Geleitwort der Präses der EKD Synode

Dr. Irmgard Schwaetzer

 

Irmgard Schwätzer © EKD

Dr. Irmgard Schwaetzer

Seit neun Jahren bin ich jetzt Mitglied dieser EKD-Synode und seit etwas mehr als drei Jahren die Präses. In diesen neun Jahren stießen wir immer wieder auf die Frage, welche bewussten oder unbewussten Vorurteile und Stereotypen es in unseren Gemeinden, in unserer Kirche insgesamt über das Judentum und die jüdisch-christlichen Beziehungen gibt. Und schon seit einigen Jahren war in der Synode klar, wir können und wir wollen das Reformationsjubiläum nicht feiern, ohne dass wir uns als Synode auch mit den antijüdischen Anteilen einerseits der Reformationsgeschichte, aber eben auch der Gegenwart auseinandergesetzt haben.

Wir haben uns zunächst einmal mit der Frage nach Martin Luther und seiner Haltung zu den Juden und dem, was er gesagt und geschrieben hat dazu, auseinandergesetzt. Es war sehr schnell klar, dass die Theologie Martin Luthers diesen Antijudaismus nicht als ein zufälliges Accessoire hat, sondern dass vieles in seiner Theologie verwurzelt ist. Das haben wir in unserer Erklärung, die wir 2015 verabschiedet haben, sehr klar gesagt, und wir haben unsererseits dazu gesagt, das dies nicht die Theologie ist, die wir heute vertreten und auch nicht vertreten wollen.

Manche von Ihnen werden  verfolgt haben, dass es danach in der Öffentlichkeit und vor allen Dingen unter Professor*innenen eine heftige Diskussion gab, ob wir sagen dürfen, dass Antijudaismus in der Lutherschen Theologie verwurzelt ist und ob das eine Distanzierung sei, die nicht angemessen ist. Die Synode bleibt aber bei dieser Einschätzung und ich denke, dass entspricht auch dem, was Christian Staffa hier einleitend gesagt hat.

Im letzten November hat die Synode sich ausführlich und in einer wirklich leidenschaftlichen Diskussion mit der Frage beschäftigt, in welcher Weise Juden und Christen einander begegnen. Die EKD-Synode hat eine ganz klare Aussage gemacht, dass es Christen nämlich nicht zukommt, Juden den Weg zu Gott weisen zu wollen. Denn der Bund Gottes mit seinem Volk Israel besteht in Treue und ist ungekündigt.

Was ist also jetzt zu tun?

In der Vorbereitung dieser beiden Erklärungen stellten wir mit einiger Verblüffung fest, dass es in Deutschland in vielen Landeskirchen möglich ist, ein Theologiestudium abzuschließen, ohne sich auch nur in einem Semester mit dem christlich-jüdischen Verhältnis beschäftigt zu haben oder mit jüdischer Theologie. Da sagen wir ganz klar, das halten wir für nicht tragbar. Die Synode wird sich deshalb mit Fragen der der theologischen Ausbildung nicht direkt im Jahr 2017 aber kurz darauf beschäftigen. Wir halten das für ein zentrales Thema.

Als Zweites beschäftigt uns auch, wie  Gemeinden mit den  theologischen Fragen des Verhältnisses von Christen und Juden umgehen. Was ist da von unseren Erklärungen, was vom jüdisch-christlichen Gespräch angekommen? Wie viel verborgene, versteckte Ressentiments, wie viel Denkfiguren gibt es da noch, die in sich eine Abwertung jüdischen Lebens tragen.

Und das Dritte ist zweifellos dann auch ein Wunsch an die theologischen Fakultäten, nämlich  theologisch weiterzudenken. Ich finde, dass die protestantische Theologie seit dem Zweiten Weltkrieg schon viele wichtige Erkenntnisse gesammelt hat, die wir  zum großen Teil auch in den Grundordnungen unserer Landeskirchen niedergeschrieben haben. Das kann aber noch nicht der Schlusspunkt sein, sondern wir müssen in dieser Richtung weitergehen. Die Geschichte von Feindschaft, Hass und Abwertungen des Judentums und von Jüdinnen und Juden durch die protestantische Theologie und kirchliche Praxis muss auch nach 2017 ein Thema bleiben.

Deshalb begrüße ich das Vorhaben der AG Juden und Christen beim DEKT, das genannte Defizit in der Ausbildung durch eine gründliche Studie in Kooperation mit der Universität Göttingen zu beschreiben und nach Auswegen zu sinnen, und sage an dieser Stelle auch ausdrücklich dafür Dank.

 

Dr. Irmgard Schwaetzer, Präses der EKD Synode

AG

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