Vorstellung des „Projektes zur Analyse der Curricula des Studiums der Evangelischen Theologie für Pfarramt und Lehramt in Bezug auf jüdische und/oder jüdisch-christliche Lehrinhalte“

Marie Hecke

 

Nagelprobe des jüdisch-christlichen Dialogs in der Praxis

„Das christlich-jüdische Gespräch hat bedeutende Ergebnisse erzielt. Es ist bisher jedoch trotz großer Bemühungen nur unzureichend gelungen, diese auch auf die Ebene der Gemeinde zu tragen. Hier liegt eine der wichtigsten Aufgaben für die Zukunft.“1 So bilanzierte die EKD-Studie Christen und Juden III zu Beginn des Jahrtausends und unterstrich damit die Notwendigkeit, das jüdisch-christliche Gespräch, seine Einsichten und Erkenntnisse, aus dem Kreis der Fachleute und der theologischen Forschung in den Horizont und die Praxis von Gemeinden und einzelnen Christ_innen zu rücken. Vor allem in der Exegese und der Systematischen Theologie, z.T. auch in Kirchengeschichte und Praktischer Theologie hat der christlich-jüdische Dialog in den letzten 50 Jahren wichtige Fortschritte bewirkt. Es wird sich jedoch, so der Praktische Theologe Alexander Deeg, primär „in der kirchlichen Praxis, im Reden und Handeln der Christinnen und Christen erweisen, ob von einer Erneuerung der Kirche in Israels Gegenwart gesprochen werden kann oder nicht.“2

Das Reden und Handeln von Christinnen und Christen gegenüber Israel ist ambivalent. Eine jüngere Studie des Forschungsprojekts zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) unter der Leitung von Andreas Zick zeigt erneut, dass Kirchenzugehörigkeit allein nicht vor antisemitischen Einstellungen schützt. Vielmehr „sind antisemitische Ressentiments gegenüber Juden und Jüdinnen unter Menschen die sich als religiös bezeichnen – sowohl katholisch als auch evangelisch – häufiger als im Rest der Bevölkerung.“3 Wenn also einerseits soziologischen Umfragen zur Verbindung von Antisemitismus und Kirchenzugehörigkeit alarmierend sind und andererseits die kirchliche Praxis und das Handeln und Reden von Christ_innen zum Prüfstein für die Erneuerung des Verhältnisses von Kirche und Judentum genommen wird, dann stellt sich damit unweigerlich auch die Frage nach dem Stellenwert und Stand von jüdischen und jüdisch-christlichen Lehrinhalten in der Ausbildung von zukünftigen Pastor_innen und Religionslehrer_innnen, als den entscheidenden Multiplikator_innen einer erneuerten Kirche und Theologie in Israels Gegenwart.

Aufbau und Vorgehen der Studie

Um ein aktuelles Bild über die genannten Lehrinhalte in den einschlägigen theologischen und religionspädagogischen Studiengänge zu gewinnen, hat der Vorstand der AG Juden und Christen beim DEKT in Verbindung mit dem Lehrstuhl für Praktische Theologie und Bildungsforschung an der Georg-August-Universität Göttingen das Projekt zur Analyse der Curricula des Studiums der Evangelischen Theologie für Pfarramt und Lehramt in Bezug auf jüdische und/oder jüdisch-christliche Lehrinhalte initiiert, welches von verschiedenen Landeskirchen unterstützt und finanziert wird.

In einem ersten Schritt ging es in dem Projekt um eine Bestandsaufnahme, ob, und wenn ja, in welchem Umfang und mit welchen Inhalten sowohl „Judentum“ als auch das „jüdisch-christliche Verhältnis“ in den das Studium der evangelischen Theologie strukturierenden Curricula bzw. Modulkatalogen thematisiert werden. Hierfür wurden sowohl das Pfarramtsstudium als auch die Lehramtsstudiengänge Evangelische Religion einer Analyse unterzogen. Im Blick auf den Pfarramtsstudiengang wurden, einerseits die Curricula bzw. Modulkataloge der 19 Fakultäten sowie der zwei Kirchlichen Hochschulen in Deutschland, andererseits die Vorgaben der Fachkommission I (der sog. Gemischten Kommission) sowie der Landeskirchen auf diese Frage hin betrachtet. Für die Lehramtsstudiengänge wurde demgegenüber eine Begrenzung auf die Studiengänge für das Lehramt an Gesamtschulen und Gymnasien sowie an der Grundschule vorgenommen. Pro Bundesland wurde die Studienordnung je einer exemplarischen Fakultät und eines Instituts für Lehrerbildung untersucht. Hierbei wurden die Vorgaben der Fachkommission II sowie der Bundesländer Berücksichtigung finden.

Zugleich soll festgehalten werden, ob die Lerninhalte in einem religionswissenschaftlichen, judaistischen oder theologischen Kontext behandelt werden:

  • Im religionswissenschaftlichen Kontext wird das Judentum ggf. als eine unter mehreren nichtchristlichen Religionen behandelt,
  • im Kontext von Judaistik bzw. jüdischen Studien wird explizit das Judentum behandelt, dies allerdings nicht in Bezug auf das Christentum oder christliche Lehrinhalte,
  • in theologischen Modul(element)en mit jüdisch-christlichem Fokus kommen demgegenüber sowohl judaistische Lehrinhalte als auch die darauf bezogene christliche Selbstreflexion zur Sprache.

Auf Grundlage der Bestandsaufnahme wurden in einem zweiten Schritt sowohl Vorschläge gesammelt, als auch Thesen erarbeitet, wie jüdische und/oder jüdisch-christliche Lehrinhalte im Interesse einer Erneuerung des christlich-jüdischen Verhältnisses zielführender in den Curricula bzw. Modulkatalogen verankert werden könnten. Die Ergebnisse der Bestandsaufnahme und die Vorschläge wurden im Dezember 2016 auf einem Fachtag in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Akademie zu Berlin präsentiert, diskutiert,  weiterentwickelt und weitergetragen.

Reform der Reformation

2017 feiert die Kirche das 500jährige Reformationsjubiläum. Die 12. Synode der EKD hat bei ihrer 2. Tagung in Bremen am 11. November 2015 eine Kundgebung zu Martin Luther und die Juden – Notwendige Erinnerung zum Reformationsjubiläum beschlossen, in der sie ihre Verantwortung in Bezug auf den Umgang und die Klärung mit den judenfeindlichen Aussagen der Reformationszeit und ihrer Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte bekennt.4 Den letzten Punkt der Kundgebung Erneuernder Aufbruch beschließt sie mit dem Satz „Das Reformationsjubiläum im Jahr 2017 gibt Anlass zu weiteren Schritten der Umkehr und Erneuerung.“5 Die verpflichtende Verankerung dieser Be- und Erkenntnisse in der theologischen Ausbildung von zukünftigen Pastor_innen und Lehrer_innen fasst die EKD-Synode in diesem Zusammenhang leider noch nicht ins Auge, obwohl dies sicher ein seit langem gewünschter und in der Sache unumgänglicher „Schritt der Umkehr und Erneuerung“ wäre.6

Projektpartner*innen

  • Prof. Dr. Bernd Schröder, Georg-August Universität Göttingen
  • Marie Hecke, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Georg-August Universität Göttingen
  • Prof. Dr. Doron Kiesel, Vorstandsmitglied, AG Juden und Christen beim Deutschen Ev. Kirchentag
  • Aline Seel, Vorstandsmitglied, AG Juden und Christen beim Deutschen Ev. Kirchentag
  • Dr. Christian Staffa, Studienleiter Demokratische Kultur und Kirche, Evangelische Akademie zu Berlin
  1. Rat der Evangelischen Kirche Deutschland (Hg.), Christen und Juden III. Schritte zur Erneuerung im Verhältnis zum Judentum. Eine Studie der Evangelischen Kirche Deutschland, Gütersloh 2000, hier 105.
  2. Alexander Deeg, Predigt und Derascha. Homiletische Textlektüre im Dialog mit dem Judentum, APTLH 48, Göttingen 2006, hier 32.
  3. Vgl. Andreas Zick und Beate Küpper, Antisemitische Mentalitäten: Bericht über Ergebnisse des Forschungsprojektes Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland und Europa. Expertise für den Expertenkreis Antisemitismus, Berlin 2011. Vgl. dazu auch die Handreichung der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus (BAGKR) zum Thema Antisemitismus, abrufbar unter http://bagkr.de/wordpress/wp-content/uploads/2016/02/BAGKR_Antisemitismus_ende.pdf, Stand 25.02.2016. Auch die Studie von Zick und Küpper ist auf der Seite der BAGKR bereitgestellt unter http://www.bagkr.de/wp-content/uploads/kuepper_zick_antisemitismus_2011.pdf, Stand 25.02.2016.
  4. Vgl. Kundgebung „Martin Luther und die Juden – Notwendige Erinnerung zum Reformationsjubiläum“, Beschluss der 2. Tagung der 12. Synode der EKD, 8. bis 11. November 2015 Bremen, am 11. November 2015, https://www.ekd.de/synode2015_bremen/beschluesse/s15_04_iv_7_kundgebung_martin_luther_und_die_juden.html, Stand 25.02.2016.
  5. Ebd.
  6. Über Ihre Anregungen und Fragen zum Projekt sowie Möglichkeiten der Unterstützung freuen wir uns sehr. Kontakt: marie.hecke@theologie.uni-goettingen.de.

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