Reform der Reformation. Zum Stand und Stellenwert jüdisch-christlicher Lehrinhalte in der theologischen Ausbildung.

Kommentar aus Sicht der Pfarramtsausbildung

OKR Dr. Christoph Vogel, Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg- Schlesische Oberlausitz (EKBO)

 

Ich bin gebeten, aus Sicht eines Ausbildungsverantwortlichen auf die vorgelegte Studie „‘Judentum‘ und ‚jüdisch-christliches Gespräch‘ als Themen des Studiums Evangelischer Theologie (Pfarramt) bzw. Religion (Lehramt). Analyse der Studienangebote von Fakultäten und Instituten aus allen Teilen Deutschlands“ der Universität Göttingen zu reagieren und tue das gern.

Dabei will ich voranschicken, dass ich von einem breiten gemeinsamen kirchlichen und wissenschaftlich-theologischen Interesse an den jüdisch-christlichen Wurzeln unseres Glaubens ausgehe. Der dafür wichtigste Satz aus der jüngsten EKD-Erklärung, der „Erklärung zu Christen und Juden als Zeugen der Treue Gottes“, lautet dabei mit Blick auf den Zusammenhang theologischer Ausbildung: „Wir sehen uns vor der Herausforderung, unser Verhältnis zu Gott und unsere Verantwortung in der Welt auch von unserer Verbundenheit mit dem jüdischen Volk her theologisch und geistlich zu verstehen und zu leben.“ Mit diesen Worten tritt die Erklärung gewissermaßen an die „Sichtkante“ dieser theologischen Arbeit. Diese im Rücken schaut sie voraus wie theologisch verantwortlich in „Verkündigung und Unterricht, Seelsorge und Diakonie“, sprich im gesamten Bereich gemeindlicher Arbeit und pastoralen Handelns, das „Miteinander von Juden und Christen“ gestärkt und gelebt werden kann. Hier formuliert die EKD-Erklärung eine Aufgabe, für die es Expertinnen und Experten braucht, die die Verbundenheit von Juden und Christen theologisch explizieren können. Es braucht geistliche Persönlichkeiten, die sie vorleben. Das müssen gewiss nicht immer, und sollten keineswegs nur die Pfarrerinnen und Pfarrer sein. Doch es dürfte unstrittig sein, dass den Pfarrerinnen und Pfarrern bei der Wahrnehmung dieser Aufgabe eine wesentliche Rolle zukommt.

Aus dieser Perspektive also fünf Kommentare zu den Ergebnissen der Studie.

 

I.

Die Ergebnisse der Studie überraschen in zweierlei Hinsicht wenig. Zum einen spiegeln sie die Einschätzung von Studierenden: in der Regel solcher Studierenden, die sich bereits mit dem Judentum auseinandergesetzt haben, entweder, indem sie selbst einen einschlägigen Studienschwerpunkt gelegt haben. Oder aber, weil sie in Israel gewesen sind – oftmals über „Studium in Israel“. Solche Studierende bemerken es, dass man ohne explizite Auseinandersetzung mit jüdisch-christlichen Lehrinhalten im Studium auskommt. Eine Studentin sagte mir auf meine Frage, dass es auf „das Interesse des einzelnen Studierenden ankommt“. Die Studie spiegelt also eine Erfahrung unter Studierenden wieder.

 

II.

Zum anderen ist es nicht überraschend, dass sich in der Spalte „obligatorisch“ – mit zwei Ausnahmen – nur rote Felder finden. Denn als es vor einem Jahrzehnt darum ging, die Rahmenstudien- und prüfungsordnungen des Studiengangs Ev. Theologie gemäß der Maßgaben der Bologna-Studienreform zu organisieren, musste auch die jüdisch-christlichen Lehrinhalte ein- und zugeordnet werden. Im Ergebnis wurde das Themenfeld „Christentum und Judentum“ als „besonderer Themenschwerpunkt“ in die Rahmenprüfungsordnung aufgenommen worden. Ein solcher Themenschwerpunkt ist ein Querschnittsfach. Ihm ist kein eigenes Modul zugeordnet worden. Die Anforderung an Querschnittsfächer (die anderen beiden dort genannten sind Genderforschung und Ökumene) lautet, dass sie in allen theologischen Fächern berücksichtigt werden1. Wenn also kein eigenes Modul im Pflichtbereich dem Themenfeld zugeordnet ist, wundert das Ergebnis der Studie wenig. Dies ist also eine Anfrage an die Methode der Studie. Das viele Rot zeigt im Grunde genommen, wie genau die einzelnen Prüfungsordnungen der Fakultäten und Landeskirchen die Rahmenprüfungsordnung umgesetzt haben.

Vor zehn Jahren – ich habe mich dazu noch einmal extra bei Michael Beintker, einem der maßgeblichen Architekten der Studienreform, erkundigt – gab es überhaupt keine Diskussion darüber, ob die Reflektion des Verhältnisses von „Christentum und Judentum“ nicht besser als ein eigenes Modul organisierte werden sollte, anstatt es als Querschnittsthema anzulegen. Von der Sache her ist das ja auch absolut richtig: Das jüdisch-christliche Verhältnis und seine Folgen lassen sich nicht auf ein Fach begrenzen und etwa nur exegetisch oder nur kirchengeschichtlich oder nur systematisch- oder praktisch-theologisch weiter entwickeln. Dass es überhaupt keine Diskussion um dieses Querschnittsthema gab, zeigt – so meine These –, dass es nicht vorstellbar war, sich mit diesem Themenfeld nicht auseinandersetzen.

Ergänzend sei noch darauf hingewiesen, dass die Judaistik bei der grundsätzlichen Beschreibung der „Gegenstände des Theologiestudiums und der Ersten Theologischen Prüfung“ unter der Rubrik „weitere Fächer“ aufgeführt ist. Sie steht  dort neben Kirchenrecht, Diakoniewissenschaft oder Ostkirchenkunde (und weiteren).

 

III.

Aus Sicht der Ausbildungsorganisation fällt der Blick sofort auf das „Grün“ der Querspalten „Landeskirche Hannover/Göttingen“ und „EKHN/Frankfurt und Mainz“. Denn es wirft die Frage auf, wer für die Einrichtung dieser obligatorischen judaistischen Veranstaltung verantwortlich ist: Ist sie ein obligatorisches Element in den Studienordnungen der Fakultäten, der Prüfungsordnungen der Fakultäten oder der Prüfungsordnungen der Landeskirchen? Wer verpflichtet?

Der Logik der Rahmenstudienordnung nach kann dies eigentlich nur durch die Aktivität der Fakultäten geschehen. Denn die Landeskirchen können Fakultäten nur schwerlich zu bestimmten Modulen verpflichten. Deshalb ist in der Gesamtdarstellung der Studie auch die direkte Zuordnung von Fakultäten zu Landeskirchen irritierend – das gelingt schon deshalb nicht, weil auf Gebieten mancher Landeskirchen mehrere, in anderen keine Fakultäten angesiedelt sind. Es gilt für die Fakultäten trotz der besonderen staatskirchenrechtlichen Anbindung die Freiheit von Forschung und Lehre. Hier formuliere ich also den dritten Kommentar: Die in der Studie nahegelegte Asymmetrie zwischen Kirchen und Fakultäten ist strukturimmanent.

Das bedeutet aber auch: Es kämen damit jene Fakultäten in einer hervorgehobenen Weise der Organisation jüdisch-christlicher Lehrinhalte als Querschnittsthema nach, die in der Spalte „obligatorisch“ grün unterlegt sind. Die Frage, die sich im Anschluss an die Studie und die genannten Erfahrungen stellt, lautet doch, inwiefern die theologischen Fakultäten die gemeinsame Studienordnung so mit Leben füllen und füllen können, dass jüdisch-christliche Erkenntnisse tatsächlich so in der Breite der Lehre erkennbar sind, dass Studierende am Ende sagen können: Ja, jüdisch-christliche Themen sind in meinem Studium unausweichbar und erkennbar vorgekommen.

 

IV.

Im Bereich der fakultativen Veranstaltung zeigt die Tabelle deutlich weniger rot. Es ist m.E. markant, dass gelb und vor allem grün unterlegte Zeilen vor allem dort auftauchen, wo es ein entsprechendes Engagement von dritter Seite gibt oder durch Fakultäten von dritter Seite eingeworben wurde. Ich meine sowohl die zusätzlichen Professuren in Hannover,  Frankfurt und Mainz), aber vor allem auch die Institute, wie hier in Berlin, in Neuendettelsau, in Münster und auch in Tübingen (das nicht aufgeführt ist). Diese Institute und Professuren sollten ebenfalls farblich hervorgehoben werden, damit sich ein vollständiges Bild der Studienmöglichkeiten ergibt.

Und natürlich gehört in dieses Portfolio des Engagements von dritter Seite auch das Programm „Studium in Israel“ hinein. Eine wirkungsvollere und intensivere Befassung mit dem Themenfeld in Studium und Leben lässt sich kaum vorstellen. Auch dieses Programm wird von zahlreichen Landeskirchen finanziell – Studierende der landeskirchlichen Liste ad personam – unterstützt. Zahlenmäßig können leider nur wenige Studierende an diesem Programm partizipieren, die Kriterien für eine Übernahme sind zurecht anspruchsvoll. Aber auch dieses Programm sollte aufgeführt sein und wenigstens ein „gelb“ bekommen, wenn es als Bestandteil der Ausbildung angesehen wird.

Und es gehört schließlich in das Portfolio des Engagements der Kirchen auch die zweite Ausbildungsphase genannt, gleichwohl die nicht Gegenstand der Studie ist. Denn auch in der zweiten Ausbildungsphase sind Besuche von Synagogen, Gespräche mit Rabbis oder auch – etwa in der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens – zur Begegnung mit Judentum, Islam, anderen Konfessionen die Durchführung einer Summerschool in Jerusalem Gegenstand der Ausbildung. In den Ordnungen zur zweiten Ausbildungsphase spiegelt sich dieses Engagement nicht wieder.

Mein vierter Kommentar: Auch die Angebote von dritter Seite zum Themenfeld der Studie sollten mit aufgeführt werden.

 

V.

Nun noch einen Gedanken zu der naheliegenden Idee, doch ein Pflichtmodul „Judaistik“ und/oder „ jüdisch-christliche Theologie“ im Studium zu verankern.

Die Einrichtung eines neuen obligatorischen Moduls würde doch erhebliche Folgefragen aufwerfen. Diese könnten zum einen das theologische Selbstverständnis dieses Themenfelds betreffen. Es könnte zum anderen die Frage aufwerfen, ob nicht ein fakultatives Modul nicht stärker jene Begeisterung entfachen kann, die zur Grundkenntnis gewünscht ist. Zudem muss das, was obligatorisch ist, auch verlässlich ausgebildet und angeboten werden. Auf jeden Fall aber tangiert es das fein austarierte Verhältnis von Pflicht- und von Wahlmodulen, also die Freiheit innerhalb des Theologiestudiums – ein hohes Gut! –, wenn nicht an anderer Stelle etwas um der Einrichtung dieses elementaren Moduls weggelassen wird und werden kann.

Mein fünfter Kommentar: Die Forderung eines Pflichtmoduls will reiflich überlegt sein. Sie erfordert Eingriffe in die Rahmenprüfungs- und –studienordnung.

 

VI.

Was also ist jetzt dran?

1)    Die Bearbeitung der Frage, wie das Querschnittsmodul im jüdisch-christlichen Themenfeld so gestaltet werden kann, dass es leistet, was es soll, ohne die Freiheit des Studiums weiter einzuschränken. Hier ließen sich recht rasch Kriterien für jüdisch-christliche wie judaistische Veranstaltungen an den Fakultäten entwerfen, nach denen diese Veranstaltungen schon im Vorlesungsverzeichnis erkennbar gemacht werden könnten.

2)    Sodann: Wie lassen sich die Erkenntnisse des jüdisch-christlichen Dialogs in die kirchlich-gemeindliche Breite tragen? Hier setzt aber gar keine Frage der Ausbildung an, sondern eine gemeindepädagogische. Aber wenn die EKD-Synode „Verkündigung und Unterricht, Seelsorge und Diakonie“ in den Blick nimmt, dann ist hier eine Aufgabenbeschreibung gegeben, die über die Ausbildung hinausgeht.

3)    Jedes Engagement im Bereich der Ausbildung – „Studium in Israel“, Institute, Studierendentagungen – lässt sich begrüßen, denn es eröffnet Möglichkeiten und schafft Begegnungen, der wirksamsten Implementierung einer bleibenden Neugier auf das jüdisch-christliche Gespräch.

 

5. Dezember 2016, Berlin

  1.  Theologische Ausbildung in der EKD, Beintker/Wöller (Hg.) 2014, 107.

AG

c/o Ev. Akademie zu Berlin
Charlottenstraße 53/54
10117 Berlin (Mitte)