die die sich aus­wei­ten­den Arbeits­fel­der ver­tie­fend beacker­ten. Ihre Ergeb­nis­se wur­den zum Teil in der Rei­he des Chr. Kai­ser- Ver­la­ges Abhand­lun­gen zum jüdisch-christ­li­chen Dia­log (Hg von H. Goll­wit­zer, zu dem spä­ter E. Beth­ge, U. Ber­ger, A. Fried­lan­der, M. Stöhr kamen).9 Es waren Eber­hard Beth­ge, Freund und Bio­graf Diet­rich Bon­hoef­fers, und Nathan Peter Levin­son, die die Fra­ge­stel­lun­gen und Ergeb­nis­se der US-ame­ri­ka­ni­schen Holo­caust-For­schung in die Arbeit der AG und in die ers­te deut­sche Holo­caust-Kon­fe­renz 1975 in Ham­burg ein­spiel­ten. Die­se For­schung war inter­dis­zi­pli­när und frag­te beson­ders nach der Rol­le der Intel­lek­tu­el­len aller Dis­zi­pli­nen in der Vor­be­rei­tung und Durch­füh­rung des Holo­caust. Wäre ohne ihre ethik­freie Kom­pli­zen­schaft und ohne eine ver­ant­wor­tungs­lo­se Macht­über­ga­be der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger an einen kon­troll­frei­en Staat die Gewalt der bru­ta­len Mör­der mög­lich gewe­sen? Der US- ame­ri­ka­ni­sche Kir­chen­his­to­ri­ker Fran­k­lin Lit­tell gehört zu den frü­hen Pro­mo­to­ren, auch in der AG, einer zu erneu­ern­den Bezie­hung zwi­schen Juden und Chris­ten. Er war mit sei­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen und deutsch-ame­ri­ka­ni­schen Kon­tak­ten ein ver­dienst­vol­ler trans­at­lan­ti­scher Brü­cken­bau­er. Aus den Nie­der­lan­den kamen eben­so inten­si­ve theo­lo­gi­sche Impul­se, die der Neu­ori­en­tie­rung hal­fen.

V. Bleibende Themenfelder und Aufgaben

  1. Immer wie­der – etwa 40 Jah­re nach der Befrei­ung des KZ Ausch­witz – wur­de the­ma­ti­siert, wel­che Fra­gen noch immer zu stel­len, wel­che Ant- wor­ten unge­nü­gend waren. Wie ist zu ver­mei­den, dass aus »Ausch­witz« ein blo­ßes Lehr­stück wird, das päd­ago­gisch oder poli­tisch »ver­wert­bar« wird? Bei einer die­ser Dis­kus­sio­nen erklär­te ein befrag­ter Poli­ti­ker, dass die­se ihm wich­ti­ge Erin­ne­rung kei­ne Aus­wir­kung auf sei­ne all­täg­li­che poli­ti­sche Arbeit habe. Wie aber sieht dage­gen die blei­ben­de Ver­ant­wor­tung und Haf­tung der nach­wach­sen­den Gene­ra­ti­on aus, die am Gesche­hen bis 1945 schuld­los ist? Wie wird die Stim­me der Opfer und ihrer Nach­kom­men, auch die Theo­di­zeefra­ge »Wie kann Gott den Tod von Mil­lio­nen Unschul­di­gen zulas­sen?«, ernst­haft gehört? Wie wird ver­mie­den, dass die »Täter­sei­te« sich zu schnell die­ser Fra­ge zuwen­det, statt zu fra­gen, wel­che Ein­stel­lun­gen und Hal­tun­gen der­glei­chen ermög­lich­ten und in Zukunft ver­hin­dern?
  2. Wie ist eine Ent­fal­tung des christ­li­chen Glau­bens mög­lich, der nach sei­ner eige­nen Selbst­ver­stüm­me­lung durch Bil­der von Gott (»alt­tes­ta­men­ta­ri­scher Rache­gott«) sowie von der Mut­ter- und Schwes­ter­re­li­gi­on des jüdi­schen Vol­kes (»Got­tes­mör­der«, »Gesetz­lich­keit«, »Par­ti­ku­la­ri­tät«) sich selbst ent­wor­fe­ner anti­jü­di­scher Bil­der bedien­te, die den Boden zu einem feind­li­chen Umgang mit die­sem Volk und sei­ner viel­ge­stal­ti­gen Lebens­wirk­lich­keit vor­be­rei­te­ten? Wie ist ein feind­bild­lo­ser Glau­be der Chris­tus­nach­fol­ge mög­lich?
  3. Wie beschrei­ben und ver­ste­hen Kir­chen und Theo­lo­gi­en die Bezie­hung zu Isra­el, dem jüdi­schen Volk, des­sen Bund mit Gott unge­kün­digt ist? Gibt es zwei Got­tes­völ­ker? Ist Got­tes Volk »gespal­ten« bis zur Voll­endung der Welt? Ist die Chris­ten­heit in die­sen Got­tes­bund hin­ein­ge­nom­men?
  4. Tod und Auf­er­we­ckung Jesu sind nach christ­li­chem Glau­ben der Anfang der mes­sia­ni­schen Zeit, der neu­en Schöp­fung durch Gott. Jesus, der Chris­tus, ist der »Erst­ge­bo­re­ne einer neu­en Schöp­fung« (1 Kor 15). Dazu gehört die Ein­la­dung an die Völ­ker der Welt, die­sen Einen Gott anzu­be­ten, sei­nen Wil­len bekannt zu machen und ihm nach­zu­fol­gen und so sein Reich zu bau­en, d.h. die Welt zum Guten hin zu ver­bes­sern. Die­se Gaben und Auf­ga­ben sind zusam­men­ge­fasst im Vater­un­ser.
  5. Wie benüt­zen Kir­chen und Theo­lo­gi­en die Kate­go­ri­en »Ver­hei­ßung und Erfül­lung« sowie »Evan­ge­li­um und Gesetz« und erken­nen dabei an, dass es nicht mög­lich ist, sie so auf Altes und Neu­es Tes­ta­ment zu ver­tei­len, dass »Gesetz« und »Ver­hei­ßung« zum Kenn­zei­chen eines über­hol­ten Juden­tums, und »Erfül­lung« und »Evan­ge­li­um« wer­den? Erfül­len­de, fro­he Bot­schaft und Leben ori­en­tie­ren­de Geset­ze gibt es in bei­den Tei­len der christ­li­chen Bibel.
  6. Juden und Chris­ten lesen die­sel­be Bibel, die Hebräi­sche Bibel, mit ihren bei­den unter­schied­li­chen Ver­ste­hens- und Wir­kungs­ge­schich­ten im leben­di­gen Juden­tum und im leben­di­gen Chris­ten­tum. Die­se haben ihre neu-wei­ter­füh­ren­den Quel­len in der rab­bi­ni­schen Lite­ra­tur und im Neu­en Tes­ta­ment. Weder sichert das eine noch das ande­re die nor­ma­ti­ve Posi­ti­on, man selbst ver­ste­he allein die gemein­sa­me Grund­la­ge »rich­tig« noch sind päpst­li­ches Lehr­amt, pro­tes­tan­ti­sches Mate­ri­al­prin­zip (z.B. »Recht­fer­ti­gungs­leh­re«, »Theo­lo­gia Cru­cis«) oder fun­da­men­ta­lis­ti­sche Ver­bal­in­spi­ra­ti­on mög­li­che Glau­bens­si­che­run­gen.
  7. Theo­lo­gie wie Nach­fol­ge gesche­hen im stän­di­gen Gespräch mit den Stim­men der Über­lie­fe­rung und den Her­aus­for­de­run­gen der jewei­li­gen Situa­ti­on und Zeit. Dabei ist es gebo­ten, sich kon­kret für eine »abso­lut rich­ti­ge« Posi­ti­on zu ent­schei­den. Eine alles ver­gleich­gül­ti­gen­de Unent­schie­den­heit wider­spricht den Her­aus­for­de­run­gen der jewei­li­gen Hei­li­gen Schrif­ten wie der jewei­li­gen Zeit. So wird Respekt vor dem Anders­sein der ande­ren gelernt und eine Tole­ranz ver­lernt, die den ande­ren bloß dul­det.
  8. Wie gehen wir mit der Tat­sa­che um, dass »Got­tes Wahr­heit auf zwei­er Zeu­gen Mund« ruht, also jeder reli­giö­se Tri­um­pha­lis­mus und Abso­lut­heits­an­spruch ange­sichts der Indienst­nah­me Isra­els und der Kir­chen durch den ein­zig »Abso­lu­ten« obso­let ist?
  9. Es ist unbe­strit­ten, dass es für die deut­sche Gesell­schaft eine beson­de­re Bezie­hung zum jüdi­schen Staat Isra­el gibt, die eine Ver­ant­wor­tung für des­sen Leben und völ­ker­recht­li­che Absi­che­rung beinhal­tet. Sie steht in einer nicht weg­zu­schie­ben­den Ver­ant­wor­tung auch für Frie­den und Gerech­tig­keit im Nahen Osten sowie für das Lebens­recht des paläs­ti­nen­si­schen Vol­kes.
  10. Wie gehen wir mit der unver­zicht­ba­ren Grund­la­ge der jüdisch-christ­li­chen Arbeit um, dass es eine sin­gu­lä­re Bezie­hung zwi­schen Juden­tum und Chris­ten­tum gibt, die – auf Grund gemein­sa­mer Hei­li­ger Schrif­ten – sonst zu kei­ner Reli­gi­on gibt?
  1. Ulri­ke Ber­ger, lang­jäh­ri­ges Mit­glied und Pro­to­kol­lan­tin der AG, in ihrer wis­sen­schaft­li­chen Haus­ar­beit zum Zwei­ten Theo­lo­gi­schen Examen, Ber­lin 1980.
  2.  Fol­gen­de Dar­stel­lun­gen berich­ten über die Geschich­te der AG und ver­wei­sen aus­führ­lich auf wei­ter­füh­ren­de Lite­ra­tur: Diet­rich Gold­schmidt, Zwan­zig Jah­re Arbeits­ge­mein­schaft Juden und Chris­ten, in: Deut­scher Ev. Kir­chen­tag Ham­burg 1981, Stuttgart/Berlin 1981; Mar­tin Stöhr, Öku­me­ne, Christ­lich-Jüdi­sche Gesell­schaf­ten, Aka­de­mi­en und Kir­chen­tag. In: Evang. Theo­lo­gie 4-2001, S.290-301; Gabrie­le Kam­me­rer, In die Haa­re, in die Arme. 40 Jah­re Arbeits­ge­mein­schaft »Juden und Chris­ten« beim Deut­schen Evan­ge­li­schen Kir­chen­tag. Güters­loh 2001. Den Auto­rin­nen Ber­ger und Kam­me­rer fol­ge ich mit gro­ßer Dank­bar­keit in wesent­li­chen Tei­len, ohne den Beleg jeweils fest­zu­hal­ten.
  3. Der Aus­druck Isra­el bezeich­net immer das jüdi­sche Volk (Am Jis­ra­el), das im Lan­de Isra­el (Erez Jis­ra­el) und in der Dia­spo­ra (Galut) lebt. Ist vom Staat Isra­el die Rede, ist das Wort Staat (Medi­nat Jis­ra­el) hin­zu­ge­fügt.
  4. Die Arbeit der AG ist in fol­gen­den Bän­den doku­men­tiert: D. Goldschmidt/H.-J. Kraus, Der unge­kün­dig­te Bund. Neue Begeg­nung von Juden und christ­li­cher Gemein­de. Stutt­gart 1963; Hel­mut Gollwitzer/ Eleo­no­re Ster­ling, Das gespal­te­ne Got­tes­volk, Stutt­gart 1966; Robert Rapha­el Geis u.a. (Hg.), Juden und Chris­ten im Dienst für den Frie­den, Stutt­gart 1967; Robert Rapha­el Geis u.a. (Hg.), Gerech­tig­keit in Nah­ost, Stutt­gart 1969; P. von der Osten-Sacken/M­ar­tin Stöhr (Hg.), Weg­wei­sung – Jüdisch- christ­li­che Bibel­ar­bei­ten und Vor­trä­ge (Ber­li­ner DEKT 1977), VIKJ Bd. 8, Ber­lin 1978; Diess., Glau­be und Hoff­nung nach Ausch­witz (Nürn­ber­ger Kir­chen­tag 1979) VIKJ Bd. 12, Ber­lin 1980; Dazu kom­men die Doku­men­tar­bän­de des DEKT.
  5.  Frei­bur­ger Rund­brief 1978, S.10.
  6. Einen Über­blick über die Neu­an­sät­ze nach 1945 gibt Rolf Rend­torff, Hat denn Gott sein Volk ver­sto­ßen? Die evan­ge­li­sche Kir­che und das Juden­tum seit 1945. Ein Kom­men­tar. Mün­chen 1988. Die Doku­men­te (welt­weit und inter­kon­fes­sio­nell) lie­gen vor in zwei umfang­rei­chen Bän­den: R. Rend­torff / H.H. Hen­rix (Hg.), Kir­che und Juden­tum. Doku­men­te von 1945-1985, Pader­born / Mün­chen 1988; H. H. Hen­rix / W. Kraus (Hg.), Die Kir­chen und das Juden­tum. Doku­men­te von 1986-2000. Pader­born / Güters­loh; Ulrich Schwe­mer (Chris­ten und Juden. Doku­men­te einer Annä­he­rung. Güters­loh 1991) hat eine kom­men­tier­te knap­pe Doku­men­ten­samm­lung her­aus­ge­ge­ben.
  7. Jür­gen Hen­kys, Die natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gewalt­ver­bre­chen. Geschich­te und Gericht, Stutt­gart 1964.
  8. Ein Ein­blick in die Debat­te mit Bei­trä­gen von Edna Bro­cke und Jür­gen Molt­mann gibt Kir­che und Isra­el, Heft 6,1 und 6,2. 1991.
  9. Hier sei­en als Bei­spie­le genannt: F.-W. Mar­quardt, Die Ent­de­ckung des Juden­tums für die christ­li­che Theo­lo­gie, 1967; W.P. Eckert/N.P. Levinson/M. Stöhr (Hg.), Anti­ju­da­is­mus im Neu­en Tes­ta­ment?, 1967; Dies., Jüdi­sches Volk – Gelob­tes Land, 1970; R. Rue­ther, Nächs­ten­lie­be und Bru­der­mord, 1978; Char­lot­te Klein, Theo­lo­gie und Anti­ju­da­is­mus, 1978; M. Stöhr (Hg.), Zio­nis­mus – Bei­trä­ge zur Dis­kus­si­on. 1980; M. Stöhr (Hg.), Jüdi­sche Exis­tenz und die Erneue­rung der christ­li­chen Theo­lo­gie, 1981; P. von der Osten-Sacken, Grund­zü­ge einer Theo­lo­gie im christ­lich-jüdi­schen Gespräch, 1982.
Download PDF

AG

c/o Ev. Akademie zu Berlin
Charlottenstraße 53/54
10117 Berlin (Mitte)