Interviewprojekt zur Geschichte der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag

 

Interview mit Prof. Dr. Martin Stöhr

Prof. Dr. Martin Stöhr © Privat

Prof. Dr. Martin Stöhr

Martin Stöhr, geb. 1932, studierte Evangelische Theologie und Soziologie in Mainz, Bonn und Basel. Nach Ordination und Gemeindepfarramt in Wiesbaden war er von 1961 bis 1969 Studentenpfarrer an der Technischen Universität Darmstadt. Von 1969 bis 1986 übte er das Amt des Direktors der Evangelischen Akademie von Arnoldshain aus, wo 1978 das Programm für ein einjähriges „Studium in Israel“ gegründet wurde. Von 1965 bis 1984 war er – neben Rabbiner N. P. Levinson und Pater W. P. Eckert, ofm – evangelischer Vorsitzender des „Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ (DKR). Unter ihrem Vorsitz sprach sich der Rat bereits 1971 grundsätzlich für den Verzicht der Kirchen auf die sogenannte Judenmission aus. Von 1986 bis 1998 lehrte er als Professor an der Universität-Gesamthochschule Siegen Theologie (Schwerpunkte: Ökumene und Jüdisch-christliche Beziehungen). 1990 wurde er in Prag (bis 1998) zum Präsidenten des „International Council of Christians and Jews“ (ICCJ) gewählt.

 

 

Ansgar Gilster: Die Arbeitsgemeinschaft – woran denken Sie, was war das für eine Gruppe, wofür steht oder stand die AG, so wie Sie sie über die Jahrzehnte erlebt haben?1

Martin Stöhr: Ich fange historisch an. Zu Beginn des Kirchentages (1949) gab es einen eindrucksvollen Brief von Reinold von Thadden-Trieglaff, dem Gründer des Kirchentages, in dem er schrieb, dass es ein Gespräch über Kirche und Israel (Israel meint in diesem Gebrauch immer auch den theologisch-biblischen Begriff) geben müsse. Dieser Brief wurde beim 60. Geburtstag des Kirchentages verlesen. Bis zum Start der AG verging einige Zeit.
Einige Personen sind zu nennen, die zu den Gründungsmitgliedern gehören, z.B. Helmut Gollwitzer, der auf dem Münchener Kirchentag 1959 in einem Vortrag „Kirche und Israel“ forderte, die Kirche habe mit einer Absage an ihre Irrwege und für ihre zukünftigen, neuen Wege zwei „Wegweiser“ zu beachten: „Auschwitz“ und „Israel“, um Verachtung und Hass gegenüber dem jüdischen Volk zu überwinden und Solidarität mit dem 1948 auf der völkerrechtlichen Basis der UNO gegründeten Staat Israel zu leben. Nur so komme es zu einem Neubau der Beziehungen zwischen Judentum und Christentum.
Es gab 1959/60 massive Schmierereien, vor allem in Köln und Düsseldorf, gerade an neu gebauten Synagogen und Vandalismus auf jüdischen Friedhöfen. Antisemitismus wurde wieder öffentlich, nicht bloß bei einigen Außenseitern.
Die Initiative, der Kirchentag solle das Thema Juden und Christen aufgreifen, hatte neben der theologischen eine politische Dimension; einmal die der deutschen Geschichte und die des Staates Israel, dessen Lebensrecht bis heute gefährdet ist. Er entstand im selben Jahr 1948 wie der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK). In dessen ersten Debatten wurde, neben einem christlichen Schuldbekenntnis, die christliche Solidarität mit dem jüdischen Volk, die Bekämpfung des Antisemitismus, aber auch „Judenmission“ vertreten. Der ÖRK hatte den Staat Israel immer anerkannt, was der Vatikan erst 1993 tat.
Zu den treibenden Kräften gehörten auf der christlichen Seite u.a. Helmut Gollwitzer und sein Schwiegervater Adolf Freudenberg. Freudenberg war Pfarrer auf dem Heilsberg (Bad Vilbel), nachdem er aus der Emigration in Genf zurückgekehrt war. Der promovierte Jurist arbeitete bis 1934 im Auswärtigen Amt, zuständig für die Fortbildung junger Diplomaten, studierte nach der Entlassung Theologie und emigrierte nach dem Oktoberpogrom 1938 wegen der Verhaftungen von Mitgliedern der jüdischen Familie seiner Frau. In Genf baute er die Flüchtlingshilfe des ÖRK auf.
Meine persönliche Beziehung zu Gollwitzer entstand während das Studiums in Bonn, wo z.B. Luthers Judenhass, das  Versagen der Kirche, auch der Bekennenden Kircheeine notwendig neue Lektüre der Bibel im Studienprogramm von Hans-Joachim Iwand († 1960) und Hans-Joachim Kraus angepackt wurden. Dazu kamen die Kontakte der Familie meiner Frau zur Familie Freudenberg.  Auf der jüdischen Seite nenne ich für die Anfangszeit der AG z.B. den Religionswissenschaftler Ernst Ludwig Ehrlich, Rabbiner Robert Raphael Geis, die Historikerin Eleonore Sterling und Eva Gabriele Reichmann, die die „Wiener Library“ zur Geschichte des deutschen Judentums nach London hatte retten können. Hans-Joachim Kraus hatte 1953 Martin Buber an unsere Fakultät eingeladen, den ich dort noch hörte. Von Beiden lernte ich u.a. eine positive Wertung der in der christlichen Tradition meist negativ-jüdisch, als lastendes „Gesetz“ und bloße christliche Vorgeschichte, verstandene Tora kennen: Gottes gute Weisung.
Auf der christlichen Seite sind der Berliner Neutestamentler Peter von der Osten-Sacken, der damalige Studentenpfarrer Friedrich-Wilhelm Marquardt und der Berliner Soziologe Dietrich Goldschmidt zu nennen, Als „Nichtarier“ überlebte er als Zwangsarbeiter. Sie luden zu einem ersten Treffen 1960 ein, um für den Berliner Kirchentag 1961 ein Programm (und eine AG) zum Themenfeld „Juden und Christen“ vorzubereiten.
Unsere Arbeit versuchte, die theologischen und politisch-historischen  Aspekte in den Fragen nach dem Verhalten und Denken der Kirche im Blick zu behalten: Wie konnte es geschehen, dass in Europa deutsche Gewalt und Gedankenwelten die Vernichtung des jüdischen Volkes betrieben? Was bedeutet der Staat Israel, nachdem er als Volk Israel oft eine angeblich vergangene, durch die Kirche ersetzte theologische Größe war? Stoff für auch konfliktreiche Debatten.
Aber zunächst waren wir nach dem Berliner Kirchentag euphorisch der Meinung, wenn wir zwei-, dreimal auf dem Kirchentag selbstkritisch an den genannten Themen gearbeitet hätten, dann setzt sich diese erneuernde Aufklärung durch, sodass wir uns als AG Juden und Christen überflüssig machen könnten.
Dann aber kamen in Dortmund und Köln absolute Rückschläge. Nicht vom Kirchentag, sondern aus den wachsenden Auditorien unserer Veranstaltungen. Gegen die Wege in absolutes Neuland wurde nach der Schuld der anderen, ja der Juden selbst, gefragt, das Versagen der Kirche heruntergespielt oder der Antisemitismus verharmlost oder auf „deutsche“ Leiden verwiesen. Die Presse war in Berlin überrascht. Zum ersten Mal referierten und diskutierten auf einer kirchlichen Großveranstaltung Juden und Jüdinnen. Aber „Christ und Welt“ schrieb schon vom “Ausverkauf der Kirchengeschichte“, wenn die Frage nach dem ethischen Versagen der Christenheit in Deutschland gestellt wurde. Noch war der große Streitpunkt nicht im Blick: Welche Bedeutung haben eine traditionelle Christologie oder Messiasauffassung als Wurzelboden für das ethische Versagen des Protestantismus?
Als 1973 vor Düsseldorf ein Tiefpunkt des Kirchentages erreicht war, tauchte die Idee mit dem Markt der Möglichkeiten und der großen Partizipationsmöglichkeit für Gruppen, Einzelne und Initiativen auf. Wir fragten uns, ob wir nicht ein Kernelement des Kirchentags in unserer AG nicht neu gestalten müssten: die Bibelarbeit. Warum lesen wir die Texte nicht mit einer jüdischen und einer christlichen „Brille“ und erschließen kritisch die Auslegungs- und Wirkungsgeschichte beider „Bibelleser“? 1973 entfalteten Edna Brocke (zum ersten Mal hielt eine Frau eine Bibelarbeit) und Gerhard Bauer eindrucksvoll und modellhaft in einem dialogischen Stil die vorgegebenen Bibeltexte.2 Am Anfang bezog sich das nur auf alttestamentliche Texte, mit der Ausweitung dieses Dialogs kamen später auch neutestamentliche Texte hinzu. Gewachsen war die Erkenntnis: das Neue Testament ist im Grunde ein Midrasch, jüdisch gesprochen, zum Alten Testament, eine weiterführende Auslegung, keine „Antithese“.
Zwar kam eine zweifelnde Zwischenfrage von  Richard von Weizsäcker, ob das möglich sei? Er als sehr positiv zu unserer Arbeit eingestellter Kirchentagspräsident zeigte, wie neu die eingeleiteten Schritte erschienen. Der christlich-jüdische Dialog ist – bis heute – vor allem eine selbstkritische Sichtung überkommener Einstellungen. Diese sahen z.B. die jüdische Bibel oder Israel „nach dem Fleisch“ „nur“ als Vorgeschichten der Kirche, das wahre „Israel nach dem Geist“. Eine erfolgreiche Innovation stellte Aufgaben, die weiter zu bearbeiten sind.

 

PS: Kann man denn sagen, dass die Leitgedanken von Christen und Juden am Anfang gleich waren oder gab es da unterschiedliche Vorstellungen über das Profil der AG Juden und Christen?

Martin Stöhr: Wir hatten immer Schwierigkeiten mit dem Wort „Dialog“, heute verlangt man zu Recht „auf Augenhöhe“. Wir versuchten es und es funktionierte auch bis hin zum scharfen Kritisieren und Witze-erzählen. Aber es gab und gibt keine Symmetrie, denn die uns verbindende und trennende Geschichte ist asymmetrisch, und zwar auf eine doppelte Weise. Einmal stellt die Christenheit in Europa immer die Mehrheitsgesellschaft mit starken, politischen, ökonomischen und ideologischen Positionen – trotz später Emanzipationsversuche. Die preußische Emanzipation wurde z.B. bald wieder zurückgenommen. Die Juden blieben die nicht gleichberechtigte Minderheit, auch in der Weimarer Republik mit ihrer demokratischen Verfassung. In dieser Zeit wuchs der Antisemitismus noch einmal rasant; seine völkischen und rassistischen Motive überholten und benutzten die religiösen.

 

AG: Das Interesse der jüdischen Mitglieder, sich auf dieses Gespräch einzulassen nach diesen Verletzungen, also nicht nur theologisch und durch die Jahrhunderte, sondern ganz akut, in dieser direkten Phase, das ist für uns aus der Rückschau schwer begreiflich.

Martin Stöhr: Es war auch für uns alle keine Selbstverständlichkeit, dass die Überlebenden mit uns redeten. Diese Begegnungen waren auch für mich ein  Wunder. Ich bin in einem Dorf groß geworden, wo es keine Juden gab und wurde dann, zehnjährig, zu den Großeltern geschickt, weil dort ein Gymnasium erreichbar war. Im März 1945 kam mit der Befreiung ein US-amerikanischer junger Offizier zu meinen Großeltern und wollte die Wohnung beschlagnahmen. Das wurde dann nichts, sie war zu klein. Er sprach mit meinem Großvater aber Latein. Ich war zwölf, hatte gerade meine erste Lateinarbeit in den Sand gesetzt. Mein Großvater hatte eine humanistische Schulbildung, der jüdische Offizier auch. Ich stand mit offenem Mund dabei, ahnte nicht, wie richtig oder falsch das war, was die beiden redeten. Dann erklärte er mir auf Deutsch, warum er diese Sprache nie wieder hatte reden wollen. Seine ganze Familie war umgebracht worden. Er war mit der Jugend-Alija gerettet worden. Meine erste „christlich-jüdische“ Begegnung. Vielleicht auch ein Motiv, neben dem totalen Schweigen der Schule und dem Arbeitsplatz meines Vaters ab 1945. Er musste eine von 1938-1945 von der SS beschlagnahmte Behinderteneinrichtung wieder in die Arbeit der Inneren Mission zurückführen. Als Kind Überlebenden der Schoah und der Euthanasie begegnet zu sein, das bleibt im Gedächtnis. Mich beschäftigte  zunehmend die Frage: Warum machten so viele kluge und gebildete Leute mit oder schauten schweigend weg? Warum verharmlosten nach 1945 so viele Zeitgenossen, was geschehen war? Dass dergleichen nicht noch einmal geschehen dürfe, verband alle in der zusammenwachsenden, gemeinsam analysierenden und streitenden AG.

 

AG: Und Sie denken, dass es bei den anderen Mitgliedern – sowohl jüdischen, da ist es offensichtlicher, aber auch bei den christlichen – solche biografischen Motive gab?         

Martin Stöhr: Das denke ich. Edna Brocke hat eindeutig formuliert: Ich mache hier mit, damit so etwas nie wieder passiert. Rabbiner Geis, im deutschen Judentum, einschließlich der Jugendbewegung wurzelnd, betonte den theologisch wie politisch notwendigen Neuanfang. Alle verband der Wille, die horrende Unkenntnis sowie die virulenten Vorurteile über Religion, Kultur und Geschichte des jüdischen Volkes (in der Diaspora und in Israel lebend) zu überwinden. Es war ihnen aber auch wichtig, ein Erbe weiter zu geben. Ernst Ludwig Ehrlich (Basel), der Londoner Rabbiner Albert Friedlander oder Herbert Strauß, der Gründer des Zentrums für Antisemitismus-Forschung in Berlin, gehörten zu den letzten, die noch mit Leo Baeck in dessen Wohnzimmer studiert hatten. Zu dieser Gruppe gehörte auch Nathan Peter Levinson, der mit der letzten transsibirischen Bahn 1941 sein Leben retten konnte. Nach seiner Ausbildung (in Cincinnati) und Ordination wurde er zunächst Militärrabbiner in Japan, kam dann mit einer US-amerikanischen Militäreinheit nach Deutschland. Rabbiner Leo Baeck hatte ihn gebeten, in Berlin die Überlebenden in einer  neuen Gemeinde zu sammeln. Ich nenne aus den Anfängen noch den orthodoxen Rabbiner Holzer – aus Frankfurt, aber nicht aus Goethes Frankfurterischer Sprache vertrieben. Sie und andere Mitarbeitende vermittelten den christlichen Mitgliedern der AG einen Eindruck vom vielgestaltigen Reichtum des deutschen Judentums. Von ihm hatte Gershom Scholem, kritisch gegen die billige Rede von einer „deutsch-jüdischen Symbiose“, gesagt, dass die jüdischen Bitten, ja der Schrei um Gehör und Gespräch nie erhört wurden.

 

AG: Das Verhältnis zum Kirchentag generell – änderte sich das durch die Zeit? Sah man vielleicht auch mal die Aufgabe, nicht nur das Zentrum zu gestalten, sondern vielleicht auch in andere Arbeitsgruppen hineinzuwirken?

Martin Stöhr: Ja. In pädagogischen, kulturellen und politischen Veranstaltungen des Kirchentages waren immer auch Mitglieder der AG vertreten. Wir verstanden unsere Arbeit ja nicht als ein „Spezialthema“. Es war ein Querschnittsthema, weil die antisemitische Vergiftung unserer Gesellschaft wie die Zumutung, neu zu denken und zu handeln, quer alle Gruppen und Schichten betraf. Wichtig war uns die strikte Ablehnung jeder Judenmission. Unser Interesse war, die  jüdisch-christliche Perspektive in möglichst viele Arbeitsfelder des Kirchentages einzutragen. Eine Kollekten-Ankündigung für ein palästinensisches Projekt mit einer israelvergessenden Abkündigung führte zu einem kritischen Gespräch von Edna Brocke und mir mit dem damaligen Kirchentagspräsidenten. 1999 wurde das Thema „Judenmission“ von uns exklusiv und kritisch in den Mittelpunkt unserer Arbeit gestellt. Das hinderte judenmissionarische Initiativen nicht, immer wieder mit „Missionsschriften“ auf den Kirchentag drängen.
Es gab in der Struktur und Funktionsweise der AG zwei Einschnitte. Die eine beschreibe ich aus meiner Perspektive, weil ich seit 1969 in Arnoldshain die Aufgaben von Franz von Hammerstein übernahm: einzuladen, für Protokolle zu sorgen, mit ReferentInnen zu verhandeln etc. Mit Edna Brocke, Dieter Goldschmidt, Albrecht Lohrbächer und Daniel Kempin saß ich im Vorstand der AG. Kurz vor dem uns alle tief berührenden zweiten Golfkrieg 1991 hatte ich einen Brief geschrieben: Ich wollte mein Amt niederlegen, denn ich hatte den Eindruck, ich bin nur noch ein „Impresario“, der Anrufe oder Briefe bekam, in denen ich – jüdisch wie christlich – gebeten wurde, beim nächsten Kirchentag doch auf einem Podium oder Referat beteiligt zu werden. Der Kirchentag war eine begehrte Bühne und die AG hatte mehr InteressentInnen als Plätze zur Mitarbeit zu vergeben.
Viel gewichtiger aber war die Schwierigkeit, jüdische Mitglieder für die AG zu gewinnen. Aus der kleinen Zahlen der Überlebenden, waren nicht alle bereit. Einige sagten mir: Was ihr macht, das hätte vor zwei oder drei Generationen geschehen müssen. Andere waren mit dem Aufbau der winzigen jüdischen Gemeinden mehr als ausgelastet. Überdies war noch nicht klar, ob sie eine Zukunft im Land der Täter haben werden. Das heißt im Klartext: Die christliche Seite war in unserem Land dialogbereit, nachdem die jüdischen Gesprächspartner mörderisch dezimiert worden waren.3 Erst die Einwanderung aus Ländern der früheren Sowjetunion änderte die Situation, nicht die notwendigen Aufgaben.

 

AG: Und 1991?

Martin Stöhr: Ja, dazu  gibt‘s verschiedene Lesarten. Faktum ist, dass der 2. Golfkrieg die Arbeit  der AG ganz stark bestimmte. Die Friedensbewegung engagierte sich nicht für das mit Raketen bedrohte Israel. Diejenigen unter uns, die ihr nahestanden, gerieten in den Verdacht, an diesem Desinteresse teilzuhaben.

 

AG: Dann, vielleicht nochmal zu uns. Es ist tatsächlich so, auch wenn man sich jetzt das, was es schriftlich gibt, anschaut, es bleibt doch recht dunkel. Und wenn man in der AG sitzt, in der Runde, dann wird gesagt „1991“, und alle wissen Bescheid – nur die nicht, die nicht dabei waren.

Martin Stöhr: Die harten kriegerischen Auseinandersetzungen begannen mit Raketenangriffen auf Tel Aviv, Saddam Hussein hatte mit Giftgas gedroht. Deutschland hatte dafür auch Rohstoffe geliefert. Eine Vernichtung durch Gas drohte. Edna Brocke und ihre Familie war nicht nur ganz persönlich betroffen, sie kritisierte zu Recht – mit anderen – und in aller Deutlichkeit die hierzulande stark spürbare Gleichgültigkeit. Reichte sie nicht bis in die AG? Nein, würde ich sagen. Ich habe nie wieder eine so offene und engagierte Debatte unter uns erlebt wie damals. Trotzdem muss ich sagen: Mich stören bis heute die damals Schweigenden, nicht nur in unserer AG. Es gab durchaus eine unterschiedliche Einschätzung der Gefahren für Israel.
Obwohl in der Moderatorenrolle, widersprach ich Edna Brocke. Ich hielt ihren Eindruck für falsch, wir verweigerten Israel das Recht auf Verteidigung und damit unsere Solidarität. Konkret ging es um Raketenlieferungen an Israel, genauer um die Patriot-Abwehrraketen. Da machte sich ein Dissens fest. Edna Brocke sagte oder sah es so: Ihr, eine bestimmte Gruppe in der AG, verharmlost die Gefährdung Israels und bestreitet sein Recht der Verteidigung. Übertrug sie nicht auf die in der AG Kritisierten, so frage ich heute, die unmögliche Position von MdB Ströbele, Israel treffe jetzt das, was es selbst verursacht habe? Diese Meinung hat sich leider bis heute multipliziert.
Hinzu kam eine berechtigte Kritik an einem billigen Pazifismus, der nicht auftrat, wenn es um andere Kriege oder Bürgerkriege ging – bis heute. Er ließ damals Schulen klassenweise gegen Israel demonstrieren, als habe Israel den Krieg angefangen. Das gegenüber Israel höchst problematische, indifferente Verhalten spiegelte damals auch eine Umfrage der Süddeutschen Zeitung wieder: Israel landete auf dem letzten, die USA auf dem ersten Platz bei der Frage, zu welchem Land sollte Deutschland enge Beziehungen haben?
Die christlichen Mitglieder der AG billigten allerdings einstimmig die Verschickung der Patriot-Raketen und schrieben an die Kirchen, das Gleiche zu tun. Sie schwiegen aber. Gestern fand ich in meinen Unterlagen einige Papiere der AG, darunter einen Brief mit dem Datum vom 29.01.1991. Ihn hatte Gabriele Kammerer in ihrer Darstellung der Geschichte der AG nicht zur Verfügung.4

 

AG: Das ist ein Brief von Martin Stöhr an den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland: „Sehr geehrter Herr Ratsvorsitzender, die christlichen Mitglieder des Vorstands der AG Juden und Christen beim DEKT bitten alle evangelischen und katholischen Kirchenleitungen: (1.) Die tödliche Bedrohung Israels durch irakische Raketen und Giftgas, das aus unserem Land stammt, wahrzunehmen. (2.) Sich eindeutig auf die Seite Israels zu stellen und für eine Politik zum Schutz Israels einzutreten. (3) Die Menschen in den jüdischen Gemeinden unseres Landes nicht allein zu lassen. Wir grüßen freundlich und wünschen Frieden allen Völkern in der Region, Ihre gez. Dr. Dr. Harald Uhl, gez. Schuldekan Albrecht Lohrbächer und Martin Stöhr“.

Martin Stöhr: Hier ist eine Kopie, gleichlautend ging der Brief an die katholische Bischofskonferenz unter dem Vorsitzen von Bischof Karl Lehmann. Vor dem Hintergrund der öffentlichen Debatte gelang es uns nicht, auf der Jahrestagung 1991, uns gegenseitig verständlich zu machen. Es gelang nicht allen, Edna Brocke deutlich machen: Edna, wir verstehen dich. Wir verraten nicht die seit der Gründung der AG konstitutiv dazu gehörende Solidarität mit Israel. Sie verließ den Vorstand und die AG. Sie drang auf eine Trennung von denen, die – wie sie dachte – auf Israels Seite stehen und jenen, die es nicht tun. Gegen diese Sichtweise wehrte ich mich, weil ich dieses eindeutige Bild nicht sah. Es gab zwar „israelkritische“ Anfragen von Christinnen und Christen sowie von Juden und Jüdinnen an israelische Regierungsentscheidungen, nicht aber gegenüber dem Staat Israel und keinen Verrat an der Solidarität mit Israel und seinem Lebensrecht. Häufiger hatte es, wie in den Medien, eine Diskussion über das ebenso gängige wie unscharfe Stichwort „kritische Solidarität“ gegeben.5

 

AG: Hängt das mit 1991 zusammen?         

Martin Stöhr: Nein, diese Diskussion gab es ja, wie in der Öffentlichkeit, schon vorher. Die AG war pluralistisch zusammengesetzt, deutlich ausgesprochene Nuancen gab es in den Fragen nach den Verhandlungschancen für einen Frieden; nach Besetzung der Westbank (ab 1967);nach deutschen Waffenlieferungen. Die Debattenlinien gingen durch die „jüdische“ wie durch die „christliche“ Seite. Man lese nur einmal als Beispiel unsere Dokumentationen „Juden und Christen im Dienst für den Frieden“.6 Bald nach dem Start unserer Arbeit stellte sich die Frage: Sollen wir den Nahostkonflikt behandeln? Wir sagten mehrheitlich,  wir können die Wirklichkeit, in der das jüdische Volk heute lebt, nicht ausblenden. Barbara Just-Dahlmann widersprach, es gebe so wenige Leute in unserem Land, die zum Staat Israel unverbrüchlich stünden; wir sollten bei den Kernfragen der christlich-jüdischen Beziehungen bleiben. Für Palästina – oder für die Araber, sagte man damals, weil Juden auch Bürger des (Mandatsgebietes) Palästina mit einem palästinensischen Pass waren – schreien viele, aber für Israel schreit hierzulande kaum jemand. Zur Mehrheit habe ich mich gezählt. Die verschiedenen Podien zum Nahostkonflikt brachten zwar eine Fülle von notwendigen Informationen von verschiedenen Sprechern aus der Region, hatten aber das Problem, dass die Menschen im Auditorium leicht in eine Zuschauerhaltung gerieten. Sie lebten nicht dort.

 

PS: Und wenn man auf die AG blickt: Was könnte für die AG in der nächsten Zeit wichtig sein? Was könnte ein Impuls für Sie sein?             

AG: Für die nächsten 50 Jahre AG-Geschichte.

Martin Stöhr: Bescheidener machen Sie es nicht, nein? Also, ich denke, dass theologisch noch intensiver an dem Verhältnis Heilige Schrift der Juden – Heilige Schrift der Christen gearbeitet werden müsste. Ist die jüdische Bibel, der größte Teil der christlichen Bibel, ist für Christen mit dem Neuen Testament gleichberechtigt, wird sie nicht doch immer noch allzu typisiert „nur“ als Verheißung, „nur“ als Gesetz, „nur“ als Vorgeschichte gegenüber der Erfüllung, dem Evangelium als dem „Ende der Geschichte“ angesehen? Und nicht als eine eigenständige Stimme, die eine eigene, nicht vom Christentum aus zu deutende Geschichte des von Gott bis heute berufenen Volkes Israel erzählt. Noch lebt in den Kirchen eine historische Vorordnung Israels. Auch das Bild Israel als „Mutterreligion“ des Christentums operiert mit diesem Gedanken. Haben die christlichen „Kinder“ sich aber nicht an die Stelle der „Mutter“ gesetzt? Haben sie sie nicht sterben lassen? Eine unterschiedlich gelesene Bibel – bei allen Gemeinsamkeiten –und eine damit verbundene Ekklesiologie bleiben zentrale Themen. Wie sieht christlich-jüdische „Geschwisterlichkeit“ aus?
Das zweite theologische Thema heißt: Wie formulieren wir ein Christusbekenntnis ohne implizite jüdische Diskriminierung? Ein Satz aus der Amsterdamer Arbeitsgruppe des ÖRK 1948 wurde zwar vom ÖRK nicht mehr gesagt, ist aber doch eine in der Christenheit weit verbreitete Sichtweise: „Der Messias, auf den ihr wartet, ist schon gekommen.“ Wartet die Christenheit nicht auch? Sollten wir nicht endlich von dieser Überbetonung der Christologie  als Lehre von Christus wegkommen hin zur Christus-Nachfolge? Recht tun statt Recht haben? Wenn Sie so wollen, ist bei mir diese Linie einer biblischen „Ethisierung“ des christlichen Glaubens stärker geworden.
Das dritte Problem hängt mit einer ekklesiologischen Verhältnisbestimmung zusammen. Wir haben ganz am Anfang unserer Arbeit immer „Kirche und Israel“ gesagt und meinten zuerst das biblische Israel. Heute gilt es, Israel in seinen drei Bedeutungen wahrzunehmen, nicht zu von einander separieren: Staat Israel, Volk Israel und Land Israel. Ich muss jeweils genau sagen, wovon ich rede.7
Parallel dazu stellt sich die Frage: Was ist eigentlich die Kirche? In welchen Konfessionen denken und leben wir? Johann Baptist Metz hat im Zusammenhang mit dem Reformkonzil (Vaticanum II) das biblische Bild vom wandernden Volk Gottes als das heute entscheidende Kirchenverständnis interpretiert. Kein Papst nach ihm nahm das ernst. Problematisch an der (neutestamentlich praktizierten Übernahme) ist die Gefahr einer Enteignung des jüdischen Volkes durch eine gedankenlose Aneignung, die vergisst, dass der Jude Jesus in seiner jüdischen Gemeinde lebt und streitet und ihr nicht absagt. Stehlen wir dem jüdischen Volk wichtige Begriffe und Selbstverständnisse, wie es mit dem Anspruch, das „wahre Israel“ zu sein, geschah?
Wie verstehen wir uns als Kirche? Katholisch kann sie als eine Heilsanstalt, als heilige Mutter verstanden werden? Dann ist es z.B. einfach zu sagen, gesündigt haben die Söhne und Töchter der Kirche, aber nicht die Kirche. Doch, auch die christlichen Institutionen können sündigen. Uns Protestanten fällt es leichter, von der Schuld der Kirche zu sprechen. Ist es verbindlicher? Wer und was ist die Kirche? Reicht die Selbstdefinition, sie sei dort, wo „das Evangelium rein gepredigt“ und die „heiligen Sakramente“ dem Evangelium gemäß gereicht werden (Confessio Augustana VII, 1530)? Hat sie sich nicht de facto doch stärker durch das staatliche Gegenüber definieren lassen? Gehört zu den notae ecclesiae nicht auch die  „Nachfolge“? Was meinen die jeweiligen Kollektive, in denen  wir uns vorfinden, in den Kirchen und in Israel?

 

PS: Um dann auch wieder die politische Dimension reinzubringen?

Martin Stöhr: Natürlich. Die ist überhaupt nicht zu vermeiden, weder im Blick auf die deutsche Geschichte, noch im Blick auf den Nahostkonflikt. Vor allem aber nicht, wenn wir die alt- und neutestamentliche Tora mit ihren ebenso konstruktiven wie kritischen Weisungen ernst nehmen und das Leben und Zusammenleben der Menschen und Völker nicht irgendwelchen Sachzwängen oder den herrschenden Mächten zu überlassen.

 

Die Fußnoten verweisen auf die wichtigsten Dokumentationen der AG-Arbeit auf dem Kirchentag.

  1.  Die Titel der ersten Dokumentationen der Kirchentagsarbeit sind programmatisch: (a)  Dietrich Goldschmidt und Hans-Joachim Kraus (Hg), Der ungekündigte Bund. Neue Begegnung von Juden und christlicher Gemeinde, Stuttgart 1962. (b) Helmut Gollwitzer und Eleonore Sterling (Hg), Das Gespaltene Gottesvolk,  Stuttgart 1966.
  2. Edna Brocke/Gerhard Bauer, Jüdisch-christliche Dialoge zur Bibel, Neukirchen 1985.
  3. Friedrich-Wilhelm Marquardt. Albert Friedlander, Das Schweigen der Christen und die Menschlichkeit Gottes. Gläubige Existenz nach Auschwitz, München 1980.
  4. Gabriele Kammerer, In die Haare, in die Arme. 40 Jahre Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag, Gütersloh 2001.
  5. Edna Brocke und Martin Stöhr, Streit tut not. Juden und Christen nach dem gestörten Dialog. In: Evangelische  Kommentare 2/1992 , S. 104-107.
  6.  Robert Raphael Geis, Hans-Joachim Kraus, Eva Reichmann, Walter Dirks, Dietrich Goldschmidt, Erhard Eppler,  Juden und Christen im Dienst für den Frieden. Vorträge in der AG Juden und Christen des 13.  Deutschen Ev.  Kirchentags Hannover 1967. Robert Raphael Geis, Moshe Tavor, Friedrich-Wilhelm Marquardt, Ali Hassan, Kurt Sontheimer, Gerechtigkeit in Nahost. Vorträge in der AG Juden und Christen beim 14. Deutschen Ev. Kirchentag Stuttgart 1969,  Stuttgart 1969.
  7. Erste Bearbeitungen dieser Themen (die auf den folgenden Kirchentagen natürlich auch aufgegriffen wurden) liegen in den Dokumentationen vor: (a) Peter von der Osten-Sacken und Martin Stöhr (Hg.), Wegweisung. Jüdisch-Christliche Bibelarbeiten und Vorträge – 17. Deutscher Evangelischer Kirchentag Berlin 1977, Berlin 1978. (b) Dies., Glaube und Hoffnung. Jüdisch-christliche Dialoge, Vorträge und Diskussionen,  Berlin 1980.

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