Ein Zwischenruf: Von einer, die auszog zu lernen

Dies ist ein Zwi­schen­ruf aus Betrof­fe­nen­per­spek­ti­ve. Ich schrei­be ihn als Vika­rin, die nun fast am Ende ihrer Aus­bil­dung ange­langt auf ihre bis­he­ri­ge Lernerfahrung/prozesse der Bil­dungs­bio­gra­phie schaut. Mein Stu­di­um habe ich begon­nen, weil ich wis­sen woll­te, wie das Chris­ten­tum als Lie­bes­re­li­gi­on zu so einer Gewalt fähig sein konn­te, wie sie sich in unver­gleich­ba­rem Aus­maß in der Ermor­dung von sechs Mil­lio­nen Juden zur Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus gezeigt hat­te. Mit den Jah­ren wur­de mir mehr und mehr klar, dass die Sho­ah, wenn auch den Höhe­punkt, so doch kei­nen Ein­zel­fall in der bru­ta­len anti­jü­di­schen Gewalt­ge­schich­te mei­ner Kir­che gebil­det hat­te. Juden­feind­schaft war his­to­risch eine der domi­nan­ten theo­lo­gi­schen Grund­li­ni­en, die dabei funk­tio­nal der Selbst­si­che­rung des christ­li­chen Glau­bens dien­te.

Durch Familienbande aneinander gebunden

Zugleich ken­ne ich kaum eine inti­me­re Bezie­hung von Reli­gio­nen als die zwi­schen Juden und Chris­ten. Wir tei­len Ele­men­te von Gebe­ten, Melo­di­en in Syn­ago­ge und Kir­che, die Hoff­nung auf eine Welt, die von der Gerech­tig­keit Got­tes lebt. In den letz­ten Jah­ren wur­de gera­de durch die juda­is­ti­sche For­schung deut­lich, dass Chris­ten­tum und rab­bi­ni­sches Juden­tum unge­fähr gleich­zei­tig und in gegen­sei­ti­ger Beein­flus­sung ent­stan­den sind. Das Mut­ter-Toch­ter-Para­dig­ma wur­de so von einer Art Geschwis­ter-Modell abge­löst. Durch Fami­li­en­ban­de anein­an­der gebun­den sind wir in jedem Fall.

Ich ken­ne kaum eine Bezie­hung, die span­nungs­rei­cher wäre als die zwi­schen Juden und Chris­ten. Doch wer erwar­tet, dass es inner­halb der uni­ver­si­tä­ren Aus­bil­dung eine Grund­li­nie wäre, sich die­ser Span­nung anzu­neh­men, geht fehlt. Je bewuss­ter mir die Inten­si­tät und Kom­ple­xi­tät jüdisch-christ­li­cher Bezie­hun­gen wur­de, des­to ent­täusch­ter war ich, dass sie in den meis­ten der von mir besuch­ten Lehr­ver­an­stal­tun­gen kei­ne Rol­le spiel­te.

Jüdisch-christliche Beziehungen – im Studium eine Fehlanzeige

Der Pries­ter und Dich­ter Huub Oos­ter­huis hat ein­mal gesagt, dass die Tat­sa­che, dass ­Jesus ein Jude ist, für eine Rei­he christ­li­cher Theo­lo­gen die größ­te Ent­de­ckung des 20. Jh. war. Er füg­te hin­zu: »Die christ­li­chen Kir­chen wer­den einen Groß­teil des 21. Jahr­hun­derts benö­ti­gen, um die­se Ent­de­ckung in ihrer Glau­bens­spra­che zu ver­ar­bei­ten«.1 Die­ser Wunsch war ein im bes­ten Sinn des Wor­tes from­mer Wunsch, der zugleich mit Blick auf die Wirk­lich­keit unse­rer Kir­che fast illu­sio­när wirkt. Auch wenn in den Grund­ord­nun­gen fast aller Lan­des­kir­chen2 die blei­ben­de Erwäh­lung Isra­els und die untrenn­ba­re Ver­bun­den­heit mit dem jüdi­schen Volk fest ver­an­kert ist, so ist doch in Uni­ver­si­tä­ten und Gemein­den oft­mals kaum etwas ange­kom­men von dem, was in den letz­ten Jahr­zehn­ten an vie­len Orten jüdisch-christ­li­chen Gesprächs errun­gen wor­den ist. Wie kann also ein bis­her von weni­gen Fach­leu­ten und Enga­gier­ten getra­ge­nes Gespräch einer brei­te­ren Öffent­lich­keit zugäng­lich gemacht wer­den? Wird es sich doch, so der Prak­ti­sche Theo­lo­ge Alex­an­der Deeg, pri­mär »in der kirch­li­chen Pra­xis, im Reden und Han­deln der Chris­tin­nen und Chris­ten erwei­sen, ob von einer Erneue­rung der Kir­che in Isra­els Gegen­wart gespro­chen wer­den kann oder nicht.«3

Im Vika­ri­at erleb­te ich, dass die meis­ten mei­ner Kol­le­gIn­nen nie­mals mit der Fra­ge nach der Bezie­hung von Juden und Chris­ten für ihre Theo­lo­gie und ihren Glau­ben kon­fron­tiert wur­den oder sie sich die­se selbst gestellt hät­ten. In Zukunft wer­den sie aber den­noch fast jeden Sonn­tag über das Juden­tum spre­chen, sei es auch in der Regel indi­rekt. Sie wer­den impli­zit mit der Fra­ge umge­hen, war­um Jesus ein Jude war, aber nicht alle Chris­ten Juden sind. Sie wer­den Tex­te lesen, die gleich­zei­tig in Syn­ago­gen gele­sen wer­den.

Eine akademische Bestandsaufnahme

Mit dem Vor­stand der AG »Juden und Chris­ten« beim Deut­schen Evang. Kir­chen­tag (DEKT) mach­ten wir uns des­halb gemein­sam mit dem Lehr­stuhl für Prakt. Theo­lo­gie und Bil­dungs­for­schung an der Georg-August-Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen auf, ein über »Pri­va­tem­pi­rie« hin­aus­rei­chen­des Bild der Lage der Aus­bil­dung von Theo­lo­gIn­nen und Reli­gi­ons­päd­ago­gIn­nen zu gewin­nen. Es ent­stand das Pro­jekt zur Ana­ly­se der Cur­ri­cu­la des Stu­di­ums der Evang. Theo­lo­gie für Pfarr­amt und Lehr­amt in Bezug auf jüdi­sche und/oder jüdisch-christ­li­che Lehr­in­hal­te, wel­ches von ver­schie­de­nen Lan­des­kir­chen unter­stützt und finan­ziert wur­de.

In einem ers­ten Schritt ging es hier um eine Bestands­auf­nah­me, ob, und wenn ja, in wel­chem Umfang und mit wel­chen Inhal­ten ­sowohl »Juden­tum« als auch das »jüdisch-christ­li­che Ver­hält­nis« in den das Stu­di­um der Evang. Theo­lo­gie struk­tu­rie­ren­den Cur­ri­cu­la bzw. Modul­ka­ta­lo­gen the­ma­ti­siert wer­den. In einem zwei­ten Schritt wur­den auf Grund­la­ge der Bestands­auf­nah­me sowohl Vor­schlä­ge gesam­melt, als auch The­sen erar­bei­tet, wie jüdi­sche und/oder jüdisch-christ­li­che Lehr­in­hal­te im Inter­es­se einer Erneue­rung des christ­lich-jüdi­schen Ver­hält­nis­ses ziel­füh­ren­der in den Cur­ri­cu­la bzw. Modul­ka­ta­lo­gen ver­an­kert wer­den könn­ten. Die Ergeb­nis­se der Bestands­auf­nah­me und die Vor­schlä­ge wur­den im Dezem­ber 2016 auf einem Fach­tag in Zusam­men­ar­beit mit der Evang. Aka­de­mie zu Ber­lin prä­sen­tiert, dis­ku­tiert, wei­ter­ent­wi­ckelt und wei­ter­ge­tra­gen. Die im Rah­men von Pro­jekt und Fach­tag ent­stan­de­nen Publi­ka­tio­nen sind in einer EPD-Doku­men­ta­ti­on ver­öf­fent­lich und online zugäng­lich auf der Home­page der AG.

»Reform der Reformation«

Dem gesam­ten Pro­jekt haben wir den ganz unbe­schei­de­nen Titel »Reform der Refor­ma­ti­on« gege­ben. Gera­de die Erin­ne­rung an die Refor­ma­ti­on im Jahr 2017 soll­te Anlass sein, die Fra­ge der Aus­bil­dung grund­sätz­lich zu beden­ken. Es gibt inzwi­schen ein ver­stärk­tes Bewusst­sein dafür, dass die anti­jü­di­schen Impli­ka­tio­nen der Theo­lo­gie Mar­tin Luthers nicht nur das Juden­tum als leben­di­ges Gegen­über miss­ach­ten son­dern damit auch das Evan­ge­li­um. Der Beschluss der EKD-Syn­ode zum The­ma »Mar­tin Luther und die Juden – Not­wen­di­ge Erin­ne­rung zum Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um« (2015)4beinhal­tet fol­gen­de Selbst­ver­pflich­tung: »Wir stel­len uns in Theo­lo­gie und Kir­che der Her­aus­for­de­rung, zen­tra­le theo­lo­gi­sche Leh­ren der Refor­ma­ti­on neu zu beden­ken und dabei nicht in abwer­ten­de Ste­reo­ty­pe zu Las­ten des Juden­tums zu ver­fal­len.« Aus dem EKD-Beschluss und den Grund­ord­nun­gen der Lan­des­kir­chen müss­ten sich dem­nach Schrit­te zur Ver­än­de­rung erge­ben.

Die Fra­ge, an wel­chen Orten und auf wel­che Wei­se eine Imple­men­tie­rung genann­ter Inhal­te erfol­gen kann und soll, wird momen­tan auf ver­schie­de­nen Ebe­nen dis­ku­tiert. Sicher soll­te es in einer Umkehr­be­we­gung nicht dar­um gehen, das Anti­jü­di­sche durch ein gesetz­tes nor­ma­ti­ves Ergeb­nis jüdisch-christ­li­chen Gesprächs zu erset­zen. Das jüdisch-christ­li­che Gespräch ist ein Gespräch, das wie­der­um aus vie­len ver­schie­de­nen Gesprä­chen besteht. Sie wur­den und wer­den von ver­schie­de­nen Men­schen zu ver­schie­de­nen Zei­ten geführt, auch Insti­tu­tio­nen und Gemein­schaf­ten wir­ken dabei mit. Auf Grund die­ses pro­zes­sua­len Cha­rak­ters ist die­ses Gespräch nie abge­schlos­sen noch erle­digt. Zu pro­duk­ti­ven Lern­pro­zes­sen gehört, dass sie Lern­pro­zes­se blei­ben. Das Erreich­te muss gewür­digt wer­den, ohne dabei selbst­ge­fäl­lig zu wer­den. In dem Wort »Lern­er­fah­run­gen« steckt einer der wich­tigs­ten Momen­te des Dia­logs sel­ber – Men­schen und ihre Glau­bens­sät­ze ver­än­dern sich, wenn sie von und mit­ein­an­der ler­nen und so bleibt das Ler­nen sel­ber ein unab­ge­schlos­se­ner Pro­zess.

Dass durch das Ler­nen vom Juden­tum eine Umkehr und ein tie­fe­res Ver­ständ­nis christ­li­chen Glau­bens mög­lich ist, war und ist befrei­en­de Erkennt­nis für vie­le im Dia­log Enga­gier­te. Ich muss­te für sol­che Lern­pro­zes­se in der Regel aus der Uni­ver­si­tät aus­zie­hen. Eine Reform der Refor­ma­ti­on hie­ße, dass in künf­ti­gen Gene­ra­tio­nen nicht mehr Ein­zel­ne zum Ler­nen aus­zie­hen müs­sen, son­dern dass die­ses Ler­nen als Gemein­schafts­auf­ga­be in die uni­ver­si­tä­re und kirch­li­che Aus­bil­dung ein­zieht.

 

Zuerst erschie­nen in: Deut­sches Pfarrer­blatt – Heft: 8/2017

  1. Huub Oos­ter­huis, Ich steh vor dir. Medi­ta­tio­nen, Gebe­te und Lie­der. Basel/Wien 2004, 81.
  2. Vgl. etwa EKBO, Art. 12.
  3.  Alex­an­der Deeg, Pre­digt und Der­ascha. Homi­le­ti­sche Text­lek­tü­re im Dia­log mit dem Juden­tum. Göt­tin­gen 2006, 32.
  4.  http://​archiv​.ekd​.de/​s​y​n​o​d​e​2​0​1​5​_​b​r​e​m​e​n​/​b​e​s​c​h​l​u​e​s​s​e​/​s​1​5​_​0​4​_​i​v​_​7​_​k​u​n​d​g​e​b​u​n​g​_​m​a​r​t​i​n​_​l​u​t​h​e​r​_​u​n​d​_​d​i​e​_​j​u​d​e​n​.​h​tml.
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Aline Seel

Aline Seel ist Pfarrerin in Entsendung am Institut Kirche und Judentum sowie in der Evangelischen Luisen-Kirchengemeinde in Charlottenburg. Langjährige Mitarbeit bei Aktion Sühnezeichen Friedensdienste 
e.V.; Mitinitiatorin des Netzwerks antisemitismus- und rassismuskritische Religionspädagogik und Theologie; ihre Schwerpunkte sind rassismuskritische und antisemitismuskritische Bildungsarbeit im kirchlichen Bereich und NS-Erinnerung.

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