Interviewprojekt zur Geschichte der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag

 

Interview mit Edna Brocke

Edna Brocke © Privat

Edna Brocke

Edna Brocke wurde in Jerusalem geboren. Sie studierte Politikwissenschaft, Anglistik und Judaistik an der Hebräischen Universität Jerusalem. Seit Dezember 1968 lebt sie in Deutschland. Sie war lange Lehrbeauftragte für Themen des Judentums an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. Sie ist es zur Zeit (jeweils im SoSe) an der Universität Essen-Duisburg. Seit Anfang der 1970er Jahre bis 1991 war sie Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag. 17 Jahre davon war sie zusammen mit Martin Stöhr im Vorstand der AG.         
Seit 1971 ist sie Mitglied im Gesprächskreis „Christen und Juden“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. 1986 war sie Mitbegründerin der theologischen Zeitschrift „Kirche und Israel“. Von 1988 bis März 2011 leitete sie die Begegnungsstätte Alte Synagoge Essen.

 

Ann-Kathrin Kutzenberger: Frau Brocke, wie sind Sie zur Arbeit in der AG Juden und Christen gekommen? Sie haben als erste Frau überhaupt eine Bibelarbeit beim Kirchentag gehalten. Wie war das damals für Sie?

Edna Brocke: Zum Kirchentag bin ich gekommen „wie die Jungfrau zum Kind“. Es war sehr merkwürdig. Ich bin erst im Dezember 1968 in die Bundesrepublik gekommen. Ich weiß nicht mehr, wer damals initiativ geworden war, aber jemand hatte meinen damaligen Mann und mich zum Ökumenischen Pfingsttreffen 1971 in Augsburg eingeladen.. Ich wusste nicht, was ein Pfingsttreffen ist. Ich wusste nicht, was ein Kirchentag ist. Ich wusste nicht was „Ökumene“ ist, ich wusste gar nichts. Aber über das Christentum wusste ich recht viel, weil ich als Schülerin mit 17 Jahren – allein aus Neugier – nach Jerusalem zu einer christlichen Missionsgesellschaft gefahren bin und dort um ein Neues Testament auf Hebräisch gebeten hatte. […] Daraus ist eine hochspannende Erfahrung geworden, zumal ich auf diesem Weg auch viele interessante Menschen kennengelernt habe. Christen, aber auch zwei Juden, die zum Christentum konvertiert waren.
Mit diesem Vorwissen bin ich – zusammen mit mein katholischen (deutschen) Mann zum Pfingsttreffen nach Augsburg gekommen ohne die aktiven Personen zu kennen. Wir wurden für den darauffolgenden Februar auch nach Arnoldshain eingeladen zur jährlichen Sitzung der AG. Einer ihrer agilen und aktiven Mitglieder war Rabbiner Robert Raphael Geis. Mit ihm und seiner Frau haben mein Mann und ich uns damals sehr gut verstanden. Am nächsten Morgen ist Rabbiner Geis bei der Sitzung aufgestanden und schlug mich für eine Bibelarbeit vor. Ich sagte damals: „Das ist ja reizend, aber was ist eine Bibelarbeit?“
Geis schlug weiterhin vor, dass ich diese Bibelarbeit zusammen mit Helmut Gollwitzer halten solle, den ich bis zu diesem Zeitpunkt auch nicht kannte. Mit der Zeit haben sich diese Fragen geklärt. Gollwitzer schlug an seiner Stelle einen Pfarrer aus Starnberg, Gerhard Bauer, vor, mit dem zusammen wir diese Bibelarbeit vortragen sollten. Beim ersten Treffen eröffnete ich Pfr. Bauer, dass ich nicht wisse, was eine Bibelarbeit ist, und schlug daher vor, sie im Dialog zu führen. Das war für Pfr.  Bauer eine seltsame Vorgehensweise, für den eine Predigt die übliche Form war.Diese „neue“ Form war ihm jedoch durchaus einsichtig. Er hat sich intensiv darauf eingelassen und unsere erste gemeinsame Dialogbibelarbeit fand 1973 unter der Losung „nicht vom Brot allein“ in Düsseldorf statt.
[…]
So begann die erste Dialogbibelarbeit. Trotz geringer Besucherzahl beim Düsseldorfer Kirchentag, stieß unser Versuch auf großes Interesse. Daraus hat die AG den Schluss gezogen, diese Form auch beim nächsten Kirchentag zu wiederholen . So ist daraus – für uns – beide eine langjährige Tradition der Zusammenarbeit geworden.
[…]

 

Ann-Kathrin Kutzenberger: Wie ging es nach dem Einstieg über die Bibelarbeiten für Sie weiter? 

Edna Brocke: Leider ist Rabbiner Geis an Schawu‘ot 1974 verstorben. Obwohl er ein richtiger Linker war – was ich nie war, ich war immer eine Liberale –, haben wir beide uns (auch und gerade theologisch) sehr gut verstanden. Im Politischen war er eine Art Brücke zwischen vielen der linken Protestanten in dieser AG und den wenigen, die nicht mit diesem Mainstream mitliefen . Vielleicht war es ihm gegeben, diese Funktion einzunehmen, weil er eine klare Autorität in der Gruppe hatte. Er war eine Persönlichkeit, die den Raum füllte. Er war immer erkennbar präsent – auch wenn er schwieg. […]

 

Milena Hasselmann: Wie würden Sie die Stimmung in der AG in dieser Zeit beschreiben?

Edna Brocke: Die Gesamtstimmung war, wie in der damaligen Bundesrepublik überhaupt, eine Stimmung von unbewusster Einsicht – das klingt wie ein begrifflicher Widerspruch, Das Christentum – seine Theologie und politisch-ökonomische Macht – war einer der Hauptfaktoren, der die planmäßige Ermordung der Juden Europas überhaupt erst denkbar und dann auch durchführbar gemacht hat. Das gibt man natürlich nicht gerne zu, da es ja Konsequenzen für die Gegenwart und die Zukunft haben müsste. Aus dieser emotionalen- oder eher Bauch-Erkenntnis heraus, gab es viele Mitglieder in der AG, die unbedingt etwas Gutes an Juden, für Juden oder mit Juden machen wollten. Ich machte mich damals wiederholt unbeliebt, weil ich etwas salopp sagte: „Hört auf mit dieser Umarmung, ich will keinen Erstickungstod erleiden!“
Es ging mir um den Anspruch auf ein Gespräch auf Augenhöhe, das auch inhaltlich von beiden Seiten thematisch und theologisch zu bestimmen wäre. Mir liegt der Wunsch nach Harmonie extrem fern. Das war und ist nicht mein Ziel. Genau das war sehr schwer zu vermitteln, weil das Christentum ganz anders strukturiert ist und Harmonie als „Wert“ betrachtet..
Zudem war ein großer Teil der christlichen Teilnehmer von dem Wunsch nach Vergebung und Versöhnung beseelt. Das hat oft zu Missverständnissen und Reibereien geführt. Ernsthafte Diskurse und harte Positionierungen klären am Ende vieles, auch – und gerade dann – wenn man am Ende verschiedener Meinung bleibt. Dies war m.E. der basso continuo in der AG über viele, viele Jahre.
Erst später kamen dann tiefere theologische Einsichten von Leuten, die verstanden hatten, dass es nicht nur, aber auch, um wirklich neue theologische Einsichten gehen muss. Osten-Sacken prägte damals eine der wichtigsten Vokabeln, als er den „theologischen Besitzverzicht“ einklagte. Wenn es einen Begriff gibt, der meiner Meinung nach ins Zentrum trifft, dann ist es dieser. Leider wurde Osten-Sackens Anliegen in Kreisen des Dialogs nicht wirklich aufgegriffen, bis heute, obwohl die Geschichte zeigt, wie recht er hat. Wie schon zu Marcions Zeiten entschied man kirchenpolitisch und nicht theologisch.
Das Christentum hat zwar – nicht freiwillig – jedenfalls in Europa auf ganz vieles verzichtet. Wie es in anderen Kontinenten aussieht ist im Moment nicht unser Gegenstand. Den aggressiven, militanten, militärischen, missionarischen Eifer legen heutzutage in Europa ausschließlich die Muslime an den Tag. Das Christentum ist heute in Europa nicht militant, nicht aggressiv, und versucht sich nicht mit Waffengewalt auszubreiten. Das haben die Kirchen auch mal gemacht. Sie haben darauf – m.E. nicht aus Einsicht verzichtet, sondern weil der Lauf der Dinge andere Entwicklungen hervorriefg.
[…]

 

Ann-Kathrin Kutzenberger: Sie haben 1971 begonnen, beim Katholikentag mitzuarbeiten. Haben Sie das Gefühl, dass die Offenheit eine größere ist? Wurden Sie dort mehr gehört?

Edna Brocke: Im Gesprächskreis „Christen und Juden“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken bin seit seiner Gründung 1971. Also im gleichen Jahr wie das Ökumenische Pfingsttreffen stattfand.
Meine Eindrücke und Erfahrungen in katholisch geprägten Kreisen sind – damals jedenfalls – grundlegend verschieden gewesen. Heute sind allerdings diese jeweiligen Milieus fast konturlos geworden, wie alles in der Gesellschaft überhaupt.
Das katholische Milieu war (und ist zuweilen auch heute noch) viel lockerer. Eine Fünf mal gerade sein lassen, Dinge (auch Kontroversen) mit leichtem Humor überbrücken zu wollen, erlebe ich eben ganz anders als eine gewisse Unerbittlichkeit, die ich bei der AG und im Kontext des Kirchentags erlebt habe. Genau damit bin ich nicht wirklich klargekommen.
Humorvoll würde ich sagen: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ passt zu Luther. Ins Katholische würde ich es übersetzen: „Hier stehe ich, ich kann aber auch anders“

 

Milena Hasselmann: Was meinen Sie mit Unerbittlichkeit? Die Suche nach der Harmonie oder der Wunsch nach Übereinkommen? Oder welcher Art?

Edna Brocke: Ja, vielleicht Übereinkommen, vor allem aber Recht-haben. Auf mich wirkte es so missionarisch. Es gab nur entweder richtig oder falsch. In katholischen Milieus war inhaltliche Kritik oft zu hören  – an der einen oder anderen Position – aber sie wurde „geduldet“.. […] Es ist eben ein anderer Modus. Es wird im Dialog nicht die Kategorie „Recht-haben“ eingeführt. Denn darum geht es m.E. im Dialog eben nicht. Das habe ich beim Kirchentag wiederholt erlebt. Vielleicht war es zeitbedingt oder personenbedingt. Ich weiß es nicht. Als 1991 der Zweite Golfkrieg begann, habe ich für mich die Konsequenzen gezogen.

 

Ann-Kathrin Kutzenberger: Unmittelbar danach haben Sie Ihre Arbeit niedergelegt. […]
Milena Hasselmann: Wir kennen das ja nur aus den Schriften, aus Berichten, die lange her sind. Insofern haben wir eigentlich wenig Einblick in die Zeit. Können Sie uns von diesen Ereignissen noch etwas mehr berichten?

Edna Brocke: Die Zeit steht für einen Wendepunkt in der Bundesrepublik insgesamt. Die Ostdeutschen waren zu dieser Zeit noch keine relevante Größe und zeigten ja traditionell kein positives Interesse an  Israel – Volk wie Staat.
Trotz des Verhaltens der Mehrheit der AG, die erst nach dem Niedergang der ersten Rakete von Saddam Husein in Ramat-Gan überhaupt bereit waren zuzuhören, haben wir den Kirchentag in der Alten Synagoge in Essen – wie zuvor geplant – durchgeführt. In einem Nachgespräch des erweiterten Vorstandes in Bonn traute ich mich in etwa folgendes zu sagen: Weder eine religiöse Identität noch eine politische Identität prägen dieses Land. Vielleicht gibt es hierfür auch gute Gründe – nach den zwei Kriegen in Europa, die von Deutschland ausgingen. Jedes, unverzichtbares Nationalgefühl wird erstickt. Vielleicht handelt es sich wirklich um „eine verspätete Nation“, aber vor allem um eine gebrochene. Auf Grund dieses Bruchs im nationalen Bewusstsein wurde Religion – die vor dem Zweiten Weltkrieg kaum mehr eine Rolle spielte – als einziger Halt gesucht und gefunden. Da war ein Revival von Religiosität, wie er in Deutschland in den 30er Jahren verpönt war. Das Fehlen des Politischen in diesem Land führte zu einem nicht nachvollziehbaren Pazifismus. Dieser irrationale Pazifismus rief die Auseinandersetzungen um den Zweiten Golfkrieg her. , Die übergroße „Friedens“-demo, in Bonn an der ca. 250.000 Menschen teilnahmen, zeugt davon. Ich war auch in Bonn, bei der Gegendemonstration und wir waren vielleicht 200 Menschen.
[…]

 

Milena Hasselmann: Halten Sie eine institutionelle Ebene, wie sie die AG darstellt, für ein sinnvolles Medium des Dialogs? Die AG hat ja einen sehr umfassenden Anspruch. Wie Sie es schon sagen: Da mischt sich sofort Theologisches mit Politischem. Wenn es das nicht täte, wäre es nicht ehrlich. Trotzdem ist es natürlich im Grunde, so empfinde ich es auch, eine bleibende Überforderung.

Edna Brocke: So ist es. […] Ich hatte das damals auch mit Martin Stöhr als Vorschlag besprochen, aber es fand keinen Anklang. Vielleicht war es auch zu früh. Ich denke, man hätte in der AG unterteilen müssen. Nicht alle theologischen Themen interessieren alle, die nicht ihrerseits Theologen sind. Was nicht heißt, jetzt bitte nicht falsch verstehen, dass die nicht-Theologen solche innertheologischen Diskurse nicht mit großem Interesse aufnehmen würden. Aber die Arbeit muss m.E. so strukturiert sein, dass es einen Strang gibt, der sich theologisch-wissenschaftlich mit Thema A, B, C beschäftigt, für sich Erkenntnisse gewinnt und dann überlegt, wie diese Erkenntnisse für ein so gemischtes Publikum beim Kirchentag übersetzt werden können. Da gibt es ja ganz viele Dinge, die darf ich gar nicht voraussetzen, weil sie sich dann langweilen. Die pädagogische oder die didaktische Umsetzung muss man dann überlegen. Das wäre eine erste Säule.
Eine zweite Säule wäre die politische. Die ist viel schwieriger, weil die meisten glauben, man könnte neutral oder gar objektiv sein, sogar sich selbst für neutral halten. […]
Diese zweite Säule müsste eine sein, die Differenzierungen und viel Geduld als Voraussetzung vorgibt und den ehrlichen Versuch einschließt mitzudenken, sich auf ein völlig anderes Denken und Zugehen auf Probleme einzulassen.. Weshalb man in Europa z.B. meint, die Komplexität der Situation zwischen der arabischen Welt und Israel zu verstehen, ist mir ein Rätsel. Aber dennoch haben so viele eine klare Meinung. Leider gilt dies auch für das Gros der Journalisten, auch wenn sie in der Region waren/sind. Sie kommen mit ihren Voreingenommenheiten. Über die absolut verwerfliche Rolle der UNRWA durfte man z.B. in Kreisen der AG nicht sprechen, geschweige denn zeigen, weshalb die Gründung der UNRWA – wenige Tage vor Gründung der UNHCR!! – eine reine antisemitische Tat war, mit Folgen bis heute, primär zu Lasten der Palästinenser aber natürlich auch für uns. Die UNO ist eine „heilige Kuh“ die man nicht antasten darf.
Das heißt: Eine zweite Säule müsste da viel intensiver, differenzierter und regelmäßig, – also nicht weil Krieg ist – sondern regelmäßig – sich informieren, austauschen, analysieren und sich unterschiedliche Sichtweisen und Meinungen aneignen. Es geht mir nicht darum, eine Einheit zu bilden, sondern um eine saubere Analyse. […]
Eine dritte Säule wäre aus meiner Sicht dringend notwendig: Die Frage nach der innerchristlichen Identität. In der arabischen Welt werden seit langer Zeit – erst Recht im Schatten der Kriege im Irak, in Syrien in Afghanistan u.a. – die Christen im Nahen Osten vertrieben bzw. umgebracht. Als ich Helmut Gollwitzer bei einer unserer Sitzungen in den 1980gern fragte, was er und seine Bekannten denn für die Christen in der arabischen Welt tun würde, bekam ich eine unvergessliche Antwort: „Das sind doch mit Rom unierte Christen oder gehören einer Ostkirche an oder sind katholisch…“ Eine Antwort, die ich mein Lebtag nicht vergessen werde.
Während des Libanon-Kriegs 1982 hat Helmut Gollwitzer einen Entwurf einer Resolution vorgetragen. Auch Rolf Rendtorff hat diesen Aufruf in der Zeit und in der Süddeutschen Zeitung mitunterschrieben. Nur noch ein weiteres AG-Mitglied unterschrieb. […]
1982, als Gollwitzer so intensiv mit dieser anti-israelischen Aktivität befasst war, äußerte er sich auf einem Martin-Buber-Kongress in Be’er Sheva und nannte uns Israelis – öffentlich – Herrenmenschen.
Er hat es nicht zurückgenommen!
Viele andere haben sich für ihn sehr geschämt.

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