Reformatorische Impulse aus der Hebräischen Bibel

Klaus Wengst zum 70. Geburts­tag1

 

Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um und christ­lich-jüdi­scher Dia­log“ – das The­ma die­ser Tagung ist in der Tat dran.2 Ich möch­te das Nach­den­ken dar­über mit der Fra­ge begin­nen: Was ist das eigent­lich: ein „Jubi­lä­um“? Und wie soll­te man es bege­hen? Heu­te ver­steht man dar­un­ter eine Erin­ne­rungs­fei­er, man begeht fei­er­lich die run­de Wie­der­kehr eines wich­ti­gen Ereig­nis­ses, es ist eine Jubel­fest. So waren auch die Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­en etwa 1817 und 1917.3 Man beju­bel­te die Grö­ße Mar­tin Luthers und fei­er­te sich selbst. Das Wort Jubi­lä­um scheint so gese­hen eher von dem mit­el­la­tei­ni­schen Verb jubilare/jubeln, sin­gen her­zu­kom­men. Doch dar­in steckt ja das hebräi­sche Wort jovel, das Wid­der­horn, mit dem das Jobel­jahr ein­ge­lei­tet wird.4 Der Gedan­ke des Jubi­lä­ums hat also einen bibli­schen Ursprung und Kern. In Lev 25 wird das Jobel­jahr beschrie­ben: Nach sie­ben Sab­bat­jah­ren soll dror, eine Befrei­ung für alle Bewoh­ner des Lan­des aus­ge­ru­fen wer­den (v. 10). Es ist das Jahr der resti­tu­tio in inte­grum, das Jahr der Auf­he­bung aller ange­häuf­ten Unge­rech­tig­kei­ten, das Jahr der Frei­las­sung der Skla­ven und der Rück­kehr zu den ursprüng­li­chen, von Gott geschenk­ten Land- und Lebens­ver­hält­nis­sen. Nicht nur die Fei­er eines run­den Datums, son­dern die wirk­sa­me Wie­der­an­nä­he­rung an das Geschenk der Frei­heit ist das Ziel. Ich fra­ge mich, ob nicht auch für das Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um gel­ten könn­te, gel­ten müss­te: Wenn die Kir­che mit ihrem Latein am Ende ist, muss sie end­lich Hebrä­isch ler­nen.

 

Das Jubiläum als Jobeljahr?

Nun kann man natür­lich das bibli­sche Jobel­jahr nicht ein­fach zu einem Modell für das Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um machen. Doch ohne die Ana­lo­gie zu sehr zu stra­pa­zie­ren, fra­ge ich mich, ob es nicht wie bei der Refor­ma­ti­on selbst um eine wirk­sa­me Annä­he­rung an das gehen könn­te und müss­te, was christ­li­chen Glau­ben von Anfang an aus­macht, also an den Kern der bibli­schen Tra­di­ti­on. Dabei aller­dings ergä­be sich ein deut­lich ande­rer Akzent als in den bis­he­ri­gen offi­zi­el­len Pla­nun­gen und ihren Begrün­dun­gen. Die­se wol­len sich – und das ja durch­aus mit Recht – unter­schei­den von den stark natio­na­lis­tisch gefärb­ten Jubel­fei­ern von 1817 und 1917. Sowohl nach der Rede des dama­li­gen EKD-Rats­vor­sit­zen­den Wolf­gang Huber zu Beginn der Luther­de­ka­de (2008)5wie nach den vom „Wis­sen­schaf­li­chen Bei­rat der Luther­de­ka­de“ im letz­ten Jahr for­mu­lier­ten „Per­spek­ti­ven für das Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um“6soll es vor allem um die in der Neu­zeit, also zwi­schen damals und heu­te, wirk­sam gewor­de­nen Fol­gen der Refor­ma­ti­on gehen. Die Refor­ma­ti­on habe, so heißt es da, das gesam­te pri­va­te und öffent­li­che Leben ver­än­dert und mit­ge­formt, gesell­schaft­li­che Struk­tu­ren und Wirt­schafts­han­deln, kul­tu­rel­le Wahr­neh­mungs­mus­ter und Men­ta­li­tä­ten eben­so wie Rechts­auf­fas­sun­gen, Wis­sen­schafts­kon­zep­te und künst­le­ri­sche Aus­drucks­ge­stal­ten. Im Zen­trum des durch Luther neu bestimm­ten Ver­hält­nis­ses des Men­schen zu Gott wie dann zum Mit­men­schen steht danach die Frei­heit. Dar­aus erwach­sen Fol­gen wie z.B.: Bil­dung für alle, das kri­ti­sche Den­ken der Auf­klä­rung, die neu­zeit­li­che Unter­schei­dung von Kir­che und Staat, Reli­gi­ons- und Gewis­sens­frei­heit, radi­ka­le Gleich­heit der Men­schen (in nicht vom Wis­sen­schaft­li­chen Bei­rat ver­ant­wor­te­ten Doku­men­ten gera­de auch: der Geschlech­ter7), Demo­kra­tie, Sozi­al­staat, die moder­ne Dyna­mik des Wirt­schaf­tens. Die­se Bedeu­tung der Refor­ma­ti­on für die gan­ze Brei­te der gegen­wär­ti­gen Kul­tur und damit die „Signa­tur des Pro­tes­tan­ti­schen in der moder­nen west­lich gepräg­ten Kul­tur“8 soll im Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um her­aus­ge­stellt wer­den.

Da gibt es frei­lich ein, und eigent­lich nicht nur ein, Pro­blem: Selbst wenn man von nega­ti­ven Tei­len der Geschich­te wie dem christ­li­chen Anti­ju­da­is­mus und dann Anti­se­mi­tis­mus ganz absieht, wie es hier geschieht, muss schon in den knap­pen Sät­zen des Wis­sen­schaft­li­chen Bei­rats mehr­fach gesagt wer­den, dass der­ar­ti­ge Ent­wick­lun­gen, wenn sie denn über­haupt ursäch­lich und direkt auf die Refor­ma­ti­on zurück­ge­führt wer­den kön­nen, „von den evan­ge­li­schen Kir­chen selbst durch­aus nicht immer begrüßt(e)“ wur­den.9 Här­ter gesagt: Man kann doch nicht gut davon abse­hen, dass vie­les, was hier als Frucht der Refor­ma­ti­on bezeich­net wird, wie Men­schen­rech­te, Gleich­be­rech­ti­gung, reli­gi­ons­neu­tra­ler Rechts- und Sozi­al­staat, gegen här­tes­ten Wider­stand der Kir­chen, gera­de auch der Refor­ma­ti­ons­kir­chen, jeden­falls gro­ßer Tei­le von ihnen, aber auch der sich als christ­lich ver­ste­hen­den Staa­ten durch­ge­setzt wer­den muss­te. Es ist also kein Wun­der, dass von Sei­ten füh­ren­der Refor­ma­ti­ons­his­to­ri­ker die­ses Jubi­lä­ums­kon­zept als weit­ge­hend unhis­to­risch in Fra­ge gestellt wird.10 Als Bibel­wis­sen­schaft­ler fällt einem dar­über hin­aus auf, dass in den „Per­spek­ti­ven“ des Wis­sen­schaft­li­chen Bei­rats von dem, was doch die wie­der­ent­deck­te Grund­la­ge des Glau­bens ist und damit das Selbst­ver­ständ­nis Luthers und der Refor­ma­ti­on prägt, näm­lich der Bibel, ein­zig im Blick auf das durch die Bibel­über­set­zun­gen geför­der­te Ent­ste­hen der Schrift­spra­chen die Rede ist.11Im Blick auf die Inhal­te sieht es dage­gen so aus, als hät­ten Luther und die Refor­ma­ti­on alles, was sie zu sagen haben, selbst­er­fun­den.

Aller­dings konn­ten sich, das ist jeden­falls dezi­diert mei­ne The­se, die hier ange­spro­che­nen posi­ti­ven neu­zeit­li­chen frei­heit­li­chen Ent­wick­lun­gen (wenn man schon von den nega­ti­ven Sei­ten der glei­chen Jahr­hun­der­te absieht) in den Kir­chen nur durch­set­zen, wie spät und umstrit­ten das auch jeweils geschah, weil sich die inner­kirch­li­chen Oppo­si­tio­nen auf die Bibel beru­fen haben und beru­fen konn­ten, aller­dings auf eine durch­aus anders gele­se­ne Bibel, anders als es die Sicht der Mehr­heit und der offi­zi­el­len Theo­lo­gie jeweils war.

Was könn­te all das für das bevor­ste­hen­de Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um hei­ßen? Wenn man das Jahr­hun­dert seit dem letz­ten gro­ßen Jubi­lä­um 1917 in den Blick nimmt, so ent­hält es das schlimms­te Ver­sa­gen der Kir­che wäh­rend des 3. Rei­ches, ins­be­son­de­re gegen­über den jüdi­schen Men­schen. Das war zugleich so etwas wie der Tief­punkt bestimm­ter Wir­kun­gen der Refor­ma­ti­on wie der Schrif­ten Luthers gegen die Juden.12 Aber in der Reak­ti­on auf Schuld und Ver­sa­gen ist seit­dem doch auch man­ches Neue gesche­hen, das sein Zen­trum in einem neu­en Ver­hält­nis zu Isra­el hat. Die im sog. christ­lich-jüdi­schen Dia­log erfah­re­ne aus­ge­streck­te Hand wur­de zunächst von klei­nen Min­der­hei­ten, dann seit den 80er Jah­ren zuneh­mend auch von den Kir­chen und ihren offi­zi­el­len Gre­mi­en ergrif­fen. Schuld und Ver­sa­gen im drit­ten Reich samt den tie­fen Wur­zeln des dazu füh­ren­den Den­kens in der Kir­chen- und Theo­lo­gie­ge­schich­te wur­den im Gespräch mit jüdi­schen Part­nern und immer auch ange­sichts der poli­ti­schen und sozia­len Welt­ent­wick­lun­gen zu einem Aspekt kirch­li­cher Iden­ti­tät. Im direk­ten oder indi­rek­ten Zusam­men­hang damit haben sich in der evan­ge­li­schen Kir­che theo­lo­gi­sche Ver­än­de­run­gen ange­bahnt und wur­den – wie umstrit­ten und gefähr­det auch immer – von Kir­chen­lei­tun­gen und syn­oda­len Mehr­hei­ten akzep­tiert. Die­se Ver­än­de­run­gen sind durch ein Dop­pel­tes geprägt. Sie sind alle­samt einer­seits Ergän­zun­gen und Kor­rek­tu­ren tra­di­tio­nel­ler refor­ma­to­ri­scher Theo­lo­gie, sie ste­hen aber ande­rer­seits inso­fern auf den Schul­tern und in der Linie der Refor­ma­ti­on, als sie sich an der Bibel und letzt­lich allein an der Bibel ori­en­tiert haben.

Ich den­ke, wir alle haben in die­sem Pro­zess seit den 60er Jah­ren viel gelernt und unse­re Kir­chen haben sich mit syn­oda­len Ent­schei­dun­gen auf zen­tra­le Punk­te davon dau­er­haft fest­ge­legt. Aber wir erle­ben doch auch immer wie­der, dass man­che Tex­te, man­che Vor­gän­ge, man­che Per­so­nen in den Kir­chen sich davon nahe­zu unbe­rührt zei­gen. Die­sen kom­ple­xen, viel­fäl­ti­gen und auch wider­sprüch­li­chen Lern­pro­zess zu bün­deln, also für Kir­che und Gemein­de deut­li­cher zu for­mu­lie­ren, damit neu erkenn­bar und neu ver­pflich­tend zu machen, was wir über die tra­di­tio­nel­le refor­ma­to­ri­sche Theo­lo­gie hin­aus biblisch gelernt haben und war­um, wo sich also unse­re eige­ne christ­li­che und kirch­li­che Iden­ti­tät ver­än­dert hat, par­ti­ell durch­aus in Dif­fe­renz zur Theo­lo­gie der Refor­ma­ti­on, aber doch inso­fern in ihrem Geist, als es bibli­sche Ein­sich­ten sind, die die­se Dif­fe­renz bestim­men – das Gelern­te der­art zu bün­deln, könn­te und müss­te das nicht eine Auf­ga­be des kom­men­den Jubi­lä­ums sein?

Das wür­de inso­fern der Inten­ti­on des bibli­schen Jobel­jahrs ent­spre­chen, als es ein Stück weit zurück zum Ursprung füh­ren will, und dabei den ange­häuf­ten Schutt der Geschich­te, den Schutt von Schuld und Ver­lust nicht ver­schweigt. Die Ver­kün­di­gung Jesu von Naza­reth, an den wir als den Chris­tus glau­ben, genau wie Luthers ers­te der 95 The­sen, mit denen die Refor­ma­ti­on im Jahr 1517 begann, krei­sen um den glei­chen Begriff: „Kehrt um“. Met­a­no­ei­te heißt das Kern­wort der Leh­re Jesu im Grie­chi­schen (Mk 1,15 par.); dass das Leben der Chris­ten und Chris­tin­nen eine täg­li­che Buße sein soll, sagt die ers­te der 95 The­sen Luthers. So sehr bei­des auch durch Spra­che und Den­ken ihrer Zeit mit­ge­prägt ist, unbe­zwei­fel­bar steht hin­ter bei­den Sät­zen das glei­che hebräi­sche Wort: schuvu/ geht zurück, kehrt um. Zurück zur Tora, zurück zum Gott Abra­hams, Isaaks und Jakobs. Um ein sol­ches Zurück zu den Wur­zeln ging es der Refor­ma­ti­on ihrem theo­lo­gi­schen Selbst­ver­ständ­nis nach, und dar­um ging und geht es auch in vie­lem, was wir seit 1945 neu ler­nen muss­ten und gelernt haben und was uns anschei­nend von der Refor­ma­ti­on trennt. Anschei­nend, denn ich bin über­zeugt, dass damit das Kern­an­lie­gen Luthers und der Refor­ma­ti­on, wie es bei­spiel­haft in dem vier­fa­chen solus der refor­ma­to­ri­schen Leh­re for­mu­liert ist, fest­ge­hal­ten, ja ver­stärkt wird: sola scrip­tu­ra, solus Chris­tus, sola fide und sola gra­tia.13

Das, was wir aus der neu­en Begeg­nung mit dem Juden­tum und der jüdi­schen Bibel gelernt haben, hat uns tie­fer in die­sen Kern der Refor­ma­ti­on hin­ein­ge­führt. Das wenigs­tens in Umris­sen anzu­deu­ten, möch­te ich in die­sem Vor­trag ver­su­chen. Dabei geht es mir nicht um die refor­ma­to­ri­sche Theo­lo­gie als sol­che, etwa um ihren his­to­ri­schen Sinn, son­dern es geht um den Ver­such, von die­sen Kern­be­grif­fen her und den Erfah­run­gen mit Ver­sa­gen und Neu­an­fang im letz­ten Jahr­hun­dert die bibli­sche Grund­la­ge heu­te zu for­mu­lie­ren. Ich ver­su­che eine sol­che Bün­de­lung von eini­gen, wich­ti­gen (es kann kei­nes­wegs um alle gehen) Grund­er­kennt­nis­sen aus dem christ­lich-jüdi­schen Dia­log von mei­nen Zugangs­mög­lich­kei­ten her und in mei­ner Spra­che, bin mir aber bewusst, dass ich dabei die Erkennt­nis­se von Vie­len auf­grei­fe und wei­ter­füh­re.

 

II. Sola scriptura

Die vier refor­ma­to­ri­schen Allein-For­mu­lie­run­gen hän­gen unter­ein­an­der aufs engs­te zusam­men, sie ergän­zen und beleuch­ten sich gegen­sei­tig. Den­noch ist das sola scrip­tu­ra die Grund­la­ge bzw. soll­te immer neu der Aus­gangs­punkt sein und wer­den, der die ande­ren mit­prä­gen muss. Alles hängt ja dar­an, dass die ande­ren schrift­ge­mäß sind. Ein nicht schrift­ge­mä­ßes solus chris­tus etwa wür­de alles in Fra­ge stel­len. Nun wird das Prin­zip sola scrip­tu­ra bei Luther vor allem durch die Vor­stel­lung bestimmt, dass die Schrift selbst ihre Aus­le­gung prä­gen muss, scrip­tu­ra sui ipsi­us inter­p­res.14

Der größ­te Sün­den­fall der Kir­che, ihr Anti­ju­da­is­mus, hängt aufs engs­te mit der Fra­ge nach dem Ver­hält­nis der bei­den Tei­le der christ­li­chen Bibel zusam­men.15 Denn an der Zuord­nung von Altem und Neu­em Tes­ta­ment ent­schei­det sich das Ver­ständ­nis aller ande­ren theo­lo­gi­schen The­men.16 Und mit der Neu­ent­de­ckung und Neu­be­wer­tung des Alten Tes­ta­ments wäh­rend des 3. Rei­ches bei Ger­hard v. Rad und Diet­rich Bon­hoef­fer war ein ers­ter Schritt zu einer Annä­he­rung an das Juden­tum getan. Wo wir heu­te (immer noch) ste­hen, zeigt eine klei­ne Beob­ach­tung in der schon erwähn­ten Rede von Wolf­gang Huber zur Eröff­nung der Luther­de­ka­de. Er fasst zu Beginn das theo­lo­gi­sche Zen­trum der Refor­ma­ti­on mit einem Zitat zusam­men, das, wie er sagt, aus dem Römer­brief stam­me (Röm 1,16f): „Der Gerech­te wird aus Glau­ben leben“.17 Die­ser klei­ne Vor­gang ist typisch und hun­dert­fach zu beob­ach­ten: Was zitiert wird, soll Pau­lus sein, ist aber nicht Pau­lus, son­dern ein Zitat im Zitat, denn Pau­lus zitiert hier bekannt­lich Hab 2,4. Beach­tet man das nicht, wird Ent­schei­den­des über­se­hen bzw. unsicht­bar gemacht: Für Pau­lus steht – wie für prak­tisch das gesam­te Neue Tes­ta­ment – , das was er theo­lo­gisch zu sagen hat, das, was von Jesus Chris­tus her gilt und ver­kün­det wird, bereits in sei­ner Bibel, unse­rem Alten Tes­ta­ment. Nicht gerin­ge­res also als der Kern der Recht­fer­ti­gungs­leh­re ist für Pau­lus wie auf sei­ne Wei­se auch für Luther mit einem Zitat aus dem Alten Tes­ta­ment for­mu­liert. Für die Luther­de­ka­de aber wird eben das ver­schwie­gen. Wie so oft in der nach­bi­bli­schen christ­li­chen Rezep­ti­on fällt die­se Grund­la­ge weg und das Spe­zi­fi­sche der Recht­fer­ti­gungs­leh­re wird allein neu­tes­ta­ment­lich, in die­sem Sin­ne allein von Jesus Chris­tus her for­mu­liert. Das wider­spricht aber der Leh­re des Pau­lus wie der des Neu­en Tes­ta­men­tes, und im Grun­de auch der Mar­tin Luthers.

Bestimmt man das Ver­hält­nis des Alten zum Neu­en Tes­ta­ment nach dem Grund­satz refor­ma­to­ri­scher Theo­lo­gie, wonach das sola scrip­tu­ra vor allem bedeu­tet, dass die Schrift sui ipsi­us inter­p­res sein muss, also allein aus der Schrift selbst, so ist das, was das Neue Tes­ta­ment als „die Schrift“ bezeich­net, der Wahr­heits­raum, in dem allein von dem gere­det wer­den kann, wor­um es dem Neu­en Tes­ta­ment geht. Geht man immer wie­der von den direk­ten und indi­rek­ten alt­tes­ta­ment­li­chen Bezü­gen aus und über­geht sie nicht, wie es weit­hin üblich ist, so ändert sich mit der Fra­ge nach dem ange­mes­se­nen Ver­hält­nis der bei­den Tes­ta­men­te vor allem die Wahr­neh­mung des Neu­en Tes­ta­ments deut­lich. Und erst dadurch, so behaup­te ich, wird die Ver­hält­nis­be­stim­mung schrift­ge­mäß. Die­ser Schritt gehört not­wen­dig zum refor­ma­to­ri­schen Grund­satz sola scrip­tu­ra hin­zu.

Für die Neu­zeit und damit auch die Gegen­wart stel­le, so kann man immer wie­der lesen, die his­to­risch-kri­ti­sche Exege­se fak­tisch so etwas wie die Auf­he­bung oder doch Ver­drän­gung bzw. Erschwe­rung des Prin­zips sola scrip­tu­ra dar.18 Die Pro­ble­me kön­nen und brau­chen hier nicht dis­ku­tiert zu wer­den. Wohl aber sei der Hin­weis erlaubt, dass es The­men gibt, wo gera­de eine his­to­ri­sche Betrach­tungs­wei­se in theo­lo­gi­schen Kern­fra­gen einen sach­ge­mä­ße­ren Zugang ermög­licht. Das gilt etwa für das tra­di­tio­nel­le Ver­ständ­nis alt­tes­ta­ment­li­cher Tex­te als Ver­hei­ßung im Sin­ne einer Vor­aus­sa­ge auf Chris­tus. Ein sol­ches Ver­ständ­nis gehört zu den stärks­ten und bis heu­te wir­kungs­volls­ten Säu­len für eine Wer­tung des Alten Tes­ta­ments als Chris­tus­zeug­nis. Doch dass Jahr­hun­der­te vor­her geschrie­be­ne Tex­te im Detail das vor­aus­sa­gen soll­ten, was dann im Neu­en Tes­ta­ment berich­tet wird, ist his­to­risch undenk­bar und wird ihnen auch theo­lo­gisch nicht gerecht. Kei­ne ein­zi­ge der etwa von Luther in sei­ner Schrift „Dass Jesus Chris­tus ein gebo­re­ner Jude sei“ (1523)19 ange­führ­ten alt­tes­ta­ment­li­chen Weis­sa­gun­gen, wel­che die Juden über­zeu­gen sol­len, dass der Mes­si­as schon lan­ge, eben mit Jesus von Naza­reth, gekom­men ist, kann man heu­te als Ver­weis auf Jesus Chris­tus lesen. Er führt hier gera­de nicht die bekann­ten mes­sia­ni­schen Ver­hei­ßun­gen an, wohl wis­send, dass ihre Ver­hei­ßun­gen über Frie­den und Gerech­tig­keit bis  heu­te nicht erfüllt sind, son­dern Stel­len wie Gen 3,15 (der Nach­kom­me Evas wird der Schlan­ge den Kopf zer­tre­ten); Jes 7,14 (eine jun­ge Frau/Jungfrau wird schwan­ger…) und Gen 49,10 (der Herr­scher in Juda wird sei­nen Esel an den Wein­stock bin­den und sei­nen Man­tel in Wein waschen). Sie kann heu­te nie­mand als Ver­wei­se auf den im Neu­en Tes­ta­ment bezeug­ten Mes­si­as lesen, und sie wol­len auch kaum so ver­stan­den wer­den. Da wo neu­tes­ta­ment­li­che Tex­te alt­tes­ta­ment­li­che zitie­ren, um von Jesus als dem Mes­si­as erzäh­len zu kön­nen, man den­ke etwa an die vie­len Zita­te und Anspie­lun­gen in der Pas­si­ons­ge­schich­te, ist ganz unbe­streit­bar, dass die neu­tes­ta­ment­li­chen bewusst die vor­ge­ge­be­nen alt­tes­ta­ment­li­chen Tex­te auf­grei­fen, und erst und nur so eine Aus­sa­ge über Chris­tus ent­steht – und nicht umge­kehrt. Dem ent­spricht es, dass das bekann­te Ver­hei­ßungs- Erfül­lungs-Sche­ma nach­neu­tes­ta­ment­lich ist.20 Es ist zuerst bei Jus­tin in der Mit­te des 2. Jh.s n. belegt und wird den Befun­den im Neu­en Tes­ta­ment nicht gerecht. Schon rein ter­mi­no­lo­gisch besa­gen die ver­wen­de­ten hebräi­schen und grie­chi­schen Wor­te mil­le)und pleroo/ voll­ma­chen, nicht das, nicht was ihnen dann unter­legt wird.

Weil also das Sche­ma Ver­hei­ßung-Erfül­lung heu­te nicht mehr funk­tio­niert, weil die Annah­me der­art weit­läu­fi­ger Vor­aus­sa­gen unglaub­wür­dig ist, ist an sei­ne Stel­le ein ver­brei­te­tes ande­res Sche­ma getreten.Danach zie­hen die neu­tes­ta­ment­li­chen Tex­te bzw. ihre Auto­rIn­nen im Sin­ne ihres Chris­tus­ver­ständ­nis­ses und von ihm her jeweils pas­sen­de oder pas­send gemach­te Aus­sa­gen der Schrift her­an. Das muss für uns heu­te nicht über­zeu­gend sein. Ent­schei­dend für die­se The­se ist, dass so das neu­tes­ta­ment­li­che Gesche­hen wie­der das prae hat und das über­le­ge­ne ist. Das Alte Tes­ta­ment wird wie­der auf eine Hilfs­funk­ti­on redu­ziert. Aber es lässt sich zei­gen, ich habe es jeden­falls ver­sucht und bin zutiefst davon über­zeugt, dass selbst in den Fäl­len, wo ein der­ar­ti­ger Vor­gang ange­nom­men wer­den kann, das theo­lo­gisch Ent­schei­den­de ihm vor­aus und zugrun­de liegt: die Gel­tung und damit die Wahr­heit der Schrift.21 Gel­tung und Wahr­heit der Schrift, also der Bibel Isra­els, wer­den gera­de nicht erst dadurch erzeugt, dass man die alt­tes­ta­ment­li­chen Tex­te auf Chris­tus bezieht. Das Neue Tes­ta­ment ist viel­mehr sei­nem eige­nen Ver­ständ­nis nach nur wahr, wenn und weil die Schrift wahr ist.

Das Ver­hält­nis zwi­schen den Tes­ta­men­ten ist nicht iden­tisch mit dem zwi­schen Juden­tum und Chris­ten­tum, aber es hat doch eine zen­tra­le Bedeu­tung dafür, nicht zuletzt für das an der Schrift ori­en­tier­te refor­ma­to­ri­sche Den­ken. Dabei spie­gelt es die not­wen­di­ge, die blei­ben­de Asym­me­trie: Das Alte Tes­ta­ment trägt wie das Juden­tum sei­ne Gel­tung und sei­ne Wahr­heit in sich, das Neue Tes­ta­ment ist wie der christ­li­che Glau­be auf die vor­gän­gi­ge Wahr­heit und ihre blei­ben­de Gel­tung ange­wie­sen. Eben das ist nach mei­ner Über­zeu­gung eine not­wen­di­ge Fol­ge aus dem refor­ma­to­ri­schen Grund­satz sola scrip­tu­ra.

 

III. Solus Christus

Ich wen­de mich in einem zwei­ten Schritt dem Grund­satz „allein Jesus Chris­tus“ zu. Er und Vari­an­ten davon wer­den immer wie­der als Gren­ze einer christ­lich-jüdi­schen Annä­he­rung ange­se­hen, mit ihm wer­den nicht sel­ten Rück­schrit­te begrün­det. Aus­gangs­punkt muss in der Tat sein, dass er für den christ­li­chen Glau­ben grund­le­gend und unauf­heb­bar ist. Die Bar­mer Theo­lo­gi­sche Erklä­rung hat das im 20. Jh. noch ein­mal deut­lich ein­ge­schärft. Aber wie ist er zu ver­ste­hen, und zwar biblisch, also im Rah­men von sola scrip­tu­ra zu ver­ste­hen? Ich den­ke, dass wir einem wirk­lich bibli­schen Ver­ständ­nis zwar näher gekom­men sind (und es gibt ja vie­le wich­ti­ge neue­re Arbei­ten dazu), aber es bis­her nicht in jeder Hin­sicht erreicht haben. Das liegt nicht zuletzt dar­an, dass hier stär­ker als bei ande­ren The­men die nach­bi­bli­schen Ent­wick­lun­gen und Aus­prä­gun­gen auch die Wahr­neh­mung der neu­tes­ta­ment­li­chen Aus­sa­gen beherr­schen. Man den­ke an die alt­kirch­li­che Tri­ni­täts- und Zwein­a­tu­ren­leh­re, aber genau so an die mit­tel­al­ter­li­che von Anselm gepräg­te Satis­fak­ti­ons- und Ver­söh­nungs­leh­re. Die­se und ande­re Kon­zep­te haben die Distanz zum Juden­tum fest­ge­schrie­ben und den Anti­ju­da­is­mus „essen­ti­ell“ gemacht. Die Art und Wei­se, wie etwa Luther sein Chris­tus­ver­ständ­nis in die Schrift hin­ein­las und sie dann wie­der­um dar­an maß, muss­te fast not­wen­di­ger­wei­se in der bekann­ten mas­si­ven Ver­ur­tei­lung der Juden enden. Für Luther leug­nen sie, weil sie nicht an Chris­tus glau­ben, auch den Vater, und sind damit Got­tes­leug­ner.22 Und so geis­tern bis heu­te in unse­ren Kir­chen mäch­ti­ge Vor­stel­lun­gen über Chris­tus her­um, die letzt­lich unbi­bli­scher Pro­ve­ni­enz sind. Weih­nach­ten kom­men sie nicht sel­ten beson­ders deut­lich her­aus. So war Ende letz­ten Jah­res immer wie­der in Zei­tungs­ar­ti­keln, Rund­funk­an­dach­ten, Pre­dig­ten usw. die For­mu­lie­rung zu hören: „Gott kommt in die Welt“, das sei der Sinn der Weih­nachts­bot­schaft. Das aber ist rei­ner Mar­ci­on! Nach Mar­ci­on war ja Gott vor Chris­tus nicht in der Welt, jeden­falls nicht der wah­re Gott. Und das hie­ße ja: die gan­ze Geschich­te Isra­els war eine Geschich­te ohne Gott!?

Wie also ist das refor­ma­to­ri­sche solus Chris­tus von der Schrift und zwar allein von der Schrift her zu ver­ste­hen? Ich kann und will nun nicht ver­su­chen, einen Über­blick über das zu geben, was dazu bis­her erar­bei­tet wor­den ist. Son­dern ich blei­be bei mei­nem Leis­ten, also dem Ver­such, die neu­tes­ta­ment­li­chen Aus­sa­gen über Chris­tus von den inner­bi­bli­schen Bezü­gen aus zu ver­ste­hen.

Mir scheint es ein not­wen­di­ger ers­ter Schritt zu sein, gera­de auch für die Chris­to­lo­gie, den Aus­gangs­punkt bei der Viel­falt und bis zur Wider­sprüch­lich­keit Bunt­heit der neu­tes­ta­ment­li­chen Aus­sa­gen zu neh­men, d.h. die Unter­schie­de aller­erst wahr­zu­neh­men und sie nicht von den spä­te­ren dog­ma­ti­schen Ent­wick­lun­gen her zu ver­ein­heit­li­chen. Dass eine sol­che Viel­falt, Brei­te und Bunt­heit theo­lo­gisch äußerst wich­tig und gera­de­zu kon­sti­tu­tiv ist, haben wir in Bezug auf die bibli­schen Got­tes­aus­sa­gen viel­leicht inzwi­schen gelernt. Gott im Sin­ne der Bibel ist ja gera­de nicht ein fest­lie­gen­der Begriff, der in die Aus­sa­gen hin­ein­ge­le­sen und ihnen damit über­ge­stülpt wer­den kann. Die bibli­schen Aus­sa­gen zusam­men­zu­zie­hen und das Ergeb­nis dann wie­der in die Tex­te zurück­zu­pro­ji­zie­ren, mag im Ver­ste­hens­pro­zess oft kaum zu ver­mei­den sein, es bedeu­tet aber jeweils auch einen gro­ßen Ver­lust und muss des­halb immer wie­der über­wun­den wer­den. Die Viel­falt und Wider­sprüch­lich­keit der bibli­schen Got­tes­aus­sa­gen gehört nicht in ein Vor­feld oder nur in die His­to­rie, son­dern ist unauf­heb­bar Teil der Sache. Und das dürf­te bei den neu­tes­ta­ment­li­chen Aus­sa­gen über Jesus als den Mes­si­as und Got­tes­sohn nicht grund­sätz­lich anders sein. Es mag Anläs­se geben, wo eine Sum­me bzw. Syn­the­se not­wen­dig und unver­meid­lich wird, doch sie dann wie­der in die Bibel hin­ein­zu­le­sen oder ihrer Wahr­neh­mung vor­zu­schal­ten, ist der Tod im Topf.

Der zwei­te ent­schei­den­de Schritt ist die Auf­de­ckung der Bezü­ge zur Schrift. Hier ist zu kon­sta­tie­ren: Es gibt im Neu­en Tes­ta­ment kei­ne theo­lo­gi­schen Aus­sa­gen über Jesus als den Chris­tus, die nicht aus der Schrift stam­men. Das zwei­fa­che „gemäß den Schrif­ten“, das Pau­lus in 1Kor 15,3f in dem von ihm zitier­ten Glau­bens­be­kennt­nis des frü­hen Chris­ten­tums kennt, ist typisch für das gesam­te Neue Tes­ta­ment. So erwei­sen sich die neu­tes­ta­ment­li­chen Aus­sa­gen über Auf­er­ste­hung und Erhö­hung durch­gän­gig als Schrift­aus­le­gung,23 die sich in wich­ti­gen Punk­ten nicht in das spä­te­re chris­to­lo­gi­sche Den­ken ein­fü­gen las­sen.

Ich möch­te hier ganz knapp auf zwei ande­re zen­tra­le The­men ver­wei­sen. Das eine sind die mes­sia­ni­schen Bezeich­nun­gen Jesu mit dem Messias/Gesalbtentitel als Zen­trum, aber auch etwa der Soh­nes­na­me, Men­schen­sohn, Got­tes­knecht u.a. Das sind ja alles Begrif­fe aus der Schrift, und ihr dadurch bestimm­ter Sinn lässt sich nicht in das nach­bi­bli­sche Ver­hei­ßungs-Erfül­lungs-Sche­ma pres­sen. Sie for­mu­lie­ren viel­mehr die vor­gän­gig alt­tes­ta­ment­lich und die blei­bend jüdi­schen Ver­hei­ßun­gen und Hoff­nun­gen und es geht in ihnen wei­ter­hin und blei­bend um Ver­hei­ßun­gen und Hoff­nun­gen. Die Bün­de­lung, die geschieht, indem der­art vie­le und durch­aus unter­schied­li­che Erwar­tungs­bil­der auf den einen Jesus von Naza­reth bezo­gen und so ver­eint wer­den, und die so erfol­gen­de Bestä­ti­gung die­ser Hoff­nun­gen ist das spe­zi­fisch Neu­tes­ta­ment­li­che. Die­se Ein­sicht ist im christ­lich-jüdi­schen Dia­log von Anfang an for­mu­liert wor­den: Nur wenn sich der christ­li­che Glau­be wie­der als mes­sia­ni­scher Glau­be ver­steht, ent­spricht er den neu­tes­ta­ment­li­chen Schrift­be­zü­gen. Das aber bedeu­tet zuerst und zuletzt, dass der christ­li­che Glau­be sich als Ein­tritt in die jüdi­sche Hoff­nungs­ge­schich­te ver­steht.

Ein ande­res Bei­spiel ist die Deu­tung des Kreu­zes­to­des Jesu und damit die Süh­ne­theo­lo­gie. Bei die­sem The­ma wird in den Kir­chen viel­fach über eine durch­aus pro­ble­ma­ti­sche Alter­na­ti­ve gestrit­ten: Ent­we­der gilt die im Kern von Anselm gepräg­te mit­tel­al­ter­li­che Leh­re von der Not­wen­dig­keit einer Ver­söh­nung des Vaters, oder aber es geht um „Not­wen­di­ge Abschie­de“24 von jeg­li­cher Form von Süh­ne- und Stell­ver­tre­tungs­theo­lo­gie. Rai­ner Stuhl­mann hat anläss­lich die­ser Gespens­ter­de­bat­te von der Unfä­hig­keit der evan­ge­li­schen Kir­che gespro­chen, ihre Leh­re von der Bibel her kor­ri­gie­ren zu las­sen.25 Gera­de hier aber erschließt erst das „nach den Schrif­ten“ den bibli­schen Sinn der Aus­sa­ge „gestor­ben für unse­re Sün­den“ (1Kor 15,3). Erst die Wahr­neh­mung des bibli­schen Zusam­men­hangs führt aus der fal­schen Alter­na­ti­ve her­aus.26

Doch die Ver­an­ke­rung der neu­tes­ta­ment­li­chen Aus­sa­gen über Chris­tus in der Schrift ist viel tie­fer und brei­ter als es allein in den Titeln und den direk­ten Aus­sa­gen über Leben und Ster­ben geschieht. Ich nen­ne als das bekann­tes­te und erfah­rungs­ge­sät­tigs­te Bei­spiel die Psal­men. Ein christ­li­cher Got­tes­dienst ohne sie ist kaum denk­bar, sie sind tiefs­ter Aus­druck christ­li­cher Fröm­mig­keit und ent­hal­ten doch nichts als Isra­els Got­tes­er­fah­rung. Man lese dazu nur Luthers Vor- und Nach­re­den über die Psal­men. „Willst du die hei­li­ge christ­li­che Kir­che gema­let sehen mit leben­di­ger Far­be und Gestalt, in einem klei­nen Bild gefas­set, so nimm den Psal­ter vor dich, so hast du einen fei­nen, hel­len, rei­nen Spie­gel, der dir zei­gen wird, was die Chris­ten­heit sei. Ja, du wirst auch dich selbst drin­nen …fin­den, dazu Gott selbst und alle Krea­tu­ren.“27 „Sum­ma, der Psal­ter ist eine rech­te Schu­le, dar­in man den Glau­ben und gut Gewis­sen zu Gott lernt, übet und stärkt.“28 Ich den­ke, wir soll­ten das, was die Psal­men und ihr christ­li­cher Gebrauch theo­lo­gisch bedeu­ten, uns selbst und ande­ren viel deut­li­cher und offen­si­ver ver­mit­teln, als es nicht sel­ten geschieht. Alles, was wir von Gott erfah­ren und glau­ben, ist hier gesagt, vor Jesus und ohne dass von ihm die Rede ist.

Was aber heißt dann die­ses solus? Wenn etwa im Koloss­erbrief davon die Rede ist, dass in Chris­tus „alle Schät­ze der Weis­heit und der Erkennt­nis ver­bor­gen“ sind (2,3), ja dass in ihm „die gan­ze gött­li­che Fül­le wohnt“ (2,9), so heißt das im bibli­schen Zusam­men­hang gera­de nicht, dass man von ihm aus oder gar allein von ihm aus die­se Fül­le erken­nen und gewin­nen kann, son­dern es heißt, dass der christ­li­che Glau­be die­se Schät­ze der Weis­heit und der Erkennt­nis, die­se gan­ze gött­li­che Fül­le, so wie sie Isra­el erfah­ren und in der Schrift for­mu­liert und nicht zuletzt eben in den Psal­men besun­gen hat, hier wie­der fin­det. „Der immer schon uns nahe war, stellt sich als Mensch den Men­schen dar“, wie es in einem end­lich ein­mal nicht mar­cio­ni­ti­schen Weih­nachts­lied heißt.29 Und die­se Kon­zen­tra­ti­on gibt es allein hier und nicht in ande­ren Mäch­ten und Gewal­ten, Gestal­ten oder Erfah­run­gen. Das stand 1933 in Fra­ge und das muss­te in Bar­men gesagt wer­den. Wird das „allein“ im solus chris­tus aber gegen die Schrift gewen­det wer­den, wie es immer noch so oft geschieht, wird bei­des, das sola scrip­tu­ra wie das solus Chris­tus in Fra­ge gestellt oder doch erheb­lich ver­dun­kelt.

 

IV. Sola fide

Dass der Psal­ter für Luther eine Schu­le des Glau­bens ist, haben wir gera­de gehört. Über­haupt ist Pau­lus genau wie Luther beim The­ma Glau­ben am ein­deu­tigs­ten. Denn für Pau­lus ist ja Abra­ham das gro­ße Vor­bild des Glau­bens (Röm 4). Die Men­schen, die in den pau­li­ni­schen Gemein­den neu zum Gott Isra­els kom­men, glau­ben wie er. Und für den Hebrä­er­brief waren auch schon Abel und Hen­och und Noah Vor­bil­der des Glau­bens eben­so wie dann eine gan­ze Ket­te von Män­nern und Frau­en durch die von der Schrift erzähl­te Geschich­te hin­durch (Hebr 11). Bei sola fide ist also die Kon­ti­nui­tät zur gesam­ten Geschich­te Isra­els seit ihren Anfän­gen bei den Vätern und Müt­tern der Gene­sis neu­tes­ta­ment­lich ganz unüber­seh­bar.

Dass das „allein“ bei die­sem Glau­ben, die­sem Ver­trau­en grund­sätz­lich in einem Gegen­satz zu den Wer­ken des Geset­zes ste­he, ist eine der Zuspit­zun­gen, die aus den Fron­ten der Refor­ma­ti­ons­zeit ver­ständ­lich wird. Sie wird aber bis heu­te wie­der­holt. Luther hat das „allein“ bekannt­lich in sei­ne Über­set­zung von Röm 3,28 hin­ein­ge­bracht, wo es im Grie­chi­schen nicht steht. Er ver­tei­digt es damit, dass nur so der inten­dier­te Sinn wirk­lich deut­lich wird und man kann ihm hier durch­aus im Prin­zip fol­gen30.30 Danach wird der Mensch gerecht „ohne des Geset­zes Wer­ke allein durch den Glau­ben“. Gemeint ist vom Zusam­men­hang her der Sache nach „ohne dass die gan­ze Tora getan wur­de“.31 Denn man darf beim Ver­ständ­nis von v. 28 nicht über­se­hen, dass der gan­ze Abschnitt damit beginnt (v. 21), dass Got­tes Gerech­tig­keit nicht aus den „Tat­fol­gen der Tora“ kommt, dass aber genau das durch die Tora selbst und die Pro­phe­ten bezeugt wird. Und der Abschnitt endet in v. 31 im unmit­tel­ba­ren Anschluss an v. 28 so: „wir rich­ten das Gesetz auf“ (Luther) bzw. wir „bestä­ti­gen …die Gel­tung der Tora“ (BigS). Eben dadurch dass, wie die Tora selbst sagt, Got­tes Gerech­tig­keit nicht aus dem mensch­li­chen Tun kommt, wird die Gel­tung der Tora bestä­tigt, so dass sie end­lich getan wer­den kann.

Was ist denn gemeint mit dem bibli­schen Begriff des Glau­bens resp. Ver­trau­ens? Doch nicht nur ein gedank­li­ches Kon­strukt, nicht ein fol­gen­lo­ses Für-Wahr-Hal­ten, son­dern ganz ein­deu­tig: eine Lebens­hal­tung. Glau­ben in die­sem empha­ti­schen Sin­ne heißt, sich so zu ver­hal­ten, als wenn das, wor­an man glaubt, wahr wäre, und zwar ein Ver­hal­ten in Gedan­ken (sicher auch), Wor­ten (aber eben nicht allein) und Wer­ken. Glau­ben als prak­ti­scher Leben­voll­zug schließt natür­lich Han­deln ein und zwar ein Han­deln nach der Tora als dem Wort Got­tes. Man kann biblisch gese­hen „glauben/vertrauen“ und ethi­sches Han­deln nicht tren­nen. Das zeigt nicht zuletzt die Her­kunft des Glau­bens­be­griffs aus Tex­ten wie Jes 7,9. Das berühm­te: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht“ ist ja hier zum Königs­haus gesagt und meint ein bestimm­tes poli­ti­sches bzw. hier sogar mili­tä­ri­sches Han­deln bzw. Nicht­han­deln, eben aus Ver­trau­en her­aus. Glau­ben hat mit der effek­ti­ven Über­win­dung von reli­giö­sem Gere­de durch eine Ent­spre­chung im rea­len Leben zu tun.

Dass Luther den Glau­ben ins Zen­trum rückt, ist im übri­gen im Zusam­men­hang des Jubi­lä­ums von 1917 gera­de von jüdi­schen Stim­men als unbe­zwei­fel­ba­re Gemein­sam­keit ange­se­hen wor­den: „Der Glau­be an den gnä­di­gen Gott ist der Geist Got­tes, der die gan­ze Bibel durch­weht. Und in die­sem Glau­ben füh­len wir uns mit Luthers Glau­ben ver­bun­den“, sag­te damals kein gerin­ge­rer als Her­mann Cohen.32

 

V. sola gratia

In den „Per­spek­ti­ven für das Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um 2017“ des Wis­sen­schaft­li­chen Bei­rats heißt es: Aus refor­ma­to­ri­scher Sicht gel­te, „im Glau­ben wird der Mensch zu der Per­son, die von Gott aner­kannt und so frei ist“.33 Zwar wird dann hin­zu­ge­fügt, dass die ein­schlä­gi­gen refor­ma­to­ri­schen Aus­sa­gen in der Fol­ge­zeit eine Eigen­dy­na­mik ent­fal­tet haben und so zu einer gesell­schaft­li­chen Kraft wur­de (was von den Kir­chen „durch­aus nicht immer begrüßt“ wur­de). Den­noch muss gesagt wer­den, dass die­ser Satz theo­lo­gisch eine Mons­tro­si­tät ist. Ich glau­be nicht, dass er das von Luther und der refor­ma­to­ri­schen Theo­lo­gie Gemein­te wirk­lich trifft. Aber wie das auch immer sei, von der Bibel her gese­hen ist die Aus­sa­ge ein­deu­tig falsch, ja eine Unge­heu­er­lich­keit. Er wür­de ja bedeu­ten, dass nur der (natür­lich rich­tig, weil christ­lich) Glau­ben­de Per­son ist, nur er von Gott aner­kannt und frei, ja dass nur der so Glau­ben­de letzt­lich Mensch ist. Eine sol­che The­se hängt offen­kun­dig mit Grund­an­sich­ten refor­ma­to­ri­scher Anthro­po­lo­gie und damit ein­her­ge­hen­den Ver­en­gun­gen von Recht­fer­ti­gung zusam­men und gera­de auch von dem, was sola gra­tia heißt. Ich spre­che die­se Fra­gen des­halb zum Abschluss unter die­ser Über­schrift an.

Wie kann es zu einer der­ar­ti­gen Aus­sa­ge kom­men, dass eigent­lich erst der rich­ti­ge Glau­be den Men­schen zu einer von Gott aner­kann­ten Per­son mache? Allen ande­ren Reli­gio­nen, den Juden vor­an, wird damit ja im Grun­de das Mensch­sein abge­spro­chen, vor allem aber wird ihnen abge­spro­chen, von Gott aner­kannt zu sein. Dahin­ter steht das augus­ti­ni­sche und von der Refor­ma­ti­on noch ver­schärf­te nega­ti­ve Men­schen­bild, wonach die Men­schen durch den „Fall“ die Sün­de vor jedem eige­nen Tun ererbt haben, und die­se Sün­de die Natur der Men­schen voll­kom­men ver­dor­ben hat. Die Men­schen sind „von Mut­ter­leib an voll böser Lust und Nei­gung“ (CA II), sind von sich aus zu Gutem nicht mehr fähig. Und dabei ist auch das Höchs­te ver­dor­ben wor­den, das ihnen in der Schöp­fung gege­ben wur­de, die Gott­eben­bild­lich­keit. Die­sem Nega­ti­ven wird dann die gött­li­che Gna­de ent­ge­gen­ge­setzt, die im Glau­ben ergrif­fen wird. Erst und nur so wird der Mensch wie­der zu einer von Gott aner­kann­ten Per­son. Dabei gehö­ren das mas­siv nega­ti­ve Men­schen­bild und die Hoch­schät­zung der Gna­de zusam­men, sie sol­len sich gegen­sei­tig bedin­gen. Die Fol­gen sind abzu­se­hen. Dass sich die Kir­chen etwa so lan­ge gegen die Aner­ken­nung von all­ge­mei­nen Men­schen­rech­ten gewehrt haben, darf des­halb nicht ver­wun­dern: In die­ser Sicht des Mensch­seins haben sie in der Tat alle Rech­te­ver­wirkt.

Die­ses Men­schen­bild und dann aber auch das dar­auf bezo­ge­ne Gna­den­ver­ständ­nis ist nicht biblisch. Der Kern­punkt der Kri­tik ist exege­tisch unbe­streit­bar und hängt – Gott sei dank –nicht an bestimm­ten Inter­pre­ta­tio­nen. Denn völ­lig unab­hän­gig von der Fra­ge, was genau unter der Gott­eben­bild­lich­keit zu ver­ste­hen ist, ist es ein­deu­tig, dass bei­de in Gen 1,26.28 ver­wen­de­ten Begrif­fe (zäläm; demut) auch noch nach dem Fall in Gen 5,1(demut).3 (demut; zäläm) bzw. nach der Flut in Gen 9,6 (zäläm) ver­wen­det wer­den. Die Men­schen blei­ben unein­ge­schränkt Bild Got­tes. Sie sind das auch als Sün­de­rin­nen und Sün­der, ja als Ver­bre­cher, und als Ungläu­bi­ge alle­mal. Der Sün­den­fall tan­giert das nicht. Es ist wirk­lich so etwas wie eine unver­lier­ba­re Men­schen­wür­de gemeint und an ihr hängt nach Gen 9 der abso­lu­te Schutz mensch­li­chen Lebens, nicht zuletzt als Auf­ga­be des (staat­li­chen) Gerichts­we­sens, und eben nicht nur christ­li­cher Staa­ten.

Wenn man das so Gesag­te mit den Aus­sa­gen aus der soge­nann­ten Para­dies­ge­schich­te in Gen 2f, wo ja nir­gends von Sün­de die Rede ist, zusam­men­denkt, wird es span­nend. Denn es geht offen­kun­dig weder um ein pes­si­mis­ti­sches Men­schen­bild noch um das Gegen­teil, dazu ist eben­falls kei­ner­lei Anlass, son­dern um ein rea­lis­ti­sches. Die Men­schen essen von der Frucht der Erkennt­nis von Gut und Böse und wer­den in die­ser Hin­sicht wie Gott (Gen 3,22). Sie bestim­men damit selbst und zwar in einer letz­ten Hin­sicht unaus­weich­lich, was sie für sich als rich­tig und falsch, als gut und böse anse­hen, und sie tun es durch ihr fak­ti­sches Ver­hal­ten. Selbst wenn ihnen – nach der For­mu­lie­rung von Mi 6,8 – gesagt wird, was gut ist, müs­sen sie eben das selbst rati­fi­zie­ren, indem sie es tun. Dass sie oft genug, wie zuerst Kain, das tun, was ihnen für sich selbst als gut und nütz­lich erscheint, liegt auf der Hand, Ego­is­mus ist das min­des­te. Doch das Gemein­te geht wei­ter, denn selbst da, wo sie das Gute wol­len, kann eben das in der Rea­li­sie­rung böse Fol­gen haben, wie in den Rah­men­sät­zen zur Flut­ge­schich­te fest­ge­stellt wird (Gen 6,5; 8,21). Wie oft gilt nicht: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht“ (Röm 7,19). Aber Kain kann auch vor sei­ner Tat auf die­se hin ange­spro­chen wer­den (Gen 4,7). Er muss nicht zum Mör­der wer­den tun, und es ist nicht so, dass die Men­schen abso­lut unfä­hig sind, das Gute auch nur zu wol­len.

Kein Zwei­fel, das Schlimms­te ist ihnen zuzu­trau­en, das hat die Geschich­te wahr­lich gezeigt, aber auch das Bes­te wird über sie gesagt. Sie blei­ben Bild Got­tes, und zwar Män­ner wie Frau­en (und hier wur­zelt die Gleich­heit), sie blei­ben Per­son und vor allem blei­ben sie, anders als es in den zitier­ten For­mu­lie­run­gen des Bei­rats angeb­lich die Refor­ma­ti­on sieht, von Gott aner­kannt. Allen Men­schen gilt die Fra­ge des 8. Psalms: „Was sind die Men­schen, dass du an sie denkst, ein Men­schen­kind, dass du nach ihm siehst?“ Gott küm­mert sich um alle, nicht nur um die, die an ihn „glau­ben“. Das zeigt Got­tes müt­ter­li­che Für­sor­ge nach dem Fall (Gen 3,21), das zei­gen gro­ße Gestal­ten wie Hiob oder Aus­sa­gen wie Am 9,7, wonach Gott nicht nur Isra­el aus Ägyp­ten, son­dern auch die Phi­lis­ter aus Kaf­tor und Aram aus Kir her­aus­ge­führt hat, das zei­gen die Selig­prei­sun­gen der Berg­pre­digt. Sicher dürf­te gel­ten, dass Isra­el ein sol­ches Men­schen­bild aus den eige­nen Erfah­run­gen mit dem Gott Isra­els gewon­nen hat. Umso wich­ti­ger ist es aber doch, dass aus die­sem Glau­ben sol­che Aus­sa­gen über das Mensch­sein an sich, über alle Men­schen fol­gen.

Nein, die Ver­ach­tung der ande­ren, die Vor­stel­lung, dass das Per­son­sein und die Aner­ken­nung durch Gott nur im rich­ti­gen, im eige­nen Glau­ben erfolgt, ist nicht biblisch. Die schreck­li­che Geschich­te von Hass und Ver­ach­tung der Kir­che gegen­über dem Juden­tum zuerst, aber gegen­über so vie­len ande­ren Reli­gio­nen und Kul­tu­ren34 hängt mit die­sem Miss­ver­ständ­nis zusam­men. Und die Gna­de, das sola gra­tia, wird nicht klei­ner, wenn man die Men­schen biblisch-rea­lis­tisch sieht, sie wird viel­mehr grö­ßer, wenn sie auf das Mensch­sein als Gan­zes gerich­tet ist, auf sei­ne Grö­ße – „wenig gerin­ger als Gott“ (Ps 8,6) – wie auf sei­ne Gefähr­dun­gen, sein Leben wie sei­nen Tod. Die Welt wie unser gan­zes Leben ist ein Geschenk, völ­lig gra­tis, das wir uns nicht selbst gemacht haben.

Die refor­ma­to­ri­sche Recht­fer­ti­gungs­leh­re mit ihrer Kon­zen­tra­ti­on auf Schuld und Unfä­hig­keit der Men­schen, auf die allen gemein­sa­me Schuld zuerst und sehr viel weni­ger auf die kon­kre­ten, rea­len his­to­ri­schen Schuld­ver­wick­lun­gen, die­se Recht­fer­ti­gungs­leh­re, das Kern­stück der Refor­ma­ti­on, ist zutiefst biblisch, aber sie ist biblisch gese­hen nur ein Aus­schnitt aus einem grö­ße­ren Gan­zen.35 Got­tes Han­deln ist nicht nur auf die Schuld der Men­schen bezo­gen, das ist eine Ver­en­gung mit u. U. pro­ble­ma­ti­schen Fol­gen. Gott wen­det sich – zuerst exem­pla­risch bei Isra­el – den Men­schen in ihren Nöten zu. Dabei steht mit dem Exo­dus eine poli­tisch-sozia­le Unter­drü­ckungs- und Unfrei­heits­la­ge am Beginn, die nicht, nir­gends, auf eine Schuld Isra­els zurück­ge­führt wird. Und eine ent­spre­chen­de Brei­te mensch­li­cher Not und gött­li­cher Hil­fe fin­den wir in den Kla­gen des Psal­ters und den dar­auf bezo­ge­nen Ret­tungs­ta­ten Got­tes, Schuld ist dabei eine von ver­schie­de­nen aus­weg­los schei­nen­den Lagen, aber nicht die ein­zi­ge. Und so ist es auch in den Erzäh­lun­gen der Evan­ge­li­en über das Han­deln Jesu. Das Evan­ge­li­um, um das es geht, wird dabei so cha­rak­te­ri­siert: „5Blinde sehen, Gelähm­te gehen umher, Lepra­kran­ke wer­den rein und tau­be Men­schen kön­nen hören. Tote wer­den auf­ge­weckt, die Armen brin­gen die Freu­den­bot­schaft“ (Mt 11,5; vgl. Lk 4,18-21) Alles auf die Recht­fer­ti­gung der Sün­der abzu­stel­len ist eine Eng­füh­rung, die auf einem unbi­bli­schen Men­schen­bild beruht und frag­wür­di­ge Fol­gen gehabt hat und haben kann.

An einer sol­chen Ein­sicht hängt viel für die Zukunft der Kir­che. Ich ver­wei­se des­halb zum Schluss dar­auf, dass an die­sem bibli­schen Men­schen­bild letzt­lich die Mög­lich­keit hängt, ein ent­spann­tes, ein im Kern posi­ti­ves Ver­hält­nis zu ande­ren Reli­gio­nen zu fin­den. Und das dürf­te für das Zusam­men­le­ben auf dem klei­ner wer­den­den Glo­bus uner­läss­lich sein. Auch die Men­schen ande­ren Glau­bens sind und blei­ben Eben­bil­der Got­tes, sind von Gott nicht nur abs­trakt geliebt und so Mis­si­ons­ob­jek­te, son­dern sind in ihren Wegen und Lebens­for­men von Gott gelei­tet. Auch bei ihnen ist, wie etwa Abra­ham bei den Phi­lis­tern ler­nen muss­te, Got­tes­furcht (Gen 20,11), Respekt vor Gott. Immer wie­der von der Grö­ße der eige­nen Erfah­run­gen mit Gott aus­ge­hend das Han­deln Got­tes an allen Men­schen, bei den ande­ren, zu ent­de­cken, gehört zu dem Vie­len und Wich­ti­gen, was wir, so steht zu hof­fen, dabei sind aus der hebräi­schen Bibel zu ler­nen.

  1.  Das Fol­gen­de nimmt dank­bar Fäden auf, die nicht zuletzt Klaus Wengst seit lan­gem ent­wi­ckelt hat. Genannt sei­en bei­spiel­haft: K. Wengst, Glau­be und Recht­fer­ti­gung, in: ders. Jesus zwi­schen Juden und Chris­ten, Stutt­gart u.a. 1999, 126-138; ders., Per­spek­ti­ven für eine nicht-anti­jü­di­sche Chris­to­lo­gie. Beob­ach­tun­gen und Über­le­gun­gen zu neu­tes­ta­ment­li­chen Tex­ten, EvTh 59, 1999, 240-151; ders., „Freut euch, ihr Völ­ker, mit Got­tes Volk!“ Isra­el und die Völ­ker als The­ma des Pau­lus – ein Gang durch den Römer­brief, Stutt­gart 2008; ders., „… dass der Gesalb­te gemäß den Schrif­ten für unse­re Sün­den gestor­ben ist“. Zum Ver­ste­hen des Todes Jesu als stell­ver­tre­ten­de Süh­ne im Neu­en Tes­ta­ment, EvTh 72, 2012, 22-39.
  2. Vor­trag bei der KLAK-Dele­gier­ten­ver­samm­lung, Ber­lin-Schwa­nen­wer­der 21.1.2012. Der Vor­trags­cha­rak­ter ist bei­be­hal­ten und nur durch weni­ge, exem­pla­ri­sche Lite­ra­tur­ver­wei­se ergänzt wor­den.
  3. Dazu: D. Wen­de­bourg, Die Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­en des 19. Jahr­hun­derts, ZThK 108, 2011, 270-335. Zu den älte­ren Fei­ern s. Th. Kauf­mann, Refor­ma­ti­ons­ge­den­ken in der Frü­hen Neu­zeit. Bemer­kun­gen zum 16. bis 18. Jahr­hun­dert, ZThK 107, 2010, 285-324.
  4.  Zur mit­tel­al­ter­li­chen „semantische(n) Assi­mi­la­ti­on“ s. etwa G. Dohrn-van Ros­sum, Art. Jubi­lä­um, in: Enzy­klo­pä­die der Neu­zeit Bd,. 6, Stuttgart/Weimar 2007, Sp. 5256 (Lit.).
  5. Fest­re­de zur Eröff­nung der Luther­de­ka­de in der Schloss­kir­che zu Wit­ten­berg, 21. Sep­tem­ber 2008. Text unter ekd​.de.
  6.  Kon­zep­ti­ons­schrift des Wis­sen­schaft­li­chen Bei­rats der Luther­de­ka­de, Text unter: luther2017​.de.
  7. In Bewe­gung blei­ben“ – Chan­cen­ge­rech­tig­keit von Män­nern und Frau­en zur Luther­de­ka­de, hg. Refe­rat zur Chan­cen­ge­rech­tig­keit der EKD, www​.luther2017​.de.
  8.  Per­spek­ti­ven für das Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um Nr. 20.
  9. Ebd. Nr. 11.
  10.  Bes. Th. Kauf­mann, Das schwie­ri­ge Erbe der Refor­ma­ti­on, FAZ v. 14. Nov. 2011, S. 7. Er spricht von der „his­to­ri­schen Red­lich­keit“, die dazu zwin­ge, von den übli­chen Kli­schees, wie er sie auch in den Tex­ten Hubers und des Wis­sen­schaft­li­chen Bei­ra­tes fin­det, Abstand zu neh­men.
  11.  Ebd. Nr. 12.
  12. Dazu: H. Kre­mers Hg., Die Juden und Mar­tin Luther – Mar­tin Luther und die Juden. Geschich­te – Wir­kungs­ge­schich­te – Her­aus­for­de­rung, Neu­kir­chen 1985; zuletzt: Th. Kauf­mann, Luthers „Juden­schrif­ten“. Ein Bei­trag zu ihrer his­to­ri­schen Kon­tex­tua­li­sie­rung, Tübin­gen 2011.
  13.  Das sola fide über­setzt Luther bekannt­lich ver­deut­li­chend in Röm 3,28 hin­ein, Er ver­tei­digt es in sei­nem „Send­brief vom Dol­met­schen“ und es wird z.B. auch in der Apo­lo­gie der Con­fes­sio Augusta­na expli­zit gegen Kri­tik ver­tei­digt (IV, BSLK 174). Das sola scrip­tu­ra steht aus­drück­lich in der Kon­kor­di­en­for­mal (Ein­lei­tung zur Epi­to­me, BSLK 769), sach­lich aber natür­lich schon bei Luther. Die Regis­ter­bän­de der WA ermög­li­chen rasch einen Über­blick über Luthers Sprach­ge­brauch. Die For­mel vom vier­fa­chen „Allein“ ist deut­lich nach­re­for­ma­to­risch, weil sich bei Luther z.B. auch ande­re gewich­ti­ge solus-Aus­sa­gen fin­den, bezo­gen auf Gott, das Wort u.a.
  14.  Vgl. etwa G. Ebe­ling, „Sola srip­tu­ra“ und das Pro­blem der Tra­di­ti­on, in: ders., Wort Got­tes und Tra­di­ti­on. Stu­di­en zu einer Her­me­neu­tik der Kon­fes­sio­nen, Göt­tin­gen 1964, 91-143.
  15.  Dazu F. Crü­se­mann, Das Alte Tes­ta­ment als Wahr­heits­raum des Neu­en. Die neue Sicht der christ­li­chen Bibel, Güters­loh 2011.
  16. So mit Recht A. H. J. Gun­neweg, Vom Ver­ste­hen des Alten Tes­ta­ments. Eine Her­me­neu­tik, GAT 5, Göt­tin­gen 1977,7f.
  17.  Fest­re­de zur Eröff­nung der Luther­de­ka­de, II.
  18.  Hier sieht auch Kauf­mann, Das schwie­ri­ge Erbe, das heu­ti­ge Haupt­pro­blem.
  19.  WA 11, 314-336, s.a.: Aus­ge­wähl­te Wer­ke, Erg. Rei­he Bd. III, Mün­chen 1938, 1-28.
  20.  Hier­zu vgl. Crü­se­mann, Wahr­heits­raum 229ff.
  21.  Bes. Crü­se­mann, Wahr­heits­raum 294ff.
  22. Dazu bes. Wengst, Per­spek­ti­ven für eine nicht-anti­jü­di­sche Chris­to­lo­gie, 240ff.
  23. Dazu Crü­se­mann, Wahr­heits­raum 261ff. 288ff.
  24.  So der pro­gram­ma­ti­sche Titel von K.-P. Jörns, Not­wen­di­ge Abschie­de. Auf dem Weg zu einem glaub­wür­di­gen Chris­ten­tum,Güters­loh 3.Aufl.2006, 286ff; vgl.a.B.Müller, Für unse­re Sün­den gestor­ben? Ein Bei­trag zur aktu­el­len Dis­kus­si­on, Rei­chen­bach 2010.
  25. Wenn die Opfer ver­ges­sen wer­den. Kri­ti­sche Anmer­kun­gen zur gegen­wär­ti­gen Dis­kus­si­on über die Deu­tung des Todes Jesu, EvTh 72, 2012, 64-75.
  26.  Für das Neue Tes­ta­ment bes. Wengst, Zum Ver­ste­hen des Todes Jesu; für sys­te­ma­ti­sche Zusam­men­hän­ge B.Klappert, „Alles mensch­li­che Leben ist durch Stell­ver­tre­tung bestimmt“ (D. Bon­hoef­fer). Oder: Sie­he, das Lamm GOT­Tes, das die Sün­de der Welt (er-)trägt (Joh 1,29), EvTh 72, 2012, 39-63.
  27.  Zwei­te Vor­re­de auf den Psal­ter (1528), WA DB 10/1, 98-105; Text nach H. Born­kamm Hg., Luthers Vor­re­den zur Bibel, Göt­tin­gen 1989, 69.
  28.  Nach­wort zum Psal­ter (1525), WA 10/1, 588; Born­kamm, a.a.O. 70.
  29.  EG 56,1 (Die­ter Traut­wein 1963).
  30.  Zum umstrit­te­nen Ver­ständ­nis von Röm 3 s. K. Wengst, „Freut euch, ihr Völ­ker“ 189ff; M. Crü­se­mann, „Heißt das, das wir die Tora durch das Ver­trau­en außer Kraft set­zen?“ Röm 3,28-31 und die ‚Bibel in gerech­ter Spra­che’, in: K. Schiff­ner u.a., Fra­gen wider die Ant­wor­ten, FS J. Ebach, Güters­loh 2010, 486-500.
  31. Über­set­zung C. Jans­sen, in: Bibel in gerech­ter Spra­che, 4. erwei­ter­te und ver­bes­ser­te Aufl. (= Taschen­aus­ga­be), Güters­loh 2011.
  32.  Zu Mar­tin Luthers Gedächt­nis, Neue Jüdi­sche Monats­hef­te 2, 1917/18 (25. Okt. 1917), = ders., Wer­ke, Bd. 17, Hil­des­heim 2002, 532-549 (537). Deut­lich anders z.B. S. Krauss, Luther und die Juden, Der Jude. Eine Monats­schrift, Heft 8, 1917, 544-547.
  33.  Per­spek­ti­ven Nr. 11, vgl. Nr. 8.
  34.  Vgl. etwa Th. Kauf­mann, „Türcken­büch­lein“. Zur christ­li­chen Wahr­neh­mung „tür­ki­scher Reli­gi­on“ in Spät­mit­tel­al­ter und Refor­ma­ti­on, FKDG 97, Göt­tin­gen 2008.
  35.  Auf die­se Eng­füh­rung hat vor allem J. Molt­mann immer wie­der hin­ge­wie­sen, etwa in: ders., Die Recht­fer­ti­gung Got­tes, in: R. Weth Hg., Das Kreuz Jesu. Gewalt – Opfer – Süh­ne, Neu­kir­chen 2001, 120-141.
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Frank Crüsemann

Dr. Frank Crüsemann ist emeritierter Professor für Altes Testament. Geb. 1938 in Bremen. Studium der evangelischen Theologie. Promotion 1968 in Mainz mit einem Psalmenthema. Habilitation für Altes Testament 1975 in Heidelberg. 1972-1982 Beteiligung an archäologischen Grabungen in Israel. 1980-2004 Prof. für Altes Testament an der kirchlichen Hochschule Bethel, Bielefeld. Seit ca. 1990 institutionelle Beteiligung am christlich-jüdischen Dialog. Wissenschaftliche Schwerpunkte: Sozial- und Rechtsgeschichte des alten Israel; Hermeneutik und Theologie des Alten Testaments und der christlichen Bibel; Erneuerung des Verhältnisses zum Judentum. Wichtigste Publikationen: Die Tora. Theologie und Sozialgeschichte des alttestamentlichen Gesetzes, 1992, 3. Aufl. 2005; Das Alte Testament als Wahrheitsraum des Neuen. Die neue Sicht der christlichen Bibel, 2011, 2. Auf. 2015.

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