Interviewprojekt zur Geschichte der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag

 

Interview mit Prof. Dr. Martin Stöhr

Prof. Dr. Martin Stöhr © Privat

Prof. Dr. Mar­tin Stöhr

Mar­tin Stöhr, geb. 1932, stu­dier­te Evan­ge­li­sche Theo­lo­gie und Sozio­lo­gie in Mainz, Bonn und Basel. Nach Ordi­na­ti­on und Gemein­de­pfarr­amt in Wies­ba­den war er von 1961 bis 1969 Stu­den­ten­pfar­rer an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Darm­stadt. Von 1969 bis 1986 übte er das Amt des Direk­tors der Evan­ge­li­schen Aka­de­mie von Arnold­s­hain aus, wo 1978 das Pro­gramm für ein ein­jäh­ri­ges „Stu­di­um in Isra­el“ gegrün­det wur­de. Von 1965 bis 1984 war er – neben Rab­bi­ner N. P. Levin­son und Pater W. P. Eckert, ofm – evan­ge­li­scher Vor­sit­zen­der des „Deut­schen Koor­di­nie­rungs­ra­tes der Gesell­schaf­ten für christ­lich-jüdi­sche Zusam­men­ar­beit“ (DKR). Unter ihrem Vor­sitz sprach sich der Rat bereits 1971 grund­sätz­lich für den Ver­zicht der Kir­chen auf die soge­nann­te Juden­mis­si­on aus. Von 1986 bis 1998 lehr­te er als Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät-Gesamt­hoch­schu­le Sie­gen Theo­lo­gie (Schwer­punk­te: Öku­me­ne und Jüdisch-christ­li­che Bezie­hun­gen). 1990 wur­de er in Prag (bis 1998) zum Prä­si­den­ten des „Inter­na­tio­nal Coun­cil of Chris­ti­ans and Jews“ (ICCJ) gewählt.

 

 

Ans­gar Gils­ter: Die Arbeits­ge­mein­schaft – wor­an den­ken Sie, was war das für eine Grup­pe, wofür steht oder stand die AG, so wie Sie sie über die Jahr­zehn­te erlebt haben?1

Mar­tin Stöhr: Ich fan­ge his­to­risch an. Zu Beginn des Kir­chen­ta­ges (1949) gab es einen ein­drucks­vol­len Brief von Reinold von Thad­den-Trieglaff, dem Grün­der des Kir­chen­ta­ges, in dem er schrieb, dass es ein Gespräch über Kir­che und Isra­el (Isra­el meint in die­sem Gebrauch immer auch den theo­lo­gisch-bibli­schen Begriff) geben müs­se. Die­ser Brief wur­de beim 60. Geburts­tag des Kir­chen­ta­ges ver­le­sen. Bis zum Start der AG ver­ging eini­ge Zeit.
Eini­ge Per­so­nen sind zu nen­nen, die zu den Grün­dungs­mit­glie­dern gehö­ren, z.B. Hel­mut Goll­wit­zer, der auf dem Mün­che­ner Kir­chen­tag 1959 in einem Vor­trag „Kir­che und Isra­el“ for­der­te, die Kir­che habe mit einer Absa­ge an ihre Irr­we­ge und für ihre zukünf­ti­gen, neu­en Wege zwei „Weg­wei­ser“ zu beach­ten: „Ausch­witz“ und „Isra­el“, um Ver­ach­tung und Hass gegen­über dem jüdi­schen Volk zu über­win­den und Soli­da­ri­tät mit dem 1948 auf der völ­ker­recht­li­chen Basis der UNO gegrün­de­ten Staat Isra­el zu leben. Nur so kom­me es zu einem Neu­bau der Bezie­hun­gen zwi­schen Juden­tum und Chris­ten­tum.
Es gab 1959/60 mas­si­ve Schmie­re­rei­en, vor allem in Köln und Düs­sel­dorf, gera­de an neu gebau­ten Syn­ago­gen und Van­da­lis­mus auf jüdi­schen Fried­hö­fen. Anti­se­mi­tis­mus wur­de wie­der öffent­lich, nicht bloß bei eini­gen Außen­sei­tern.
Die Initia­ti­ve, der Kir­chen­tag sol­le das The­ma Juden und Chris­ten auf­grei­fen, hat­te neben der theo­lo­gi­schen eine poli­ti­sche Dimen­si­on; ein­mal die der deut­schen Geschich­te und die des Staa­tes Isra­el, des­sen Lebens­recht bis heu­te gefähr­det ist. Er ent­stand im sel­ben Jahr 1948 wie der Öku­me­ni­sche Rat der Kir­chen (ÖRK). In des­sen ers­ten Debat­ten wur­de, neben einem christ­li­chen Schuld­be­kennt­nis, die christ­li­che Soli­da­ri­tät mit dem jüdi­schen Volk, die Bekämp­fung des Anti­se­mi­tis­mus, aber auch „Juden­mis­si­on“ ver­tre­ten. Der ÖRK hat­te den Staat Isra­el immer aner­kannt, was der Vati­kan erst 1993 tat.
Zu den trei­ben­den Kräf­ten gehör­ten auf der christ­li­chen Sei­te u.a. Hel­mut Goll­wit­zer und sein Schwie­ger­va­ter Adolf Freu­den­berg. Freu­den­berg war Pfar­rer auf dem Heils­berg (Bad Vil­bel), nach­dem er aus der Emi­gra­ti­on in Genf zurück­ge­kehrt war. Der pro­mo­vier­te Jurist arbei­te­te bis 1934 im Aus­wär­ti­gen Amt, zustän­dig für die Fort­bil­dung jun­ger Diplo­ma­ten, stu­dier­te nach der Ent­las­sung Theo­lo­gie und emi­grier­te nach dem Okto­ber­po­grom 1938 wegen der Ver­haf­tun­gen von Mit­glie­dern der jüdi­schen Fami­lie sei­ner Frau. In Genf bau­te er die Flücht­lings­hil­fe des ÖRK auf.
Mei­ne per­sön­li­che Bezie­hung zu Goll­wit­zer ent­stand wäh­rend das Stu­di­ums in Bonn, wo z.B. Luthers Juden­hass, das  Ver­sa­gen der Kir­che, auch der Beken­nen­den Kir­che­ei­ne not­wen­dig neue Lek­tü­re der Bibel im Stu­di­en­pro­gramm von Hans-Joa­chim Iwand († 1960) und Hans-Joa­chim Kraus ange­packt wur­den. Dazu kamen die Kon­tak­te der Fami­lie mei­ner Frau zur Fami­lie Freu­den­berg.  Auf der jüdi­schen Sei­te nen­ne ich für die Anfangs­zeit der AG z.B. den Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­ler Ernst Lud­wig Ehr­lich, Rab­bi­ner Robert Rapha­el Geis, die His­to­ri­ke­rin Eleo­no­re Ster­ling und Eva Gabrie­le Reich­mann, die die „Wie­ner Libra­ry“ zur Geschich­te des deut­schen Juden­tums nach Lon­don hat­te ret­ten kön­nen. Hans-Joa­chim Kraus hat­te 1953 Mar­tin Buber an unse­re Fakul­tät ein­ge­la­den, den ich dort noch hör­te. Von Bei­den lern­te ich u.a. eine posi­ti­ve Wer­tung der in der christ­li­chen Tra­di­ti­on meist nega­tiv-jüdisch, als las­ten­des „Gesetz“ und blo­ße christ­li­che Vor­ge­schich­te, ver­stan­de­ne Tora ken­nen: Got­tes gute Wei­sung.
Auf der christ­li­chen Sei­te sind der Ber­li­ner Neu­tes­ta­ment­ler Peter von der Osten-Sacken, der dama­li­ge Stu­den­ten­pfar­rer Fried­rich-Wil­helm Mar­quardt und der Ber­li­ner Sozio­lo­ge Diet­rich Gold­schmidt zu nen­nen, Als „Nich­tari­er“ über­leb­te er als Zwangs­ar­bei­ter. Sie luden zu einem ers­ten Tref­fen 1960 ein, um für den Ber­li­ner Kir­chen­tag 1961 ein Pro­gramm (und eine AG) zum The­men­feld „Juden und Chris­ten“ vor­zu­be­rei­ten.
Unse­re Arbeit ver­such­te, die theo­lo­gi­schen und poli­tisch-his­to­ri­schen  Aspek­te in den Fra­gen nach dem Ver­hal­ten und Den­ken der Kir­che im Blick zu behal­ten: Wie konn­te es gesche­hen, dass in Euro­pa deut­sche Gewalt und Gedan­ken­wel­ten die Ver­nich­tung des jüdi­schen Vol­kes betrie­ben? Was bedeu­tet der Staat Isra­el, nach­dem er als Volk Isra­el oft eine angeb­lich ver­gan­ge­ne, durch die Kir­che ersetz­te theo­lo­gi­sche Grö­ße war? Stoff für auch kon­flikt­rei­che Debat­ten.
Aber zunächst waren wir nach dem Ber­li­ner Kir­chen­tag eupho­risch der Mei­nung, wenn wir zwei-, drei­mal auf dem Kir­chen­tag selbst­kri­tisch an den genann­ten The­men gear­bei­tet hät­ten, dann setzt sich die­se erneu­ern­de Auf­klä­rung durch, sodass wir uns als AG Juden und Chris­ten über­flüs­sig machen könn­ten.
Dann aber kamen in Dort­mund und Köln abso­lu­te Rück­schlä­ge. Nicht vom Kir­chen­tag, son­dern aus den wach­sen­den Audi­to­ri­en unse­rer Ver­an­stal­tun­gen. Gegen die Wege in abso­lu­tes Neu­land wur­de nach der Schuld der ande­ren, ja der Juden selbst, gefragt, das Ver­sa­gen der Kir­che her­un­ter­ge­spielt oder der Anti­se­mi­tis­mus ver­harm­lost oder auf „deut­sche“ Lei­den ver­wie­sen. Die Pres­se war in Ber­lin über­rascht. Zum ers­ten Mal refe­rier­ten und dis­ku­tier­ten auf einer kirch­li­chen Groß­ver­an­stal­tung Juden und Jüdin­nen. Aber „Christ und Welt“ schrieb schon vom “Aus­ver­kauf der Kir­chen­ge­schich­te“, wenn die Fra­ge nach dem ethi­schen Ver­sa­gen der Chris­ten­heit in Deutsch­land gestellt wur­de. Noch war der gro­ße Streit­punkt nicht im Blick: Wel­che Bedeu­tung haben eine tra­di­tio­nel­le Chris­to­lo­gie oder Mes­sias­auf­fas­sung als Wur­zel­bo­den für das ethi­sche Ver­sa­gen des Pro­tes­tan­tis­mus?
Als 1973 vor Düs­sel­dorf ein Tief­punkt des Kir­chen­ta­ges erreicht war, tauch­te die Idee mit dem Markt der Mög­lich­kei­ten und der gro­ßen Par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­keit für Grup­pen, Ein­zel­ne und Initia­ti­ven auf. Wir frag­ten uns, ob wir nicht ein Kern­ele­ment des Kir­chen­tags in unse­rer AG nicht neu gestal­ten müss­ten: die Bibel­ar­beit. War­um lesen wir die Tex­te nicht mit einer jüdi­schen und einer christ­li­chen „Bril­le“ und erschlie­ßen kri­tisch die Aus­le­gungs- und Wir­kungs­ge­schich­te bei­der „Bibel­le­ser“? 1973 ent­fal­te­ten Edna Bro­cke (zum ers­ten Mal hielt eine Frau eine Bibel­ar­beit) und Ger­hard Bau­er ein­drucks­voll und modell­haft in einem dia­lo­gi­schen Stil die vor­ge­ge­be­nen Bibel­tex­te.2 Am Anfang bezog sich das nur auf alt­tes­ta­ment­li­che Tex­te, mit der Aus­wei­tung die­ses Dia­logs kamen spä­ter auch neu­tes­ta­ment­li­che Tex­te hin­zu. Gewach­sen war die Erkennt­nis: das Neue Tes­ta­ment ist im Grun­de ein Mid­rasch, jüdisch gespro­chen, zum Alten Tes­ta­ment, eine wei­ter­füh­ren­de Aus­le­gung, kei­ne „Anti­the­se“.
Zwar kam eine zwei­feln­de Zwi­schen­fra­ge von  Richard von Weiz­sä­cker, ob das mög­lich sei? Er als sehr posi­tiv zu unse­rer Arbeit ein­ge­stell­ter Kir­chen­tags­prä­si­dent zeig­te, wie neu die ein­ge­lei­te­ten Schrit­te erschie­nen. Der christ­lich-jüdi­sche Dia­log ist – bis heu­te – vor allem eine selbst­kri­ti­sche Sich­tung über­kom­me­ner Ein­stel­lun­gen. Die­se sahen z.B. die jüdi­sche Bibel oder Isra­el „nach dem Fleisch“ „nur“ als Vor­ge­schich­ten der Kir­che, das wah­re „Isra­el nach dem Geist“. Eine erfolg­rei­che Inno­va­ti­on stell­te Auf­ga­ben, die wei­ter zu bear­bei­ten sind.

 

PS: Kann man denn sagen, dass die Leit­ge­dan­ken von Chris­ten und Juden am Anfang gleich waren oder gab es da unter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen über das Pro­fil der AG Juden und Chris­ten?

Mar­tin Stöhr: Wir hat­ten immer Schwie­rig­kei­ten mit dem Wort „Dia­log“, heu­te ver­langt man zu Recht „auf Augen­hö­he“. Wir ver­such­ten es und es funk­tio­nier­te auch bis hin zum schar­fen Kri­ti­sie­ren und Wit­ze-erzäh­len. Aber es gab und gibt kei­ne Sym­me­trie, denn die uns ver­bin­den­de und tren­nen­de Geschich­te ist asym­me­trisch, und zwar auf eine dop­pel­te Wei­se. Ein­mal stellt die Chris­ten­heit in Euro­pa immer die Mehr­heits­ge­sell­schaft mit star­ken, poli­ti­schen, öko­no­mi­schen und ideo­lo­gi­schen Posi­tio­nen – trotz spä­ter Eman­zi­pa­ti­ons­ver­su­che. Die preu­ßi­sche Eman­zi­pa­ti­on wur­de z.B. bald wie­der zurück­ge­nom­men. Die Juden blie­ben die nicht gleich­be­rech­tig­te Min­der­heit, auch in der Wei­ma­rer Repu­blik mit ihrer demo­kra­ti­schen Ver­fas­sung. In die­ser Zeit wuchs der Anti­se­mi­tis­mus noch ein­mal rasant; sei­ne völ­ki­schen und ras­sis­ti­schen Moti­ve über­hol­ten und benutz­ten die reli­giö­sen.

 

AG: Das Inter­es­se der jüdi­schen Mit­glie­der, sich auf die­ses Gespräch ein­zu­las­sen nach die­sen Ver­let­zun­gen, also nicht nur theo­lo­gisch und durch die Jahr­hun­der­te, son­dern ganz akut, in die­ser direk­ten Pha­se, das ist für uns aus der Rück­schau schwer begreif­lich.

Mar­tin Stöhr: Es war auch für uns alle kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, dass die Über­le­ben­den mit uns rede­ten. Die­se Begeg­nun­gen waren auch für mich ein  Wun­der. Ich bin in einem Dorf groß gewor­den, wo es kei­ne Juden gab und wur­de dann, zehn­jäh­rig, zu den Groß­el­tern geschickt, weil dort ein Gym­na­si­um erreich­bar war. Im März 1945 kam mit der Befrei­ung ein US-ame­ri­ka­ni­scher jun­ger Offi­zier zu mei­nen Groß­el­tern und woll­te die Woh­nung beschlag­nah­men. Das wur­de dann nichts, sie war zu klein. Er sprach mit mei­nem Groß­va­ter aber Latein. Ich war zwölf, hat­te gera­de mei­ne ers­te Latein­ar­beit in den Sand gesetzt. Mein Groß­va­ter hat­te eine huma­nis­ti­sche Schul­bil­dung, der jüdi­sche Offi­zier auch. Ich stand mit offe­nem Mund dabei, ahn­te nicht, wie rich­tig oder falsch das war, was die bei­den rede­ten. Dann erklär­te er mir auf Deutsch, war­um er die­se Spra­che nie wie­der hat­te reden wol­len. Sei­ne gan­ze Fami­lie war umge­bracht wor­den. Er war mit der Jugend-Ali­ja geret­tet wor­den. Mei­ne ers­te „christ­lich-jüdi­sche“ Begeg­nung. Viel­leicht auch ein Motiv, neben dem tota­len Schwei­gen der Schu­le und dem Arbeits­platz mei­nes Vaters ab 1945. Er muss­te eine von 1938-1945 von der SS beschlag­nahm­te Behin­der­ten­ein­rich­tung wie­der in die Arbeit der Inne­ren Mis­si­on zurück­füh­ren. Als Kind Über­le­ben­den der Scho­ah und der Eutha­na­sie begeg­net zu sein, das bleibt im Gedächt­nis. Mich beschäf­tig­te  zuneh­mend die Fra­ge: War­um mach­ten so vie­le klu­ge und gebil­de­te Leu­te mit oder schau­ten schwei­gend weg? War­um ver­harm­los­ten nach 1945 so vie­le Zeit­ge­nos­sen, was gesche­hen war? Dass der­glei­chen nicht noch ein­mal gesche­hen dür­fe, ver­band alle in der zusam­men­wach­sen­den, gemein­sam ana­ly­sie­ren­den und strei­ten­den AG.

 

AG: Und Sie den­ken, dass es bei den ande­ren Mit­glie­dern – sowohl jüdi­schen, da ist es offen­sicht­li­cher, aber auch bei den christ­li­chen – sol­che bio­gra­fi­schen Moti­ve gab?         

Mar­tin Stöhr: Das den­ke ich. Edna Bro­cke hat ein­deu­tig for­mu­liert: Ich mache hier mit, damit so etwas nie wie­der pas­siert. Rab­bi­ner Geis, im deut­schen Juden­tum, ein­schließ­lich der Jugend­be­we­gung wur­zelnd, beton­te den theo­lo­gisch wie poli­tisch not­wen­di­gen Neu­an­fang. Alle ver­band der Wil­le, die hor­ren­de Unkennt­nis sowie die viru­len­ten Vor­ur­tei­le über Reli­gi­on, Kul­tur und Geschich­te des jüdi­schen Vol­kes (in der Dia­spo­ra und in Isra­el lebend) zu über­win­den. Es war ihnen aber auch wich­tig, ein Erbe wei­ter zu geben. Ernst Lud­wig Ehr­lich (Basel), der Lon­do­ner Rab­bi­ner Albert Fried­lan­der oder Her­bert Strauß, der Grün­der des Zen­trums für Anti­se­mi­tis­mus-For­schung in Ber­lin, gehör­ten zu den letz­ten, die noch mit Leo Baeck in des­sen Wohn­zim­mer stu­diert hat­ten. Zu die­ser Grup­pe gehör­te auch Nathan Peter Levin­son, der mit der letz­ten trans­si­bi­ri­schen Bahn 1941 sein Leben ret­ten konn­te. Nach sei­ner Aus­bil­dung (in Cin­cin­na­ti) und Ordi­na­ti­on wur­de er zunächst Mili­tär­rab­bi­ner in Japan, kam dann mit einer US-ame­ri­ka­ni­schen Mili­tär­ein­heit nach Deutsch­land. Rab­bi­ner Leo Baeck hat­te ihn gebe­ten, in Ber­lin die Über­le­ben­den in einer  neu­en Gemein­de zu sam­meln. Ich nen­ne aus den Anfän­gen noch den ortho­do­xen Rab­bi­ner Hol­zer – aus Frank­furt, aber nicht aus Goe­thes Frank­fur­te­ri­scher Spra­che ver­trie­ben. Sie und ande­re Mit­ar­bei­ten­de ver­mit­tel­ten den christ­li­chen Mit­glie­dern der AG einen Ein­druck vom viel­ge­stal­ti­gen Reich­tum des deut­schen Juden­tums. Von ihm hat­te Gers­hom Scho­lem, kri­tisch gegen die bil­li­ge Rede von einer „deutsch-jüdi­schen Sym­bio­se“, gesagt, dass die jüdi­schen Bit­ten, ja der Schrei um Gehör und Gespräch nie erhört wur­den.

 

AG: Das Ver­hält­nis zum Kir­chen­tag gene­rell – änder­te sich das durch die Zeit? Sah man viel­leicht auch mal die Auf­ga­be, nicht nur das Zen­trum zu gestal­ten, son­dern viel­leicht auch in ande­re Arbeits­grup­pen hin­ein­zu­wir­ken?

Mar­tin Stöhr: Ja. In päd­ago­gi­schen, kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Ver­an­stal­tun­gen des Kir­chen­ta­ges waren immer auch Mit­glie­der der AG ver­tre­ten. Wir ver­stan­den unse­re Arbeit ja nicht als ein „Spe­zi­al­the­ma“. Es war ein Quer­schnitts­the­ma, weil die anti­se­mi­ti­sche Ver­gif­tung unse­rer Gesell­schaft wie die Zumu­tung, neu zu den­ken und zu han­deln, quer alle Grup­pen und Schich­ten betraf. Wich­tig war uns die strik­te Ableh­nung jeder Juden­mis­si­on. Unser Inter­es­se war, die  jüdisch-christ­li­che Per­spek­ti­ve in mög­lichst vie­le Arbeits­fel­der des Kir­chen­ta­ges ein­zu­tra­gen. Eine Kol­lek­ten-Ankün­di­gung für ein paläs­ti­nen­si­sches Pro­jekt mit einer israel­ver­ges­sen­den Abkün­di­gung führ­te zu einem kri­ti­schen Gespräch von Edna Bro­cke und mir mit dem dama­li­gen Kir­chen­tags­prä­si­den­ten. 1999 wur­de das The­ma „Juden­mis­si­on“ von uns exklu­siv und kri­tisch in den Mit­tel­punkt unse­rer Arbeit gestellt. Das hin­der­te juden­mis­sio­na­ri­sche Initia­ti­ven nicht, immer wie­der mit „Mis­si­ons­schrif­ten“ auf den Kir­chen­tag drän­gen.
Es gab in der Struk­tur und Funk­ti­ons­wei­se der AG zwei Ein­schnit­te. Die eine beschrei­be ich aus mei­ner Per­spek­ti­ve, weil ich seit 1969 in Arnold­s­hain die Auf­ga­ben von Franz von Ham­mer­stein über­nahm: ein­zu­la­den, für Pro­to­kol­le zu sor­gen, mit Refe­ren­tIn­nen zu ver­han­deln etc. Mit Edna Bro­cke, Die­ter Gold­schmidt, Albrecht Lohr­bä­cher und Dani­el Kem­pin saß ich im Vor­stand der AG. Kurz vor dem uns alle tief berüh­ren­den zwei­ten Golf­krieg 1991 hat­te ich einen Brief geschrie­ben: Ich woll­te mein Amt nie­der­le­gen, denn ich hat­te den Ein­druck, ich bin nur noch ein „Impre­sa­rio“, der Anru­fe oder Brie­fe bekam, in denen ich – jüdisch wie christ­lich – gebe­ten wur­de, beim nächs­ten Kir­chen­tag doch auf einem Podi­um oder Refe­rat betei­ligt zu wer­den. Der Kir­chen­tag war eine begehr­te Büh­ne und die AG hat­te mehr Inter­es­sen­tIn­nen als Plät­ze zur Mit­ar­beit zu ver­ge­ben.
Viel gewich­ti­ger aber war die Schwie­rig­keit, jüdi­sche Mit­glie­der für die AG zu gewin­nen. Aus der klei­nen Zah­len der Über­le­ben­den, waren nicht alle bereit. Eini­ge sag­ten mir: Was ihr macht, das hät­te vor zwei oder drei Gene­ra­tio­nen gesche­hen müs­sen. Ande­re waren mit dem Auf­bau der win­zi­gen jüdi­schen Gemein­den mehr als aus­ge­las­tet. Über­dies war noch nicht klar, ob sie eine Zukunft im Land der Täter haben wer­den. Das heißt im Klar­text: Die christ­li­che Sei­te war in unse­rem Land dia­log­be­reit, nach­dem die jüdi­schen Gesprächs­part­ner mör­de­risch dezi­miert wor­den waren.3 Erst die Ein­wan­de­rung aus Län­dern der frü­he­ren Sowjet­uni­on änder­te die Situa­ti­on, nicht die not­wen­di­gen Auf­ga­ben.

 

AG: Und 1991?

Mar­tin Stöhr: Ja, dazu  gibt‘s ver­schie­de­ne Les­ar­ten. Fak­tum ist, dass der 2. Golf­krieg die Arbeit  der AG ganz stark bestimm­te. Die Frie­dens­be­we­gung enga­gier­te sich nicht für das mit Rake­ten bedroh­te Isra­el. Die­je­ni­gen unter uns, die ihr nahe­stan­den, gerie­ten in den Ver­dacht, an die­sem Des­in­ter­es­se teil­zu­ha­ben.

 

AG: Dann, viel­leicht noch­mal zu uns. Es ist tat­säch­lich so, auch wenn man sich jetzt das, was es schrift­lich gibt, anschaut, es bleibt doch recht dun­kel. Und wenn man in der AG sitzt, in der Run­de, dann wird gesagt „1991“, und alle wis­sen Bescheid – nur die nicht, die nicht dabei waren.

Mar­tin Stöhr: Die har­ten krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen began­nen mit Rake­ten­an­grif­fen auf Tel Aviv, Sad­dam Hus­sein hat­te mit Gift­gas gedroht. Deutsch­land hat­te dafür auch Roh­stof­fe gelie­fert. Eine Ver­nich­tung durch Gas droh­te. Edna Bro­cke und ihre Fami­lie war nicht nur ganz per­sön­lich betrof­fen, sie kri­ti­sier­te zu Recht – mit ande­ren – und in aller Deut­lich­keit die hier­zu­lan­de stark spür­ba­re Gleich­gül­tig­keit. Reich­te sie nicht bis in die AG? Nein, wür­de ich sagen. Ich habe nie wie­der eine so offe­ne und enga­gier­te Debat­te unter uns erlebt wie damals. Trotz­dem muss ich sagen: Mich stö­ren bis heu­te die damals Schwei­gen­den, nicht nur in unse­rer AG. Es gab durch­aus eine unter­schied­li­che Ein­schät­zung der Gefah­ren für Isra­el.
Obwohl in der Mode­ra­to­ren­rol­le, wider­sprach ich Edna Bro­cke. Ich hielt ihren Ein­druck für falsch, wir ver­wei­ger­ten Isra­el das Recht auf Ver­tei­di­gung und damit unse­re Soli­da­ri­tät. Kon­kret ging es um Rake­ten­lie­fe­run­gen an Isra­el, genau­er um die Patri­ot-Abwehr­ra­ke­ten. Da mach­te sich ein Dis­sens fest. Edna Bro­cke sag­te oder sah es so: Ihr, eine bestimm­te Grup­pe in der AG, ver­harm­lost die Gefähr­dung Isra­els und bestrei­tet sein Recht der Ver­tei­di­gung. Über­trug sie nicht auf die in der AG Kri­ti­sier­ten, so fra­ge ich heu­te, die unmög­li­che Posi­ti­on von MdB Strö­be­le, Isra­el tref­fe jetzt das, was es selbst ver­ur­sacht habe? Die­se Mei­nung hat sich lei­der bis heu­te mul­ti­pli­ziert.
Hin­zu kam eine berech­tig­te Kri­tik an einem bil­li­gen Pazi­fis­mus, der nicht auf­trat, wenn es um ande­re Krie­ge oder Bür­ger­krie­ge ging – bis heu­te. Er ließ damals Schu­len klas­sen­wei­se gegen Isra­el demons­trie­ren, als habe Isra­el den Krieg ange­fan­gen. Das gegen­über Isra­el höchst pro­ble­ma­ti­sche, indif­fe­ren­te Ver­hal­ten spie­gel­te damals auch eine Umfra­ge der Süd­deut­schen Zei­tung wie­der: Isra­el lan­de­te auf dem letz­ten, die USA auf dem ers­ten Platz bei der Fra­ge, zu wel­chem Land soll­te Deutsch­land enge Bezie­hun­gen haben?
Die christ­li­chen Mit­glie­der der AG bil­lig­ten aller­dings ein­stim­mig die Ver­schi­ckung der Patri­ot-Rake­ten und schrie­ben an die Kir­chen, das Glei­che zu tun. Sie schwie­gen aber. Ges­tern fand ich in mei­nen Unter­la­gen eini­ge Papie­re der AG, dar­un­ter einen Brief mit dem Datum vom 29.01.1991. Ihn hat­te Gabrie­le Kam­me­rer in ihrer Dar­stel­lung der Geschich­te der AG nicht zur Ver­fü­gung.4

 

AG: Das ist ein Brief von Mar­tin Stöhr an den Rat der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land: „Sehr geehr­ter Herr Rats­vor­sit­zen­der, die christ­li­chen Mit­glie­der des Vor­stands der AG Juden und Chris­ten beim DEKT bit­ten alle evan­ge­li­schen und katho­li­schen Kir­chen­lei­tun­gen: (1.) Die töd­li­che Bedro­hung Isra­els durch ira­ki­sche Rake­ten und Gift­gas, das aus unse­rem Land stammt, wahr­zu­neh­men. (2.) Sich ein­deu­tig auf die Sei­te Isra­els zu stel­len und für eine Poli­tik zum Schutz Isra­els ein­zu­tre­ten. (3) Die Men­schen in den jüdi­schen Gemein­den unse­res Lan­des nicht allein zu las­sen. Wir grü­ßen freund­lich und wün­schen Frie­den allen Völ­kern in der Regi­on, Ihre gez. Dr. Dr. Harald Uhl, gez. Schul­de­kan Albrecht Lohr­bä­cher und Mar­tin Stöhr“.

Mar­tin Stöhr: Hier ist eine Kopie, gleich­lau­tend ging der Brief an die katho­li­sche Bischofs­kon­fe­renz unter dem Vor­sit­zen von Bischof Karl Leh­mann. Vor dem Hin­ter­grund der öffent­li­chen Debat­te gelang es uns nicht, auf der Jah­res­ta­gung 1991, uns gegen­sei­tig ver­ständ­lich zu machen. Es gelang nicht allen, Edna Bro­cke deut­lich machen: Edna, wir ver­ste­hen dich. Wir ver­ra­ten nicht die seit der Grün­dung der AG kon­sti­tu­tiv dazu gehö­ren­de Soli­da­ri­tät mit Isra­el. Sie ver­ließ den Vor­stand und die AG. Sie drang auf eine Tren­nung von denen, die – wie sie dach­te – auf Isra­els Sei­te ste­hen und jenen, die es nicht tun. Gegen die­se Sicht­wei­se wehr­te ich mich, weil ich die­ses ein­deu­ti­ge Bild nicht sah. Es gab zwar „israel­kri­ti­sche“ Anfra­gen von Chris­tin­nen und Chris­ten sowie von Juden und Jüdin­nen an israe­li­sche Regie­rungs­ent­schei­dun­gen, nicht aber gegen­über dem Staat Isra­el und kei­nen Ver­rat an der Soli­da­ri­tät mit Isra­el und sei­nem Lebens­recht. Häu­fi­ger hat­te es, wie in den Medi­en, eine Dis­kus­si­on über das eben­so gän­gi­ge wie unschar­fe Stich­wort „kri­ti­sche Soli­da­ri­tät“ gege­ben.5

 

AG: Hängt das mit 1991 zusam­men?         

Mar­tin Stöhr: Nein, die­se Dis­kus­si­on gab es ja, wie in der Öffent­lich­keit, schon vor­her. Die AG war plu­ra­lis­tisch zusam­men­ge­setzt, deut­lich aus­ge­spro­che­ne Nuan­cen gab es in den Fra­gen nach den Ver­hand­lungs­chan­cen für einen Frie­den; nach Beset­zung der West­bank (ab 1967);nach deut­schen Waf­fen­lie­fe­run­gen. Die Debat­ten­li­ni­en gin­gen durch die „jüdi­sche“ wie durch die „christ­li­che“ Sei­te. Man lese nur ein­mal als Bei­spiel unse­re Doku­men­ta­tio­nen „Juden und Chris­ten im Dienst für den Frie­den“.6 Bald nach dem Start unse­rer Arbeit stell­te sich die Fra­ge: Sol­len wir den Nah­ost­kon­flikt behan­deln? Wir sag­ten mehr­heit­lich,  wir kön­nen die Wirk­lich­keit, in der das jüdi­sche Volk heu­te lebt, nicht aus­blen­den. Bar­ba­ra Just-Dah­l­mann wider­sprach, es gebe so weni­ge Leu­te in unse­rem Land, die zum Staat Isra­el unver­brüch­lich stün­den; wir soll­ten bei den Kern­fra­gen der christ­lich-jüdi­schen Bezie­hun­gen blei­ben. Für Paläs­ti­na – oder für die Ara­ber, sag­te man damals, weil Juden auch Bür­ger des (Man­dats­ge­bie­tes) Paläs­ti­na mit einem paläs­ti­nen­si­schen Pass waren – schrei­en vie­le, aber für Isra­el schreit hier­zu­lan­de kaum jemand. Zur Mehr­heit habe ich mich gezählt. Die ver­schie­de­nen Podi­en zum Nah­ost­kon­flikt brach­ten zwar eine Fül­le von not­wen­di­gen Infor­ma­tio­nen von ver­schie­de­nen Spre­chern aus der Regi­on, hat­ten aber das Pro­blem, dass die Men­schen im Audi­to­ri­um leicht in eine Zuschau­er­hal­tung gerie­ten. Sie leb­ten nicht dort.

 

PS: Und wenn man auf die AG blickt: Was könn­te für die AG in der nächs­ten Zeit wich­tig sein? Was könn­te ein Impuls für Sie sein?             

AG: Für die nächs­ten 50 Jah­re AG-Geschich­te.

Mar­tin Stöhr: Beschei­de­ner machen Sie es nicht, nein? Also, ich den­ke, dass theo­lo­gisch noch inten­si­ver an dem Ver­hält­nis Hei­li­ge Schrift der Juden – Hei­li­ge Schrift der Chris­ten gear­bei­tet wer­den müss­te. Ist die jüdi­sche Bibel, der größ­te Teil der christ­li­chen Bibel, ist für Chris­ten mit dem Neu­en Tes­ta­ment gleich­be­rech­tigt, wird sie nicht doch immer noch all­zu typi­siert „nur“ als Ver­hei­ßung, „nur“ als Gesetz, „nur“ als Vor­ge­schich­te gegen­über der Erfül­lung, dem Evan­ge­li­um als dem „Ende der Geschich­te“ ange­se­hen? Und nicht als eine eigen­stän­di­ge Stim­me, die eine eige­ne, nicht vom Chris­ten­tum aus zu deu­ten­de Geschich­te des von Gott bis heu­te beru­fe­nen Vol­kes Isra­el erzählt. Noch lebt in den Kir­chen eine his­to­ri­sche Vor­ord­nung Isra­els. Auch das Bild Isra­el als „Mut­ter­re­li­gi­on“ des Chris­ten­tums ope­riert mit die­sem Gedan­ken. Haben die christ­li­chen „Kin­der“ sich aber nicht an die Stel­le der „Mut­ter“ gesetzt? Haben sie sie nicht ster­ben las­sen? Eine unter­schied­lich gele­se­ne Bibel – bei allen Gemein­sam­kei­ten –und eine damit ver­bun­de­ne Ekkle­sio­lo­gie blei­ben zen­tra­le The­men. Wie sieht christ­lich-jüdi­sche „Geschwis­ter­lich­keit“ aus?
Das zwei­te theo­lo­gi­sche The­ma heißt: Wie for­mu­lie­ren wir ein Chris­tus­be­kennt­nis ohne impli­zi­te jüdi­sche Dis­kri­mi­nie­rung? Ein Satz aus der Ams­ter­da­mer Arbeits­grup­pe des ÖRK 1948 wur­de zwar vom ÖRK nicht mehr gesagt, ist aber doch eine in der Chris­ten­heit weit ver­brei­te­te Sicht­wei­se: „Der Mes­si­as, auf den ihr war­tet, ist schon gekom­men.“ War­tet die Chris­ten­heit nicht auch? Soll­ten wir nicht end­lich von die­ser Über­be­to­nung der Chris­to­lo­gie  als Leh­re von Chris­tus weg­kom­men hin zur Chris­tus-Nach­fol­ge? Recht tun statt Recht haben? Wenn Sie so wol­len, ist bei mir die­se Linie einer bibli­schen „Ethi­sie­rung“ des christ­li­chen Glau­bens stär­ker gewor­den.
Das drit­te Pro­blem hängt mit einer ekkle­sio­lo­gi­schen Ver­hält­nis­be­stim­mung zusam­men. Wir haben ganz am Anfang unse­rer Arbeit immer „Kir­che und Isra­el“ gesagt und mein­ten zuerst das bibli­sche Isra­el. Heu­te gilt es, Isra­el in sei­nen drei Bedeu­tun­gen wahr­zu­neh­men, nicht zu von ein­an­der sepa­rie­ren: Staat Isra­el, Volk Isra­el und Land Isra­el. Ich muss jeweils genau sagen, wovon ich rede.7
Par­al­lel dazu stellt sich die Fra­ge: Was ist eigent­lich die Kir­che? In wel­chen Kon­fes­sio­nen den­ken und leben wir? Johann Bap­tist Metz hat im Zusam­men­hang mit dem Reform­kon­zil (Vati­ca­num II) das bibli­sche Bild vom wan­dern­den Volk Got­tes als das heu­te ent­schei­den­de Kir­chen­ver­ständ­nis inter­pre­tiert. Kein Papst nach ihm nahm das ernst. Pro­ble­ma­tisch an der (neu­tes­ta­ment­lich prak­ti­zier­ten Über­nah­me) ist die Gefahr einer Ent­eig­nung des jüdi­schen Vol­kes durch eine gedan­ken­lo­se Aneig­nung, die ver­gisst, dass der Jude Jesus in sei­ner jüdi­schen Gemein­de lebt und strei­tet und ihr nicht absagt. Steh­len wir dem jüdi­schen Volk wich­ti­ge Begrif­fe und Selbst­ver­ständ­nis­se, wie es mit dem Anspruch, das „wah­re Isra­el“ zu sein, geschah?
Wie ver­ste­hen wir uns als Kir­che? Katho­lisch kann sie als eine Heils­an­stalt, als hei­li­ge Mut­ter ver­stan­den wer­den? Dann ist es z.B. ein­fach zu sagen, gesün­digt haben die Söh­ne und Töch­ter der Kir­che, aber nicht die Kir­che. Doch, auch die christ­li­chen Insti­tu­tio­nen kön­nen sün­di­gen. Uns Pro­tes­tan­ten fällt es leich­ter, von der Schuld der Kir­che zu spre­chen. Ist es ver­bind­li­cher? Wer und was ist die Kir­che? Reicht die Selbst­de­fi­ni­ti­on, sie sei dort, wo „das Evan­ge­li­um rein gepre­digt“ und die „hei­li­gen Sakra­men­te“ dem Evan­ge­li­um gemäß gereicht wer­den (Con­fes­sio Augusta­na VII, 1530)? Hat sie sich nicht de fac­to doch stär­ker durch das staat­li­che Gegen­über defi­nie­ren las­sen? Gehört zu den notae eccle­siae nicht auch die  „Nach­fol­ge“? Was mei­nen die jewei­li­gen Kol­lek­ti­ve, in denen  wir uns vor­fin­den, in den Kir­chen und in Isra­el?

 

PS: Um dann auch wie­der die poli­ti­sche Dimen­si­on rein­zu­brin­gen?

Mar­tin Stöhr: Natür­lich. Die ist über­haupt nicht zu ver­mei­den, weder im Blick auf die deut­sche Geschich­te, noch im Blick auf den Nah­ost­kon­flikt. Vor allem aber nicht, wenn wir die alt- und neu­tes­ta­ment­li­che Tora mit ihren eben­so kon­struk­ti­ven wie kri­ti­schen Wei­sun­gen ernst neh­men und das Leben und Zusam­men­le­ben der Men­schen und Völ­ker nicht irgend­wel­chen Sach­zwän­gen oder den herr­schen­den Mäch­ten zu über­las­sen.

 

Die Fuß­no­ten ver­wei­sen auf die wich­tigs­ten Doku­men­ta­tio­nen der AG-Arbeit auf dem Kir­chen­tag.

  1.  Die Titel der ers­ten Doku­men­ta­tio­nen der Kir­chen­tags­ar­beit sind pro­gram­ma­tisch: (a)  Diet­rich Gold­schmidt und Hans-Joa­chim Kraus (Hg), Der unge­kün­dig­te Bund. Neue Begeg­nung von Juden und christ­li­cher Gemein­de, Stutt­gart 1962. (b) Hel­mut Goll­wit­zer und Eleo­no­re Ster­ling (Hg), Das Gespal­te­ne Got­tes­volk,  Stutt­gart 1966.
  2. Edna Brocke/Gerhard Bau­er, Jüdisch-christ­li­che Dia­lo­ge zur Bibel, Neu­kir­chen 1985.
  3. Fried­rich-Wil­helm Mar­quardt. Albert Fried­lan­der, Das Schwei­gen der Chris­ten und die Mensch­lich­keit Got­tes. Gläu­bi­ge Exis­tenz nach Ausch­witz, Mün­chen 1980.
  4. Gabrie­le Kam­me­rer, In die Haa­re, in die Arme. 40 Jah­re Arbeits­ge­mein­schaft Juden und Chris­ten beim Deut­schen Evan­ge­li­schen Kir­chen­tag, Güters­loh 2001.
  5. Edna Bro­cke und Mar­tin Stöhr, Streit tut not. Juden und Chris­ten nach dem gestör­ten Dia­log. In: Evan­ge­li­sche  Kom­men­ta­re 2/1992 , S. 104-107.
  6.  Robert Rapha­el Geis, Hans-Joa­chim Kraus, Eva Reich­mann, Wal­ter Dirks, Diet­rich Gold­schmidt, Erhard Epp­ler,  Juden und Chris­ten im Dienst für den Frie­den. Vor­trä­ge in der AG Juden und Chris­ten des 13.  Deut­schen Ev.  Kir­chen­tags Han­no­ver 1967. Robert Rapha­el Geis, Mos­he Tavor, Fried­rich-Wil­helm Mar­quardt, Ali Hassan, Kurt Sont­hei­mer, Gerech­tig­keit in Nah­ost. Vor­trä­ge in der AG Juden und Chris­ten beim 14. Deut­schen Ev. Kir­chen­tag Stutt­gart 1969,  Stutt­gart 1969.
  7. Ers­te Bear­bei­tun­gen die­ser The­men (die auf den fol­gen­den Kir­chen­ta­gen natür­lich auch auf­ge­grif­fen wur­den) lie­gen in den Doku­men­ta­tio­nen vor: (a) Peter von der Osten-Sacken und Mar­tin Stöhr (Hg.), Weg­wei­sung. Jüdisch-Christ­li­che Bibel­ar­bei­ten und Vor­trä­ge – 17. Deut­scher Evan­ge­li­scher Kir­chen­tag Ber­lin 1977, Ber­lin 1978. (b) Dies., Glau­be und Hoff­nung. Jüdisch-christ­li­che Dia­lo­ge, Vor­trä­ge und Dis­kus­sio­nen,  Ber­lin 1980.
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