Warum der Trialog den Dialog nicht ersetzt

Zunächst scheint es schlüs­sig: Das „Pro­blem Islam“ ver­ur­sacht im Augen­blick gro­ße inter­na­tio­na­le Ver­wer­fun­gen, die auch in Deutsch­land ankom­men und ange­gan­gen wer­den müs­sen. Der sich mus­li­misch geben­de Ter­ro­ris­mus, die Isla­mi­sie­rung der deut­schen oder in Deutsch­land leben­den Mus­li­me, die feind­li­che Hal­tung der letz­ten Jahr­zehn­te den Ein­wan­de­rern aus mus­li­mi­schen Län­dern gegen­über, die merk­wür­di­ger­wei­se hier roman­ti­scher Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus genannt wird, die kei­nen ernst­haf­ten Aus­tausch und kein gegen­sei­ti­ges Ver­ständ­nis pro­du­ziert, schrei­en mach ernst­haf­tem inter­re­li­giö­sem Gespräch. Bedeu­tet das, dass wir das jüdisch-christ­li­che Gespräch um einen mus­li­mi­schen Gesprächs­part­ner erwei­tern müs­sen? Ich den­ke nein.Ohne Fra­ge brau­chen wir das christ­lich-mus­li­mi­sche Gespräch dort, wo mit den je unter­schied­li­chen Rol­len­fra­gen sen­si­bel umge­gan­gen wird, lässt sich in Deutsch­land auch ein Tria­log den­ken. Ganz sicher ersetzt er das jüdisch-christ­li­che Gespräch nicht. Wer die­se Ergän­zung zuun­guns­ten des jüdisch-christ­li­chen Gesprächs for­dert, sug­ge­riert, dass die­ses sich erle­digt hat. Das Gegen­teil ist wahr. Geht doch die Fik­ti­on des „Erle­digtseins“ von einer fal­schen theo­lo­gi­schen Vor­aus­set­zung aus. Juden und Chris­ten sind nicht nur his­to­risch, son­dern theo­lo­gisch auf­ein­an­der bezo­gen. Ins­be­son­de­re gilt das für die Chris­ten, kei­nen Satz, den sie aus der Hei­li­gen Schrift lesen kön­nen, der nicht jüdi­sche Hin­ter­grün­de, jüdi­sche Rea­li­tä­ten auf­ruft. Wir lesen die­sel­ben Schrif­ten in ande­rer Anord­nung, das tei­len wir mit kei­ner ande­ren Reli­gi­on. Sicher­lich haben „wir drei“ in Abra­ham einen gemein­sa­men Bezugs­punkt, aber die so direk­te und damit natür­lich auch span­nungs- und (wenn wahr­ge­nom­men ein­zig­ar­tig) lehr­rei­che Bezie­hung gibt es nur zwi­schen Juden und Chris­ten. Das mach­te die­ses bila­te­ra­le Gespräch auch noch spe­zi­fisch nötig, wenn es sei­nen ande­ren Grund ver­lo­ren hät­te, den blei­ben­den Anti­ju­da­is­mus der Chris­ten in Deutsch­land.

Sicher­lich ist seit der Grün­dung von Akti­on Süh­ne­zei­chen Frie­dens­diens­te und der AG Juden und Chris­ten beim Deut­schen Evan­ge­li­schen Kir­chen­tag, der Zeit von nos­tra aeta­te und dem Besuch des Paps­tes in Isra­el vie­les Posi­ti­ves in der Ver­hält­nis­be­stim­mung zwi­schen Chris­ten und Juden gesche­hen. Aber sind wir schon soweit, dass die christ­li­che Theo­lo­gie die jüdi­sche Aus­le­gung des soge­nann­ten Alten und auch des Neu­en Tes­ta­men­tes mit­denkt? Spü­ren die Men­schen in den Kir­chen, dass mit „ihrem“ Anti­ju­da­is­mus ein tra­gen­des Ele­ment der Nazi-Ideo­lo­gie bereit­ge­stellt war?

Auf­grund der Erfah­run­gen nicht zuletzt im Natio­nal­so­zia­lis­mus müs­sen wir sagen: Das Jüdisch-christ­li­che Gespräch ist dann für den ech­ten Dia­log gerüs­tet, wenn Juden in den Kir­chen einen ver­läss­li­chen Bünd­nis­part­ner und Für­spre­cher in einer immer mal wie­der feind­lich gestimm­ten Umwelt sehen. Und dann gibt es noch anein­an­der und für­ein­an­der noch soviel zu ent­de­cken, was spe­zi­fisch in die­ser jüdisch-christ­li­chen „Zwei­er­be­zie­hung“ ist, dass die­se Fokus­sie­rung auch in fer­ner Zukunft, ver­mut­lich bis zum Ende der Zei­ten, wo wir sehen wer­den, wer der kom­men­de Mes­si­as ist, der Gott alles zu Füßen legen wird, nicht obso­let wer­den wird.

Wich­tig scheint mir, zu sehen, dass wir im Zwie­ge­spräch noch viel vor uns haben. Wenn eine Schrift der EKD „Christ­li­cher Glau­be und nicht­christ­li­che Reli­gio­nen“ völ­lig ohne Ver­weis auf die Bezie­hung zum Juden­tum aus­kommt und for­mu­lie­ren kann: „In ihm (Jesus Chris­tus) ist Gott der Mensch­heit geschicht­lich-kon­kret begeg­net“ ohne die kon­kre­te geschicht­li­che Begeg­nung Got­tes mit dem Volk Isra­el auch nur zu erwäh­nen und die­se bei­den Erschei­nun­gen in Bezie­hung zuein­an­der zu set­zen, dann ist deut­lich, wie weit der Weg noch ist. (EKD Tex­te 77, Han­no­ver 2003, S.8)

Vor die­sem Hin­ter­grund kann ich einer Posi­ti­on, die das bila­te­ra­le Gespräch ablö­sen möch­te zuguns­ten des tri­la­te­ra­len nur den Ver­dacht haben, dass hier der Kom­ple­xi­tät und dem Wan­del, den das Chris­ten­tum in die­ser Hin­sicht spe­zi­fisch bezo­gen auf sei­ne Bezie­hung zum Juden­tum noch vor sich hat, aus­ge­wi­chen wer­den soll, oder zumin­dest die Gefahr eines sol­chen Aus­wei­chen-Wol­lens unter­schätzt wird. Ohne die Erkennt­nis­se des tri­la­te­ra­len Gesprächs des­avou­ie­ren zu wol­len, ist der Ertrag ein ande­rer und das spe­zi­fi­sche Poten­ti­al des jüdisch-christ­li­chen Gesprächs gera­de in selbst­kri­ti­scher christ­li­cher Per­spek­ti­ve noch nicht annä­hernd erschöpft.

Zuerst erschie­nen in der Jüdi­schen All­ge­mei­nen Wochen­zei­tung.

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Christian Staffa

Dr. Christian Staffa ist Studienleiter für Demokratische Kultur und Kirche an der Evangelischen Akademie zu Berlin und Mitglied des Vorstandes der AG Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag; langjähriger Geschäftsführer von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. (ASF); Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung AMCHA, Mitglied des Kuratoriums Instituts Kirche und Judentum, Mitglied im SprecherInnerat der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus und Vorstandsmitglied der Martin-Niemöller-Stiftung.

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