Jüdisch-christlicher Dialog  und das Studium der Evangelischen Theologie bzw. Religion in Deutschland

Thesen zur theologischen Verbesserung des Pfarrer*innen und Religionspädgagog*innenstandes

Marie Hecke, Aline Seel, Bernd Schröder, Christian Staffa

 

Die folgenden Thesen wollen Ernst machen mit den Grundordnungen der meisten Landeskirchen, die sich der Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden verpflichten, mit der Kundgebung „Martin Luther und die Juden – Notwendige Erinnerung zum Reformationsjubiläum“ der EKD Synode 2015, sowie mit den Ergebnissen der hier präsentierte Studie und den dazu gehörigen Kommentaren. Die Untersuchung der aktuellen Studienordnungen und des Lehrveranstaltungsangebots im Studienjahr 2015/16 zeigt, dass das Studium der evangelischen Theologie (Pfarramt) bzw. evangelischen Religion (Lehramt) nur an wenigen Studienorten obligatorisch Veranstaltungen im Bereich der Judaistik vorsieht; nirgends wird verbindlich die Teilnahme an Veranstaltungen im Bereich des jüdisch-christlichen Dialogs verlangt; keine Ordnung für das erste theologische Examen schreibt Prüfungsleistungen in Judaistik und/oder jüdisch-christlichem Dialog fest.

Angesichts dessen geht es diesen Thesen nicht um konkrete Umsetzungsschritte und -formen, sondern um Denkanstöße, also darum, eine Selbstverpflichtung der Kirchen und theologischen Ausbildungsstätten anzuregen eben jene Ausbildungssituation, die in der Regel ohne jeden judentumskundlichen Akzent oder eine Reflexion der Erträge des jüdisch-christlichen Gespräches auskommt, wo es irgend geht zu verbessern.

  1. Die Landeskirchen und die EKD verpflichten sich, auf verschiedenen Ebenen – namentlich in der Gemischten Kommission, in ihren jeweiligen Ordnungen für theologische Examina, bei ihrer Förderung von Maßnahmen für das Theologiestudium – ihre Handlungsmöglichkeiten zu prüfen und kreativ zu erweitern, um Kenntnisse des gegenwärtigen Judentums, seiner rabbinischen Grundlagen sowie der Geschichte und Theorie des jüdisch-christlichen Gesprächs in der Ausbildung von Theolog*innen und Religionspädagog*innen zu verankern. Sie tun das im Wissen um die lange Tradition des Antijudaismus in Kirche und Theologie und in Abkehr von Substitutionslehre und Judentumsvergessenheit.
  2. Die hier vorgelegte Studie zum Stellenwert des jüdisch-christlichen Gesprächs und der Judentumskunde im Studium der Theologie sollte fortgeschrieben werden im Blick darauf, wie diese Themen in der zweiten Ausbildungsphase und in der Fortbildungsarbeit vorkommen. Zu untersuchen wäre somit
    – das Lehrangebot der staatlichen Studienseminare für die Ausbildung von Religionslehrer*innen,
    – die Praxis der Predigerseminare,
    – die Programmpalette der Pastoralkollegs und der Religionspädagogischen Institute.
  3. Die derzeit geltenden Verlautbarungen bzw. Empfehlungen der Gemischten Kommission für die Reform des Theologiestudiums verstehen das Themengebiet „Christentum und Judentum“ als sog. Querschnittsaufgabe, d.h. es soll in allen Disziplinen behandelt werden. (Diese Behandlung wird aber nirgends en detail festgeschrieben). Die ernüchternden Befunde an Ordnungen und Vorlesungsverzeichnissen werfen eine Alternative auf: Es gilt, diese Querschnittsaufgabe besser und nachhaltiger wahrzunehmen oder das Themengebiet in die Obligatorik der Studiengänge zur Vorbereitung auf das Pfarramt oder die Lehrämter aufzunehmen.
  4. Die Theologischen Fakultäten und Institute sollten ihr Lehrangebot zum Themenbereich „Christentum und Judentum“ prüfen und nach Möglichkeit erweitern: Wünschenswert ist, dass kein Absolvent bzw. keine Absolventin eines theologischen Studiengangs in Deutschland ihr Studium abschließen kann, ohne Grundkenntnisse im Blick auf das Judentums erworben zu haben, der Problemgeschichte des christlich-jüdischen Verhältnisses ansichtig geworden zu sein und einen Einblick in den Stand des jüdisch-christlichen Gesprächs zu gewinnen.
  5. Jeder Studienstandort sollte – zumindest gelegentlich, besser verlässlich wiederkehrend, zumindest fakultativ (für die Studierenden), besser obligatorisch – ein Lehrangebot in diesen Feldern sicherstellen.
    Kann dies nicht durch ordentliche Professuren geschehen, so sollten einschlägig ausgewiesene, nach Möglichkeit im jüdisch-christlichen Dialog erfahrene Gastdozent*innen gewonnen werden.
    Ideal sind Veranstaltungen, in denen der Dialog sichtbar wird, in denen die Studierenden daran teilhaben können, in denen jüdische und christliche Dozent*nnen gemeinsam unterrichten.
  6. Es ist personell wie rechtlich zu prüfen, ob und wie es ermöglicht werden kann, das „Judentum“ an evangelisch-theologischen Studienstandorten authentisch, d.h. von Wissenschaftler*innen jüdischen Glaubens, zu lehren.
    Wünschenswert wäre es in diesem Sinne, dass Jüdinnen und Juden nicht nur Lehraufträge und /oder Gastprofessuren wahrnehmen können, sondern zukünftig auch – einschlägige – ordentliche Professuren an Theologischen Fakultäten, Kirchlichen Hochschulen und Instituten bekleiden können, etwa für Judaistik bzw. jüdische Studien, ggf. für die Exegese des Alten Testaments bzw. der Hebräischen Bibel.
  7. In Betracht zu ziehen ist eine Revision der Prüfungsanforderungen des ersten theologischen bzw. kirchlichen Examens – denkbar wäre etwa die Entwicklung eines „Judaicums“ (in Analogie zu Biblicum und Philosophicum). So könnten Kenntnisse im Blick auf Judentum und jüdisch-christliches Gespräch unmittelbar verbindlich festgeschrieben werden und die Lern- wie Lehrpraxis nachhaltig verändern.
  8. Vielerorts bestehen z.T. seit vielen Jahren Initiativen, die Abhilfe bieten – genannt seien etwa
    – die regelmäßige Besetzung von Gastprofessuren mit jüdischen Wissenschaftler*innen z.B. an der Kirchlichen Hochschulen Wuppertal,
    – institutionalisierte Forschung und Lehre auf dem Gebiet des christlich-jüdischen Verhältnisses im „Institut Kirche und Judentum“, Berlin (gegr. 1960),
    – Studienreisen nach Israel und Palästina,
    – das Angebot von Intensivseminaren in Israel für Theologiestudierende aller Studiengänge (etwa an der Universität Leipzig) oder speziell für Lehramtsstudierende (etwa in der Ev.-Lutherischen Landeskirche Hannovers),
    – die Tagung „Religionspädagogische Gespräche zwischen Juden, Christen und Muslimen“, die einmal pro Jahr in Heidelberg stattfindet und Religionslehrer*innen der drei Religionen zum fachlichen Austausch zusammenführt,
    – die Möglichkeit eines theologischen Studienjahres an der Hebräischen Universität Jerusalem im Rahmen von „Studium in Israel“ (gegr. 1978).
    Solche landeskirchlichen Projekte oder Unterstützungsmaßnahmen für Studierende, die Begegnungen mit dem zeitgenössischen Judentum, mit rabbinischer Theologie und christlich-jüdischem  Dialog ermöglichen, sollten systematisch sondiert und den Studierenden wie den ausbildenden Institutionen besser bekannt gemacht werden (etwa über eine eigens gestaltete Homepage o.ä.). Die AG Juden und Christen und die Projektgruppe sind gerne zur Mitwirkung an dieser Suche nach Best-Practice-Beispielen bereit.
  9. Wünschenswert wäre darüber hinaus die Entwicklung weitere Leuchtturm-Projekte für das Studium wie für die zweite Ausbildungsphase (Vikariat / Referendariat), etwa
    – Studienreisen mit Begegnungen mit jüdischen Gemeinden in Deutschland, Europa und darüber hinaus (z.B. in Frankfurt oder Hannover, in den Niederlanden oder Tschechien, in Israel oder den USA),
    – Begegnungstagungen mit der Bildungsabteilung des Zentralrates der Juden in Deutschland oder mit Stipendiat*innen der Ernst-Ludwig-Ehrlich-Stiftung bzw. mit deren Projekt „Dialog der Religionen“,
    – ‚wandernde‘ Gastprofessuren jüdischer Wissenschaftler*innen, ein Projekt des Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit.
  10. Die EKD bzw. die Landeskirchen könnten – beginnend mit dem Jahr 2017 – einen Predigtpreis und /oder einen Unterrichtspreis ausloben, der von einer Jury aus Jud*innen und Christ*innen einmal jährlich zu vergeben wäre. Auf diese Weise würde die Aufgabe, Unterrichts- und Gottesdienstkultur zu erneuern, bewusst gehalten und Anstrengungen in diesem Bereich gewürdigt.
  11. In Studium und zweiter Ausbildungsphase schlägt sich nieder, wie theologisch gedacht wird. Die Erneuerung des Verhältnisses von Christ*innen und Jüd*innen ist selbstredend nicht die Aufgabe der Ausbildung allein, sondern eben die Aufgabe von Kirche und Theologie.  Es gilt das Verwiesensein christlichen Glaubens auf jüdische Wurzeln und Gesprächspartner*innen in allen Disziplinen und Feldern kirchlicher Praxis (in Liturgie wie Unterricht, in Seelsorge wie Kirchenleitung), zu verstehen, fortzudenken und zu gestalten.

Das Jahr des Reformationsjubiläums stellt eine prominente Gelegenheit dar, diese Forderungen zu diskutieren. Die AG Juden und Christen wird sich für eine Umsetzung einsetzen und auf ihrer neu eingerichteten Web-Site den Prozess dokumentieren und begleiten.

Berlin /Göttingen, April 2017

Projektpartner*innen

  • Prof. Dr. Bernd Schröder, Georg-August Universität Göttingen
  • Marie Hecke, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Georg-August Universität Göttingen
  • Prof. Dr. Doron Kiesel, Vorstandsmitglied, AG Juden und Christen beim Deutschen Ev. Kirchentag
  • Aline Seel, Vorstandsmitglied, AG Juden und Christen beim Deutschen Ev. Kirchentag
  • Dr. Christian Staffa, Studienleiter Demokratische Kultur und Kirche, Evangelische Akademie zu Berlin

AG

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