Reform der Reformation. Zum Stand und Stellenwert jüdisch-christlicher Lehrinhalte in der theologischen Ausbildung.

Kommentar aus Perspektive der universitären Ausbildung

Jonas Leipziger M.A., Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg

 

Mein Kommentar zur der AG Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag und der Georg-August Universität Göttingen über die Frage wie, in welchem Umfang und mit welchen Inhalten sowohl »Judentum« als auch das »jüdisch-christliche Verhältnis« in den Curricula des Studiums thematisiert werden, stammt aus »studentischer Perspektive«, die geprägt ist von meinem eigenen Werdegang: Studiert habe ich Evangelische Theologie mit dem Abschluss des Kirchlichen Examens in Bayern, sowie Jüdische Studien im Bachelor- und im Master-Studium. Gegenwärtig arbeite ich als Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Professorin Hanna Liss im Fach Bibel an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und promoviere zu Praktiken und Theorien des Lesens im antiken Judentum als eine ‚Anthropologie des Lesens’.

1. Das Studium der evangelischen Theologie

Die Ergebnisse der präsentierten Studie in Bezug auf das Studium der Evangelischen Theologie, die vor allem Desiderata aufzeigt, können aus studentischer Perspektive und Erfahrung – leider – nur bestätigt werden:

Wenn ich an mein eigenes Studium, v.a. mein Grundstudium an der Augustana Hochschule Neuendettelsau denke, erscheint dieses fast wie das erste Paradies, das wir suchen: Wenngleich damals (noch) nicht institutionalisiert, waren jüdisch-christliche Lehrinhalte und die theologische Grundhaltung der Wichtigkeit einer neuen theologischen Perspektive im Hinblick auf das Judentum in nahezu allen Fächern vertreten.

Der Befund der Studie, dass die Frage, wie jüdische Traditionen und jüdisch-christliche Themen in der Lehre präsent sind, fundamental an den einzelnen Persönlichkeiten der Dozierenden hängt, wird auch hier nur bestätigt.

Faszinierende Bücher jedoch wie des amerikanischen Talmud-Gelehrten Daniel Boyarin über die Anfänge des so genannten »Parting of the Ways« oder des deutschen Judaisten Peter Schäfer über die gemeinsamen Ursprünge von Judentum und Christentum habe ich erst vertieft in Seminaren innerhalb der Jüdischen Studien kennengelernt, und nicht innerhalb der Evangelischen Theologie. Nach jenen inzwischen nicht mehr ganz neuesten Erkenntnissen ist die gemeinsame Geschichte dessen, was später das rabbinische Judentum und die christliche Bewegung wird, in der Spätantike bis zum Beginn des 4. Jahrhunderts u.Z. offen sowie verflochten und stellt einen wechselseitigen, gegenseitigen Prozess der Ausdifferenzierung dar. Erst am Ende eines langen Prozesses entwickelte sich, so Boyarin, im 4. Jahrhundert die Ausdifferenzierung in das rabbinische Judentum auf der einen Seite und das orthodoxe Christentum auf der anderen Seite. Angesichts dieser Erkenntnisse scheint auch das lange gepflegte ›Mutter-Tochter-Modell‹ von Mutter Israel und Tochter Christentum diese historischen Entwicklungen nicht mehr adäquat beschreiben zu können; eher sind die beiden ›Tochter-Religionen‹, die beide aus dem biblischen Judentum hervorgingen.

Jene Erkenntnisse sind bisher noch nicht in Ansätzen in systematisch-theologischen Arbeiten rezipiert worden oder in der Breite in die Lehre eingegangen – mit allen Konsequenzen für eine wie auch immer geartete christliche Identität und Theologie, wenn wir ernst nehmen würden, dass, wie Daniel Boyarin schreibt, »alles, was traditionell als Christentum identifiziert wurde, im Einzelnen auch schon in einigen jüdischen Bewegungen [neben der Jesus-Bewegung] im ersten Jahrhundert und später existiert hat.«1

In meinem Lehrauftrag mit einer Übung als »Einführung in das Antike und Rabbinische Judentum« im aktuellen Wintersemester an der Augustana Hochschule Neuendettelsau nehme ich deutliches Interesse bei den Studierenden der Evangelischen Theologie wahr – solange entsprechende Seminare auch mit Creditpoints und im Rahmen eines vorgegebenen Besuchs belegt werden können.

Als eine der großen Stärken der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, an der ich studiert habe und an der ich gegenwärtig arbeite – und die für mich das zweite Paradies ist –, habe ich es von Anfang an als große Stärke empfunden, dass sie ein offenes Haus ist – auf allen Ebenen und für alle Statusgruppen, ob ProfessorInnen, Wissenschaftliche MitarbeiterInnen oder Studierende.

Religions- oder Konfessionszugehörigkeit spielen keinerlei Rolle. Dieser Themenkomplex wurde auch in der Präsentation der Studie bezüglich der Theologischen Fakultäten angesprochen, wo die Lage sich gänzlich konträr zeigt.

Dies führt dazu, dass beispielsweise die Neu-Ausschreibung der Professur am Tübinger Institutum Judaicum als judaistische Stelle ausgeschrieben, auch weiterhin konfessionsgebunden bleiben wird. Damit wird binnen-protestantische Forschung über das Judentum als Judaistik bezeichnet, und der Zugang hierzu bleibt jüdischen WissenschafterInnen zu diesen judaistischen (!) Stellen weiterhin verwehrt. Und das im 21. Jahrhundert, und nicht nur in Tübingen, sondern auch u.a. in Münster und auch in Mainz.

2. Zweiter Ausbildungsabschnitt

Ein weiterer wichtiger Bereich, den die Studie in ihrem Design auch gar nicht untersuchen konnte, der jedoch auch von größter Bedeutung für angehende PfarrerInnen ist, ist das Vikariat, der sog. Zweite Ausbildungsabschnitt. Dieser betrifft dann insbesondere die Religionspädagogik sowie Homiletik und Liturgik.

Gespräche von mir mit gegenwärtigen oder früheren VikarInnen haben deutlich gemacht, dass in diesem so wichtigen Abschnitt institutionell in Bezug auf jüdisch-christliche Lehrinhalte nichts geregelt ist und die Themen kaum bis gar nicht behandelt werden. Versuche von landeskirchlichen Vereinen für den jüdisch-christlichen Dialog, im Predigerseminar eine Einheit zu gestalten oder die eigene Arbeit auch nur vorzustellen, werden zum Teil mit der Begründung verhindert, es ‚könne ja jeder kommen‘.

Ein weiteres weites Feld der Pädagogik, das heute nicht im Mittelpunkt unseres Tages steht, das aber auch von großer Bedeutung ist, ist die Frage, wie Judentum, jüdische Tradition und JüdInnen in (hier:) Schulbüchern der Evangelischen Religionslehre repräsentiert werden: Hier zeigt sich zumeist, dass jüdische Identität immer religiös und orthodox ist, und eine säkulare jüdische Identität keine Repräsentation findet.

3. Zusammenfassung

Es bleibt festzuhalten: Ob junge Theologiestudierende, d.h. zukünftige PfarrerInnen und ReligionslehrerInnen als wichtige MultiplikatorInnen das Glück haben, auf engagierte Personen in der Lehre zu treffen, sollte nicht dem persönlichen Zufall der jeweiligen Personen und Institutionen überlassen werden, sondern institutionalisiert werden.

Wie freilich das Judentum im christlichen Gottesdienst nicht nur stellvertreterhaft am sog. »Israelsonntag« thematisiert werden sollte, so sollten jüdisch-christliche Lehrangebote zu einer Querschnittsaufgabe aller Fächer, Modulbereiche und ein Anliegen aller Dozierenden werden. Eine Institutionalisierung von bestimmten Modulbereichen wäre sehr zu begrüßen, jedoch bleibt unbedingt auch die Verantwortung und Aufgabe der Theologie als Ganzes.

Denn: Wenn es so ist, dass christliche Identität (was auch immer darunter zu verstehen ist…) unserer Ansicht nach nur dadurch zu denken ist, dass »die neue Wertschätzung des Judentums als ‚intrinsischer‘ Kern des Christentums‘«2 fungiert, ist das Judentum nicht einfach ‚das Andere‘ des Christentums, sondern ein wesentlicher Bestandteil der christlichen Glaubensweise und der Lehre.

Dies erfordert immer noch eine vertieftere Transformation in allen theologischen Teildisziplinen. Es geht freilich auch um Aufarbeitung einer christlichen Schuldgeschichte der Abwertung und Verzerrung des Judentums, um Versagen, und um Horizonte eines Paradigmenwechsels. Aber es sollte doch auch deutlich gemacht werden, dass Momente von Selbstkritik und die Gegenwart des zeitgenössischen Judentums in all seinen Facetten und Ausprägungen sehr produktiv und befreiend wirken können für die Evangelische Theologie als Ganze.

5. Dezember 2016, Berlin

  1. Daniel Boyarin, »Rethinking Jewish Christianity. An Argument for Dismantling a Dubious Category«, Jewish Quarterly Review 99 (2009), 7–36: 28; eigene Übers.
  2. Wolfgang Stegemann, »Von der ›Verwerfung‹ Israels zur ›bleibenden Erwählung‹«, Kirche und Israel 26 (2011), 32–46: 44.

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