Thesen zum Podium »Reformationsjubiläum als ›Christusfest‹? Auf der Suche nach einer nicht antijüdischen Christologie«

Deutscher Evangelischer Kirchentag Berlin-Wittenberg: Zentrum Juden und Christen

Podium „Reformationsjubiläum als ‚Christusfest‘? Auf der Suche nach einer nicht antijüdischen Christologie“

Podium »Reformationsjubiläum als ›Christusfest‹? Auf der Suche nach einer nicht antijüdischen Christologie« © HGVorndran

Podium »Reformationsjubiläum als ›Christusfest‹? Auf der Suche nach einer nicht antijüdischen Christologie« © HGVorndran

Thesen

  1. Wir wollen unsere Bilder im Kopf überprüfen: Haben wir immer noch den „arischen“ Jesus unserer Kinderbilderbibeln im Kopf oder trägt unser Jesus (wie die Evangelien es beschreiben) jüdische Gebetsfäden auf unseren Bildern von ihm? Max Liebermann wurde 1879 noch gezwungen, den jüdischen Jesus für die wilhelminische Gesellschaft nach deren Vorstellungen zu übermalen. Wir können ihn heute unter solchen Übermalungen gemeinsam mit dem Judentum freilegen (Amos Oz).
  2. Wir sollten unser Reden über die Bedeutung Jesu rekontextualisieren in seiner Lebenswelt: Golgatha ist nicht überall, sondern war ein Ort vor den Toren Jerusalems und liegt heute mitten in dieser Stadt. Jesus von Nazareth gehört in eine ganz bestimmte jüdische Lebenswelt. Das Christentum ist daher keine Konstruktion allgemeiner Bedeutung durch deutsche neuzeitliche Philosophen, sondern ruht auf Person, Wort und Werk des Juden Jesus. Es steht also eine unabweisbare Konkretheit am Beginn seiner Geschichte. Diese darf nicht verloren gehen und das macht die „geschichtliche Verletzlichkeit“ des Christentums aus (Christoph Schwöbel).
  3. Wir wollen entdecken, welche theologische Bedeutung die Tatsache hat, dass Jesus von Nazareth ein Jude in einer bestimmten jüdischen Lebenswelt war: Man muss ihn so verstehen, wie er sich selbst verstanden hat: Vor dem Hintergrund seiner Bibel, unseres Alten Testaments. Tut man dies, wird deutlich, dass noch nicht alle Hoffnungen der Hebräischen Bibel für diese Welt mit dem Leben und Sterben Jesu abgegolten sind. Gott hat noch mehr und Anderes für diese Welt vor, als bereits geschehen ist. Wenn das Judentum das Christentum fragt, woran man denn in dieser Welt sehen kann, dass der Messias gekommen ist, dann wird deutlich, dass Juden wie Christen auf eine Vollendung der Welt in der Zukunft hoffen. Die unabgegoltene Hoffnung auf Zukunft muss in der Christologie deutlicher zur Geltung kommen.
  4. Wir nehmen die Entdeckungen im christlich-jüdischen Dialog ernst, wenn wir unsere Aussagen über Jesus Christus (auch die der Tradition) kritisch prüfen und problematische Aussagen entschlossen revidieren. So wie sich die Barmer Theologische Erklärung von 1934 gegen ihre Ursprungsintention zu einem Bekenntnis nahezu aller evangelischen Landeskirchen entwickelt hat, so sind die Aussagen des Rheinischen Synodalbeschlusses von 1980 inzwischen in die meisten Grundordnungen der Gliedkirchen der EKD eingegangen. Ähnliches darf man für die Erklärungen der EKD-Synoden über das Verhältnis zum Judentum in der Reformationsdekade hoffen. Auf diese Entwicklung können wir hinweisen, wenn uns die Frage gestellt wird, ob der christlich-jüdische Dialog Folgen für das Bekenntnis der Evangelischen Kirchen hat oder nicht (Walter Homolka).
  5. Wir sollten wahrnehmen, dass es in der plural verfassten und strukturierten Wirklichkeit der weltweiten Christenheit sehr unterschiedliche Formen des Nachdenkens und Redens über Jesus Christus gibt, auch in der Christenheit hierzulande. So wenig wie man den Anspruch christlichen Bekennens auf Wahrheit einfach dispensieren kann und in einer Gesellschaft dispensieren sollte, in der Menschen ihre eindeutigen Irrtümer (beispielsweise fake news) damit rechtfertigen, dass sie das eben so sehen, so klar sollte sein, dass Wahrheit im Christentum wie im Judentum ausschließlich Gottesprädikat ist. Insofern beschreiben Christenmenschen in ihrem Bekenntnis, wer Jesus von Nazareth für sie ist und was er ihnen über Gott zeigt. Da auch im Judentum von diesem Gott geredet wird, gibt es gute theologische Gründe, auf die unterschiedlichen Sichtweisen und Wahrheitsansprüche im Judentum zu hören und das intensive Gespräch untereinander zu suchen, gastfreundlich zu sein, wie es Jesus von Nazareth war: Notwendig ist eine neue „dogmatische Gastfreundlichkeit“ des Christentums insbesondere gegenüber dem Judentum, aber auch gegenüber dem Islam (Christoph Markschies).
  6. Wir werden angesichts solcher Einsichten, die wir dem Wunder eines erneuerten christlich-jüdischen Gesprächs nach der Schoah verdanken, unsere Ausbildung von Theologiestudierenden ebenso wie die kirchlichen Bildungsangebote überprüfen müssen. Wir werden darin mehr Wissen vermitteln und mehr Kontakte mit Judentum in Vergangenheit und Gegenwart pflegen. Dafür liegen inzwischen hilfreiche Vorschläge vor (Reform der Reformation. Zum Stand und Stellenwert jüdisch-christlicher Lehrinhalte in der theologischen Ausbildung, EPD-Dokumentation 21/2017), die auch für andere Bildungszusammenhänge der evangelischen (und katholischen) Kirchen fortgeschrieben werden sollten.

 

Literaturhinweis

 

Über den Gastautoren

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Christoph Markschies, © Thomas Meyer/OSTKREUZ

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Christoph Markschies, © Thomas Meyer/OSTKREUZ

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Christoph Markschies ist Professor für Ältere Kirchengeschichte (Patristik) an der Humboldt-Universität zu Berlin; seit 2012 ist er Vizepräsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, seit 2014 Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Deutsch-Israelisches Zukunftsforum und seit 2015 Leiter des Instituts Kirche und Judentum. 2001 wurde er mit dem Leibniz-Preis ausgezeichnet.

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