Interview mit Prof. Dr. Peter von der Osten-Sacken

Bernd Schröder im Gespräch mit Peter von der Osten-Sacken
Bernd Schröder im Gespräch mit Peter von der Osten-Sacken

Bernd Schröder: Wo steht der Erneuerungsprozess im christlich-jüdischen Verhältnis, dieser „Dialog“ Deines Erachtens heute – 500 Jahre nach der Reformation, 71 Jahre nach der Befreiung der letzten Konzentrationslager und 69 Jahre nach den Seelisberger Thesen?

Peter von der Osten-Sacken: Fasst man den Zeitraum seit der NS-Zeit bis heute in den Blick, so lassen sich im Hinblick auf die Arbeit an einem neuen christlich-jüdischen Verhältnis drei Generationen unterscheiden.

Die erste Generation (1945-1975) ist durch die Erfahrungen der NS-Zeit geprägt worden. Leitlinien und Zielsetzung ihrer Arbeit (Gewissheit der bleibenden Erwählung des jüdischen Volkes, Empathie und Solidarität) sind unverkennbar von diesen Erfahrungen bestimmt, ohne dass sie durch diese Zeitbedingtheit an Relevanz verlören. Der Stand der Arbeit dieser ersten Generation spiegelt sich in der 1. EKD-Studie „Christen und Juden“ von 1975 wider.

Die zweite Generation (1975-2005) ist zwar zum Teil noch in der NS-Zeit geboren, hat ihre Kenntnis dieser Zeit jedoch auf sekundärem Weg erworben. Prägende Momente dieser Generation dürften zum einen die Begegnung mit dem Leben im Staat Israel und die daraus erwachsenen bleibenden Verbindungen mit seinen Bürgern sein, zum anderen der Kontakt mit Jüdinnen und Juden in Europa und den USA. Hinzu kommt eine sukzessive, neue Wahrnehmung der Schuldgeschichte, in die die Kirche und praktisch alle Kräfte des gesellschaftlichen Lebens in der NS-Zeit verflochten waren.

Die Jahre der zweiten Generation sind die Zeit kirchlicher Erklärungen, in denen die Größen ‚Schuld’, ‚Überwindung der traditionellen christlichen Judenfeindschaft’ und ‚Staat Israel’ eine zentrale Rolle spielen. Bestimmend ist eine (inner)kirchliche Arbeit an einer Erneuerung des christlich-jüdischen Verhältnisses. Nennenswert sind allerdings auch Ängste um eine Gefährdung christlicher Identität bei einer zu großen Nähe zwischen Christen und Juden und der Wandel von einer Solidarität mit Israel zu einer kritischen Solidarität und weiter zur – begrifflich fahrlässigen – pauschalen Israelkritik. Der Stand der Arbeit dieser zweiten Generation spiegelt sich in der 2. und 3. EKD- Studie „Christen und Juden“ von 1991 und 2000 wider.

 

Bernd Schröder: Was kennzeichnet die Situation der dritten Generation: 2005-2035?

Peter von der Osten-Sacken: Vor etwa 30 Jahren gab es 30.000 jüdische Gemeindeglieder in Deutschland, heute sind es gut 100.000. Es scheint, dass es wieder auf Dauer ein wahrnehmbares, breiteres jüdisches Gemeindeleben bei uns gibt und damit auch die Möglichkeit eines ganz neuen Zusammenwirkens von Christen und Juden. Zweierlei ist dafür allerdings die Voraussetzung: zum einen, dass das zarte Pflänzchen eines neuen Vertrauens von Juden zu Christen gehegt und gepflegt und nicht durch gesellschaftspolitisch destruktive Debatten und Bestrebungen wie die nach dem Beschneidungsurteil des Kölner Landgerichts vor etwa fünf Jahren zertreten wird; die zweite Voraussetzung eines ganz neuen Zusammenwirkens ist eine mindestens 10, 20, 30 Jahre währende Geduld. So lange dürfte es dauern, bis die neue, aus dem Osten zugewanderte Judenheit ihre jüdische Identität ausgebildet und gefestigt haben wird. Was schon jetzt möglich ist, ist eine verstärkte Präsentation des Judentums durch Jüdinnen und Juden in der christlichen Lehre und in dieser und jener Veranstaltung.

Weitere Aspekte werden zu den anderen, nachfolgenden Fragen zu nennen sein.

 

Bernd Schröder: Wo siehst Du die dringlichsten Aufgaben?

Peter von der Osten-Sacken: a. Die Bewährung des in uns gesetzten Vertrauens (s. die rasche und klare Reaktion der EKD nach dem Beschneidungsurteil und jetzt die Absage an die Judenmission auf der Novembersynode der EKD 2016); b. Die Intensivierung des jüdisch-christlich-muslimischen Dialogs, insbesondere die Arbeit an einer Transformation antijüdischer/antiisraelischer Einstellungen nach Zunahme der muslimisch-arabischen Immigration; c. Die Arbeit an einer angemessenen Unterscheidung (nicht Trennung) zwischen jüdischer Gemeinschaft in Deutschland und dem Staat Israel sowie zwischen dem Staat Israel und der jeweiligen Regierung; d. Der beharrliche Transfer der Arbeit an einer Erneuerung des christlich-jüdischen Verhältnisses in die Gemeinden, d.h. das Einüben von Geschwisterlichkeit und die Überwindung des traditionellen christlichen Absolutismus; e. Von besonderem Gewicht: Die Ausdehnung der christlich-jüdischen Arbeit bis hinein in die vorschulische religionspädagogische Ausbildung. Wieviel Vorentscheidungen fallen hier!?

 

Bernd Schröder: Wechseln wir den Fokus hin zur theologischen Ausbildung: Neben und mit der Leitung des „Instituts Kirche und Judentum“ (1974-2007) bist Du mehr als dreißig Jahre lang, von 1973 bis 2005, Professor für Neues Testament an der KiHo und der HUB in Berlin gewesen. Hat sich in dieser Zeit etwas am Gewicht des Themas „Juden und Christen“ im Studium der Theologie geändert (Fortschritte / Rückschritte)?

Peter von der Osten-Sacken: Mitte der 90er Jahre konnte man einen Einbruch des theologischen und politischen Interesses unter den Studierenden beobachten. Symptomatisch war die die Absage eines hochkarätig besetzten Studientages zum Thema „Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus“, nachdem eine Woche vor Beginn weniger als 10 Anmeldungen vorlagen. In den Zeiten davor waren es in kurzer Zeit stets 80 bis 100.

Zu den Gründen zählten die Studienzeitverkürzung sowie die Distanzierung von der Politik des Staates Israel im Verhältnis zu den Palästinensern, eine Beziehung, die teilweise auf das christlich-jüdische Verhältnis übertragen wurde..

Wenig förderlich war desgleichen die Behandlung der Judentumskunde im Rahmen des Curriculums: Als Pflichtstunden im Theologiestudium waren 2 Semesterwochen- stunden zu einer der Weltreligionen vorgesehen, unter denen als eine mögliche das Judentum zur Wahl stand. Der Versuch, an der Berliner Theologischen Fakultät 2 Pflichtstunden über das Judentum durchzusetzen, hatte zunächst Erfolg, wurde jedoch kurze Zeit später in vorlaufendem Gehorsam gegenüber dem Fakultätentag ausgehebelt.

Als wesentlicher Fortschritt im – weiteren – Rahmen des Theologiestudiums ist vor allem die Einrichtung eines Studienjahrs in Israel (1978) zu nennen.

 

Bernd Schröder: Kannst Du so etwas wie „Leitlinien“ formulieren, was ein Studium der Theologie (Pfarr- oder Lehramt) im Blick auf die Erneuerung des christlich-jüdischen Verhältnisses / das christlich-jüdische Gespräch gewährleisten müsste?

Peter von der Osten-Sacken: Unerlässlich ist eine gediegene Judentumskunde mit Grundinformationen über Geschichte und Religion, einschließlich der Vielfalt des Judentums: Am Ende des Studiums müssten alle Theologiestudierenden in der Lage sein, einen Traktat/eine Klausur zum Thema „Von den Juden und ihrer Wahrheit“ zu schreiben, die vor jüdischen Augen Bestand hat.

Unerlässlich ist ebenso ist die Ausbildung der Fähigkeit, fremde und eigene Traditionen und ihre Begrifflichkeit differenziert wahrzunehmen und darzustellen, s. z.B. die Thematik „Gesetz und Evangelium“: Angesichts ihrer Zentralität ist das Gesetz in seinen verschiedenen christlichen Verständnisweisen und den davon unterschiedenen jüdischen zu erfassen.

Grundlegend wichtig ist die Einübung der (wiedergewonnenen) theologischen Erkenntnis, dass die Kirche durch Jesus Christus in die sehr viel ältere Verheißungs- und Weggeschichte Israels eingebettet ist.

Erhebliche Bedeutung kommt der Ausbildung der Fähigkeit zu, Gemeinden / Schülerinnen und Schülern die Arbeit an einem heilsamen christlich-jüdischen Verhältnis als zentralen Inhalt christlichen Glaubens und Lebens nahezubringen, ebenso der Ausbildung der Fähigkeit, die Absage an die Judenmission geschichtlich und theologisch transparent zu machen (pro und contra).

Mit besonderem Nachdruck ist die Ausbildung der Fähigkeit zu wünschen, den christlichen Glaubens als einen Gewinn und etwas Schönes darzulegen – wie sollte in einem Dialog sonst ein wechselseitiger Lernprozess zustande kommen?

 

Bernd Schröder: Gerade dann, wenn einschlägige Studienangebote fakultativ sind, ist es entscheidend, die Motivation der Studierenden anzusprechen: Welches sind die wichtigsten Motive für Theolog/innen, um sich mit dem Verhältnis von Christen und Juden zu befassen?

Peter von der Osten-Sacken: Zu unterscheiden ist zwischen politischen und religiösen oder theologischen Motiven – die neue Akzentuierung der letzteren ist dabei fraglos durch die politische Geschichte bedingt.

Die immer schon gegebene Teilhabe an der deutschen Geschichte schließt – ein politisches Gewissen vorausgesetzt – die Arbeit daran ein, dass das verübte Unrecht nicht fortgesetzt oder wiederholt wird. Diese Arbeit geschieht nicht bereits oder allein durch ein Nein zur eigenen Geschichte, sondern entscheidend durch die Arbeit an einem anderen Verhältnis zu den in der NS-Zeit misshandelten Gemeinschaften. (Anteilnahme an ihrer Gegenwart, in der die Vergangenheit präsent ist, besondere Relevanz von Begegnungen, Ermöglichung von Empathie – all dies als Formen der Umkehr).

Das Gedenken an die Misshandelten und Ermordeten (und die Arbeit an einem anderen Verhältnis zu den Gemeinschaften, denen sie angehören) bedeutet die Möglichkeit, sie auf dem weiteren Weg mitzunehmen und sie nicht ein weiteres Mal zu vergessen.

Die nachgeborenen Generationen erben, wenn sie sich nicht aufspalten, nicht nur die Häuser ihrer Großeltern, sondern auch ihre (Schuld-)Geschichte. Die gemeinsame Gliedschaft am Leib Christi schließt auch eine Solidarität in der Übernahme der Schuldgeschichte ein (Günther Harder).

Theologisch motivierend ist die (Wieder-)Entdeckung der besonderen Beziehung der Kirche zur jüdischen Gemeinschaft/Israel, d.h. das Verständnis der bleibenden Treue Gottes zu seinem Volk Israel als Teil christlicher Glaubensgewissheit.

Theologisch motivierend ist nicht zuletzt der Gewinn, der aus einer vertieften Beschäftigung mit dem Judentum erwächst, allem voran aus der Kenntnis der jüdischen Bibelauslegung wie überhaupt aus der Kenntnis des Judentums als Wurzel des Christentums, ganz zu schweigen von der Freude, die es macht, mit anderen, von ihnen und für sie zu lernen.

 

Das Interview führte Prof. Dr. Bernd Schröder am 5. Dezember 2016 in der Evangelischen Akademie Berlin; Der Text der Interviewantworten ist in allem Wesentlichen unverändert. Hier und da, jedoch nicht immer (s. Nr. 2) sind die notierten Stichworte in vollständige Sätze umgewandelt worden. 

AG

c/o Ev. Akademie zu Berlin
Charlottenstraße 53/54
10117 Berlin (Mitte)